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„Ein ärgerliches Buch“


Rolf Steininger über Jörg Friedrichs Yalu - Eine Rezensionsrezension

Frisch gesichtet

 

von Michael Schikowski


 

Rolf Steininger, ordentlicher Professor an der Universität Innsbruck, kennt sich zweifellos aus. Er veröffentlichte vor zwei Jahren im Olzog-Verlag über den Koreakrieg das Buch Der vergessene Krieg. Er wird daher ein kundiger Rezensent für das neue Buch von Jörg Friedrich sein, das ebenfalls vom Koreakrieg handelt.

Folgende Angaben des Olzog-Verlags finden sich im Internet zu Rolf Steiningers eigenem Buch: „Der Koreakrieg begann im Morgengrauen des 25. Juni 1950 mit dem Angriff der nordkoreanischen Kommunisten auf den Süden. Er dauerte drei Jahre und kostete Millionen Menschen das Leben – unter ihnen 37.000 Amerikaner. Der Konflikt wurde zum ‚Wendepunkt des Kalten Krieges’ (US-Präsident Truman), mehrmals geriet die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Trotz seiner Bedeutung wurde der Krieg in den USA schon bald zum ‚vergessenen Krieg’, der zwischen dem ‚guten’ Zweiten Weltkrieg und dem ‚schlechten’ Vietnamkrieg stand.“

Bis auf zwei geringfügige Abweichungen ist dieser Verlagstext identisch mit dem Beginn der Rezension, die Rolf Steininger Jörg Friedrichs Buch in der FAZ vom 2. Januar 2008 widmet. Steiniger beginnt seine Rezension also mit sich selbst. Ihm gebührt nämlich eigentlich, so suggeriert das ungekennzeichnete Selbstzitat, die „Anerkennung des Vorreiters“, die laut Klappentext von Yalu Hans-Ulrich Wehler aber nun Friedrich zuspricht. Da stößt Steininger uns gleich zu Anfang der Rezension mit der Nase auf den Umschlag seines eigenen Buches. Aber man wird doch nicht annehmenwollen, dass da ein Erfolgsschriftsteller wie Jörg Friedrich über die Klinge eines neidvollen Kollegen springen soll? Das mag sein, ist aber durchaus nicht entscheidend.

Forschung macht Lehre platt

Cover

Diese Rezension ist ihrem Gegenstand, dem Buch von Jörg Friedrich, das von maliziöser Ironie, Bosheit und Zynismus nur so strotzt, an keiner Stelle gewachsen. Die Malice, die Steininger gerade noch aufbringt, ist ein hinterhältiges Lob: „Bei manchen Wertungen liegt Friedrich richtig, wenn er zum Beispiel Stalin einen ‚Verbrecher’ nennt.“ Rolf Steininger, der sogar „manches“ bei Friedrich falsch findet, gelingt es gerade mal zwei Irrtümer Friedrichs konkret zu benennen. Der britischen Außenminister Ernest Bevin und Eisenhower werden von Friedrich Funktionen zugeschrieben, die sie nach Steiniger nicht hatten. Irrtümer übrigens, die in der Darstellung Friedrichs ohne Folgen bleiben, und darum auch in der Kritik Steiningers platterdings für die Argumentation gegen das Buch funktionslose Details darstellen. Statt in der Nachauflage die Fehler bereinigt wissen zu wollen, wie es guter Stil wäre, weil es den Wunsch impliziert, dass das Buch weitere Auflagen erlebe, schreibt Steininger als belehre er Studenten: „So etwas weiß man, wenn man sich mit diesen Dingen wissenschaftlich beschäftigt hat.“ Da trifft Forschung auf Lehre – und macht sie platt. Vor allem macht sie die nieder, die sich vielleicht unter den Lernenden als Erzähltalent noch nicht behaupten können, und glauben, dass, wenn es sich solcher Neigungen entschlagen, ihre wissenschaftliche Karriere umso sicherer fortgesetzt werden könne. Das Jahr der Geisteswissenschaften ist vorüber, die alten Reflexe taugen noch!

Steiningers Urteil: „Ein ärgerliches Buch.“

Zudem, Rolf Steininger stellt sich dumm und will von Textsorten, in diesem Fall dem Unterschied von Autorentext und Klappentext, nichts wissen. Klappentexte liegen nicht allein in der Verantwortung der Autoren. Wehlers Urteil könnte sich auch auf Friedrichs Brand bezogen haben. Steininger indessen schreibt, die Werbeprosa des Verlags auf dem Umschlag referierend: „Von all dem lässt sich bei mühsamster Lektüre nichts finden, weder unorthodoxe Fragen noch den neuen, verstörenden Blick. Für den ‚Brand’ mag das vielleicht so gewesen sein, in diesem Buch findet es nicht statt.“ Halten wir dazu nur fest, dass Steininger, der sich in seiner Rezension geradezu als Klappentextrezensent erweist, den Brand nicht mal vorgibt gelesen zu haben.

Wie muss man sich Rolf Steininger als Leser vorstellen? Vermutlich scannt er den Text wie ein Informationsverarbeitungssystem. Und Friedrich macht ihm diese doch recht einfache Tätigkeit so unendlich schwer. Das ist ihm ein Ärgernis. Also heißt sein Urteil: „Ein ärgerliches Buch.“. Das liegt nach Rolf Steininger nur am „Friedrich-Stil“, einem „verquirlt-verquasten Stil“ und an der „Erzählkunst“ Friedrichs. Steininger ist allerdings nicht in der Lage den Erzählstil Friedrichs näher zu charakterisieren. Stattdessen bietet er „Kostproben“, die er mit „auch sehr schön“ und „noch toller, Folgendes“ einleitet, ist sich aber zugleich durchaus unsicher über die Qualität dessen, was er kritisiert. Er inszeniert die Zitate als Stilblüten, nennt sie aber nicht so, leitet stattdessen ein weiteres Zitat so ein: „Oder, auch sehr blumenreich“. Gemeint ist blumig. Das Zitat verrät davon wenig: „Der Abend verging emsig. Boote mit Dolmetschern und Journalisten schaukelten planlos im rotglühenden Schein von Wolmido, und auch vor Einbruch der Dämmerung war wenig zu sehen, weil der gelbe Qualm des Deckungsfeuers das Becken füllte.“ Man fragt sich sofort, was genau sollen die Zitate belegen? Freilich, einige der Metaphern sind angestrengt und überzogen, andere, in denen Steininger uns Friedrich vorführen möchte, sind einfach gut: „Die Macht in China wechselt ‚so unbeirrt wie die Jahreszeiten’“. „Kim und der Südkoreaner Rhee‚ waren beide stiebende Funken ohne Scheu vor dem Pulverfass’.“

Muss alles immer neu sein?

Das Rätsel dieses Verrisses löst sich an anderer Stelle auf. Zunächst die einfache Frage: Was ist Stil? Die Einheit von Form und Inhalt. Wovon erzählt Friedrich? Er erzählt vom Krieg. Er selbst hätte vielleicht geschrieben, er erzähle vom Kriege. Friedrich spricht stets mit einem bitteren Zug um den Mund, gelegentlich mit gepresster Stimme, manchmal raunend alttestamentarisch, oft expressiv, öfter noch ist er schlicht zynisch. Wie denn nicht? Er erzählt vom Krieg.

Es sollte einmal untersucht werden, ob so etwas wie die Promotion, die man als Türwächter an den Eingang zu den wissenschaftlichen Forschungsinstituten gestellt hat, nicht auch an ihren Ausgang stellen sollte. Dass nicht nur nicht jeder daherkommen und mitbringen kann, was und wie es ihm beliebt, sondern dass auch nun nicht mehr jeder hinweggehen und fortschleppen kann, wie und was ihm beliebt. Nach Robert B. Laughlin ist unsere Wissensgesellschaft, was sensibles technisches Wissen angeht, gerade dabei, Bezirke eines nichtöffentlichen Wissens auszubilden. Damit verbunden sind die Sicherheitsbedürfnisse der Gesellschaft vor Terror, aber auch massive Verwertungsinteressen der das Wissen verwaltenden Institutionen. Vielleicht folgt die Geisteswissenschaft bald auch hierin ihrem Ideal, der Naturwissenschaft.

Genau dazu schreibt nämlich Rolf Steininger: „Friedrich erzählt in diesem Buch absolut nichts Neues, kein neues Dokument, kein neues Argument, keine neue Frage, wenig Licht! Er schlachtet die reichlich vorhandene Literatur allerdings weidlich aus und macht daraus ‚Erzählkunst’.“ In beiden Sätzen dokumentieren sich die deutschen Gelehrtenirrtümer, die man ihnen auch nach 100 Jahren der Geisteswissenschaften nicht aus dem Pelz geklopft bekommt: 1. Es braucht unbedingt Neues, um ein Buch zu schreiben. (Innerhalb der Zunft geht man da allerdings durchaus nachsichtiger mit um.) 2. Es darf nicht erzählt werden. Jedenfalls nicht so ambitioniert, sondern irgendwie spröder, in jedem Fall so, dass die wissenschaftliche Informationsverarbeitung nicht behindert wird. 3. Metaphern sind sowieso verboten. Deshalb meint Rolf Steininger auch die bloße Darbietung der Zitate reiche zum Nachweis, dass hier ein ärgerliches Buch vorläge, vollkommen aus. Wer dagegen verstößt, wie weiland Herman Grimm oder Wilhelm Bölsche, Emil Ludwig oder Stefan Zweig, Golo Mann oder Richard Friedenthal, oder, um es kurz zu machen, alle erfolgreichen englischen Geschichtswissenschaftler, der schlachtet die entsagungsvoll gesammelten Erkenntnisse der Zunft für eigene, potente Bücher aus. So entstand und, Dank Friedrich, entsteht, das ist das Erfreuliche, ein „ärgerliches Buch“ nach dem anderen.

Februar 2008 

Rolf Steininger: Von Totmachern und Ersttätern. Jörg Friedrich bietet nichts Neues über den Korea-Krieg, bleibt aber wenigstens seinem Erzählstil treu. FAZ 2.1.2008, Nr. 1 - Rolf Steininger: Der vergessene Krieg. Korea 1950-1953., München: Olzog 2006, 24,90 €. - Jörg Friedrich: Der Brand. Berlin: Propyläen 2002, 25 €. - Jörg Friedrich: Yalu. An den Ufern des dritten Weltkriegs. Berlin: Propyläen 2007, 24,90 €. – Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft. Betrug an der Wissensgesellschaft. edition unseld. Frankfurt 2008, 10 €.