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„Alle Träume des Lebens beginnen
in der
Jugend…“


Heinrich Harrers Sieben Jahre in Tibet

Wiedergelesen

 

von Michael Schikowski


 

Meine Ausgabe von Harrers Weltbestseller "Sieben Jahre in Tibet" stammt von 1952. Es ist die Erstausgabe, die der Vorbesitzer mit einigen zurückhaltenden Unterstreichungen versehen hat. Das Buch ist zweifellos alt, der Umschlag beschädigt und eingerissen. Ist es auch veraltet? Nein, das sicher nicht. Inzwischen ist im Jahr 2006, dem Jahr, in dem Heinrich Harrer verstarb, die 28. Auflage bei Ullstein erschienen. Gegenüber der Erstauflage sind lediglich drei Kapitel, Vierzehn Jahre danach, Der Freiheitskampf der Tibeter und Ausklang sowie ein Namen- und Sachregister hinzugekommen. Offensichtliche kleine Irrtümer Harrers wurden auch in dieser Auflage nicht berichtigt, Druckfehler allerdings korrigiert.
Heinrich Harrer beginnt seinen Bericht unvermittelt mit seiner Internierung in das englische Lager Dehra-Dun in Indien. Das liest sich gleich zu Anfang, als hätte ihm ein Lektor die Vorgeschichte weggestrichen. 1939 ist er zusammen mit Peter Aufschnaiter, Hans Lobenhoffer und Ludwig Chicken Teilnehmer der Nanga-Parbat-Expedition in Indien. Nach dem erfolgreichen Abschluss dieser von der Deutschen Himalaja-Stiftung organisierten Expedition, brach der zweite Weltkrieg aus. Bei Harrer gibt es dazu schon auf der ersten Seite seines Berichts das aufschlussreiche Detail, dass der zweite Weltkrieg damit begann, dass "England nun tatsächlich Deutschland den Krieg" (S. 9) erklärte! Der Überfall Deutschlands auf Polen, der den Kriegseintritt durch frühere Garantien Englands auslöste, bleibt bei Harrer auch später unerwähnt und gar der 3. September 1939 ausdrücklich als "Tag des Kriegsausbuchs" genannt (S. 127).
Zusammen mit Peter Aufschnaiter erreicht Harrer nach fast zwei Jahren und über 2000 Kilometern unter entbehrungsreichen und schwierigsten Bedingungen die Hauptstadt Tibets, die für Ausländer verbotene Stadt Lhasa. Dort findet Harrer später eine Anstellung als Lehrer des jungen Dalai Lama. Mit der Besetzung Tibets durch China und der Flucht Harrers nach Indien endet der Bericht.

Ein schnörkelloser Abenteuerbericht
Wenn man dieses Buch heute liest, stellt man unverhofft fest, dass die Lektüre doppelt lohnt. Zunächst ist Harrers Abenteuerbericht aus Tibet ein Buch, wie es in solchen Fällen sein soll: ganz schnörkellos, sehr sachlich und mit der Überlegenheit des staunenden Europäers geschrieben. Ein wenig wie Mark Twains Yankee an König Artus' Hof, woran man mehr oder weniger Gefallen finden mag. Was in diesen Berichten an Tiefenschärfe der Beschreibungen gelegentlich fehlen mag, wird durch die Fülle der Ereignisse aufgewogen. So liest man unaufhaltsam weiter und weiter.
Auf der zweiten Ebene aber, und das ist der springende Punkt, offenbart sich dieses Buch an vielen Details der Beschreibung von Menschen und Kultur als typisches Produkt seiner Zeit. Die Zustimmung, die sich der Autor vor über fünfzig Jahren erschrieb, kann man auf vielen Seiten dieses Buches mitlesen. Und auch heute wird man das Bewusstsein nicht los, hier ein Sachbuch vor sich zu haben, dessen Nimbus des unbestrittenen Klassikers auf jeder Seite präsent ist.

Tibets Theokratie
Die Kriegs- und Heimkehrer-Generation in Deutschland und Österreich konnte sich im tibetanischen Abenteuer dieses erfolgreichen Bergsteigers und sich unpolitisch gebenden Geographen, der als Beobachter in seinen Urteilen so zeitgemäß blieb, gut wiedererkennen. Dazu zählt zunächst, dass Harrer ohne eigene Schuld auf der Flucht ist. Er ist auf der Flucht vor den Alliierten, die mit seinem Heimatland, dem Deutschen Reich, im Krieg stehen. Wie für viele in den Resten dieses Großdeutschland von 1952 blieb auch für Harrer im Grunde die Zeit stehen. Entgegen Harrers gelegentlichen Beteuerungen politischer Abstinenz, finden sich einige Kernbegriffe der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda: ("Opfertum", S. 72, "Vorsehung", S. 79, von "Khampas verseuchte Gegend", S. 89, "Überbevölkerung", S. 160). Entscheidender ist, dass Harrer an der Diktatur der Mönche Tibets nichts erkennt, was es aus seiner Sicht zu tadeln gäbe. "Wieder einmal konnten wir eine Organisation bewundern, die man in diesem riesigen, unwegsamen Land nicht erwartet hätte." (S. 98) Mit welchen Voraussetzungen diese Organisation verbunden ist, erläutert Harrer nicht. Bewunderndes Erstauen ist Harrers gleichbleibende Reaktion auf die Theokratie Tibets: "Die Macht der Hierarchie war doch unbegrenzt." (S. 125) Dem "Orden der Tsedrungs" (144) widmet er ein eigenes Kapitel. Neben steten Hinweisen auf die streng nach Rängen gegliederte Gesellschaft Tibets (S. 153) verweist er auch auf die soziale Durchlässigkeit dieser Gesellschaft; so gibt es bei einem Ritus bei Regenmangel "keinen Standesunterschied mehr" (S. 157) und "es ist immerhin möglich, dass auch ein Mann aus dem Volke - weder Adeliger noch Lebender Buddha" - den höchsten Rang im Staat erreichen kann (S. 203). Auch dies einer der populär gewordenen Vorzüge der nationalsozialistischen Diktatur.
Die Abschottung nach außen und Unterdrückung der Individualität deutet Harrer als Erhaltungsmaßnahme um: "Die Regierung versucht auch, durch gewisse Vorschriften dem Eindringen fremder Moden entgegenzuwirken. Nicht als Eingriff in die persönliche Freiheit des einzelnen, sondern zur Erhaltung der alten, wunderschönen Tracht." (S. 116) Zu Konsumartikeln: "Man bekommt in Lhasa zwar jede Zigarettensorte der Welt zu kaufen, aber in Ämtern, auf der Straße, bei Zeremonien ist das Rauchen streng verboten, und wenn die Mönche zu Neujahr das Regiment führen, ist sogar der Verkauf von Zigaretten unterbunden." (S. 141) Alles Maßnahmen, die im Falle Harrers ohne Wirkung blieben - auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe ist er mit Zigarette abgebildet. "Es gibt keine Polizei in unserem Sinn", heißt es an anderer Stelle, "doch werden Übeltäter immer öffentlich bestraft. Die Strafen sind ziemlich drastisch, aber in ihrer Art das einzig Richtige bei der Mentalität der Bevölkerung." (S. 65) Welcher Art diese Mentalität sei, verrät Harrer an dieser Stelle nicht. Einer Kindsmörderin, zu hundert Peitschenhieben bestraft, wurde die Strafe durch Geldgeschenke und Bitten "der Leute" vermindert, die Harrer, dessen Wertesystem darin ganz und gar nationalsozialistisch geprägt ist, "persönlich eher zu schwach erschien". (S. 66) "Aber wie überall treibt das Bettlerunwesen seine Auswüchse. Als ich meinen Damm baute, unternahm die Regierung den Versuch, die Gesunden unter diesen Herumlungernden zur Arbeit heranzuziehen. Siebenhundert Arbeitsfähige unter den mehr als tausend Bettlern Lhasas wurden zusammengetrieben und gegen Essen und Lohn beim Bau eingesetzt. (…) Nicht Arbeitsmangel und Not zwingt diese Menschen zum Betteln, meist auch nicht körperliche Gebrechen, sondern pure Faulheit." (S. 214) Neben den sprachlichen Mängeln Harrers tritt hier nun mehr als deutlich ein Charakterzug hervor, der mit Unbarmherzigkeit vielleicht richtig beschrieben ist.

Ein anderes Deutschland
Im Bereich des Religionsvergleichs taucht immer wieder der Katholizismus auf (S. 60), darin jedoch sehr distanziert, so als seien die antikatholischen Affekte der nationalsozialistischen Ideologie bei Harrer noch lebendig: "Lhasa ist für den Tibeter dasselbe wie für den gläubigen Katholiken Rom." (S. 103, vgl. auch S. 133 und S. 213 f.) Ohne jeden sittlichen Kommentar, den man im sogenannten Mief der 50er erwarten könnte, bleiben auch seine Erläuterungen zur "Vielmännerei" und "Vielweiberei" (S. 80, vgl. auch S. 160 zu verworrenen Familienverhältnissen), dagegen meint er an anderer Stelle bedauernd: "Leider ist Homosexualität eine häufige Erscheinung." (S. 178) Es gibt neben der Bettelei, nur eine Erscheinung dieser Theokratie, die Heinrich Harrer kritisiert, das ist ihr mangelhaftes Interesse an technischem Fortschritt. (S. 135, S. 162). Den Zusammenhang zum politischen System Tibets stellt in beiden Fällen nicht her.
So mag den Lesern dieses Tibet auch wie ein anderes Deutschland erschienen sein, das, wie Harrer von Tibet sagt, "seine große Zeit schon hinter sich hat" (S. 135), in der aber noch "die gesunde Kraft des Volkes" (S. 196) spürbar ist und in dem man sich "von Kriegsruhm und Macht immer mehr und mehr der Religion" (S. 135) zuwendet. Das Buch endet mit einer für die Zeitgenossen des Kalten Krieges hoch aktuellen Bedrohung. Tibet wird durch die "Rotchinesen" besetzt. Von der Rücknahme der nationalsozialistischen Säkularisierung in der Adenauerzeit merkt man begreiflicherweise bei Heinrich Harrer, der Lhasa erst 1950 verließ, nichts. Auch gibt es nur wenige Anspielungen, die der humanistischen Bildungswelt entstammen. So sticht die Bezeichnung "Cicerone" (S. 203) für einen Fremdenführer besonders heraus. Stattdessen bietet er konventionelle Hinweise auf "die ewige Hetzjagd" (125) der westlichen Welt und über Tibet räsoniert er: "hier hetzt noch keine Zivilisation den Menschen von früh bis spät" (S. 214). Mit Verallgemeinerungen ("wie alle Soldaten der Welt" S. 128) erspart er sich eigene Beobachtungen oder Nachforschungen. In den salbungsvollen Schlussworten der ersten Auflage heißt es dann: "Es ist mein großer Wunsch, mit diesem Buch ein wenig Sympathie und Verständnis zu wecken für ein Volk, dessen Wille, in Freiheit und Frieden leben zu dürfen, in der Welt bisher so wenig Beachtung gefunden hat." (S. 264) Wenn man das Buch von den Begriffen dieses letzten Satzes her liest, stellt man fest, dass in ihm buchstäblich an keiner einzigen Stelle von Verständnis, Freiheit und Frieden die Rede war.
Man muss sich auch nach der Lektüre des Buches immer wieder in Erinnerung rufen, dass Heinrich Harrer seine Flucht nach Llasa zusammen mit einem Partner, einem Kollegen, einem Freund vollbracht hat, mit Peter Aufschnaiter. Von diesem, den er immer nur Aufschnaiter, niemals Peter nennt, erfährt man allerdings nur an vereinzelten Stellen. Diesem Eindruck mag widersprechen, dass es im Buch ein Bild von Peter Aufschnaiter gibt, das Harrer mit dem Satz "Mein Freund Peter Aufschnaiter bei Vermessungsarbeiten" (S. 124/125) untertitelt, allein, das Gesicht von Aufschnaiter befindet sich vollständig vom Vermessungsgerät verdeckt. Er tritt so selten in Erscheinung, dass es schwer fallen würde, das Verhältnis dieser beiden Männer zu beschreiben. Dass es immer Harrer ist, der zum Leser spricht, denn wörtliche Rede gibt es in diesem Buch an keiner Stelle, verschärft diesen Eindruck noch weiter. Auch von seinen eigenen schriftlichen Aufzeichnungen macht Harrer nur ein einziges Mal direkt Gebrauch. (S. 93) Die Tagebuchstelle, die er angibt, wird allerdings mehr aus sentimentalen als inhaltlichen Gründen zitiert, denn es ist Silvester 1945. Eine von Harrer selbst ausgerichtete "Weihnachtsparty" in Lhasa, bietet ihm die Gelegenheit, über Gefühle, die er als "weich" beschreibt, zu berichten: "Eisern hatte ich bisher alle weichen Gefühle beherrscht, aber jetzt kamen mir fast die Tränen in die Augen." (S. 173)

Nachrichten aus der Heimat
An vielen Stellen dieses Buches ist das, was es nicht berichtet oder durch Streichungen des Lektors wegfiel, fast bedeutsamer als das, was es berichtet. Heinrich Harrer erspart seinen Lesern bis heute, was die von ihm damals verschlungenen englischen illustrierten Zeitungen mit Sicherheit gezeigt haben, nämlich die Bilder aus deutschen KZ. Er spricht dagegen an dieser Stelle lediglich von "entmutigenden Neuigkeiten" (S. 75) und an anderer Stelle: "Mit Begeisterung stürzten wir uns auf einen Berg von Zeitungen. Von den Neuigkeiten, die wir da erfuhren, waren wir allerdings weniger begeistert. In der ganzen Welt brodelte es, unsere Heimat durchlebte schwere Zeiten, und dann gab es Bilder von deutschen Kriegsgefangenen bei Zwangsarbeit in England und Frankreich …" (S. 107) "Europa mit seinen Wirren lag so ferne. Oft schüttelten wir den Kopf, wenn wir beim Radio saßen und Nachrichten hörten. Sie ermutigten nicht zur Heimkehr …" (S. 146) Harrer vermeidet es von Österreich als dem neuen demokratischen Staat nach 1945 zu sprechen, er spricht lieber unverbindlich von Europa, als sei für ihn der "Anschluss" Österreichs an Deutschland noch lebendig. Was sind das für Nachrichten, die nicht zur Heimkehr ermutigten? Welche Nachrichten über Deutschland gingen denn nach 1945 um die Welt? Es sind Nachrichten über das wahre Gesicht des Dritten Reiches, über die Nürnberger Prozesse und über Auschwitz. Dann sind es Nachrichten über ein besetztes, hungerndes und zerstörtes Deutschland. Schließlich Nachrichten über ein geteiltes, westliches und östliches, ein demokratisches und sozialistisches Deutschland. Man hätte sich hier auch zur Rückkehr aufgerufen fühlen können. Harrer nicht. In diesem Deutschland und in einem Österreich mit Westbindung, ist für Harrer kein Platz. Denn es sind andere "Träume des Lebens" (S. 9) mit denen seine Jugend begann.
Hier ist Gelegenheit ein wichtiges Stilmittel Harrers, die Kennzeichnung einer Auslassung durch drei Punkte, hervorzuheben. Vielleicht wusste der Vorbesitzer meiner Erstausgabe sofort, was das für Träume waren, die Harrer hier schon im ersten Satz des Buches in drei Punkten unausgeführt lässt. Vielleicht wusste er auch sofort die erste Seite des Buches richtig zu deuten, in der der Kriegbeginn wie eine Nagelprobe unter Gesinnungsgenossen wirkt, denen offensichtlichere Mittel nicht mehr erlaubt sind.

Tibet ruft
Das Thema Tibet war für die deutsche Öffentlichkeit keine Neuentdeckung. Ganz im Gegenteil. Heinrich Harrer konnte mit einer interessierten und vorinformierten Lesergemeinde rechnen. Ernst Schäfer veröffentlichte 1937 Unbekanntes Tibet, 1938 Dach der Erde, 1942 Tibet ruft und 1943 Geheimes Tibet. Ernst Grob, Ludwig Schmaderer und Herbert Paidar veröffentlichten 1938 den Titel Drei im Himalaja und 1940 Zwischen Kantsch und Tibet. 1938/39 startete eine Tibet-Expedition unter der Leitung von Ernst Schäfer. Dessen Dokumentation dieser Reise wurde 1942 unter dem Titel Geheimes Tibet gezeigt. Im Fahrwasser dieser Bücher, die auch nach 1945 vielfach nachgedruckt wurden, ist Harrers Erfolg weniger verwunderlich.
Die Zeit Harrers in Tibet und der verbotenen Stadt Lhasa ist, nach der Ersteigung der Eiger Nordwand und die Erkundung der Diamir-Flanke im Himalaya, sein dritter großer Erfolg. Im Bewusstsein dieser neuen Leistung, eines Husarenstücks, wie man vielleicht damals gesagt hätte, gibt es für ihn kaum einen Grund, über seine Entwicklung selbstkritisch zu reflektieren. Er entsprach damit nicht nur seinen eigenen Erwartungen, sondern auch den seiner Leser. Er beginnt und endet seine Reise als immer derselbe Heinrich Harrer ohne je irgendetwas hinzugelernt zu haben. An keiner Stelle seines Berichts zeigt er die Größe, die es braucht, Irrtümer, Missgeschicke oder Zweifel einzugestehen. Er hat immer alles richtig gemacht. Er ist immer er selbst. Auch Tibet bestärkte ihn nur darin, sich vor allen Anfechtungen zu bewahren. Nur formuliert er es so, als sei dies vorher anders gewesen: "Aber ich habe in diesem Land gelernt, die Ereignisse der Welt mit Ruhe zu betrachten und mich nicht von ihnen in Zweifel stürzen und hin- und herwerfen zu lassen." (S. 58)

Hinter Stacheldraht
Die glänzende Karriere Harrers war mit dem Aufstieg des Dritten Reiches eng verbunden und in Tibet fand Harrer offensichtlich das Land, das ihm mehrere Möglichkeiten zugleich bot:
Er musste sich in Lhasa nicht mit dem wahren Gesicht des Nationalsozialismus und dem Untergang des Dritten Reiches beschäftigen. Ausgerechnet nach "Rommel" (S. 109) will er in Lhasa gefragt worden sein. Andere Namen aus Deutschland werden von ihm nicht genannt.
Es gelingt ihm, seine Karriere, die ihn schon einmal bis zum "Führer" Adolf Hitler, brachte, mit einem "Leben am Hofe des Dalai Lama" fortzusetzen, wie es im Untertitel des Buches verheißungsvoll heißt.
Die Strapazen und Leiden der Flucht durch Tibet ermöglichen es ihm, sich von aller Schuld, wenn es sie denn gab und wenn sie ihn denn belastet hätte, zu exkulpieren. Diese Strapazen werden umgekehrt motiviert durch die stete Erinnerung daran, dass er auf der Flucht ist. Periodisch kehren im Buch die Erinnerungen des Lesers daran wieder, dass Harrer bei seiner Rückkehr nach Indien oder der Abschiebung durch Tibet das Lager drohe (S. 62, S. 104, S. 120, S. 145). Gerade diese von ihm so häufig wiederholte Motivierung der enormen Strapazen und Anstrengungen wird von ihm nun in der Neuausgabe "vorweg" (sic!) widerrufen: "Eines möchte ich vorweg klarstellen: Die Briten behandelten uns nach den Vorgaben der Genfer Konvention. Hinter Stacheldraht zu sitzen war in keiner Weise etwas Unerträgliches." (S. 436 der NA) Zu Anfang seiner Flucht war sein Ziel zunächst die "japanische[n] Linien" (S. 62), die Einflusssphäre Japans, des Verbündeten des Großdeutschen Reichs zu erreichen.
Die Finanzierung seiner zweijährigen Reise durch Tibet lässt Heinrich Harrer nahezu ganz im Dunkeln. Später heißt es dann: "Das Geld liegt in Lhasa wirklich auf der Straße!" (S. 174). Nur am Rande erwähnt Harrer, dass er auf der Reise nach Lhasa Geld verlieh und zwar "gegen die übliche 33prozentige Verzinsung". Aber das wird wie so vieles, was da "üblich" ist, nicht weiter kommentiert und im übrigen ist er hier das Opfer: "Später sollte ich das bereuen, denn die Rückgabe verzögerte sich, und das hätte beinahe unsere heimliche Abreise verhindert." (S. 65) Wie die Bedingungen der Finanzierung, bleiben auch die Verbindungen aus Tibet heraus im Dunkeln. Irgendwo im Buch ist nebulös von einem Kontaktmann die Rede (S. 117). Harrers Beziehungen zu den Tibeters spiegeln sich insgesamt am besten darin, wie er den Dalai Lama beschreibt: "Seine Haut war viel heller als die des Durchschnittstibeters, und noch um einige Schattierungen lichter als die des Lhasa-Aristokratie. Seine sprechenden, kaum geschlitzten Augen zogen gleich in ihren Bann; sie sprühten vor Leben und hatten nichts von dem lauernden Blick vieler Mongolen." (S. 233) Von dieser Beschreibung her ist diese Reise durch Tibet bis nach Lhasa, die Reise eines Kämpfers, der durch sein Gastland wie durch Feindesland zieht, der sich mit einer Mischung aus Klugheit, Unverschämtheit und Verachtung für die Tibeter auf dem Land und in der mittleren Bürokratie durchsetzt und es schließlich erreicht, von der politischen Elite des Landes wahrgenommen und anerkannt zu werden. Von diesem Ende her betrachtet, ist seine Strategie, nach seinesgleichen mit stets hellerer Haut zu suchen, erfolgreich und rechtfertigt alles.

Tourist, Sportlehrer und Hoffotograph
Im Unterschied zu seinen schreibenden Vorläufern und Nachfolgern ist es Heinrich Harrer gelungen, sich fast unwidersprochen als Forscher und Berater des Dalai Lama zu vermarkten. Lhasa wird schon früh in seinem Bericht als "das verlockendste Ziel für jeden Forscher" (S. 76) bezeichnet. Gerade von dem "Forscher" Harrer erfährt man allerdings wenig in diesem Buch. Häufiger gibt es Hinweise darauf, dass etwas von Interesse sein könnte, aber leider "jede Spur […] verwischt" (S. 213) sei und der "Plan scheiterte" (S. 216). "Ich war wohl der erste Europäer, der im Potala und im Sommergarten des Gottkönigs wohnen durfte." (S. 195) Mehr als den Forscher findet man in Harrer den Touristen, der sich daheim etwas darauf zugute hält, dass er der erste oder der von ganz wenigen gewesen sei, der einer Zeremonie beiwohnen durfte, die "wohl noch kein Andersgläubiger gesehen hat" (S. 206, s.a. S. 232)
Wenn man genauer nachliest, entdeckt man in Harrer weniger der Forscher als den "ehemaligen Sportlehrer" (S. 205), der den beschäftigungslosen Adeligen Lhasas Unterricht in Schwimmen (S. 159), Tennis (S. 174) und Eislaufen (S. 210) erteilt. Ein Sportfest der Tibeter schildert er zunächst nach den mitteleuropäischen Maßstäben (S. 138).
Der "Berater" des Dalai Lama beginnt als privilegierter Hoffotograf (S. 211) und erteilt ihm später Unterricht. Auch hier sind die Informationen nur spärlich, aber immerhin wird deutlich, dass Harrer den jungen Dalai Lama unterrichtete. Als Berater des Dalai Lama kann Harrer im Sinne einer nur sehr weiten Auslegung des Begriffs angesehen werden. Es gibt in seinem Buch keinerlei Hinweise darauf, dass er den Dalai Lama in irgendeiner Sache zu etwas geraten habe. Die Erläuterungen Harrers zur außenpolitischen Lage Tibets sind oberflächlich. (S. 200f.) Auch am Ende des Buches erläutert er die politische Lage kaum über das Notwenige hinaus. (S. 250f.)
Bei seiner Vortragstour mit vielen Bildern war Harrer 1952 auch in Köln. Die Kölnische Rundschau titelte den Bericht über ihn im Duktus des Wir-sind-wieder-wer "Ein Deutscher Berater des Dalai Lama" und verschweigt, dass Harrer Österreicher ist. In Köln begegnete ihm auch der Vorbesitzer meines Exemplars von Sieben Jahre in Tibet und erhielt so eine Signatur Harrers mit tibetanischem Schriftzeichen.

Januar 2007

Heinrich Harrer: Sieben Jahre in Tibet. Mein Leben am Hofe des Dalai Lama, Berlin: Ullstein Verlag, 2006, 28. Auflage, 447 Seiten, 18,95 Euro.