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Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen


 

Wiedergelesen

 

von Claudia Johann


 

Als Alice Schwarzer 1975 ihr erstes und wohl auch meist diskutiertes Buch veröffentlichte, gingen zwei Wellen durch das Land: die eine schäumte vor Empörung, die andere spürte das erste Mal einen Schimmer von Hoffnung und machte sich bereit zum „Überschlag“.

Viel diskutiert und in ihrer Person diffamiert, stellten die Medien Schwarzer wenig schmeichelhaft als „hässlich wie die Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne“ (AZ, München), als „Mannweib“ und „Männerhasserin“ (Bild) dar. Auch die Diskussion mit Esther Vilar im Jahre 1975, die die ARD sendete, löste heftige Reaktionen aus: Bild berichtete von einer Person, die mit „dem stechenden Blick durch die Brille guckt wie eine Hexe im bösen Märchen“ und der Spiegel gar sprach von der Frau mit dem „aggressivem Intellekt“ und „beunruhigendem Männerverstand“.

Nach eigenen Aussagen aber bekam Schwarzer auch tausende von Briefen, in denen die Leserinnen und Leser ganz persönlich Stellung nahmen. Nicht wenige darunter drückten ihren Dank aus, für das, was Alice Schwarzer mit ihrem Buch ins Rollen gebracht hatte.

Alice Schwarzer, heute Journalistin, Herausgeberin und Verlegerin löste damals einen Skandal aus, der trotz unzähliger Diskussionen, bis heute nicht vollständig geklärt scheint.

In ihrem Buch Der kleine Unterschied mit dem provokanten Untertitel Frauen über sich – Beginn einer Befreiung schaffte sie es, jenen in ihrem Selbstverständnis unterdrückten Frauen eine Stimme zu geben. Obwohl die Frauen hier nur von ihrem alltäglichen Leben berichteten, einem Leben, das viele Frauen neben ihnen teil(t)en, war die männlich dominierte Öffentlichkeit empört, genauer gesagt: sie fühlte sich aufs Schlimmste denunziert.

Alice Schwarzer sprach vor gut 30 Jahren ein Thema an, das an Aktualität bis heute nicht eingebüßt hat. Das Ziel der Neuen Frauenbewegung, die sich in ihren Anfängen, was den deutschsprachigen Raum betraf, hauptsächlich auf dieses Buch bezog, war und ist Gleichberechtigung, Respekt sowie die Auflösung von Hierarchien im Allgemeinen und in Bezug auf die Geschlechterthematik im Speziellen. Als Schwarzer 1969 nach Paris kam, lernte sie Simone de Beauvoir und andere Aktivistinnen kennen, schloss sich ihnen an und initiierte gemeinsam mit ihnen die Frauenbewegung „Mouvement de libération des Femmes“. Drei Jahre später übertrug sie jene Ideen nach Deutschland, wo sie in der Abtreibungskampagne im Stern, nach französischem Vorbild, erstmalig für Aufsehen sorgte. Doch ähnlich ihrem Vorbild Simone de Beauvoir, die mit ihrem Werk Das andere Geschlecht in Frankreich auf eine vergleichbare öffentliche Ablehnung stieß, ließ sie sich in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechtes nicht beirren. Die Vehemenz der unterschiedlichen Reaktionen verwies auf die Aktualität jener von Schwarzer auf den Plan gerufenen Thematik. Denn selbst in ihrer Ablehnung erhielten das Buch und die damit ins Leben gerufene zweite Frauenbewegung eine mediale Aufmerksamkeit, die den Kleinen Unterschied Schwarzers noch heute zu einem viel gelesenen Bestseller in zwölf Sprachen macht. Dabei wurde das Buch im Vornherein von zahlreichen Verlegern mit der Begründung des mangelnden Interesses der Bevölkerung am Thema abgelehnt und auch der Fischer Verlag veröffentlichte es in einer nur kleinen Erstauflage.

Erst nachdem zehntausende von Frauen das Buch lasen, begannen die Printmedien auf Schwarzers Titel aufmerksam zu werden, begleitet von erstaunlich unsachlicher Polemik wie etwa in der Süddeutschen Zeitung: „Hier hat eine ‚frustrierte Tucke’ andere frustrierte Tucken schamlos exploriert, um einen Bestseller zu schreiben.“ Aber auch begleitet von Anerkennung.

Doch was machte gerade dieses Buch so wichtig? Warum fühlten sich gerade mit diesem Buch so viele Frauen angesprochen und verstanden? Die eine Erklärung ist wohl in der Nähe zu jeder einzelnen Leserin zu finden. In ihrem Buch schildert Alice Schwarzer Gespräche mit 16 Frauen, die teils in Zitaten, teils im wiedergebenden Erzählstil festgehalten sind. In diesen Gesprächen erzählen die Frauen von ihrem Leben, ihren Problemen und auch von Lösungen, die sie gefunden haben, um ihre jeweilige Situation zu verbessern oder zu ändern. Wichtig ist hierbei die Vielfältigkeit des sozialen Hintergrundes aus dem die Betroffenen kamen. Es spricht nicht nur die „frustrierte Hausfrau“ an, sondern auch Studentinnen und allein stehende, berufstätige Frauen. Dabei legte Schwarzer gerade auf die Thematisierung der Sexualität ihren Fokus, wobei die interviewten Frauen auch gleichgeschlechtliche Erfahrungen oder sogar die offene Wahl einer solchen Beziehung ansprachen. Sexualität wird hier klar als die steuernde Instanz überhaupt betrachtet, eine, die neben gesellschaftlichen Hierarchien auch das private Leben der betreffenden Personen bestimmt. Nach jedem Gesprächsausschnitt folgt eine kurze Lagebeschreibung durch die Autorin selbst und oft eine direkte Stellungnahme der Frau zum Umgang mit dem durch Schwarzer Gesagten. Das Buch erscheint durch die so intimen Erzählungen der Protagonistinnen persönlich und nah am Lebensalltag der Frauen.

Doch auch die Neuigkeit und Brisanz des Angesprochenen spielten eine maßgebliche Rolle. Ein Buch dieser Art, eines, das diese Gruppe der Gesellschaft und ihre Probleme anspricht, existierte vorher so noch nicht im deutschen Sprachraum. Wenn auch der Öffentlichkeit vielleicht so nicht bewusst, war es ein Thema von extremer Aktualität, sprach das Buch doch Themen an, mit denen jede Frau und vielleicht auch einige Männer sich, primär insgeheim, schon länger auseinandersetzten. Natürlich musste der Beginn eines solchen neuen Diskurses auf Widerstand stoßen, einer, der die alten Hierarchien in Gefahr brachte, wobei Widerstand nicht zuletzt auf Seiten der betroffenen Akteure selbst auftrat. Viele Frauen negierten die Einwürfe Schwarzers vehement und tun dies noch heute, wie etwa als prominentestes Beispiel der damaligen Zeit die schon benannte Esther Vilar. Nicht zuletzt war Alice Schwarzer eine von denen, die in Deutschland mit am Aufbau und an der öffentlichen Anregung des Bewusstseins der kulturellen Formung von Geschlechtsidentitäten, deren Normierung und Aufrechterhaltung, beteiligt waren. Sicher war sie nicht die erste, doch stellte sie im deutschsprachigen außerwissenschaftlichen Bereich die Weichen für dieses Thema. Eines, das in den folgenden Jahren - und schließlich bis heute - große Bedeutung erlangte, wenn auch in den öffentlichen politischen Debatten nicht immer die Fortschritte, die auf diesem Gebiet vollzogen wurden, erkennbar sind. Schwarzer aber war somit die erste, zumindest erste massenwirksame Protagonistin der deutschen feministischen Bewegung.

Als vielleicht sogar wesentlichstes Element, das sich bereits beim Erscheinen des Kleinen Unterschiedes abzeichnete, sei die prägnante Selbstinszenierung Schwarzers nicht zu unterschlagen. Durch permanente Medienpräsenz und steten Aktionismus zog Schwarzer konsequent die mediale Aufmerksamkeit auf sich und damit auf jene von ihr verfolgten Themen und Probleme. Wenn auch journalistisch nicht immer korrekt, versteht sie es, zu polarisieren und ihre Meinungen zu verbreiten. Mit gezielt eingesetzter rigider Haltung, die ihr Anfangs vorgeworfen wurden, gelingt es ihr, festgefahrene Strukturen aufzurütteln. Ob Schwarzer also gegen das Verbot der Abtreibung mobil machte, den Stern für seine sexistischen Titelseiten verklagte oder gegen den Sadomasochismus kämpfte, sie sorgte dafür, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Alle Faktoren zusammen machen den Kleinen Unterschied zu einem Buch, das nicht nur in verschiedenste Sprachen übersetzt wurde, sondern noch heute nicht aus dem Gedächtnis verschwunden ist, ja sogar immer noch Aktualität aufweist. Dies nicht nur in Ländern wie Korea, wo Der kleine Unterschied gerade vor vier Jahren erschien, sondern auch in Deutschland selbst, wo momentan wieder Diskussionen um traditionale Lebensweisen und Partnerkonzepte geführt werden, die in diesem Buch schon vor 30 Jahren angeklagt wurden.

August 2008 

Schwarzer; Alice: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich - Beginn einer Befreiung, Frankfurt am Main: S. Fischer 1975, 243 S.; Letzte Auflage: Frankfurt am Main: Fischer TB 2002, 307 S., 9,90 Euro.