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kleine geschichte des sachbuchs


 
Vorwort zur Kleinen Geschichte des Sachbuchs

von Michael Schikowski

 


 

Die seit 2006 unter www.sachbuchforschung.de publizierte Kleine Geschichte des Sachbuchs ist nun für den Zeitraum bis 1918 abgeschlossen. Sie erscheint im Sommer 2010 als erweiterter und um ein Register ergänzter Separatdruck unter dem Titel
Immer schön sachlich. Eine kleine Geschichte des Sachbuchs. Erster Teil 1870 – 1918 mit einem Vorwort von Prof. Dr. Erhard Schütz. Bramann Verlag, Frankfurt 2010, € 16,00, 
ISBN 978-3-934054-42-4.

Immer schön sachlich
Eine kleine Geschichte des Sachbuchs. Zweiter Teil 1919 – 1945

Einleitung

Am Ende des ersten Teils der Geschichte des Sachbuchs haben die Leser ein wohl gefülltes und gehütetes Bücherbord, auf dem neben verbilligt produzierter Nationalliteratur zahlreiche Kleinschriften zur Natur, Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft stehen. Manche dieser Schriften sind aus Vorträgen hervorgegangen, andere wurden aufgrund eines Vortrags angeschafft, dem man vielleicht in den Räumen der URANIA gelauscht hat. Die Alphabetisierung der Gesellschaft ist abgeschlossen. Die Transferleistung des Sachbuchs liegt noch stark im praktischen Nutzen des Wissens und der Orientierung. Im nun folgenden Zeitabschnitt der Sachbuchgeschichte, von 1919 bis 1945, reicht der Platz auf diesem Bücherbord des Wissens und der Bildung immer weniger aus.

Eine Möblierungsgeschichte

Das Bücherbord wird dann dem verschließbaren Bücherschrank gewichen sein. Dieser Bücherschrank wird bis weit in die 1960er Jahre Ausdruck einer spezifischen Vorstellung von Wissen als Bildung sein. Der Schrank hat Türen, die zunächst keine Fenster haben. Er selbst ist die Repräsentation der Bildung, noch nicht dessen Inhalt. Erst später werden die Türen Fenster erhalten, durch die hindurch man die Pracht- und Prunkexemplare des Haushalts erblicken kann. Er bleibt aber abschließbar, denn das Wissen ist noch kostbar. Der Zugang zum Wissen muss reguliert werden. Den Kindern ist dieser Zugang ohne Aufsicht nicht gestattet, was sie vom Stöbern natürlich kaum abhält. Wissen, das dem Kind zu früh zugeführt wird, schade seiner Entwicklung! Wissen hat Macht. Zu solchen weggeschlossenen Büchern zählte auch die Bibel, zunächst aus katholischen Vorbehalten - nach denen man mit der Bibellektüre gewissermaßen den Priester umging -, dann vor allem hinsichtlich der erotischen Stellen. Der Schrank füllte sich, und sein begrenzter Raum signalisierte auch die Vorstellung eines Wissens, das als Kanon an ein Ende kommt.
Gelegentlich finden sich solche homogenen Bestände noch in Nachlässen. Sie umfassen dann in der Regel einen gut bestimmbaren Zeitraum, in dem die Bücher angeschafft wurden. Solche Bestände erscheinen dann wie eingefroren. Dies ist aber nicht etwa auf nachlassende Kaufkraft zurückzuführen. Es sind die Biografien der „Haushaltsvorstände“, in denen Phasen der Neugier und der Sammlung von solchen des Stillstands und der Konservierung abgelöst werden.

Dann kommt der Bücherschrank aus der Mode. Sein enormes Eigengewicht, früher Ausdruck der Beständigkeit dessen was er enthielt, lässt ihn nun im Zuge neuer Mobilität und Flexibilität als Immobilie erscheinen. Auch die ererbten Bücher sind der neuen Generation verdächtig. Als Objekte bloß demonstrativer Bildung bündig am Rand des Regalbretts aufgestellt, ebenso sauber wie korrekt in alphabetischer Reihe, interpretieren sie nur, wo es doch zu ändern gilt.
Nun werden die Bücher in Wandregalen untergebracht. Den ersten Schienen, die Trägerelemente für die Regalbretter aufzunehmen sollen, folgen weitere. Bald reichen sie, mit Büchern vollgestopft, bis an die Decke. Das Wissen präsentiert sich hier im doppelten Sinne als nicht abschließbar. Es wird nicht mehr weggeschlossen und zudem wächst es beständig. Neugier und Offenheit ist Botschaft dieser Wandregale. Die nun auffällig werdenden Gebrauchsspuren an den Büchern, früher Zeugnis geistiger Verwahrlosung, sind nun Zeichen eines regen Geistes.
Da der Platz schon bald nicht mehr ausreicht, werden im Wandregal die Bücher nun quer gelegt, hoch gestapelt oder auch brachial gequetscht. Jedoch werden innerhalb einer Generation die eigenen Bestände schnell als unzeitgemäß empfunden. Als frühere Erreger emotionaler Erlebnisse  mit zahlreichen Anstreichungen haben sie mitunter sehr schnell ihre Funktion verloren, werden in eine zweite Reihe geschoben und damit überflüssig. Kurz darauf schon wird es soziale Praxis, Bücher, die man nicht mehr braucht, weil sie einem vergangenen Stadium der Reife und Entwicklung angehören, zu verkaufen oder schlicht wegzuwerfen. Tritt die Phase der Konsolidierung der eigenen Biografie ein, kehrt man gelegentlich mit dem Produkt Billy zum geschlossenen Möbel zurück. Für die Schlussphase dieser Entwicklung bietet der schwedische Hersteller dann Schranktüren an.
Kurz darauf wechselt das Trägermedium erneut. Mit dem C64  und Atari beginnt eine Entwicklung, die vom privaten Schreiben und Drucken hin zum schrittweisen Ersatz des gedruckten Buchs durch Bildschirmmedien führt. Eine Erfolgsgeschichte, die man hinsichtlich des privaten Schreibens eigentlich als eine zweite Alphabetisierung bezeichnen müsste. Wie genau sich diese neuere Entwicklung auf die Möblierung des Wissens niederschlägt, wird abzuwarten sein. Der Eindruck drängt sich auf, dass die digital natives dem gedruckten Buch vielleicht wieder das eine oder andere Regalbrett zubilligen könnten. Im Gegensatz zu den über Vierzigjährigen, die den schwindelerregenden Fortschritt der digitalen Medien als Dauererregung empfanden und sich nun diesen hohen Gefühlslevel im Untergangsszenario des gedruckten Buchs zu erhalten wissen.
Mit diesem neuen Teil der Sachbuchgeschichte etablieren sich in Buchhandlungen große Schaufenster und in den Verlagen Propagandaabteilungen (der veraltete terminus technicus der Werbung). Die Bücher werden in Stapeln und Formationen präsentiert, dem Verkaufspersonal wird emotionales Verkaufen gepredigt. Das System des verbreitenden Buchhandels folgt bis heute einem Management, das ein Erlebnisversprechen verkaufen zu können glaubt, dessen Einlösung immer weniger realisiert wird. Die objektiven Erlebnisreize der Haptik stehen in einem stets wachsenden Kontrast zu den subjektiven der Lektüre. Der Handel steht heute am Endpunkt einer Entwicklung des Literaturmanagements, deren wesentlichste Elemente während der Weimarer Republik gebildet wurden.

Das Literaturmanagement

In diesem zweiten Teil wird man sehen, wie die Räume, in denen Bücher angeboten werden und die Produktschienen, in denen Bücher durch die Verlage systematisiert werden, sich weiter differenzieren und wachsen. Dass dann versucht wird, den einmal entstandenen Strukturen den Nachschub zu sichern, versteht sich von selbst. Schließlich wird man sehen, wie solche Blasen bloß unterstellten Bedarfs platzen.
In stets neuen Schüben fortgeschrittener Arbeitsteilung wird die Beschäftigung mit Büchern im Literaturbetrieb professionalisiert. Seit der Umstellung von Milieu (Wilhelm Scherer) auf Erlebnis (Wilhelm Dilthey) bleibt die Entwicklung des Literaturbetriebs innerhalb der Germanistik ausgespart und ungesehen. Haben doch Verlage und Buchhandlungen schon mit der Weimarer Zeit die Bedarfserregung bereits an andere Medien abgegeben. Bücher sekundieren die Ereignisse, sie werden zunehmend Sekundärmedien. Nicht erst seit heute werden die subjektiven Erlebnisreize der Lektüre von Institutionen wie Literaturhäusern, Buchmessen und Literaturfestivals strukturiert und kapitalisiert. Da dergleichen historisch nur unzureichend erfasst wird, bzw. zwischen Buch- und Literaturwissenschaft unvermittelt bleibt, erscheint all dies immer als neue Entwicklung.
Wieder lehrt der Blick in die Gegenwart die Anfänge besser zu verstehen. Vom Buchhandelsmanagement werden heute Buchhandlungen zu inszenierten Verkaufsflächen entwickelt, die als eigenständige Profitcenter die Bestückung der Flächen bestimmen. Das Personalmanagement entkoppelt den Einkauf vom Verkauf und bildet unabhängige Funktionsbereiche. Der Zugang zu den Emotionen des Lesens und Entdeckens wird dem Verkaufspersonal nach eingehender Prozesskostenrechnung entzogen, daher zum Teil aufgegeben oder privatisiert. Das Fortbildungsmanagement stellt ganz auf emotionales Verkaufen ab.
Das heutige Management der Verlage und Buchhandlungen hat sich erfolgreich von entfremdender Arbeit distanzieren können, die von der Elterngeneration noch sinnlos abgesessen wurde. Daher legt man nun allergrößten Wert auf Authentizität und Identifikation mit der Firma. Zugleich verschaffen der immer als „tobend“ dargestellte Konkurrenzkampf und der stets „ungeheure“ Druck der Aktionäre, die Grundlage für fragwürdige Aufstiegsprofile und verlotterte Umgangsformen, die man im Management bequem den selbst erzeugten Bedingungen zuschreiben kann. Nachdem die Kapitalisierung des Marktes abgeschlossen scheint, ist nun auch die Autonomisierung der ökonomischen Aspekte vollendet. Mit der Einführung der ISBN ab 1968 wird die wichtigste Voraussetzung geschaffen, den Verlagsbuchhandel an die Entwicklung der Technologie anzuschließen. An der fortgeschrittenen Technisierung, das heißt dem direkten Durchgriff auf den Bestand der Buchhandlung, wird aktuell gearbeitet. Diese Technik ermöglicht in Echtzeit den Standort, Anzahl und Abverkauf jeden einzelnen Buches zu ermitteln. Die Chancen eines Buches scheinen dann schon nach nur wenigen Stunden berechenbar. Das Buch wird automatisch von der elektronischen Warenwirtschaft der Buchhandlung bei der elektronischen Verlagsauslieferung bestellt oder remittiert. Eine Machine-to-Machine-Kommunikation, der der eigentümliche Charakter ihres Gegenstandes, des Buches als Trägermedium des Wissens, als Verständigungsmedium der Gesellschaft oder als Versprechen subjektiver Erlebnisreize verborgen bleibt.

Das Medium des Ressentiments

Ob dies dann schon alle Elemente einer Sachbuchgeschichte des Zeitraums zwischen 1919 und 1945 sein werden, die sich bis in unsere Gegenwart verfolgen lassen, wird diese Sachbuchgeschichte klären müssen. Eine der größeren Schwierigkeiten dieses zweiten Teils bildet die Produktion in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Referat des Sachbuchs im Umfeld nationalsozialistischer Ideologie kann nicht ausbleiben. Die Beschreibung der Exilliteratur wird vielleicht ein wenig dafür entschädigen. Erst aber über die Verbindung zur Vorgeschichte in die Weimarer Republik lassen sich die Bruchkanten der Popularisierung und ihre Kontinuitäten unter dem nationalsozialistischen Regime verdeutlichen.
War schon im ersten Teil dieser Sachbuchgeschichte gelegentlich von windigen Autoren die Rede, wird es nun richtig brenzlig. Entsprach dem zu kurz Gedachten des Sachbuchs auch ein wenig der zu kurz gekommene Autor, scheint nun kein Halten mehr. Kurz gesagt, das Sachbuch wird nach 1919 ein Medium des Ressentiments. Allerdings nicht allein auf der Seite der Autoren werden fragwürdige Einstellungen sichtbar, auch die stets weiter wachsende Verlagsbranche selbst lockt zunehmend gering qualifizierte Mitarbeiter an, die den Bücherschrank fortan zu füllen helfen.
Auf welchen Zeitraum man auch immer den Anfang der Sachliteratur datieren möchte, der Widerstand gegen sie als Medium der Popularisierung gehört zu ihren eigenen allerersten Themen. Das Sachbuch widmet sich dem Verdrängten, dem Verkannten, dem Vergessenen und schließlich gar in der Exilliteratur - die Zäsur des Jahres 1933 erzwingt dies –dem Verbrannten. Daher präsentieren sich die Autoren manchmal als Entdecker, die dem Verdrängten und Verkannten Aufmerksamkeit verschaffen. Die Popularisierungskritik provoziert eine Gegendarstellung, die auf Dauer eingerichtet scheint: Die kulturindustriellen Gegebenheiten führen dazu, dass Autoren, im Sinne einer captatio benevolentiae, ihren Gegenstand als vergessen und verkannt fingieren. Walther Kiaulehn schreibt 1935 in einer Nachschrift seines Buches  „Die eisernen Engel“ in einem „Brief an einen Ingenieur und Historiker“:
„Ich weiß, dass Ihre Abneigung sich nicht gegen die Zeitung, sondern gegen die liederliche und ehrfurchtslose Art richtet, mit der die Zeitungsleute kostbares Archivmaterial und historische Tatsachen behandeln. Das Archivmaterial verbummeln sie und die historischen Tatsachen missachten sie. Seien Sie nicht zu hart gegen meinesgleichen. […] Was Ihnen unverzeihlich scheint, ist der Mangel an chronologischem Gefühl. Sie meinen man müsse alles hübsch der Reihe nach erzählen und ein Jahrhundert auf das andere folgen lassen, nicht aber mit der Renaissancezeit beginnen, ins Altertum zurückgehen und wieder vorwärtsstürmen ins achtzehnte Jahrhundert, ganz zu schweigen von den schachspielenden Türken, von Juanelo und von anderen Dingen, von Philosophien und Dichtungen, die Ihnen als Firlefanz und überflüssig scheinen und in die ich verliebt bin und die ich für wichtig halte.“ (S. 329)
Der tatsächliche Widerstand der etablierten Wissenschaft oder die Bevormundung der staatlichen und kirchlichen Stellen geraten zu populären Stereotypen des Sachbuchs. Die Unterscheidung fällt in der Sachbuchgeschichte zunehmend schwer. Was missbilligen die Wissenschaftler an Populardarstellungen, wo tun sie das überhaupt, und was daran wird vom Sachbuchautoren bloß unterstellt zu dem billigen Zweck, Leser emotional hinter sich zu bringen? Was ist aus dem öffentlichen Bewusstsein tatsächlich verschwunden und muss durch den Autor erst wieder bekannt gemacht werden? Was ist einfach nur schlampig recherchiert? Was ist reale Bedrohung, die der Autor in der Welt da draußen ausmacht, was ein von ihm vorsätzlich aufgebauschter Popanz, der nur zur Rechtfertigung des Buches besteht? Was ist eine zu Unrecht vergessene rühmenswerte Leistung und Tat, die der Verfasser erzählt, was dagegen haltlose Übertreibung und Angeberei?
Im Fortgang dieser Kleinen Geschichte des Sachbuchs werden die Gesellschaft, die Buchhandlungen, die Verlage und die Publikationen zu einem immer dichteren Netz sich beeinflussender Systeme, sodass Reiz und Reaktion, Anlass und Folge immer weniger deutlich unterschieden werden können. Die Sachbuchgeschichte wird Gesellschaftsgeschichte, in der die einzelne Publikation Ursache und Symptom zugleich ist und manchmal herrlicher >Firlefanz<.

Köln, im Mai 2010