E. J. Haeberle

Die Sexualität des Menschen

Handbuch und Atlas 2., erweiterte Auflage

Titel der Originalausgabe:
E. J. Haeberle: The Sex Atlas. The Seabury Press, New York, 1978.
Deutsche Ausgabe, 2. erweiterte Auflage, Walter de Gruyter, Berlin, 1985.
Deutsche Übersetzung unter Mitwirkung von Ilse Drews. Juristische Beratung: Thomas Niering.

Photographien - soweit im Bildnachweis nicht anders angegeben - von Laird Sutton, Ph. D.
Copyright Erwin J. Haeberle 2003.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Photokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen und dergleichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass solche Namen ohne weiteres von jedermann benutzt werden dürfen. Vielmehr handelt es sich häufig um gesetzlich geschützte, eingetragene Warenzeichen, auch wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
 

Vorwort zur deutschen Ausgabe

In diesem Buch sind die Erkenntnisse der heutigen Sexualwissenschaft knapp, kritisch und allgemeinverständlich zusammengefasst. Es wendet sich nicht nur an Fachleute, sondern auch an ein breiteres Publikum, an jeden Leser, der sich ernsthaft für die Probleme menschlicher Sexualität interessiert und der ihre geschichtliche und gesellschaftliche Dimension besser verstehen will.

Als deutscher Autor, der seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, freue ich mich besonders, dass mein zunächst in englischer Sprache geschriebenes Lehrbuch nun in dieser deutschen Ausgabe erscheint, denn man kann die heute weltweit und schnell wachsende Sexualwissenschaft mit gutem Recht als eine ursprünglich deutsche Wissenschaft bezeichnen. Ihre Wurzeln lassen sich eindeutig nach Deutschland und in die ehemalige Hauptstadt Berlin zurückverfolgen.

Der Begriff der „Sexualwissenschaft" selbst wurde im Jahre 1906 von dem Berliner Hautarzt Iwan Bloch geprägt. Nur zwei Jahre später, im Jahre 1908, erschien dann - im gleichen Verlag wie das hier vorliegende Buch - die erste Zeitschrift für Sexualwissenschaft in Berlin, herausgegeben von Magnus Hirschfeld, Hermann Rohleder und Friedrich S. Krauss. (Die erste Nummer dieser Zeitschrift enthielt unter anderem einen Artikel des damals noch recht umstrittenen Sigmund Freud.) Im Jahre 1913 erfolgte bereits die Gründung der ersten Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik durch Bloch, Hirschfeld, Albert Eulenburg, Karl Abraham und andere. Magnus Hirschfeld gründete im Jahre 1919 das erste Institut für Sexualwissenschaft in Berlin und organisierte dort im Jahre 1921 den ersten internationalen Kongress für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage. Ein weiterer internationaler Kongress für Sexualforschung wurde 1926 in Berlin von Albert Moll organisiert, dessen eigene Internationale Gesellschaft für Sexualforschung als die Zweitälteste ihrer Art ebenfalls vor dem Ersten Weltkrieg entstanden war.

Alle wesentlichen Impulse für die Begründung und frühe Entwicklung der Sexualwissenschaft kamen also aus Berlin. Das gilt auch für die ersten Standardwerke der neuen Wissenschaft. Das von Iwan Bloch herausgegebene „Handbuch der gesamten Sexualwissenschaft in Einzeldarstellungen" (3 Bände, 1912-1925) blieb wegen seines frühen Todes'tinvollendet, aber Albert Molls „Handbuch der Sexualwissenschaften" (2 Bände, 1911 und 1926), Max Marcuses „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft" (1923 und 1926) und besonders Magnus Hirschfelds „Geschlechtskunde" (5 Bände, 1926-1930) fassten zum ersten Male das sexuelle Wissen ihrer Zeit für jedermann leicht begreifbar zusammen. Gleichzeitig erfüllten sie dabei aber auch höchste wissenschaftliche Ansprüche und hätten so zweifellos nicht nur volksaufklärerisch, sondern auch akademisch weitergewirkt, wenn sie nicht, wie die Sexualwissenschaft selbst, der nationalsozialistischen Herrschaft zum Opfer gefallen wären,

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielen bekanntlich die Vereinigten Staaten in der Sexualwissenschaft die führende Rolle. Besonders die Arbeiten von Alfred C. Kinsey, William Masters und Virginia Johnson haben der Forschung neue Wege gewiesen, die auch in Deutschland bald aufgegriffen wurden. Heute gibt es erfreulicherweise wieder mehrere deutsche wissenschaftliche Gesellschaften, die sich vornehmlich mit Fragen der Sexualität befassen, einige deutsche Universitäten haben nun sexualwissenschaftliche Abteilungen oder zumindest Forschungs- und Beratungsstellen. Die einschlägigen deutschen Leistungen finden nun auch zunehmend wieder internationale Anerkennung, und so ist, nach jahrzehntelanger Verspätung, der wissenschaftliche Anschluss wieder hergestellt.

Leider haben mehrere Umstände bisher die Publikation eines wissenschaftlich soliden und doch leicht lesbaren deutschen sexualwissenschaftlichen Handbuchs verhindert. Vor der Machtergreifung Hitlers gab es eine Anzahl solcher Werke, die, jedes auf seine Weise, diesem doppelten Anspruch genügten. Das vorliegende Buch maßt sich nicht an, eine zeitgemäße Entsprechung dieser großen Vorbilder zu sein. Seine Ziele sind zunächst viel bescheidener. Es will aber einen Anfang machen und, in einem einzigen Band, wenigstens die hauptsächlichen wissenschaftlichen Ergebnisse so klar und systematisch wie möglich referieren. Es versucht nicht, eigene Forschungen vorzulegen oder in alle möglichen Details zu gehen. Statt dessen liegt die Betonung auf Übersichtlichkeit und guter Lesbarkeit. In dieser Hinsicht stellt der Text allerdings eine gewisse Neuheit dar. Er setzt kein Spezialwissen voraus, sondern erklärt das Thema der Reihe nach und sozusagen „von Grund auf". Alle Fachausdrücke sind bei der ersten Erwähnung erläutert, alle methodischen Ansätze unauffällig, aber genau beschrieben. Andererseits ist gewissen traditionellen Fragestellungen nicht mehr der gewohnte Raum gewidmet, die sonst die Behandlung sexueller Fragestellungen komplizieren.

Das mag einige Leser zunächst befremden, die nur mit der heutigen deutschen Fachliteratur vertraut sind. Diese ist zum Beispiel noch sehr weitgehend von der Psychoanalyse geprägt, die aber in der internationalen Sexualwissenschaft kaum noch eine Rolle spielt. Das heißt natürlich nicht, dass psychoanalytische Methoden veraltet sind oder dass der wissenschaftliche Beitrag Sigmund Freuds unwichtig geworden ist. Es bedeutet aber, dass man ihm bei der Beschreibung der menschlichen Sexualität nicht mehr unbedingt die Schlüsselstellung einräumen muss. Das Buch reflektiert diesen neueren Konsens. Man kann im übrigen auch vermuten, dass die deutsche Sexualwissenschaft sich schon früher selbst von dem theoretischen Ansatz Freuds entfernt hätte, wäre ihr eine eigene organische Entwicklung gestattet gewesen. Albert Moll lehnte die Psychoanalyse ausdrücklich ab, war aber dennoch einer der bedeutendsten Sexualforscher seiner Zeit, der auch international weit in die Zukunft hätte weiterwirken können. Bloch und Hirschfeld erwiesen Freud und seinen Theorien stets respektvolles Interesse, zeigten aber in ihren Werken immer wieder, dass sie lieber eigene Wege gingen. Nur Max Marcuse war psychoanalytisch orientiert, hatte aber keine Schüler. Freud selbst stand der Sexualwissenschaft, nach anfänglicher Anteilnahme, recht reserviert gegenüber. Er nahm an keinem ihrer Kongresse teil und trug auch nur selten etwas zu ihren Standardpublikationen bei (Hirschfelds frühe „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" und Marcuses späteres „Handbuch der Sexualwissenschaft" sind hier wichtige Ausnahmen). Sein für die Sexualwissenschaft bedeutendster Schüler, Wilhelm Reich, schließlich brach so vollständig mit der psychoanalytischen Orthodoxie, dass man ihn als ganz eigene Größe betrachten muss. Wie all dem aber sei, die deutsche Sexualwissenschaft, wie sie vor Hitler bestand und blühte, wurde brutal und radikal zerstört. Ihre Weiterentwicklung wurde verhindert, und ihre Leistungen sind heute selbst unter Fachleuten leider vergessen. Ihre Geschichte ist immer noch ungeschrieben, ein Umstand, der um so trauriger wirkt, wenn man die Flut der neueren deutschen psychoanalytischen Literatur betrachtet. Hier ist ein gehöriges Stück wissenschaftlicher Wiedergutmachung zu leisten.

Der vorliegende Text stützt sich hauptsächlich auf die amerikanische empirische Forschung, wie sie von Kinsey, Masters und Johnson, John Money

und anderen betrieben worden ist. Diese ist natürlich an sich in Deutschland bekannt, hat aber bisher noch keine umfassende, einheitliche Darstellung erfahren. Darüber hinaus habe ich versucht, wenigstens ein Minimum neuerer anthropologischer, soziologischer, kriminologischer und kulturhistorischer Erkenntnisse mit zu berücksichtigen. All das gehört zum Verständnis der menschlichen Sexualität, ist also notwendiger Bestandteil der Sexualwissenschaft. Diese Wissenschaft braucht aber auch, wie jede andere, ein gewisses Maß ständiger kritischer Selbstbesinnung, wenn sie sich weiter gesund entfalten will. Aus diesem Grunde bietet mein Text am passenden Ort auch einige ideologiekritische Beobachtungen.

Was den rein technischen Aufbau des Buches betrifft, so habe ich mich hauptsächlich von didaktischen Gesichtspunkten leiten lassen. Zum Beispiel geht die Diskussion des männlichen Geschlechts immer der des weiblichen voraus. Strikt biologisch betrachtet, wäre es wohl sinnvoller, das weibliche Geschlecht als das „primäre" an den Anfang zu stellen, aber wenn es um praktische Probleme geht wie Empfängnisverhütung, Unfruchtbarkeit und sexuelle Störungen, ist es vielleicht lehrreicher, gegen heutige Denkgewohnheiten anzugehen und mit der männlichen Seite zu beginnen. Didaktischen Zielen dient auch die mehrfache Wiederholung der gleichen Grundtatsachen an verschiedenen Stellen des Buches. Das gilt auch für die Gleichbehandlung einiger Themen, für häufige Parallelformulierungen und Textentsprechungen (zum Beispiel bei der Behandlung der männlichen und weiblichen Anatomie und des heterosexuellen und homosexuellen Geschlechtsverkehrs). Diese bewusste Systematik kann nicht nur als Gedächtnisstütze dienen, sondern auch in sich selbst aufklärend wirken. Auf jeden Fall soll sie die Auseinandersetzung mit dem Buch erleichtern. Für diesen Zweck liest man es am besten „der Reihe nach" von Anfang bis Ende durch. Es soll aber auch für den flüchtigen oder gelegentlichen Leser brauchbar bleiben. Deshalb enthält es zahlreiche Querverweise, und selbst die kürzesten Abschnitte sind in einen leicht überschaubaren Kontext eingefügt, der wieder auf größere Zusammenhänge verweist.

Schließlich noch ein Wort zu den Abbildungen: Werke mit wissenschaftlichem Anspruch haben bisher kaum Fotographien von Menschen bei sexuellen Handlungen gezeigt, da die Autoren nicht zu Unrecht befürchteten, in die Nähe von „Pornographie" zu geraten und somit„unseriös" zu wirken. Wenn ich mich entschlossen habe, solche Bedenken hier zu überwinden, so vor allem aus der Überlegung heraus, dass es an der Zeit ist, die menschliche Sexualität auch visuell wie jeden anderen wissenschaftlichen Gegenstand zu behandeln. Klare und unbefangene Illustrationen erscheinen daher überall dort, wo sie dazu beitragen können, den Text besser zu verstehen. Dabei gehe ich von der Voraussetzung aus, dass in sexuellen Dingen ein rein zerebrales Verständnis nicht ausreicht. Wirkliche Aufklärung muss auch tiefere seelische Schichten zu erreichen suchen. Deutliche Bilder mögen manchen Leser und Betrachter zu einer befreienden Selbstprüfung führen. Vielleicht ist die Konfrontation mit der eigenen sexuellen Haltung für viele sogar der größte Gewinn, den sie aus diesem Buch ziehen. Unbedingte Zustimmung ist dabei nicht mein Ziel, Wenn es mir aber hier und da gelingen sollte, durch sachliche Informationen ein wenig Klarheit zu schaffen, so wäre der wichtigste Zweck des Buches erreicht.

In diesem Sinne fühle ich mich den deutschen Pionieren der Sexualwissenschaft besonders verpflichtet. Dieses Jahr beschert uns ein doppeltes Jubiläum, das an ihre Leistung erinnert; Vor 75 Jahren wurde die erste Zeitschrift für Sexualwissenschaft publiziert, vor 70 Jahren die erste Gesellschaft für Sexualwissenschaft gegründet. (Außerdem sind es gerade 50 Jahre seit der Zerstörung des ersten Instituts für Sexualwissenschaft durch die Nationalsozialisten.)

Seither hat sich, trotz aller Rückschläge, aus den deutschen Anfängen eine bemerkenswerte internationale Bewegung entwickelt. Ebenfalls in diesem Jahr findet in Washington D. C. der 6. Weltkongress der Sexualwissenschaft seit dem Zweiten Weltkrieg statt. Dieser Kongreß beweist erneut ein unvermindertes Forscherinteresse an der Sexualität des Menschen und gibt uns die Hoffnung, dass wir sie eines Tages alle sehr viel besser verstehen werden als heute.

San Francisco, im Frühjahr 1983 Erwin J. Haeberle

 

Vorwort zur zweiten Auflage

Die vorliegende zweite Auflage der deutschen Ausgabe wurde um einen Anhang ergänzt, der einige aktuelle Themen behandelt, die in der Sexualwissenschaft seit dem Erscheinen der ersten Auflage breit diskutiert werden. Daneben wird auf einige neuere Entwicklungen in der Sexualwissenschaft insgesamt eingegangen.

In einem zweiten neuen Abschnitt wird ein sexualwissenschaftlicher Test-Fragebogen vorgestellt; der es dem einzelnen Leser ermöglichen soll, seine eigenen sexualwissenschaftlichen Kenntnisse besser einzuschätzen.

San Francisco, im August 1985 Erwin J. Haeberle

 

I. Der menschliche Körper

Man kann den Körper des Menschen auf mancherlei Weise betrachten. Man kann ihn als die vornehmste Schöpfung Gottes bewundern, ihn als Kerker der Seele verachten, ihn als Tempel der Liebe verehren, ihn als Quelle der Versuchung fürchten, oder man kann ihn zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung machen. Eines ist dabei ganz sicher: Was immer wir in ihm sehen spiegelt unsere eigenen Einstellungen und Ansichten wider.

Moderne Gesellschaften zeigen meist eine eher negative Einstellung gegenüber dem menschlichen Körper, besonders gegenüber seinen sexuellen Funktionen. Dies zeigt sich beispielsweise auch an der großen moralischen Besorgnis um „unzüchtige" Kleidung, „schmutzige" Bücher und Filme, um die Sexualaufklärung in den Schulen. So ist die Meinung weit verbreitet, die Welt werde von einer Welle der Sexualität und Nacktheit überschwemmt, die die Grundfesten unserer Kultur bedrohe.

Man hat sich aber nicht zu allen Zeiten derartige Sorgen gemacht. Für die Griechen und Römer der Antike zum Beispiel war der nackte menschliche Körper ein ganz vertrauter Anblick. Sportler trainierten und kämpften nackt in den Gymnasien (von griech. gymnos: nackt). Die Teilnehmer der klassischen Olympischen Spiele (wie auch aller anderen Sportveranstaltungen) waren nackt. Öffentliche und private Gebäude waren mit Skulpturen und Gemälden nackter Männer und Frauen geschmückt. Der sexuelle Aspekt der Nacktheit wurde dabei nicht unterschlagen. Statuen bestimmter Gottheiten, des Hermes und Priapus zum Beispiel, zeigten einen erigierten Penis als Symbol der Stärke und Fruchtbarkeit. Künstlerische Darstellungen von Geschlechtsorganen wurden als Schmuck oder Talisman getragen. Bei den Darstellern der klassischen Komödien gehörte ein riesiger Phallus zum Kostüm. Kurzum, der menschliche Körper und die menschliche Sexualität fanden offen und fröhlich Beifall. Der Kontrast zu unserer heutigen Welt könnte kaum größer sein.

Viele Menschen vertreten heute die Meinung, das Christentum sei für diesen Wandel der Einstellung verantwortlich. Einige christliche Autoren geben dies gegenüber ihren weltlichen Kritikern sogar zu. Dennoch ist diese Ansicht eine unzulässige Vereinfachung. Viele vermeintlich christliche Einstellungen zum menschlichen Körper sind erst wenige hundert Jahre alt und wären dem Denken früherer Jahrhunderte ganz unverständlich gewesen. So etwa die scharfe Verurteilung von Masturbation oder die Vorstellung, Kinder seien „unschuldig" und sollten deshalb über Sexualität nichts wissen; bis in das 18. Jahrhundert war von solchen Sorgen eigentlich nie die Rede. Der berühmte Humanist Erasmus von Rotterdam schrieb noch im frühen 16. Jahrhundert einen sehr beliebten Text für Kinder, in dem es um die Themen wie Sexualität vor, in und außerhalb der Ehe ging, um Schwangerschaft, Geburt, Prostitution, Aphrodisiaka, Kastration und Geschlechtskrankheiten (Erasmus: Colloquia familiaria). Ein paar Jahrhunderte später hielt man dann diese Texte sogar für Erwachsene für zu gewagt.

Schamgefühl oder Entrüstung beim Anblick des nackten menschlichen Körpers, wie sie in unserem Kulturkreis so verbreitet sind, sind ebenfalls eine relativ neue Erscheinung. Noch im Europa des Mittelalters hielt man Nacktheit nicht für eine Frage der Moral. Die ganze Familie schlief nackt in einem Raum, oft in einem einzigen Bett. Es war selbstverständlich, dass Gäste beiderlei Geschlechts in Herbergen mit anderen, ihnen fremden Gästen das Bett teilten. Hätte sich ein Gast geweigert, oder seine Kleider nicht abgelegt, so wäre er in den Verdacht geraten, krank oder missgestaltet zu sein. Öffentliche Nacktheit war auch in Badehäusern üblich, einem beliebten Platz geselligen Beisammenseins für Männer und Frauen jeden Alters. An bestimmten Feiertagen konnte man hübsche Mädchen nackt in den Festumzügen sehen. Selbst Geistliche nahmen gelegentlich völlig nackt an religiösen Prozessionen teil.

Erst im 16. und 17. Jahrhundert, als die Syphilis epidemische Ausmaße annahm, und zu einer Zeit, da sich allmählich der Mittelstand bildete, begann man, Nacktheit als unanständig zu betrachten. Insgesamt veränderte sich die Einstellung gegenüber menschlicher Körperlichkeit sehr nachhaltig. Was bisher vertrauter Umgang war, wurde nun als ekelerregend und gesundheitsschädlich abgelehnt. Menschen aßen nicht mehr aus derselben Schüssel, tranken nicht mehr aus dem gemeinsamen Krug. Statt mit den Fingern, begann man nun, mit Messern und Gabeln zu essen. Wer es sich leisten konnte, trug jetzt zum Schlafen eine besondere Kleidung, ein Nachthemd. Die Privatsphäre gewann zunehmend an Bedeutung. Das Bett verschwand aus dem Wohnzimmer und wurde in einem abgetrennten Schlafzimmer versteckt. Die Badehäuser wurden geschlossen, in Flüssen und Seen durfte nur noch nach Geschlechtern getrennt gebadet werden, schließlich wurde öffentliches Nacktbaden insgesamt verboten. So verwandelte sich die positive Einstellung gegenüber dem Körper und seinen Funktionen nach und nach in Prüderie. Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war schließlich gegenüber allen körperlichen Funktionen so überempfindlich geworden, dass es bereits als anstößig galt, Worte auch nur zu erwähnen, die etwas mit Geschlecht, Fortpflanzung, Verdauung oder Schwitzen zu tun hatten. In einer höflichen Unterhaltung konnten jetzt selbst Worte wie „Schenkel" oder „Brust" nicht mehr benutzt werden. Der ganze menschliche Körper war tabu.

Im Gefolge der Eroberung der Welt durch die westliche Zivilisation wurde diese Prüderie oftmals gewaltsam Völkern aufgezwungen, die bis dahin in völliger oder teilweiser Nacktheit gelebt hatten und die daher mit Unwillen und Unverständnis reagierten. Noch heute versucht man in bestimmten Teilen Asiens und Afrikas, Menschen zu „zivilisieren", indem man sie in Kleider zu zwängen versucht, die ihnen völlig fremd sind. Dies wirkt besonders absurd, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig die reichen und fortschrittlichen Länder des Westens beginnen, sich ihrer weniger prüden Vergangenheit zu besinnen. (Diese historischen Aspekte werden im Abschnitt III dieses Buches „Sexualität und Gesellschaft" ausführlicher diskutiert.)

Unsere moderne Kultur brachte zwar eine erhebliche sexuelle Unterdrückung mit sich, sie leistete aber auch einen wichtigen Beitrag zu einem besseren Leben: die wissenschaftliche Erforschung des menschlichen Körpers und seiner Funktionen.

Unsere Vorfahren im Altertum und Mittelalter verfügten nur über ein sehr begrenztes biologisches und medizinisches Wissen. Wurden sie einmal krank, waren sie weitgehend auf volkstümliche Heilmittel, überlieferten Aberglauben oder Zauberkräfte angewiesen. Magische und mystische Vorstellungen bestimmten auch ihre Sexualität und Fortpflanzung, So waren die meisten Menschen jener Zeit davon überzeugt, mit dem richtigen Liebestrank die Zuneigung eines noch so abgeneigten Partners gewinnen zu können. Man glaubte auch, bestimmte Erfahrungen einer schwangeren Frau würden ihr Kind zeichnen und Koitus während der Nacht führe zur Zeugung blinder Kinder. Man wusste nichts vom Blutkreislauf, von Hormonen, von männlichen und weiblichen Geschlechtszellen (Samenzelle und Ei) und anderen

Entdeckungen unserer Zeit. Nach Ansicht bedeutender damaliger Gelehrter produzierte nicht nur der Mann, sondern auch die Frau eine samenhaltige Flüssigkeit, und man nahm allgemein an, dass das Vermischen dieser beiden Flüssigkeiten im Mutterleib zur Zeugung führe. Man war weiterhin der Auffassung, der Fötus beginne erst im fünften Schwangerschaftsmonat zu leben, dann, wenn die Mutter die ersten Kindsbewegungen spürt.

Solche und andere Fehlannahmen wurden durch die moderne Wissenschaft richtiggestellt. Der Weg zum heutigen Wissensstand war jedoch lang und beschwerlich. Um bestimmte biologische Gesetze und Ursachen bestimmter Krankheiten zu erkennen, bedurfte es teilweise jahrhundertelanger geduldiger Beobachtungen. Gelegentlich führte die wissenschaftliche Forschung zu so unerwarteten Ergebnissen, dass sich die Menschen für lange Zeit weigerten, sie anzuerkennen. Bis auf den heutigen Tag stellt die Wissenschaft immer wieder unser traditionelles Denken, manchmal auch unsere Lebensweise in Frage.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist die Beobachtung menschlichen Sexualverhaltens im Labor. Die Entdeckungen, die dort gemacht wurden, widerlegten viele weit verbreitete Auffassungen. So wurde beispielsweise festgestellt, dass das sexuelle Leistungsvermögen von Frauen mindestens ebenso groß ist wie das von Männern, in bestimmter Hinsicht sogar größer. Solche Entdeckungen bleiben nicht ohne Folgen für die Beziehungen der Geschlechter untereinander. So kann hier wie auf anderen Ebenen wissenschaftliche Erkenntnis zu grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen führen.

Sicher sind solche Veränderungen manchmal notwendig, sie werden aber nicht immer positiv aufgenommen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Wissenschaft im Laufe der Geschichte immer wieder auf heftigen Widerstand gestoßen ist, Wissenschaftler wurden immer dann angegriffen und verlacht, wenn sie überkommenes Wissen in Frage stellten, oftmals wurden ihre Entdeckungen totgeschwiegen oder ignoriert. Häufig widersetzte sich die Gesellschaft nicht nur bestimmten Entdeckungen, sondern dem Ziel der Wissenschaft selbst. Das hat sich bis heute nur wenig geändert: Viele Menschen verspüren eine unwillkürliche Abwehr gegen die humorlose, rücksichtslose und schamlose Art und Weise, in der Wissenschaftler die letzten „Geheimnisse des Lebens" enträtseln wollen.

Man kann tatsächlich nicht leugnen, dass die wissenschaftliche Methode einen Anschein von Frevel haben kann. Im Bemühen um neues Wissen missachten Wissenschaftler nicht nur Gott, sie zeigen auch wenig Respekt vor geheiligten menschlichen Traditionen. Fragen der Moral, des Rechts oder des guten Geschmacks berühren sie kaum. Nichts ist ihrer Neugier heilig und sie betrachten alles mit derselben, unbeteiligten Objektivität.

Eine solche unbeteiligte Neutralität der Wissenschaft erfordert eine besondere Disziplin des Gefühls und des Verstandes, eine Geistesverfassung, die man als typisch „modern" bezeichnen kann. In der griechisch-römischen Antike und im Mittelalter verstanden sich die Menschen als festen Bestandteil der Welt, von der sie sich nicht distanzieren wollten oder konnten, Es war ihnen fremd, ihre Gefühle oder moralischen Bedenken auszuschalten, sie reagierten auf alles mit ihrer ungeteilten Persönlichkeit, Sie sahen sich selbst nicht nur als Mittelpunkt des Universums, wo sich Sonne, Mond und Sterne um sie drehten, sondern dieses Universum hatte für sie auch einen ganz persönlichen Bezug, war auf geheimnisvolle Weise mit ihrem eigenen Schicksal verknüpft. Alles geschah nach dem Willen der Götter oder Gottes, um Menschen zu belohnen oder zu bestrafen. Gesundheit wurde so als Lohn für Rechtschaffenheit angesehen; Tod und Krankheit waren die Vergeltung für Sünde. Zwischen kausalen und normativen Gesetzen wurde nicht unterschieden. Das Naturgesetz war göttlicher Wille. Erklärung und Rechtfertigung waren ein und dasselbe.

Die moderne Wissenschaft begann in dem Augenblick, als man zum erstenmal zwischen Erklärung und Rechtfertigung unterschied, So lange Gesundheit und Krankheit, Sonne und Regen, gute und schlechte Ernten als Belohnung oder Strafe für menschliches Verhalten interpretiert wurden, erschienen auch tatsächliche Ursache und moralische Folge als Einheit. Wissenschaft konnte erst entstehen, als der Mensch begann, übernatürliche Einflüsse und ihre Bedeutung in Frage zu stellen und schließlich zu ignorieren. Erst dann konnte die Natur „an sich" studiert werden, ohne Bezug auf göttlichen oder menschlichen Willen.

Wissenschaftler betrachten den menschlichen Körper „objektiv", das heißt, sie untersuchen ihn als ein Objekt, das man beobachten, wiegen und messen kann. Hierbei interessiert sie nicht, ob er schön ist oder sündig, nicht einmal, ob er gesund ist. Einziges Ziel ist, seine Funktionen zu erkennen, nicht, sie als gut oder schlecht zu werten. Ein Wissenschaftler stellt lediglich fest, was ist, nicht was sein soll. Der Wissenschaftler beschreibt, aber er schreibt nicht vor. Wenn er also feststellt, dass ein Körper krank ist, kann er die Symptome der Krankheit registrieren und nach den Ursachen forschen, als Wissenschaftler wird er jedoch nicht den Versuch unternehmen zu heilen. Jeder Heilungsversuch ist wesentlich eine moralische Entscheidung. Sie wird von Menschen gefällt, die sich wissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen, um anderen zu helfen. Natürlich wird heute die Rolle des Wissenschaftlers und die des Heilenden oft von ein und derselben Person übernommen, zum Beispiel von einem Arzt. Ein guter Arzt weiß jedoch, dass er in Wirklichkeit zwei verschiedene Funktionen erfüllt und dass er sie manchmal trennen muss. So mag er als Wissenschaftler wissen, dass starkes Rauchen bei einem bestimmten Patienten zum Tode führen kann. Als Heilender wird er deshalb dem Patienten vorschlagen, das Rauchen aufzugeben. Das wäre eine moralische (keine wissenschaftliche) Entscheidung, die auf der Annahme beruht, dass der Wert des Lebens höher anzusetzen sei als der des Rauchgenusses. Wenn diese Wertung nun aber von dem Patienten nicht geteilt wird - er also lieber sterben will, als das Rauchen aufzugeben -, hätte der Arzt sich auf seine Rolle als Wissenschaftler zu beschränken, der die Auswirkungen des Rauchens auf einen sterbenden Menschen beobachtet. (Ein Beispiel ist der Fall Sigmund Freuds. Als Wissenschaftler wusste er, dass sein Rauchen ihn töten würde. Als Heilender hätte er nach dieser Einsicht handeln und seine Zigarren aufgeben können. Als Patient weigerte er sich, dies zu tun, und starb an Mundhöhlenkrebs.)

Nicht-Wissenschaftlern fällt es oft schwer, den Standpunkt von Wissenschaftlern zu verstehen. Ganz besonders in den frühen Anfängen moderner Wissenschaft wurde die moralische Neutralität der Wissenschaftler von manchem als Gleichgültigkeit, ja als Verantwortungslosigkeit missverstanden. Als im 16. und 17. Jahrhundert Anatomen damit begannen, menschliche Körper zu sezieren, um so zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, waren ihre Zeitgenossen entsetzt. Sie wären niemals auf die Idee gekommen, ihren Körper der Wissenschaft zu übereignen, im Gegenteil: Diese Art der Forschung wurde oft kurzerhand verboten. Daher mussten viele Anatomen ihre Arbeit geheimhalten. Sie waren gezwungen, kriminelle Leichenräuber zu bezahlen, die ihnen die Körper vom Friedhof oder direkt vom Galgen weg stahlen. (Noch in jüngster Vergangenheit begannen manche Sexualforscher ihre Arbeit im geheimen und mussten Prostituierte dafür bezahlen, ihnen als Studienobjekte zu dienen.)

Dennoch haben die Menschen im Laufe der Jahrhunderte begriffen, dass die objektive Untersuchung des Körpers und seiner Funktionen für sie von großem Nutzen sein kann. Wenngleich das Wesen der Wissenschaft in moralischer Neutralität liegt, kann wissenschaftliche Erkenntnis doch zu moralischen Zwecken genutzt werden. Die Heilung und Vorbeugung von Krankhei-

ten ist eines der überzeugendsten Beispiele. Ebenso notwendig ist die Befreiung des Menschen von unnötigen Ängsten und kleinlichen Vorurteilen, die ihn daran hindern, sich frei zu entfalten. Dank der Wissenschaft wurden in dieser Richtung schon beachtliche Fortschritte gemacht, und jede neue Entdeckung verschafft dem Menschen mehr Einfluss auf sein eigenes Schicksal.

In jüngerer Zeit waren die Fortschritte in der Sexualforschung besonders eindrucksvoll. Fast täglich werden von Wissenschaftlern neue Erkenntnisse über die Sexualfunktionen und Zeugungsfunktionen des Menschen erarbeitet. Beide waren in der Vergangenheit sehr eng verbunden, und man konnte sie nur wenig beeinflussen. Geschlechtsverkehr führte zur Zeugung, und ohne Geschlechtsverkehr war keine Zeugung möglich. Ohne Enthaltsamkeit zu üben, waren Partner nicht in der Lage, die Zahl ihrer Kinder zu beschränken; viele Frauen starben, erschöpft von zu vielen Geburten. Kinderlose Paare mussten andererseits ihre Unfruchtbarkeit als Willen der „Natur" hinnehmen. - Heute ist die Fortpflanzung eine Frage bewusster Entscheidung geworden. Wissenschaftliche Einsicht in den Prozess der Fortpflanzung machte die Entwicklung wirksamer Empfängnisverhütung möglich, ungewollte Schwangerschaften können heute leicht verhindert werden. Weiterhin können Fälle von Unfruchtbarkeit, die früher als hoffnungslos galten, erfolgreich durch künstliche Befruchtung - also ohne unmittelbaren sexuellen Kontakt - behandelt werden. Erstmals in der Geschichte der Menschheit können so die Sexualfunktionen und die Fortpflanzungsfunktionen des Menschen ganz voneinander getrennt werden.

Diese moderne Entwicklung hat auch tiefgreifende gesellschaftliche Folgen: Sie unterstützt die wachsende Forderung nach sexueller Gleichberechtigung. Es war früher üblich, die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als Rechtfertigung dafür heranzuziehen, dass man Männer und Frauen in unterschiedliche soziale Rollen zwängte. So meinten die Männer, die „Natur" selbst bestimme die Frauen zur Mutterrolle und mache sie somit für alle anderen Aufgaben untauglich. (Aus unerfindlichen Gründen kam allerdings niemand auf die Idee, Vaterschaft könne die gleiche beschränkende Wirkung haben.) Diese Vorstellungen sind heute, da sich Frauen freiwillig für oder gegen eine Mutterschaft entscheiden können, nicht mehr aufrechtzuhalten. Die Vorstellung von der „natürlichen" Unterlegenheit der Frauen erweist sich heute als Ideologie von Männern, die eine Rechtfertigung für ihre privilegierte Stellung suchen.

Die Wissenschaft wird sicherlich auch noch viele andere Vorstellungen, die heute unbestritten sind, in der Zukunft widerlegen. Gerade wenn es um Sexualität geht, sind wir nicht immer so unvoreingenommen und objektiv, wie wir glauben. Unsere Wahrnehmungen werden oft von unbewussten Vorurteilen und unbefragten Moralvorstellungen getrübt, und wir laufen dadurch Gefahr, Wertungen mit Tatsachen zu verwechseln. Kurz gesagt, wir sind nach wie vor versucht, unsere eigenen Konventionen da mit der „Natur" zu verwechseln, wo unsere eigenen Interessen und Bedürfnisse im Spiel sind. Die Geschichte der modernen Wissenschaft zeigt jedoch, dass unser eigenes Interesse auf lange Sicht durch strenge Objektivität am besten gewahrt bleibt. Wissenschaft begann, als der Mensch anfing, die göttliche und menschliche Dimension der Dinge außer acht zu lassen, die er untersuchte. Gerade dies führte erst zu einem tiefgreifenderen Verständnis. Nur wenn wir bereit sind, über unsere engen persönlichen Interessen hinwegzudenken, dürfen wir hoffen die Wahrheit über uns selbst zu finden. Erst dann werden wir wirklich frei

sein.

Im Zeitalter der Massenkommunikationsmittel haben heute mehr Menschen als je zuvor die Möglichkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Funktionen des menschlichen Körpers zu erfahren. Die meisten Menschen verstehen heute mehr von Anatomie und Physiologie als je ein Arzt im Altertum oder im Mittelalter, Aber trotz all dieses theoretischen Wissens sind viele mit sich selbst unzufrieden. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren fühlen sie sich ihrem eigenen Körper entfremdet. Wie es scheint, hat eben dieselbe historische Entwicklung, die dem Menschen eine wissenschaftlich-distanzierte Erforschung seiner selbst erlaubte, ihm auch seine frühere Vertrautheit sich selbst gegenüber genommen.

In unserer von der Technik beherrschten Gesellschaft wird uns allen ein Höchstmaß an Disziplin auferlegt. Es wird uns nicht gestattet, Gefühle zu zeigen, spontanen Wünschen zu folgen oder unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Im Gegenteil: im Interesse unserer Arbeit sind wir gezwungen, Arbeit und Freizeit festen Zeitplänen zu unterwerfen, immer guter Laune zu sein, jedes Anzeichen von Spontaneität zu unterdrücken und uns ständig im Zaum zu halten. So sind wir gezwungen, uns zu wohlfunktionierenden Arbeitsgeräten zu machen. Das hat dazu geführt, dass wir unseren Körper nun oft als Maschine zu betrachten gewohnt wurden, und das ständig zunehmende Wissen um seine Funktionen nutzen wir nur dazu, ihn als Maschine noch „effizienter" zu machen.

Diese Einstellung wird von vielen Menschen auch auf ihre sexuellen Beziehungen übertragen. Das wird besonders deutlich an der Überbetonung von Jugend und körperlicher Vitalität. So versuchen viele jede neue Diät, experimentieren mit Medikamenten und Drogen, erproben jeden neuen Apparat und jede „neue" sexuelle Technik, die eine Steigerung der erotischen Leistungsfähigkeit versprechen. Es gibt heute zahllose „technisch" orientierte sexuelle Ratgeber und Ehehandbücher, die versprechen, den Leser zu einem Virtuosen der Liebe zu machen.

Die Nützlichkeit solcher Bücher soll nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung kann eine offene Beschreibung der menschlichen Sexualfunktionen und der möglichen Variationen beim Geschlechtsverkehr Männer und Frauen von unnötigen Hemmungen befreien. Bedauerlicherweise kann so jedoch auch der Eindruck entstehen, sexuelles Glück setze besondere Erfahrung und athletisches Können voraus; wenn es dem Leser dann an Talent oder Übung zu fehlen scheint, kann er sich leicht überfordert fühlen. Tatsächlich stellen auch viele Menschen, die alle erotischen Tricks meistern, schließlich fest, dass die bloße Sexualtechnik nicht zur Erfüllung führt. Sie entdecken, dass sie nur zu seelischen Krüppeln werden, wenn sie ihren Körper ständig um größerer Leistungen willen zu kontrollieren oder manipulieren suchen. Es führt dies zu einer Versachlichung menschlicher Beziehungen, die schließlich die Unfähigkeit zu wirklicher Befriedigung zur Folge hat.

Aus diesem Grunde lehnen in jüngerer Zeit immer mehr (insbesondere jüngere) Menschen es ab, Geschlechtsverkehr als bloßen mechanisch-technischen Kraftakt anzusehen, und sie entwickeln eine weniger leistungsorientierte Einstellung gegenüber ihrem Körper. Sie beginnen zu verstehen, dass die moderne Welt der Disziplin und des Wettbewerbs ihre Wahrnehmungen verzerrt hat, und sie versuchen, die Sensibilität vergangener Zeiten durch bewusstes Üben („sensitivity training") wieder zu erlangen. Auf diese Weise kommen sie - im Wortsinn - wieder mit sich selbst in Berührung und erreichen es so, ihren eigenen Körper zu akzeptieren und zu schätzen, ohne ihn auszubeuten. Die meisten jungen Männer und Frauen können heute wieder einen nackten menschlichen Körper anschauen, ohne verlegen zu werden. Vielen ist Nacktheit wieder ein vertrauter Anblick, dem sie keine besondere Bedeutung zumessen. Unglücklicherweise besteht jedoch nach wie vor ein weit verbreitetes Unwissen über die Körperfunktionen, vor allem über die Sexualfunktionen des Menschen. Nicht nur ältere, sondern auch jüngere Menschen sind oft bedenklich falsch informiert über die physiologischen Vor-

gänge, die ihrem Verhalten zugrunde liegen. Daher erscheint es gerechtfertigt und notwendig, die prinzipiell vorhandene erfreuliche Offenheit gegenüber der Sexualität zu nutzen, um einen ungehinderten, wenn auch manchmal noch oberflächlichen Einblick zu vermitteln.

Die folgenden Ausführungen bieten zunächst einige grundlegende Informationen über den menschlichen Körper und seine Sexualfunktionen, das heißt die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, die sexuelle Reaktion des Menschen, die Fortpflanzung, die Empfängnisverhütung und den Schwangerschaftsabbruch. Es folgt eine kurze Darstellung bestimmter körperlicher Störungen, die die normalen Sexualfunktionen beeinträchtigen können. Psychologische Aspekte des menschlichen Sexualverhaltens werden im zweiten Teil des Buches („Das menschliche Sexualverhalten") behandelt. Im dritten Teil des Buches wird ausführlich auf die gesellschaftliche Dimension von Sexualität eingegangen.

1. Die Entwicklung der Geschlechtsunterschiede

Das Geschlecht eines Menschen wird bei der Befruchtung festgelegt. Allerdings sind in den ersten Wochen ihres Lebens männliche und weibliche Embryos noch nicht zu unterscheiden. Ihre Geschlechtszugehörigkeit wird erst im Laufe der Zeit erkennbar.

Ob ein neugeborenes Kind ein Junge oder ein Mädchen ist, erkennen wir gewöhnlich an den äußeren Geschlechtsorganen. Von diesen Organen abgesehen, sehen Jungen und Mädchen sich jedoch sehr ähnlich. Das typische männliche oder weibliche Aussehen von Erwachsenen ist Ergebnis von Entwicklungen, die erst Jahre später beginnen. Die Geschlechtsunterschiede beim Menschen werden erst dann in vollem Umfang deutlich, wenn Mann und Frau ihre geschlechtliche Reife erreicht haben, das heißt, wenn sie selbst wieder Kinder zeugen können.

Die meisten von uns halten das „Geschlecht" für das erste und einfachste aller Unterscheidungsmerkmale zwischen Menschen. Diese Annahme spiegelt sich auch in unserem Sprachgebrauch wider: Die Worte „Sexus" und „Sexualität" leiten sich vom lateinischen Wort „secare" ab, das schneiden, trennen, teilen bedeutet. Diese Begriffe beziehen sich also ursprünglich auf eine Teilung der Menschheit in zwei verschiedene Gruppen - eine männliche und eine weibliche. Jeder Mensch (und die meisten höheren Tiere und einige Pflanzen) gehören zu einer von diesen beiden Gruppen, also zu einem der beiden Geschlechter. Jeder ist entweder männlichen oder weiblichen Geschlechts.

Das alles scheint ganz einfach. Die wissenschaftliche Forschung hat jedoch in jüngster Zeit gezeigt, dass die üblichen einfachen Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit völlig unzureichend sind und dass - zumindest in bestimmten Fällen.— die Angelegenheit sehr kompliziert sein kann. Wenn ein heutiger Wissenschaftler jemanden dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen soll, berücksichtigt er zumindest sieben verschiedene Faktoren:

1. Das chromosomale Geschlecht

Die Zellen des männlichen Körpers enthalten ein X- und ein Y-Chromosom, während die Zellen des weiblichen Körpers zwei X-Chromosomen enthalten. Allerdings wurden in neuerer Zeit auch verschiedene andere Kombinationen von Geschlechtschromosomen entdeckt.

2. Das gonadale Geschlecht

Das männliche Geschlecht hat Hoden (männliche Gonaden), das weibliche Geschlecht Eierstöcke (weibliche Gonaden). Allerdings kann in seltenen Fällen ein Mensch gleichzeitig Gewebe der Hoden und der Eierstöcke haben.

3. Das hormonale Geschlecht

Die Hormone, die von Hoden und Eierstöcken produziert werden, spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des männlichen oder weiblichen Körpers vor der Geburt und während der Pubertät. Ein Mangel, eine Unausgewogenheit oder ein Überschuss dieser Hormone kann einen entscheidenden Einfluss auf Anatomie und Physiologie eines Menschen haben.

4. Die inneren Geschlechtsorgane

Das männliche Geschlecht hat Samenleiter, Samenbläschen, eine Prostata usf., während das weibliche Geschlecht Eileiter, einen Uterus, eine Vagina usf. aufweist. In seltenen Fällen sind diese Organe unterentwickelt oder sie fehlen ganz.

5. Die äußeren Geschlechtsorgane

Das männliche Geschlecht hat einen Penis und einen Hodensack; das weibliche Geschlecht eine Klitoris, große und kleine Schamlippen usf. In seltenen Fällen sind diese Organe unterentwickelt oder sie fehlen ganz.

6. Das zugewiesene oder anerzogene Geschlecht

Ein Kind, das männliche Geschlechtsmerkmale aufweist, wird gewöhnlich als Junge erzogen. Ein solches Kind könnte aber auch als Mädchen erzogen werden und umgekehrt.

7. Die geschlechtliche Selbstidentifizierung

Ein Kind, das männliche Geschlechtsmerkmale aufweist und das dazu erzogen wird, eine männliche Rolle anzunehmen, wird sich auch meist selbst als männlich identifizieren. Es ist jedoch möglich, dass sich ein solches Kind trotz aller elterlichen Einflussnahme im Laufe der Zeit als weiblich begreift. Umgekehrt ist es möglich, dass ein Kind, das weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist und das dazu erzogen wird, eine weibliche Rolle anzunehmen, sich selbst dennoch als männlich idenfiziert.

Wissenschaftler haben jetzt festgestellt, dass diese sieben Variablen unter Umständen voneinander unabhängig sind. Beispielsweise kann ein neugeborenes Kind weibliche innere Geschlechtsorgane haben, während die äußeren Geschlechtsorgane „unvollständig männlich" erscheinen. Dieses irreführende äußere Erscheinungsbild kann dazu führen, dass man das Kind für einen Jungen hält und so erzieht. (Vgl. Kap. 5.3 „Sexuelle Fehlbildungen",) Ein anderes Beispiel sind Menschen, deren geschlechtliche Selbstidentifizierung dem Geschlecht widerspricht, das ihnen zugewiesen wurde. (Vgl. Kap. 8.4 „Transsexualität",) Solche Widersprüchlichkeiten bringen natürlich unter Umständen erhebliche medizinische und soziale Probleme mit sich. Glücklicherweise können die meisten Menschen nach allen sieben Kriterien klar als männlich oder weiblich eingeordnet werden, und sie benötigen daher keiner besonderen Beratung und Hilfe im Verlauf ihrer sexuellen Entwicklung.

Aber selbst dort, wo Männlichkeit oder Weiblichkeit außer Zweifel stehen, kann Unsicherheit über die angemessenen sozialen Rollen von Männern und Frauen bestehen bleiben. So nahm man in der Vergangenheit oft an, Männer und Frauen hätten wenig gemeinsam. Man erwartete nicht nur, dass sie unterschiedlich aussahen, sie sollten sich auch unterschiedlich verhalten. Solche Rollenerwartungen führten in den meisten Gesellschaften zur Entwicklung verschiedener sozialer Rollen und Sittengebote für beide Geschlechter.

Die neuere Forschung hat erhebliche Zweifel an diesen früheren Selbstverständlichkeiten aufgeworfen; ein wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern bleibt jedoch unumstritten: derjenige der Zeugungsfunktion. Zwar bedarf es zur Zeugung neuen menschlichen Lebens beider Geschlechter, aber die Frauen allein empfangen, gebären und nähren Kinder. In jeder anderen Hinsicht sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aber längst nicht so grundlegend, wie es manchmal scheint. Viele männliche und weibliche Eigenschaften, die man früher als angeboren und unveränderlich

betrachtet hat, haben sich als anerzogen erwiesen, das heißt als Ergebnis kultureller Einflüsse. Es ist natürlich nicht immer einfach, biologisches Erbe von sozialem Einfluss zu trennen. Die wissenschaftliche Untersuchung dieser Fragen steht erst am Anfang. Einstweilen sollten wir uns aber auf die vielen Gemeinsamkeiten der Geschlechter besinnen. Männer und Frauen würden sich sicher viel besser verstehen, wenn sie wüssten, wie vieles sie anatomisch und physiologisch gemeinsam haben.

1.1 Die Entwicklung der männlichen und weiblichen Anatomie

Der anatomische Unterschied zwischen Männern und Frauen ist nicht sehr groß. Auch die Struktur ihrer Geschlechtsorgane ist sehr ähnlich, und in den frühen Entwicklungsstadien sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Erst spätere strukturelle Veränderungen führen dazu, dass männliche und weibliche Geschlechtsorgane einander ergänzen, aber selbst dann kann man ihre gemeinsame ursprüngliche Struktur noch erkennen. Das bedeutet also, dass, obwohl die Unterschiede zwischen den Geschlechtern (wie alle übrigen Körpermerkmale des Menschen) bereits im befruchteten Ei festliegen, sie sich doch erst im Laufe der Zeit manifestieren. In bestimmten seltenen Fällen kann diese Entwicklung aufgehalten werden und unvollendet bleiben (vgl. Kap. 5.3 „Sexuelle Fehlbildungen").

Wie oben ausgeführt, ist es in bestimmten Fällen schwierig, einen Menschen als männlich oder weiblich einzuordnen. Im täglichen Leben geben wir uns jedoch meist damit zufrieden, das Geschlecht eines Menschen nach gewissen offensichtlichen körperlichen und psychischen Merkmalen zu bestimmen. Solche Eigenschaften werden herkömmlicherweise als Geschlechtsmerkmale bezeichnet und man kann sie in drei Gruppen zusammenfassen:

1. Die primären Geschlechtsmerkmale sind die äußeren Geschlechtsorgane. Sie sind bei der Geburt bereits vorhanden und sie erlauben es, das Geschlecht eines neugeborenen Kindes zu bestimmen.

2. Die sekundären Geschlechtsmerkmale entwickeln sich während der Pubertät und verstärken die körperlichen Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht.

3. Die tertiären Geschlechtsmerkmale sind die psychischen Qualitäten, die bei dem einen Geschlecht gefördert, bei dem anderen unterdrückt werden.

Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale sind biologisch festgelegt, sie bestimmen, ob ein Mensch männlich oder weiblich ist. Tertiäre Geschlechtsmerkmale sind kulturell festgelegt, sie bestimmen, ob ein Mensch maskulin oder feminin ist.

Die folgenden Abschnitte beschränken sich auf die Beschreibung körperlicher Merkmale, Psychologische Aspekte der geschlechtlichen Differenzierung werden in Kap, 6 „Die Entwicklung des Sexualverhaltens" und Kap. 9 „Die sozialen Rollen von Mann und Frau" behandelt.

1.1.1 Die primären Geschlechtsmerkmale

Die äußeren Geschlechtsorgane, das deutlichste Geschlechtsmerkmal, erlauben es, ein neugeborenes Kind als männlich oder weiblich zu bezeichnen.

Obwohl männliche und weibliche Geschlechtsorgane äußerlich sehr unterschiedlich sind, sind sie sich in Anlage und Struktur sehr ähnlich. Sie entwickeln sich aus den gleichen embryonalen Strukturen. Unterschiede entstehen erst nach und nach im Verlauf der vorgeburtlichen Entwicklung (vgl. Kap. 4.2 „Die Schwangerschaft"). Ihre volle Funktion erreichen die Geschlechtsorgane erst nach der Pubertät, wenn ihr Wachstum durch hormonelle Einflüsse zum Abschluss gekommen ist (vgl. Kap. 1.2 „Die Bedeutung der Hormone").

Das männliche Geschlecht

In den ersten Wochen nach der Empfängnis sind das männliche wie das weibliche Embryo winzige Organismen ohne erkennbare menschliche Züge. Sie haben jedoch einen Kopf und Ansätze von Gliedmaßen, die sich zu Armen und Beinen zu entwickeln beginnen. Das Embryo besitzt außerdem eine Gewebeleiste, die sich zu Geschlechtsorganen entwickeln kann. Man kann schon in diesem Stadium frühe Formen von Keimdrüsen (oder Gonaden) nachweisen, jedoch zu diesem Zeitpunkt noch ohne geschlechtliche Differenzierung, das heißt sie sehen für beide Geschlechter gleich aus. Äußerlich kann man an der Stelle, an der später die Geschlechtsorgane wachsen, eine Ausbuchtung (die die männliche Differenzierung andeutet) mit einer Einbuchtung (die die weibliche Differenzierung andeutet) erkennen. Gegen Ende des dritten Schwangerschaftsmonats nimmt das Embryo mehr und mehr menschliche Züge an. Beim männlichen Embryo entwickeln sich aus den bis dahin undifferenzierten Gonaden die Hoden. Die Ausbuchtung nimmt die Form eines Penis an, die Einbuchtung schließt sich. (Einen Hinweis auf diese ursprüngliche Einbuchtung stellt die leicht gerötete „Narbe" dar, die beim Mann an der Unterseite des Penis, von der Glans bis zum Anus verläuft.) Zwei Hautfalten auf jeder Seite der Ausbuchtung entwickeln sich zum Hodensack. (Beim weiblichen Embryo bilden sie die großen Schamlippen.)

Im weiteren Verlauf der Embryonal- und Fötalentwicklung wachsen die Geschlechtsorgane mit dem gesamten Körper mit. Zwischen dem siebten und neunten Entwicklungsmonat senken sich die Hoden normalerweise in den Hodensack ab.

Zwischen Geburt und Pubertät vollziehen sich an den Geschlechtsorganen keine entscheidenden Veränderungen. Erst im Alter zwischen-12 und 17 Jahren stellen Jungen im Normalfall eine merkliche Vergrößerung ihrer Geschlechtsorgane fest, und sie haben dann auch meist ihren ersten Samenerguss. Um den Penis herum beginnen die ersten Schamhaare zu wachsen. Das weist darauf hin, dass die Geschlechtsorgane ihren Reifeprozess abschließen. (Vgl. a. Kap. 2.1 „Die männlichen Geschlechtsorgane".)

Das weibliche Geschlecht

Weibliche und männliche Embryonen sind in den ersten Lebenswochen sexuell undifferenziert. Sie verfügen über eine für beide Geschlechter gleiche Genitalleiste. Äußerlich zeigt sich beim weiblichen Embryo, wie beim männlichen, eine Ausbuchtung mit einer Einbuchtung an der Stelle, an der die Geschlechtsorgane sich entwickeln werden. Beim weiblichen Embryo entwickelt sich die Ausbuchtung zur Klitoris, die Einbuchtung bleibt offen und bildet die kleinen Schamlippen und den vorderen Teil der Vagina (das Vestibulum). Zwei Hautlappen auf jeder Seite entwickeln sich zu den großen Schamlippen (beim männlichen Embryo bilden sie den Hodensack). Die Genitalleisten, die beim männlichen Embryo zu Hoden werden, entwickeln sich beim weiblichen zu Ovarien.

Von der Geburt bis zur Pubertät vollziehen sich an den Geschlechtsorganen von Mädchen keine entscheidenden Veränderungen. Zwischen dem elften und dreizehnten Lebensjahr beginnt die Schambehaarung zu wachsen,

und es ist die erste Menstruation zu erwarten. Dies sind äußere Hinweise auf die sich abschließende sexuelle Reife. (Vgl. a. Kap. 3.1 „Die weiblichen Geschlechtsorgane".)

1.1.2 Die sekundären Geschlechtsmerkmale

Die sekundären Geschlechtsmerkmale bilden sich während der Pubertät unter dem Einfluss von bestimmten Hormonen aus. Sie werden zuerst beim weiblichen Geschlecht sichtbar, etwas später beim männlichen. Nach Abschluss des körperlichen Wachstums sind die physiologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen deutlich sichtbar. (Vgl. a. Kap, 1.2 „Die Bedeutung der Hormone".)

Die folgenden Abschnitte fassen die körperlichen Veränderungen während der Pubertät zusammen. Diese Veränderungen vollziehen sich manchmal nur

sehr langsam, über einen Zeitraum von bis zu einem Jahrzehnt, oder sie treten ganz plötzlich auf und sind nach einem oder zwei Jahren abgeschlossen. Gesellschaftliche Lebensbedingungen, Ernährung und Klima können dies beeinflussen, Erbanlagen spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle. Asiatische Männer sind zum Beispiel meist weniger muskulös als europäische, und haben auch weniger Gesichts- und Körperhaare.

Das männliche Geschlecht

Die ersten körperlichen Veränderungen in der Pubertät sind beim männlichen Geschlecht eine Vergrößerung von Hoden und Penis sowie das Wachsen von Schamhaaren. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass der körperliche Reifeprozess seinem Abschluss entgegengeht. Zu diesem Zeitpunkt kann auch der erste Samenerguss erfolgen. Das Ejakulat enthält unter Umständen noch keine Samenzellen, sondern besteht hauptsächlich aus Prostatasekret. (Der erste Samenerguss kann bei der Masturbation oder spontan im Schlaf vorkommen. Letzteres liegt dem Begriff der „feuchten Träume" zugrunde.)

Während der Pubertät wächst der Körper rasch zur endgültigen Größe heran. Die Schultern werden breiter als die Hüften, der Brustumfang nimmt zu, die Muskeln an Armen, Beinen und Schultern werden stärker und deutlich sichtbar. Die Schambehaarung wird dichter und krauser, sie bildet nach und nach ein Dreieck, dessen Spitze auf den Nabel zeigt. In den Achselhöhlen - bei manchen Männern auch auf der Brust - beginnen Haare zu wachsen. Männer haben im allgemeinen eine stärkere Behaarung als Frauen. Am deutlichsten ist dies bei der Gesichtsbehaarung, die unrasiert einen Bart bildet. Gleichzeitig mit dem Wachstum der Geschlechtsorgane vergrößert sich beim Mann auch der Kehlkopf (der „Adamsapfel"). Männer haben daher meist eine tiefere Stimme als Frauen.

Das weibliche Geschlecht

Die körperlichen Veränderungen während der Pubertät verlaufen bei dem weiblichen Geschlecht in folgender Reihenfolge: Zunächst vergrößern sich die Brüste. Dann zeigen sich um die äußeren Schamlippen herum die ersten Haare, die zunächst glatt, später kraus sind. Die Schambehaarung bildet ein Dreieck, das nach unten zeigt. Später wachsen auch in den Achselhöhlen Haare. Gleichzeitig vollzieht sich das abschließende Körperwachstum, die Hüften werden breiter als die Schultern. Fettgewebe um die Brüste, Schultern, Hüften und am Gesäß geben dem weiblichen Körper ein runderes Aussehen. Die erste Menstruation (auch Menarche genannt) zeigt an, dass der Reifeprozess seiner Vollendung entgegengeht. Die Menstruationszyklen sind zunächst unregelmäßig, und es muss noch kein Eisprung stattfinden. Das bedeutet, dass ein Mädchen eine Zeitlang zwar menstruiert, aber noch weitgehend unfruchtbar sein kann. Die meisten Frauen erlangen erst ein oder zwei Jahre nach der ersten Menstruation ihre volle Fortpflanzungsfähigkeit.

Bei Frauen kommt es zu keinem wesentlichen Kehlkopfwachstum und daher auch nicht zum Stimmbruch wie bei Männern. Frauen sind allgemein auch weniger muskulös und etwas kleiner als Männer.

Die Brüste haben am Ende der Pubertät ihre typische Form erreicht und stellen das auffälligste sekundäre weibliche Geschlechtsmerkmal dar. Sie können jedoch bis nach der ersten Schwangerschaft keine Milch produzieren (vgl. a. Kap. 4.3 „Die Geburt").

Atlas-12.jpg

Die sekundären Geschlechtsmerkmale

Männer: meist größer und schwerer als Frauen.

1. Haupthaar: Haarausfall mit fortschreitendem Alter; 2. Gesichtshaar: ständiges Wachstum beim Erwachsenen; 3. Gesichtszüge: kantiger, Gesicht länger, Längsumfang des Kopfes (Stirn-Nacken) länger; 4. Hals: stärker, länger, Kehlkopf um ein Drittel größer; 5. Schultern: breiter, kantiger; 6. Brustkorb: in allen Richtungen größer; 7. Körperbehaarung: ausgeprägter, besonders an Brust und Armen; 8. Brüste: kaum entwickelt; 9. Muskeln: stärker und ausgeprägter; 10. Arme: länger und dicker, Streckachse gerade; 11. Schambehaarung: nach oben spitz zulaufendes Dreieck; 12. Hüften: schmaler; 13. Hände und Füße: größer, Finger und Zehen kräftiger und gröber; 14. Oberschenkel: eher zylindrisch, mit ausgeprägter Muskulatur; 15. Beine: länger, deutlich hervortretende Waden; 16. Oberschenkel-Unterschenkel-Achse: wie die Streckachse des Armes bildet sie eine gerade Linie vom Hüftgelenk zum Knöchel.

Frauen: allgemein kleiner und leichter als Männer,

1. Haupthaar: wenig Haarausfall; 2. Gesichtshaar: sehr dünn, meist erst mit fortschreitendem Alter sichtbar; 3. Gesichtszüge: feiner, rundere Gesichtsform, Kopf kleiner und (von oben gesehen) runder; 4. Hals: kürzer und rundlicher, Kehlkopf kleiner; 5. Schultern: gerundeter, nach den Seiten hin abfallend; 6. Brustkorb: kleiner, schmaler; 7. Körperbehaarung: wenig und dünn; 8. Brüste: deutlich sichtbar, ausgeprägte Brustwarzen mit Warzenhof; 9. Muskeln: unter einer Schicht Fettgewebe weitgehend verborgen; 10. Arme: Streckachse gebeugt; 11. Schambehaarung: bildet ein mit gerader Linie nach oben abschließendes Dreieck; 12. Hüften: breiter, gerundeter; 13. Hände und Füße: kleiner und schmaler; 14. Oberschenkel: oben breiter, insgesamt kürzer; 15. Beine: kürzer, in den Konturen weicher; 16. Oberschenkel-Unterschenkel-Achse: wie die Streckachse des Armes bildet sie einen nach außen offenen Winkel über dem Kniegelenk.

 

1.2 Die Bedeutung der Hormone

Die gesunde anatomische und physiologische Entwicklung von Mann und Frau sowie die Fähigkeit zur Fortpflanzung werden von bestimmten Drüsen gesteuert. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Drüsen und der durch sie produzierten Stoffe ist noch nicht abgeschlossen, und vieles ist noch nicht abschließend geklärt.

Einige der auffälligeren Drüsen (wie die der Mundhöhle, der Haut oder der weiblichen Brust), die ihre Sekrete (Speichel, Schweiß, Milch) durch Ausführungsgänge an die Oberfläche führen, sind den Menschen seit langem bekannt. Diese Sekrete können einfach entdeckt, verfolgt und gemessen werden, und sie erfüllen eine klare Funktion an einer bestimmten Stelle. Der menschliche Körper verfügt aber auch über Drüsen ohne Ausführungsgänge, die ihre Sekrete unmittelbar in die Blutbahn abgeben. Man nennt diese Drüsen endokrin (von griech. endokrinein: nach innen absondern). Die Sekrete dieser Drüsen, die stimulierend und regulierend auf bestimmte, oft weit entfernte Organe wirken, werden als Hormone bezeichnet (von griech. hormaein: antreiben, erregen). Der menschliche Körper hat eine Reihe verschiedener endokriner Drüsen, die eine Vielzahl von Hormonen mit unterschiedlichen Funktionen produzieren. Der folgende Abschnitt beschränkt sich auf eine Darstellung der Hormone, die auf die menschlichen Sexual- und Fortpflanzungsfunktionen Einfluss nehmen.

Bezogen auf Sexualität und Fortpflanzung sind die wichtigsten endokrinen Drüsen die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) und die männlichen und weiblichen Keimdrüsen (die Gonaden). Die Hirnanhangsdrüse, die sich unter dem vorderen Teil des Großhirns befindet, spielt eine übergeordnete Rolle, da ihre Hormone andere endokrine Drüsen stimulieren und koordinieren. Von den Hormonen der Hypophyse sind in unserem Zusammenhang das „Follikel-stimulierende Hormon" (FSH) und das „Luteinisierende Hormon" (LH) von besonderem Interesse. Diese Hormone stimulieren die Hormonproduktion in den männlichen und weiblichen Gonaden. (Beim Mann wird LH gewöhnlich als „Zwischenzellen-stimulierendes Hormon" (engl. Abk. ICSH) bezeichnet, da es auf die Zwischenzellen wirkt, die in den Hoden Sexualhormone produzieren.)

Als Keimdrüsen oder Gonaden werden beim männlichen Geschlecht die Hoden, beim weiblichen Geschlecht die Eierstöcke bezeichnet (vgl. a. Kap. 2.1 „Die männlichen Geschlechtsorgane" und Kap. 3.1 ,,Die weiblichen Geschlechtsorgane"). Die von den Keimdrüsen produzierten Hormone werden auch als Gonadenhormone bezeichnet und in bestimmte Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe, die besonders beim männlichen Geschlecht eine Rolle spielt, sind die Androgene. Eine Gruppe, die vor allem beim weiblichen Geschlecht eine Rolle spielt, sind die Östrogene. (Die weiblichen Keimdrüsen produzieren darüber hinaus ein weiteres Hormon, das Progesteron, das für die Fortpflanzungsfunktion eine wesentliche Rolle spielt.) Obwohl im männlichen Körper überwiegend Androgene, im weiblichen Körper überwiegend Östrogene vorhanden sind, sind für jeden Menschen beide Hormongruppen von Bedeutung. Die Gonadenhormone spielen eine wesentliche Rolle beim geschlechtlichen Reifeprozess, sie haben sogar vor der Geburt bereits einen entscheidenden Einfluss.

Wie bereits erwähnt, ist das menschliche Embryo in den ersten Lebenswochen sexuell undifferenziert, und die frühen Anlagen der Gonaden sind in beiden Geschlechtern gleich. Dort, wo die äußeren Geschlechtsorgane sich entwickeln werden, findet sich eine Ausbuchtung (als Hinweis auf das männliche Geschlecht) und eine Einbuchtung (als Hinweis auf das weibliche Geschlecht) . Deutliche Geschlechtsunterschiede treten erst gegen Ende des

zweiten Schwangerschaftsmonats auf. Bei männlichen Embryonen führt die beginnende Produktion des Hormons Testosteron (eines der Androgene) zur schrittweisen Umwandlung des embryonalen Genitalhöckers zum Penis. Der urogenitale Spalt, auf der Unterseite des Penis, schließt sich und bildet eine Röhre: die Harnröhre. Die Gonaden werden jetzt als Hoden erkennbar, und sie senken sich in den letzten Wochen vor der Geburt in den Hodensack ab. Ohne diese vorgeburtliche Einwirkung von Testosteron ist eine normale anatomische Entwicklung beim männlichen Geschlecht nicht möglich.

Bei weiblichen Embryonen benötigt die embryonale Entwicklung keine besonderen Steuerungsmechanismen, da ihre äußeren und inneren Geschlechtsorgane sich sozusagen „von selbst" entwickeln. (In diesem Sinn könnte man daher das weibliche Geschlecht auch als das „fundamentale" oder „ursprüngliche" bezeichnen.) Wenn also eine spezifische Steuerung durch Androgene ausbleibt, verwandeln sich die zunächst undifferenzierten Gonaden in Ovarien. Der Genitalhöcker entwickelt sich zur Klitoris. (Im Vergleich zum Penis bleibt die Klitoris wesentlich kleiner, da sie nicht von Testosteron in ihrem Wachstum beeinflusst wird.) Der Urogenitalspalt bleibt offen und vertieft sich und bildet die kleinen Schamlippen und den Vorhof der Vulva.

In der Zeit zwischen Geburt und Pubertät findet beim Menschen keine wesentliche sexuelle Entwicklung statt. Androgen- und Östrogenspiegel sind niedrig und bei beiden Geschlechtern fast gleich. Ungefähr im Alter von acht Jahren beginnen die Hormonspiegel zu steigen. Im Alter von zehn oder elf Jahren wird dieser Anstieg noch deutlicher, besonders bei Mädchen. Die Hirnanhangsdrüse schüttet große Mengen von FSH und LH (ICSH bei Jungen) aus, die die Sekretion von Gonadenhormonen und die Produktion von Spermien in den Hoden und von Eizellen in den Ovarien steuern. Bei Jungen liegt die Androgenproduktion etwas höher als die Östrogenproduktion, Mädchen haben deutlich höhere Östrogen- als Androgenspiegel. Ergebnis dieser starken hormoneilen Beeinflussung ist die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale. In diesem allgemeinen körperlichen Reifeprozess entwickelt sich auch das Nervensystem weiter. Es werden so die Voraussetzungen für die volle sexuelle Reaktion von Männern und Frauen geschaffen.

In den seltenen Fällen, in denen Jungen oder Mädchen keine oder nur unterentwickelte Gonaden haben, wird hiervon ihre gesamte körperliche Entwicklung beeinträchtigt. Die sexuelle Reaktion bleibt bei ihnen sehr begrenzt, sekundäre Geschlechtsmerkmale bilden sich natürlich nur geringfügig aus. Ein Junge, dessen Hoden sich nicht in den Hodensack absenken oder der vor der Pubertät kastriert wird, behält den Körperbau eines Knaben und hat kein Kehlkopfwachstum, also auch keinen Stimmbruch. Im Europa des 18. Jahrhunderts machten sich Musikfreunde diese Tatsache zunutze und führten für die Oper einen besonderen Stimmklang ein, die Kastratenstimme. Viele Jungen mit vielversprechenden Stimmen wurden kastriert, um ihre klangvolle hohe Stimme zu erhalten. Sie wurden dann einer intensiven musikalischen Schulung unterzogen, als Erwachsene wurden einige von ihnen Sopranisten oder Altisten von überragender Stimmgewalt und Virtuosität, denen ein Leben in Ruhm und Reichtum sicher war. Berühmte Komponisten wie Händel, Gluck und Mozart schrieben in ihren Opern umfangreiche Rollen für Kastraten. Da es diese Stimmen heute nicht mehr gibt, müssen solche Opern für heutige Stimmlagen umgeschrieben oder umbesetzt werden, oder sie werden nicht mehr aufgeführt.

Die Kastration von Erwachsenen hat nicht so deutliche Auswirkungen wie die von Kindern. Dies ist in vielen Ländern Asiens und des mittleren Ostens bekannt, wo in der Vergangenheit erwachsene männliche Sklaven oder Diener kastriert wurden, damit sie als Haremswächter nicht die Frauen ihrer Herren schwängern konnten, (Eine Sterilisation hätte allerdings dafür ausgereicht.) Abgesehen von ihrer Zeugungsunfähigkeit waren diese sogenannten Eunuchen oft körperlich in keiner Weise beeinträchtigt. Unsere heutige Vorstellung von kahlköpfigen und fettwanstigen Eunuchen mit Fistelstimmen ist falsch. Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts hatte eine bemerkenswert realistische Vorstellung von dieser biologischen Tatsache: In Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail" ist die Rolle des Haremswächters für einen tiefen Bass geschrieben, er wird darüber hinaus als ausgesprochener Lüstling dargestellt. Der Körper eines erwachsenen Menschen kann sich auf einen Mangel an Gonadenhormonen innerhalb weniger Monate einstellen, in manchen Fällen besteht allerdings die Möglichkeit vorzeitigen körperlichen Abbaus. Andererseits ist es heute jedoch möglich, die Folgen einer Kastration durch hormonelle Behandlung fast vollständig zu beheben.

Wie bereits erwähnt, sind noch immer viele Probleme im Zusammenhang der Hormone und ihrer Wirkungen ungelöst. Dennoch hat heute eine immer größere Zahl von Menschen eine allgemeine, wenn auch nicht sehr präzise Vorstellung von diesen Problemen. Man diskutiert Hormoneinflüsse heute schon fast so beiläufig und zwanglos wie eine Diät. Eine ganze Reihe verbreiteter Ansichten über die Bedeutung von Hormonen ist jedoch ausgesprochen verfehlt, besonders wenn es um sie in Verbindung mit Sexualität geht.

Ein Teil dieser Irrtümer hat seinen Ursprung in der Geschichte der Endokrinologie (der Wissenschaft von den endokrinen Drüsen und ihren Sekreten). Zu den ersten Hormonen, die man überhaupt entdeckte, gehörten die aus den Keimdrüsen. Da man aber schon wusste, dass die Keimdrüsen männliche und weibliche Keimzellen produzieren, bezeichnete man die Gonadenhormone ganz einfach auch als die Geschlechtshormone und teilte sie dann in männliche und weibliche Geschlechtshormone ein. Diese schlichte Analogie ist jedoch falsch. Während männliche Geschlechtszellen (Spermien) nur von Männern produziert werden (und mit dem Begriff „männlich" also richtig benannt sind), werden die sogenannten „männlichen" Sexualhormone (Androgene) von beiden Geschlechtern produziert. Entsprechend wird die weibliche Eizelle nur von Frauen produziert (und sie ist also mit dem Begriff „weiblich" charakterisiert), während die sogenannten „weiblichen" Sexualhormone (Östrogene) im männlichen wie im weiblichen Körper eine wichtige Rolle spielen. Die Unterscheidung zwischen „männlichen" und „weiblichen" Sexualhormonen ist daher irreführend. Es ist bedauerlich, dass die Gonadenhormone überhaupt zunächst als „Sexualhormone" bezeichnet wurden, weil das zu der irrigen Vorstellung geführt hat, dass sie das sexuelle Verhalten bestimmten. So sind manche Menschen der Ansicht, dass die Sexualhormone die unmittelbare Ursache für sexuelles Verlangen seien, dass also eine Zunahme dieser Hormone auch zu einer Zunahme des sexuellen Verlangens führe und eine Abnahme der Hormonspiegel den umgekehrten Effekt habe. So ist die Meinung weit verbreitet, man könne die sexuelle Aktivität eines Menschen unterbinden, indem man seine Geschlechtsdrüsen entfernt und ihn damit seiner „Geschlechtshormone" beraubt. In einigen Ländern werden Sittlichkeitsverbrecher kastriert, in der Annahme, dies allein würde ihr Verhalten bereits verändern. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch bewiesen, dass bei einem erwachsenen Mann die Entfernung oder der Verlust der Hoden nicht unbedingt sofort einen Einfluss auf seine sexuelle Leistungsfähigkeit hat. (Er wird natürlich zeugungsunfähig. Das gilt auch für die Frau, deren Eierstöcke nach der Menopause nicht mehr aktiv sind, deren sexuelle Reaktion dadurch jedoch keineswegs gemindert wird.) Allerdings kann eine zwangsweise Kastration zu erheblichen psychischen Schäden führen, vor allem wenn der Betroffene an die entscheidende Bedeutung der Gonaden glaubt. Auf diesem indirekten Weg kann es dann tatsächlich zu einer erheblichen Beeinträchtigung des sexuellen Leistungsvermögens kommen. Der Mangel an Androgenen allein bedeutet jedoch keinesfalls notwendig auch den Verlust sexueller Interessen. Oft ist die Häufigkeit sexueller Aktivität herabgesetzt, entscheidende Veränderungen treten jedoch unter Umständen erst Jahre später zutage.

Die breite Öffentlichkeit begreift vielfach noch nicht, dass beim Menschen die Fähigkeit zur Fortpflanzung und zur sexuellen Betätigung zwei verschiedene Dinge sind. Während die Keimdrüsen für die Fortpflanzung unerlässlich sind, sind sie dies nicht unbedingt für die sexuelle Reizbarkeit beim Erwachsenen. Das heißt, ohne Geschlechtszellen (Spermien und Eizellen) ist keine Fortpflanzung möglich; sexuelle Aktivität ist jedoch auch ohne die „Geschlechtshormone" (Androgene und Östrogene) sehr wohl möglich.

Weiterführende Literatur

Avers, C. J.: Einführung in die Sexualbiologie, Stuttgart (UTB), 1976.

Bischof, N., Preuschoft, H. (Hrsg.); Geschlechtsunterschiede, Entstehung und Entwicklung. Mann und Frau in biologischer Sicht. München (Deck), 1980.

Hubert, W.: Sexual- und Entwicklungsbiologie des Menschen. München (dtv), 1978.

Keller, H. (Hrsg.): Geschlechtsunterschiede. Psychologische und physiologische Grundlagen der Geschlechtsdifferenzierung. Weinheim (Beltz), 1979.

Money, J., Ehrhardt, A.: Männlich, weiblich, Die Entstehung der Geschlechtsunterschiede (Man and woman, boy and girl, dt.), Reinbek (Rowohlt), 1975.

Money, J., Tucker, P.: Sexual signatures. On being a man or a woman. Boston (Little, Brown), 1975.

2. Der männliche Körper


Männer und Frauen gelten als geschlechtsreif, wenn sie fähig sind, Kinder zu zeugen. Da beide Geschlechter verschiedene Rollen bei der Entstehung neuen Lebens spielen, weisen auch ihre Körper eine Reihe wesentlicher Unterschiede auf. Diese Unterschiede (aber auch die Ähnlichkeiten) zu verstehen, kann Männern und Frauen dazu verhelfen, eine glückliche Liebesbeziehung zu entwickeln und sich ihrer besonderen Verantwortung als mögliche Eltern bewusst zu werden. Daher scheint es sinnvoll, die sexuelle Anatomie und Physiologie von Mann und Frau in zwei verschiedenen Abschnitten zu betrachten. Auf den folgenden Seiten wird der männliche Körper unter denjenigen Gesichtspunkten besprochen, die für sexuelle Aktivität und Zeugung relevant sind.

2.1 Die männlichen Geschlechtsorgane

Seit den frühen Tagen der Menschheit hat man den Geschlechtsorganen eine besondere Bedeutung zugemessen und sie als wesentlich verschieden von allen übrigen Körperteilen interpretiert. In früheren Kulturen wurden sie religiös verehrt, und man glaubte, dass sie magische Kräfte besäßen. Das Gegenteil ist in unserem Kulturkreis der Fall; man hielt Geschlechtsorgane lange Zeit eher für eine Peinlichkeit. Es gab sogar Zeiten, zu denen die Geschlechtsorgane für so abstoßend, beschämend und schmutzig galten, dass man sie überhaupt nicht erwähnen durfte. Im Lauf der Zeit wurde schon der Gedanke an sie unanständig; schließlich schien man übereinzukommen, dass es sie gar nicht gäbe.

Während heute die wenigsten Menschen noch so übertrieben reagieren, ist eine offene Aussprache über sexuelle Dinge für viele nach wie vor ungewohnt. Man muss auch zugeben, dass unsere Umgangssprache für sexuelle Fragen bemerkenswert ungeeignet zu sein scheint. Die meisten Begriffe enthalten eher moralische Wertungen als wissenschaftliche Beobachtungen. Rein beschreibende, genaue Begriffe sind eher selten. In medizinischen Fachbüchern und Unterrichtswerken zum Beispiel werden die Geschlechtsorgane als „Genitalien" (vonlat. genitalia: Zeugungsorgane) oder „Reproduktionsorgane" bezeichnet. Diese Bezeichnungen betonen die Fortpflanzungsfunktion der Geschlechtsorgane und unterschlagen dabei ihre Lustfunktion. Eine so einseitige Wortwahl kann leicht zu einseitigen Anschauungen führen. Denn tatsächlich dienen die sogenannten „Fortpflanzungsorgane" nicht überwiegend der Fortpflanzung, sondern der sexuellen Lust. Das wird besonders bei Kindern deutlich, die Orgasmen haben können, lange bevor sie fortpflanzungsfähig sind. Dass die Geschlechtsorgane auch eine Fortpflanzungsfunktion haben, ist tatsächlich erst relativ spät entdeckt worden. Es gab Naturvölker, die diese Verbindung nicht herstellten, obgleich sie offensichtlich ein befriedigendes Geschlechtsleben führten.

Auch der in diesem Buch verwandte Ausdruck „Geschlechtsorgane" ist nicht sehr genau, da er eine Doppelbedeutung hat. In erster Linie bezeichnet

Die äußeren männlichen Geschlechtsorgane vor (1) und nach (2) der Pubertät

dieser Begriff die Organe, die das Geschlecht eines Menschen bestimmen. In diesem Sinne bezeichnen die Geschlechtsorgane den größten Unterschied zwischen den Geschlechtern, und man nennt sie deshalb die primären Geschlechtsmerkmale. Zum anderen weist das Wort „Geschlechtsorgane" aber auch darauf hin, dass sie beim Geschlechtsleben des Menschen eine Rolle spielen. Manche Menschen sind so immer noch der Auffassung, dass nur diese Organe etwas mit dem Geschlechtsverkehr zu tun haben. Die sexuelle Reaktion des Menschen ist jedoch nicht auf einige wenige Organe beschränkt, sondern ist eine Reaktion des ganzen Körpers. Mund und Haut beispielsweise sind ebenfalls als „Geschlechts"-Organe anzusehen, weil sie sexuelle Reize übermitteln und empfangen. Nur wenn man sich dieser wichtigen Tatsache bewusst ist, ist es vertretbar, den Begriff „Geschlechtsorgane" in dem hier gewählten engeren Sinn zu gebrauchen.

Für manche Menschen klingen die gängigen medizinischen Fachausdrücke zu technisch und zu eindeutig. Sie ziehen es vor, umschreibend von ihrem „Intimbereich" zu reden. Diese Wortwahl legt es nahe, die Geschlechtsorgane als etwas nicht zu Benennendes und zu Versteckendes zu betrachten, etwas Persönlicheres als zum Beispiel den Mund, die Augen und die Ohren. Diese Einstellung ist jedoch Ausdruck eines moralischen Wertsystems, das keineswegs immer so gegolten hat. Es gab Kulturen, in denen diese sogenannten „intimen Organe" vollkommen öffentlich waren, wo riesige Darstellungen männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane Tempel, Theater und öffentliche Plätze schmückten. Darüber hinaus gab es Kulturen, in denen nicht nur die Nacktheit gefördert wurde, sondern wo auch Geschlechtsorgane mit kunstvollen Ornamenten geschmückt und so besonders hervorgehoben wurden.

Junge Menschen von heute haben ebenfalls eine relativ offene Haltung gegenüber der Sexualität. Sie erschrecken oder ekeln sich im allgemeinen vor keinem bestimmten Körperteil; statt dessen sind sie einfach neugierig. Für sie ist Sexualität einfach ein Aspekt des Lebens, mit dem sie vertraut werden müssen. Besonders während der Pubertät, wenn sie ihre eigene sexuelle Reifung beobachten, empfinden sie allerdings ihren Körper manchmal fremd und ungewohnt. Sie fordern daher eine objektive Aufklärung. Da solche Aufklärung immer leichter zu erhalten ist, werden auch die Geschlechtsorgane mehr und mehr ihre frühere Aura des Geheimnisvollen verlieren. Andererseits kann das richtige Verständnis von den eigenen Geschlechtsorganen, ihrer Anatomie und ihrer Funktion erheblich dazu beitragen, ein gesundes und produktives Leben zu führen.

Die folgenden Seiten geben eine eingehende Beschreibung der männlichen Geschlechtsorgane. Dabei werden zunächst die äußeren Geschlechtsorgane beschrieben, denn ihnen gilt gerade seitens junger Menschen anfänglich das größte Interesse. Um jedoch ihre Funktion zu verstehen, muss man auch die inneren Geschlechtsorgane genauer betrachten, obwohl deren Existenz vielen Menschen niemals bewusst wird,

2.1.1 Die äußeren Geschlechtsorgane

Die männlichen äußeren Geschlechtsorgane bestehen aus Penis und Hodensack (Skrotum). Die Hoden und Nebenhoden, die im Hodensack liegen, werden im allgemeinen als innere Geschlechtsorgane bezeichnet, obwohl sie außerhalb der Bauchhöhle liegen.

Der Penis

Der Penis (von lat. penis; Schwanz, Glied) ist ein zylindrisches Organ, das ein schwellfähiges Gewebe besitzt. Das bedeutet: Über die ganze Länge des Penis erstrecken sich drei Schwellkörper; zwei verlaufen auf der Oberseite (die Corpora cavernosa) und einer entlang der Unterseite (das Corpus spon-

 

Atlas-15.jpg

1. Penis
2. Corpus cavernosum (ein Paar)
3. Corpus spongiosum
4. Vorhaut (Präputium)
5. Eichel (Glans)
6. Öffnung der Harnröhre (Urethra)
7. Hodensack (Skrotum)
8. Hoden (ein Paar)
9. Nebenhoden (Epididym; ein Paar)
10. Samenleiter (Vas deferens; ein Paar)
11. Samenblase (ein Paar)
12. Harnblase
13. Vorsteherdrüse (Prostata)
14. Harnröhre (Urethra)
15. Bulbourethraldrüse (Cowper-Drüse; ein Paar)
30 Der menschliche Körper

Die männlichen Geschlechtsorgane

giosum). In letzterem verläuft die Harnröhre (Urethra), die nicht nur zur Ausscheidung von Harn, sondern auch von Samenflüssigkeit dient. Große Arterien können diese Schwellkörper innerhalb sehr kurzer Zeit mit Blut füllen und dadurch vergrößern und versteifen. So kommt es zur Erektion des Penis. Umgekehrt lässt die Erektion nach, wenn das Blut abfließt. Erektionen des Penis werden gewöhnlich durch sexuelle Erregung ausgelöst, es gibt jedoch auch andere Ursachen (vgl. Kap. 2.2 „Die sexuelle Reaktion beim männlichen Geschlecht").

Bei einer Erektion vergrößert sich der Penis. Das ist möglich, weil seine Haut sehr elastisch und locker ist. An der Spitze des Penis hängt die Haut so locker, dass sie eine Hautfalte bildet, die man Vorhaut nennt. Diese Vorhaut bedeckt normalerweise die Spitze des Penis, die Eichel (lat. glans). Sie tritt während der Erektion ganz unter der Vorhaut hervor und ist in vielen Fällen dicker als der Peniskörper. Die Eichel ist die Verlängerung des Corpus spongiosum, und an ihrer Spitze tritt die Harnröhre aus. Ihre glatte Oberfläche ist mit zahllosen Nervenendigungen übersät und daher äußerst berührungsempfindlich, insbesondere an ihrem äußeren Rand. So spielt sie auch eine große Rolle für die sexuelle Lustempfindung beim männlichen Geschlecht.

Die Unterseite der Eichel ist durch ein dünnes Gewebeband (das Frenulum) mit der Vorhaut verbunden. Am Rande der Eichel und unter der Vorhaut liegen Drüsen, die eine käse-ähnliche Substanz absondern, das Smegma. Wenn die Vorhaut eng ist, kann sich dieses Smegma ansammeln und Reizungen hervorrufen. Zur täglichen Körperpflege gehört deshalb auch die Reinigung der Glans nach Zurückschieben der Vorhaut.

Eine zu enge Vorhaut (Phimose) ist einer der Gründe für die Beschneidung (einen verbreiteten chirurgischen Eingriff). Sie besteht darin, dass man die Vorhaut operativ entfernt. Unter Juden und Moslems hat die Beschneidung aus religiösen Gründen eine lange Tradition. Sie wird jedoch inzwischen auch sonst sehr häufig vorgenommen; in den Vereinigten Staaten wird fast jeder männliche Säugling kurz nach der Geburt beschnitten, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit. Die Beschneidung hat keinen Einfluss auf die sexuellen Fähigkeiten eines Mannes.

Beim erwachsenen Mann ist der Penis in schlaffem Zustand ungefähr 7,5 bis 10 cm lang, in erigiertem Zustand 13 bis 18 cm. Von dieser Regel gibt es jedoch Abweichungen. Im Gegensatz zu einem verbreiteten Irrglauben hat die Länge des Penis keinerlei Zusammenhang mit Körperbau, Hautfarbe oder der sexuellen Leistungsfähigkeit eines Mannes. Ein sehr kleingewachsener Mann hat manchmal einen längeren Penis als ein großer Mann (und umgekehrt), ein weißer Mann hat manchmal einen längeren Penis als ein schwarzer (und umgekehrt), ein Mann mit einem kleinen Penis hat manchmal mehr Orgasmen als ein Mann mit einem großen Penis (und umgekehrt). Daneben können sich Größenunterschiede des schlaffen Penis durch die Erektion ausgleichen.

Aus nicht ganz einsichtigen Gründen sind viele Männer unseres Kulturkreises in großer Besorgnis über die Größe ihres Penis. Zu einer solchen Besorgnis besteht jedoch überhaupt kein Anlass. Selbst wenn ein Penis während der Erektion relativ klein bleibt, erfüllt er genau die gleichen Voraussetzungen wie ein größerer. Die Vagina der Frau passt sich der Größe des Penis an, und da in den Vaginawänden selbst nur wenige Nervenenden verlaufen, hängen ihre Empfindungen in erster Linie von der Festigkeit der Muskeln der Scheidenöffnung und von psychischen Faktoren ab (vgl. Kap. 3.2 „Die sexuelle Reaktion beim weiblichen Geschlecht"). Entsprechendes gilt für die Empfindungen beim Analverkehr. Innerhalb des Schließmuskels des Anus gibt es so gut wie kein Gefühl. (Das ist nebenbei bemerkt auch der Grund, weshalb manche Menschen, die sich lange, harte Gegenstände in den Anus einführen, nicht merken, wenn sie sich dabei verletzen.)

Der Hodensack (Skrotum)

Der Hodensack ist eine Hauttasche, die die Hoden enthält. Er hängt zwischen den Schenkeln an der Peniswurzel. Die Haut des Hodensacks ist etwas dunkler gefärbt und enthält viele Schweißdrüsen. Das Innere ist in zwei getrennte Räume aufgeteilt, die je einen Hoden und die dazugehörigen Samenwege enthalten, die im Samenstrang in die Bauchhöhle führen. Im Samenstrang verläuft ein dünner Kanal, durch den die Spermien wandern, die Vas deferens. Diese Vas deferens wird bei der Vasektomie durchtrennt (vgl. a. Kap. 4.4 „Empfängnisverhütung"). Der Samenstrang enthält daneben Blutgefäße, Nerven und Muskeln. Diese Muskeln ziehen sich auf bestimmte Reize, besonders auf niedrige Temperatur, zusammen und ziehen die Hoden dichter an den Bauch heran. Ähnlich reagiert die Haut des Hodensacks, sie sieht dann dick und faltig aus. Gewöhnlich hängt der Hodensack jedoch locker, die Haut sieht glatt und weich aus. So reagiert der Hodensack gewissermaßen wie ein Thermostat, der eine gleichbleibende Temperatur für die Spermienbildung sichert. Diese Temperatur soll etwas niedriger als die des übrigen Körpers sein.

2.1.2 Die inneren Geschlechtsorgane

Die männlichen inneren Geschlechtsorgane bestehen aus den Hoden, die Hormone und Samenzellen produzieren, einem Netz von Kanälen, die Samenzellen transportieren und speichern, sowie weiteren zusätzlichen Organen, deren Sekrete Bestandteile der Samenflüssigkeit sind.

Die Hoden

Die Hoden (die männlichen Geschlechtsdrüsen oder Gonaden) werden während der Entwicklung des Embryos innerhalb der Bauchhöhle herangebildet. Sie senken sich jedoch gewöhnlich noch vor der Geburt des Kindes in den Hodensack ab. Beim geschlechtsreifen Mann sind die Hoden zwei ovale Körper von etwa 4 cm Länge, die in zwei getrennten Hüllen im Skrotum, außerhalb der Bauchhöhle, hängen. Obwohl beide Hoden ungefähr die gleiche Größe haben, hängt der linke gewöhnlich etwas tiefer, wodurch er größer wirken kann. Die Hoden haben eine doppelte Funktion:

• Sie produzieren die Samenzellen (Spermien), die durch ein System von Kanälen weitertransportiert und schließlich ejakuliert werden;

• sie produzieren Hormone, die unmittelbar in die Blutbahn abgegeben werden.

Die Produktion von Samenzellen

Ein Hoden besteht aus Hunderten von kleinen Abteilungen, die dichtgedrängte haarfeine Kanälchen enthalten. In diesen Hodenkanälchen findet die Spermienbildung (die Spermatogenese) statt. Dieser Prozess beginnt beim männlichen Geschlecht mit der Pubertät und hält das ganze Leben lang an. Die Bildung von Spermien vollzieht sich in drei Schritten:

1. Die erste Stufe beginnt mit den Zellen, die die Innenauskleidung der Hodenkanälchen bilden. Diese Zellen heißen Spermatogonien oder Ursamenzellen und besitzen, wie jede andere Zelle des Körpers, 46 Chromosomen, einschließlich eines X- und eines Y-Chromosoms. Durch Zellteilung entstehen aus diesen Ursamenzellen zwei identische Tochterzellen. Eine dieser Zellen tritt an die Stelle der alten Zelle. Die andere wandert in die Mitte des Kanals und wird dann „Primärspermatozyt" genannt.

2. Die Primärspermatozyten teilen sich nicht wie andere Zellen, sondern in der Weise, dass zwei neue Zellen mit je 22 Chromosomen und einem X- oder einem Y-Chromosom entstehen (Reduktionsteilung). Die zwei entstehenden neuen Zellen werden „Sekundärspermatozyten" genannt, sie enthalten jeweils nur den halben Chromosomensatz einer normalen Zelle, nämlich 23 statt 46 Chromosomen.

3. Die Sekundärspermatozyten wandern weiter zum Zentrum des Kanals und vollziehen eine normale Zellteilung, das heißt, sie verdoppeln sich. Die vier entstehenden Zellen werden „Spermatiden" genannt. Diese Spermatiden verändern ihre Form, bilden einen langen Schwanz aus (die Geißel) und werden so zu einer reifen Samenzelle. Für alle drei Stufen der Entwicklung werden insgesamt 64 Tage benötigt. Aus dem beschriebenen Verlauf wird deutlich, dass zwei Varianten der Samenzellen entstehen: eine, die ein X-Chromosom enthält (neben 22 weiteren Chromosomen), und eine andere, die ein Y-Chromosom enthält (neben 22 weiteren Chromosomen). Bei einer Befruchtung wird durch das X-Chromosom ein Mädchen gezeugt, durch das Y-Chromosom ein Junge (vgl. a. Kap. 4.1 „Die Empfängnis").

Die Produktion von Hormonen

Wie oben beschrieben, produzieren männliche und weibliche Gonaden (Hoden und Eierstöcke) auch Hormone. Diese Gonadenhormone werden in männliche Hormone (Androgene) und weibliche Hormone (Östrogene) eingeteilt. Diese Bezeichnung darf allerdings nicht missverstanden werden, da sowohl die „männlichen" als auch die „weiblichen" Hormone in jedem männlichen und jedem weiblichen Körper vorkommen. Nur die Menge dieser Hormone ist unterschiedlich. Vor der Pubertät sind die Androgen- und Östrogenspiegel bei Jungen und Mädchen fast gleich hoch. Während der körperlichen Reifung verschiebt sich dieses Gleichgewicht: Im männlichen Körper steigt der Androgenspiegel etwas höher als der Östrogenspiegel, im weiblichen Körper steigt der Östrogenspiegel sehr viel höher als der Androgenspiegel.

Dieser Androgenanstieg beim männlichen Geschlecht während der Pubertät bewirkt die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale, ähnlich wie die erhöhte Östrogenbildung beim weiblichen Geschlecht. Über die Rolle, die Hormone im menschlichen Körper spielen, bleibt noch viel zu forschen. Es gibt jedoch heute schon einige grundlegende Tatsachen, die als gesichert gelten können:

Während die Gonadenhormone zur körperlichen Reifung von jungen Menschen eine notwendige Voraussetzung sind, sind sie für die sexuelle Aktivität von Erwachsenen nicht unabdingbar. Das bedeutet, dass Gonadenhormone für das männliche und weibliche Geschlecht während des Heranwachsens notwendig sind, damit diese sich sexuell vollständig entwickeln. Ist diese Entwicklung jedoch einmal vollzogen, sind die Hormone für die sexuellen Funktionen nicht unentbehrlich. Seit langem ist bekannt, dass Frauen, deren Ovarien in der Menopause ihre Funktion vermindern, keine entsprechende Veränderung ihrer sexuellen Reaktion empfinden. Bezogen auf Männer, die beispielsweise infolge einer Kastration keine Gonadenhormone produzieren können, ist dies längst nicht so allgemein bekannt. Es gibt immer noch Länder, in denen erwachsene Männer kastriert werden in der Vorstellung, sie dadurch „von ihrem Trieb zu befreien". Die zugrundeliegende Annahme ist jedoch irrig. (Vgl. a. Kap. 1.2 „Die Bedeutung der Hormone".)

Das System der Genitalkanäle

Die in den Hoden produzierten Spermien werden bis zu dem Punkt, wo sie aus dem Körper ausgeschieden werden, durch ein System von Kanälen transportiert. Diese Kanäle sind paarweise angelegt und bestehen der Reihe nach aus: Nebenhoden (Epididymis), Samenleiter (Vas deferens) und Samenaus-

führungsgang. Sie führen von den Hoden bis in die Bauchhöhle und münden in die Harnröhre. Die Harnröhre ist also ein gemeinsamer Gang, durch den zu verschiedenen Zeiten Harn und Samen ausgeschieden werden.

Die Nebenhoden (Epididymides)

Die Samenzellen, die in den Hodenkanälchen ständig produziert werden, wandern in Sammelgänge, die an der Oberfläche des Hoden liegen. Diese Sammelgänge heißen Epididymides (Einzahl: Epididymis). Jeder von beiden ist insgesamt etwa 6 m lang. Da sie jedoch ein dichtes Knäuel bilden, wirken sie nicht größer als die Hoden. Die Samenzellen benötigen mehrere Wochen, um durch diese Sammelgänge hindurchzuwandern. In dieser Zeit entwickeln sie auch die Fähigkeit, sich selbst fortzubewegen.

Die Samenleiter (Vasa deferentia)

Wenn die Samenzellen die Sammelgänge durchwandert haben, erreichen sie einen kürzeren, verhältnismäßig geraden Gang, den Samenleiter (lat.: vas deferens). Dieser Gang führt vom Hodensack bis in das kleine Becken. Der untere Teil des Samenleiters kann durch die Haut des Hodensackes getastet werden. Da man seine Lage so einfach feststellen kann, ist es relativ einfach, ihn mittels Vasektomie zu durchtrennen (vgl. a. Kap. 4.4 „Empfängnisverhütung").

Innerhalb des kleinen Beckens beschreibt jeder der beiden Samenleiter eine weite Kurve bis hinter die Harnblase, vergrößert sich und bildet dann eine Art Beutel, die Ampulla (Plural: Ampullae). Hier werden die Samenzellen bis zur Ejakulation gespeichert. Die Ampullae treffen jede auf einen weiteren Gang, den Ausführungsgang der Samenblase (Vesicula seminalis), und bilden dann jeweils einen relativ kurzen geraden Gang, den Ejakulationsgang. Diese Ejakulationsgänge verlaufen durch die Vorsteherdrüse (Prostata) in die Harnröhre. Die Samenzellen sind, bevor sie die Ejakulationsgänge erreichen, noch relativ unbeweglich. Sie werden nicht so sehr durch die Eigenbewegung, sondern durch Flimmerhaare in der Innenauskleidung der Kanälchen und durch Muskelkontraktionen fortbewegt. Sofort nach der Ejakulation beginnen sie jedoch, sich lebhaft zu bewegen. Dieser plötzliche Wechsel wird durch die Sekrete verschiedener Drüsen verursacht, die zusammen die Samenflüssigkeit bilden. Erst in der Samenflüssigkeit entwickeln die Samenzellen ihre volle Beweglichkeit.

Die Harnröhre (Urethra)

Die Harnröhre ist ein Rohr, das von der Blase bis zur Spitze des Penis führt. (Sie sollte nicht mit den Harnleitern, den Uretern, verwechselt werden, die von den Nieren in die Blase führen.) Beim Mann erfüllt die Urethra zwei wichtige Funktionen; die Ausscheidung von Harn und Samen. (Aufgrund bestimmter Muskeln können Harn und Samen nicht gleichzeitig ausgeschieden werden.) Während der Harn direkt aus der Blase in die Harnröhre kommt, setzt sich die Samenflüssigkeit aus verschiedenen Sekreten zusammen, die durch verschiedene Öffnungen in der Wand der Harnröhre (hauptsächlich nahe der Prostata) in die Harnröhre gelangen.

Zusätzliche innere Geschlechtsorgane

Um nach der Ejakulation zu überleben, benötigen die Spermien eine dicke, nährende und schützende Flüssigkeit, die Samenflüssigkeit. Sie setzt sich aus Sekreten zusammen, die an mehreren Stellen in die Urethra eintreten. Die wichtigsten dieser Sekrete werden von den nachstehend beschriebenen Organen gebildet.

Die Samenblasen (Vesiculae seminales)

Die Samenblasen sind zwei Beutel, die dicht neben den Ampullae hinter der Blase liegen, nahe der Spitze der Prostata. Ursprünglich nahm man an, die Samenblasen seien zum Aufbewahren der neugebildeten Spermien da. Heute ist man jedoch überwiegend der Auffassung, dass ihre Hauptaufgabe darin besteht, eine Flüssigkeit zu produzieren, die zusammen mit dem Prostatasekret die Beweglichkeit der Spermien nach der Ejakulation gewährleistet.

Die Vorsteherdrüse (Prostata)

Die Prostata ist ein fester, runder Körper von der Größe einer Kastanie, sie liegt unmittelbar unter der Blase. Sowohl die Urethra als auch die Ejakulationsgänge führen durch sie hindurch. Die Prostata produziert ständig ein Sekret, das zum Teil mit dem Harn ausgeschieden wird. Es bildet jedoch vor allem den Großteil der Samenflüssigkeit,

Bei manchen älteren Männern vergrößert sich die Prostata und verursacht einen Druck auf den Teil der Harnröhre, den sie umschließt; das kann zu Schwierigkeiten beim Wasserlassen führen. In diesem Fall kann eine chirurgische Entfernung von Teilen der Prostata notwendig werden.

Die Bulbourethraldriisen (Cowper-Drüsen)

Unterhalb der Prostata liegen zwei erbsengroße Drüsen, die bei sexueller Erregung eine klare Flüssigkeit in die Urethra absondern. Oft kann man einen winzigen Tropfen dieser Flüssigkeit schon geraume Zeit vor der Ejakulation am Harnröhrenausgang sehen. Dieser Tropfen kann unter Umständen einzelne Samenzellen enthalten. (Dies wäre eine Erklärung für die seltenen Fälle, in denen es ohne Samenerguss zur Schwangerschaft kommt.)

Die Samenflüssigkeit, die bei einer Ejakulation ausgeschieden wird (meist nicht mehr als ein Teelöffel voll), setzt sich aus Samenzellen und dem Sekret von Nebenhoden, Samenblasen, Prostata und Cowper-Drüsen zusammen. Keines dieser Sekrete enthält irgendwelche schädlichen Substanzen. Wer Samenflüssigkeit versehentlich oder absichtlich verschluckt, muss sich deshalb keine Sorgen machen. Samen ist meist dickflüssig und von grauweißer Farbe, er kann aber auch dünn und wässrig aussehen. Die Menge, Konsistenz und Zusammensetzung der Samenflüssigkeit hängt unter anderem von der Häufigkeit der Ejakulationen ab.

2.2 Die sexuelle Reaktion beim männlichen Geschlecht

Jeder gesunde Mensch ist zur Reaktion auf sexuelle Reize fähig. Diese Reaktion ist bei keinem Menschen genauso wie bei einem anderen, das physiologische Grundprinzip ist jedoch bei allen Menschen sehr ähnlich.

Sexuelle Aktivität verursacht im Körper eine Reihe charakteristischer Veränderungen: Pulsbeschleunigung, Blutdruckanstieg, Anschwellen bestimmter Organe, Muskelkontraktionen, Sekretion von Drüsen und eine Reihe weiterer Anzeichen steigender Erregung, bis sich die Spannung schließlich in einer lustvollen, anfallsähnlichen Reaktion entlädt, die man Orgasmus nennt.

Diese körperlichen Veränderungen sind den Menschen seit jeher bewusst. Einzelheiten waren jedoch bis vor kurzem weitgehend unerforscht. Es gab einfach keine objektiven, wissenschaftlichen Studien. Man empfand im Gegenteil schon die Idee, sexuelle Reaktionen zu beobachten und zu untersu-

chen, als absurd. Inzwischen hat sich die Situation aber entscheidend verändert. Die Pionierarbeiten von Wissenschaftlern wie Kinsey, Masters und Johnson haben uns zu neuen Einsichten verhelfen und viele herkömmliche Auffassungen und Annahmen revidiert. Heute gibt es auf der ganzen Welt viele Wissenschaftler, die durch ihre Forschungen unser Verständnis der sexuellen Reaktion weiter vervollständigen.

Beim Menschen kann sexuelle Erregung fast jederzeit, auf unterschiedlichste Weise und durch viele verschiedene Ursachen entstehen. So kann zum Beispiel ein Mann zu jeder Tages- und Nachtzeit durch den Anblick oder das Berühren einer bestimmten Person, durch bestimmte Gerüche oder Töne oder ganz einfach durch Gedanken, Erinnerungen oder Phantasien erregt werden. Die Möglichkeiten sexueller Erregung sind so vielfältig, das man sie nicht leicht systematisieren kann; ein solcher Versuch wird deshalb hier nicht unternommen. Trotzdem kann es sinnvoll sein, die wichtigsten, zu sexuellen Reaktionen führenden Reize kurz zu besprechen.

Von den fünf Sinnen des Menschen scheint der Tastsinn am häufigsten zur sexuellen Erregung zu führen. Der Tastsinn wird von Nervenenden in der Haut und tiefer im Gewebe vermittelt. Bestimmte Regionen des Körpers weisen besonders viele solcher Nervenendigungen auf, sie sind also berührungsempfindlicher und daher auch empfänglicher für sexuelle Stimulierung. Man hat diese Körperregionen deshalb auch „erogene" Zonen genannt (wörtlich:,,Liebe produzierende" Zonen, von griech. eros: Liebe und -genes: entstehen lassend).

Die bekanntesten erogenen Zonen sind die Eichel beim Mann, die Klitoris und die kleinen Schamlippen bei der Frau, der Bereich zwischen den Geschlechtsorganen und dem Anus, der Anus selbst, das Gesäß, die Innenflächen der Oberschenkel, die Brüste (besonders die Brustwarzen), der Nacken, der Mund und die Ohren. Berührung, Streicheln, Kitzeln, Reiben, Klopfen, Lecken oder Küssen dieser Bereiche kann sexuelle Erregung auslösen oder verstärken. Dies ist allerdings keine automatische Reaktion. Es hängt viel davon ab, welche früheren Erfahrungen ein Mensch gemacht hat und unter welchen Umständen diese Stimulierung erfolgt. Wenn zum Beispiel ein Arzt einen Patienten untersucht und dabei dessen erogene Zonen berührt, führt dies meist nicht zu einer sexuellen Reaktion. Das gilt auch für Vergewaltigungen, Psychische Faktoren spielen also für über das Tastgefühl vermittelte Reaktionen eine entscheidende Rolle, (Von dieser Regel gibt es einige Ausnahmen, insofern als der Körper auch reflektorisch auf Berührung reagieren kann. Ein querschnittsgelähmter Mann kann zum Beispiel bei Berühren seines Penis eine Erektion haben, ohne dass dieser Reiz das Gehirn erreicht.)

Unterschiedliche Erfahrungen führen bei verschiedenen Menschen zu einer unterschiedlichen Sensibilität. Negative Erinnerungen können dazu führen, dass jemand überhaupt nicht auf Berührungen reagiert. Es gibt Menschen, die sogar während des Geschlechtsverkehrs möglichst wenig berührt werden wollen. Andererseits können lustvolle sexuelle Begegnungen dazu führen, dass man an seinem Körper ganz neue erogene Zonen entdeckt. Alles in allem muss jeder für sich selbst herausfinden, wo er selbst (oder sein Partner) auf Berührungsreize am besten reagiert.

Den meisten Menschen ist bewusst, dass sie nicht nur durch Berührung sexuell erregbar sind, sondern auch durch das, was sie sehen, hören, riechen oder schmecken. Der Anblick eines schönen Körpers, der Klang einer verführerischen Stimme, der Geruch eines Parfüms, der Geschmack bestimmter Gerichte oder die Drüsensekretionen eines geliebten Menschen können sehr wirksame Reize sein. Ihre Wirkung hängt jedoch ganz wesentlich davon ab, was geistig damit assoziiert wird. Ein bestimmter Anblick, ein Geräusch, ein Geruch oder ein Geschmack erregen einen Menschen dann, wenn damit eine vorangegangene lustvolle sexuelle Erfahrung in Verbindung gebracht werden kann, (Unerfreuliche Assoziationen haben andererseits eine negative Reaktion zur Folge, und sie können sexuelle Erregung vermindern.)

Aus diesen Ausführungen folgt, dass es erotische Anblicke, Töne oder Gerüche als solche nicht gibt. Dazu werden sie erst in der Folge bestimmter erotischer Erfahrungen. Daraus wird verständlich, dass verschiedene Epochen und Kulturen sehr unterschiedliche Schönheitsideale hatten, dass etwa ein bestimmtes Musikstück die einen stark erregt, andere dagegen nicht. (Vgl. a. Kap. 6 „Die Entwicklung des Sexualverhaltens".)

Die sexuelle Reaktion des Menschen wird stark von psychischen Faktoren bestimmt, und viele Menschen können allein durch Phantasien erregt werden. Manche erreichen so sogar einen Orgasmus. Männer scheinen durch erotische Gedanken, Phantasien und Vorstellungen leichter beeinflussbar zu sein als Frauen. Beim Geschlechtsverkehr erreichen die meisten Frauen den Orgasmus vor allem durch körperliche Reize (vgl. Kap. 3.2 „Die sexuelle Reaktion beim weiblichen Geschlecht").

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass manche scheinbar sexuellen Reaktionen keine sexuellen Ursachen haben. Viele Männer wissen beispielsweise, dass das Heben schwerer Gewichte oder eine gefüllte Harnblase zu einer Erektion fuhren kann. Es gibt auch seltene Fälle von krankhafter Dauererektion (Priapismus), einem äußerst schmerzhaften Zustand, der den Penis erheblich schädigen kann.

Wenn ein Mann stark erregt ist, versucht er, sich durch sexuelle Aktivität Befriedigung zu verschaffen. Welche Aktivität er dann wählt, hängt natürlich von den äußeren Umständen ab. Ganz gleich aber, wofür er sich entscheidet, das Grundmuster seiner körperlichen Reaktion ist immer das gleiche. Das bedeutet, dass es vom physiologischen Standpunkt keinen Unterschied macht, ob die sexuelle Reaktion durch Masturbation oder irgendeine Form von Geschlechtsverkehr ausgelöst wurde (vgl. a. Kap. 7 „Formen des Sexualverhaltens"). Die psychische Dimension des Erlebnisses kann ganz unterschiedlich sein, die körperlichen Vorgänge bleiben dieselben.

Man muss allerdings berücksichtigen, dass auch körperliche Reaktionen bei zwei Menschen niemals identisch sind, nicht einmal bei derselben Person zu zwei verschiedenen Gelegenheiten. Menschen sind eben keine Maschinen vom Fließband. Jede allgemeine Beschreibung der sexuellen Reaktion des Menschen kann daher auch nur genau das sein - allgemein. Die jeweiligen Reaktionen bestimmter Individuen zeigen zwangsläufig individuelle Varianten. (Manche Männer können zum Beispiel auch mit schlaffem Penis einen Orgasmus haben und ejakulieren.) Die folgende Zusammenfassung darf deshalb nicht als Norm oder Vorbild für sexuelles Verhalten verstanden werden. Ihr Ziel ist es lediglich, einige grundlegende Kenntnisse bestimmter körperlicher Funktionen zu vermitteln.

2.2.1 Die vier Phasen der sexuellen Reaktion

Wie oben beschrieben, sind die anatomischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht groß. Ihre sexuellen Reaktionen sind sich daher sehr ähnlich. Es gibt einige wichtige Unterschiede, aber sie sind nicht entscheidend. Man kann daher ohne weiteres von der allgemeinen sexuellen Reaktion des Menschen und ihren männlichen und weiblichen Varianten sprechen.

Sexuelle Aktivität führt zu bestimmten physiologischen Veränderungen im Körper, die nach einem bestmimten typischen Muster verlaufen. Man kann dieses Muster am einfachsten als Auf- und Abbau von Spannungen beschreiben. Um die Vorgänge jedoch besser zu verstehen, haben Wissenschaftler die sexuelle Reaktion in drei oder vier verschiedene Phasen eingeteilt. Dabei ist

zu berücksichtigen, dass natürlich jede menschliche sexuelle Erfahrung ein Ganzes bildet, dass also alle Aufteilungen in Phasen oder Stadien künstlich und willkürlich sind. Auf diese Weise wird jedoch möglicherweise besser verständlich, wie der Körper auf sexuelle Stimulierung reagiert. Der folgenden Beschreibung der sexuellen Reaktion beim männlichen Geschlecht liegt ein von Masters und Johnson erarbeitetes Vier-Phasen-Schema zugrunde. Obwohl sicherlich feinere Unterscheidungen denkbar sind, ist das Modell von Masters und Johnson für den hier verfolgten Zweck ausreichend. (Bezogen auf das weibliche Geschlecht wird dieses Modell in Kap. 3.2.1 beschrieben.)

1. Erregungsphase

Sexuelle Erregung kann ganz unerwartet und schnell auftreten, besonders bei jüngeren Männern, sie kann aber auch nach und nach über eine längere Zeitspanne hin entstehen. Manche Menschen lenken ihre Aufmerksamkeit bewusst immer wieder ab, um so die Erregungsphase länger genießen zu können. Besonders im Anfangsstadium kann die sexuelle Erregung leicht durch Einflüsse von außen oder durch plötzlich aufkommende Ängste und Besorgnisse vermindert werden. Mit steigender Erregung verlieren solche negativen Einflüsse aber an Wirksamkeit. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle schwindet, und die gewohnten Hemmungen werden abgebaut.

Das auffälligste Zeichen sexueller Erregung ist beim männlichen Geschlecht die Erektion des Penis. Die drei Schwellkörper (zwei Corpora cavernosa und ein Corpus spongiosum) füllen sich mit Blut, wodurch der Penis sich hebt und versteift. Gleichzeitig zieht sich die glatte Muskulatur des Hodensacks zusammen, seine Haut verdickt sich, die Hoden werden durch die Muskeln der Samenstränge aufwärts zur Bauchhöhle gezogen.

Mit zunehmender sexueller Erregung steigt die Muskelspannung. Pulsfrequenz und Blutdruck erhöhen sich. Zusätzlich kommt es bei einzelnen Männern zu einem „sex flush"-Phänomen, einer Hautrötung, die gewöhnlich am Unterleib beginnt, auf Nacken und Gesicht, gelegentlich auch auf Schultern und Schenkel übergreift. Der „sex flush" tritt manchmal erst gegen Ende der Erregungsphase oder in der Plateauphase auf. In vielen Fällen bleibt diese Erscheinung jedoch aus.

Dies gilt auch für ein anderes mögliches Phänomen: die Erektion der Brustwarzen. Auch sie findet nicht bei allen Männern statt. Bei einigen kann sie durch direkte Stimulation der Brustwarzen herbeigeführt werden. Eine spontane Erektion findet am ehesten gegen Ende der Erregungsphase statt und hält dann durch alle weiteren Phasen an.

Ein weiterer Sachverhalt sollte hier noch erwähnt werden: Manchmal kann ein Mann keine Erektion bekommen oder behalten, obwohl er erregt ist und ein deutliches Verlangen nach sexueller Betätigung hat. Er kann dann natürlich die weiteren Phasen der sexuellen Reaktion nicht durchlaufen. Ein solches gelegentliches Fehlen der Erektion kann vielerlei Gründe haben, meist ist es auf besondere Umstände oder eine bestimmte Situation zurückzuführen. Beide Partner sollten dieses Ereignis nicht überbewerten und sich sexuellen Praktiken zuwenden, bei denen es keines erigierten Penis bedarf. Auf alle Fälle besteht kein Grund zur Beunruhigung. Wenn das Problem jedoch häufiger oder regelmäßig auftritt, ist es empfehlenswert, fachlichen Rat einzuholen. (Vgl. a. Kap. 8.2 „Sexuelle Funktionsstörungen".)

2. Plateauphase

Die Plateauphase ist nichts anderes als die Fortsetzung der Erregungsphase. Das Wort „Plateau" weist darauf hin, dass ein bestimmter Grad der Erregung erreicht ist, der eine bestimmte Zeit bestehen bleibt, bis es zum Orgasmus kommt. Wenn die sexuelle Erregung einmal diesen Punkt erreicht hat, wird man nicht mehr leicht abgelenkt, die Umgebung wird nebensächlich. Mit zunehmender sexueller Stimulierung steigt auch die Spannung der willkürlichen und unwillkürlichen Muskulatur. Pulsfrequenz und Blutdruck steigen weiter, die Atmung wird schneller.

In der Plateauphase verändert sich der erigierte Penis nicht wesentlich. Die Hoden dagegen werden merklich dicker und werden noch dichter an den Unterleib herangezogen. Die Bulbourethraldrüsen (Cowper-Drüsen) sondern ein paar Tropfen klarer Flüssigkeit ab, die aus der Harnröhre austreten können. (Diese Tropfen können auch Samenzellen enthalten. Daran sollte gedacht werden, wenn eine Schwangerschaft verhindert werden soll. Vgl. a. Kap. 4.4 „Empfängnisverhütung- Koitus interruptus".)

Das oben erwähnte „sex flush"-Phänomen kann in dieser Phase erstmals auftreten, oder es verstärkt sich. Es muss noch einmal betont werden, dass nicht alle Männer einen „sex flush" haben. Das gilt auch für die Erektion der Brustwarzen. Wenn diese Erektion jedoch während der Plateauphase stattfindet, hält sie durch die weiteren Phasen an.

3. Orgasmusphase

Der Orgasmus (von griech. orgasmos: lustvolle Erregung) ist das plötzliche Nachlassen der Muskel- und Nervenanspannung auf dem Höhepunkt sexueller Erregung. Dieses Erlebnis stellt den intensivsten körperlichen Genuss dar, dessen ein Mensch fähig ist. Er ist beim männlichen und weiblichen Geschlecht prinzipiell gleich. Ein Orgasmus dauert nur wenige Sekunden und er wird wie ein kurzer krampfartiger Anfall oder eine schnelle Folge von Zuckungen erlebt, die den ganzen Körper ergreifen und dann rasch zu völliger Entspannung führen. Bei geschlechtsreifen Männern kommt es gleichzeitig mit dem Orgasmus zur Ejakulation (von lat. eiaculare: herausschleudern) der Samenflüssigkeit.

Beim männlichen Geschlecht beginnt der Orgasmus mit rhythmischen, unwillkürlichen Kontraktionen der Genitalgänge und der dazugehörenden Organe (Samenleiter, Samenblase, Prostata), der Urethra, der Muskeln an der Peniswurzel und schließlich des Penis selbst. Die ersten drei oder vier Kontraktionen erfolgen in Abständen von weniger als einer Sekunde, danach werden sie schwächer und die Abstände länger. Im Gefolge der Kontraktionen wird der Samen durch die Harnröhre in mehreren schnellen Schüben herausgeschleudert. Die Wucht der Ejakulation kann von einem Mal zum anderen sehr unterschiedlich sein, sie hat nichts mit der Kraft oder Virilität eines Mannes zu tun. Die Menge ejakulierter Samenflüssigkeit entspricht etwa einem Teelöffel voll. Kommt es zu wiederholten Ejakulationen innerhalb kurzer Zeit, wird die Menge jedes Mal geringer.

Die Kontraktionen der Geschlechtsorgane und die Ejakulation der Samenflüssigkeit sind die deutlichsten Zeichen des Orgasmus. Man darf jedoch nicht vergessen, daß auch der übrige Körper einbezogen ist. Die Schließmuskeln der Harnröhre und des Anus beispielsweise kontrahieren sich im gleichen Rhythmus wie die Geschlechtsorgane. Alle Muskeln sind stark angespannt, die Atmung wird rascher, Pulsfrequenz und Blutdruck steigen noch höher an als in der Plateauphase. Das plötzliche, krampfartige Nachlassen dieser allgemeinen Anspannung ist für den Orgasmus charakteristisch. Die Ejakulation von Samenflüssigkeit ist im Vergleich zu dieser Entspannung von nachrangiger Bedeutung,

Orgasmus und Ejakulation sind zwei verschiedene Vorgänge. Ein Mann kann zwar ohne Orgasmus nicht ejakulieren, aber es kann sehr wohl ohne Ejakulation zum Orgasmus kommen. Das einfachste Beispiel ist der Orgasmus von Jungen vor der Pubertät: Ihre inneren Geschlechtsorgane sind noch nicht hinreichend entwickelt, um Samenflüssigkeit zu produzieren, sie können also auch nicht ejakulieren; trotzdem können Jungen einen Orgasmus haben.

Es gibt aber auch erwachsene Männer, die erst Sekunden nach dem Orgasmus ejakulieren, die also beide Vorgänge getrennt wahrnehmen. Andere Männer haben, nach mehreren Orgasmen innerhalb kurzer Zeit, Orgasmen ohne Ejakulation, da vorübergehend keine Samenflüssigkeit mehr verfügbar ist. Es muß jedoch betont werden, daß es nur wenige - meist junge - Männer gibt, die innerhalb kurzer Zeit mehrere Orgasmen haben können. Mehrfacher Orgasmus ist bei Frauen demgegenüber viel häufiger.

Manche Männer behaupten, einen Orgasmus ohne Ejakulation zu haben, indem sie eine Form des Geschlechtsverkehrs praktizieren, die man „Carezza" oder „Coitus reservatus" nennt. Dabei versucht der Mann, seinen erigierten Penis nach dem Eindringen in die Vagina möglichst wenig zu bewegen. Das Ziel ist eine vor allem geistige Vereinigung der Partner, und man sagt, sie erreichten auf diese Weise eine verlängerte Lustphase mit mehreren Orgasmen. Jedenfalls bleibt der Mann wohl länger in der Plateauphase, was für beide befriedigend sein kann. Ihre „Orgasmen", die sicher für beide Partner besondere Höhepunkte dieser Form des Geschlechtsverkehrs darstellen, sind jedoch nicht mit den physiologischen Vorgängen identisch, von denen hier die Rede ist.

Ein ganz spezielles Phänomen bildet die retrograde Ejakulation: Bei manchen Männern funktionieren die an der Ejakulation beteiligten Muskeln so, daß die Samenflüssigkeit nicht nach außen ejakuliert, sondern in die Harnblase abgegeben und später mit dem Harn ausgeschieden wird. Äußerlich wirkt das, als sei es bei solchen Männern überhaupt nicht zur Ejakulation gekommen. Einige Männer behaupten, diese Muskelreaktion bewußt herbeiführen und als Empfängnisverhütungsmittel einsetzen zu können.

4. Rückbildungsphase

Nach dem Orgasmus kehren die Geschlechtsorgane (und mit ihnen der ganze Körper) in relativ kurzer Zeit wieder zum vorherigen, nicht-erregten Zustand zurück. Die Dauer der Rückbildungsphase ist proportional zur Dauer der Erregungsphase. Die deutlichste körperliche Veränderung während dieser Phase ist das Nachlassen der Erektion, das in zwei Stadien verläuft. Der hauptsächliche Rückgang der Erektion findet unmittelbar nach der Ejakulation statt. Der Penis behält jedoch zunächst noch eine gewisse Steife, die einige Zeit anhalten kann, besonders wenn die Erregungs- und Plateauphase lang war. Nicht-sexuelle Handlungen und Ablenkungen können den Verlust der Erektion rasch herbeiführen.

Das zuvor erwähnte „sex flush"-Phänomen verschwindet rasch. Die Erektion der Brustwarzen, falls sie überhaupt vorhanden war, bleibt noch eine gewisse Zeit bestehen. Die Muskelspannung im Körper läßt nach. Atmung, Pulsfrequenz und Blutdruck normalisieren sich wieder. Manche Männer schwitzen unmittelbar nach der Ejakulation, diese Reaktion beschränkt sich dann jedoch meist auf Handflächen und Fußsohlen.

Abschließend soll hier noch angemerkt werden, daß beim männlichen Geschlecht unmittelbar nach dem Orgasmus eine Phase sexueller Reizunempfindlichkeit eintritt (Refraktärperiode). Während dieser Zeit, die bereits in der Rückbildungsphase beginnt, ist keine Reaktion auf sexuelle Reize möglich, das heißt, es kann zu keiner neuen Erektion und keinem weiteren Orgasmus kommen. Die Refraktärperiode ist bei manchen Menschen sehr kurz, besonders in jungen Jahren, sie nimmt aber gewöhnlich mit dem Alter zu. Auch beim weiblichen Geschlecht gibt es manchmal eine solche Refraktärperiode, obwohl viele Frauen mehrere Orgasmen in schneller Folge haben können.

2.2.2 Die sexuelle Reaktion älterer Männer

Bei uns herrscht vielfach die Ansicht, sexuelle Betätigung sei ein Privileg der Jugend. Manche können sich Sexualität bei älteren Menschen kaum vorstellen. Eine so eingeschränkte Sichtweise steht jedoch in deutlichem Gegensatz zu den biologischen Tatsachen.

Weder Männer noch Frauen müssen ihre geschlechtlichen Beziehungen aus Altersgründen aufgeben. Die sexuelle Reaktion - wie oben beschrieben -bleibt prinzipiell die gleiche. Sicher läßt bei älteren Menschen ihre frühere körperliche Kraft nach, wodurch sich auch ihre Reaktion verlangsamen kann. Ein öOjähriger Mann kann auch nicht mehr so weit und so schnell laufen wie ein 20jähriger. Das heißt aber nicht, daß er überhaupt nicht mehr laufen kann. Wenn er regelmäßig trainiert hat, kann er bei einem Dauerlauf besser abschneiden als mancher junge Mann, der keine Übung hat. Das gleiche gilt für sexuelle Aktivitäten. Männer, die ihr Leben lang sexuell aktiv waren, können Geschlechtsverkehr bis ins hohe Alter haben. Sie und ihre Partner sollten sich jedoch darüber im klaren sein, daß es bei gleichbleibendem Grundmuster sexueller Reaktion zu bestimmten geringfügigen Veränderungen kommen wird.

Die deutlichsten Veränderungen betreffen die Erregungsphase. Ältere Männer brauchen in der Regel länger, um eine Erektion zu bekommen. Die Erektion kann außerdem weniger stark als früher sein. Das muß jedoch keine Verminderung der Lust am Geschlechtsverkehr bedeuten. Tatsächlich ist ein älterer Mann dem jüngeren in der Plateauphase überlegen, weil seine Erektion jetzt länger anhält. Der Drang zur Ejakulation wird mit zunehmendem Alter weniger heftig. Orgasmus (und damit auch Ejakulation) kann öfter ganz ausbleiben. Das bedeutet aber andererseits, daß ältere Männer den Zeitpunkt ihres Orgasmus besser kontrollieren können, was für ihre Partner höhere Befriedigung bedeuten kann.

Weitere Unterschiede der sexuellen Reaktion junger und älterer Männer sind natürliche Folge der nachlassenden körperlichen Kräfte. Das muß aber das Ausmaß sexueller Befriedigung nicht mindern. So wie die physischen Reaktionen in den anderen Phasen nicht mehr so deutlich sind wie früher, wird auch der Orgasmus weniger vehement und kraftvoll. Die Ejakulationen werden schwächer, und der nachfolgende Verlust der Erektion erfolgt sofort. Dafür verlängert sich die Refraktärphase, das bedeutet, daß ein älterer Mann viel längere Zeit braucht, bis er wieder sexuell erregbar ist.

Weiterführende Literatur

Brecher, R., Brecher, E. (Hrsg.): Analysis of human sexual response. New York (New

American Library), 1974. Diagram Group: Man's body. An owner's manual. New York (Paddington Press-Two

Continents Publishing Group), 1976. Lehrman, N.: Masters and Johnson explained. 2. Aufl., Chicago (Playboy Press),

1976. Masters, W. H., Johnson, V. E.: Die sexuelle Reaktion (Human sexual response, dt.).

Reinbek (Rowohlt), 1980

Die sexuelle Reaktion beim männlichen Geschlecht

Wilhelm Reich war einer der ersten, die den Ablauf der sexuellen Reaktion untersuchten. Er nannte sie die „Orgasmusformel" und schlug vor, sie in vier Hauptphasen zu unterteilen: 1. mechanische Spannung, 2. bio-elektrische Ladung, 3. bio-elektrische Entladung, 4. mechanische Entspannung*. In neuerer Zeit wurden diese vier Phasen von Masters und Johnson neu benannt als 1. Erregungsphase, 2. Plateauphase, 3. Orgasmusphase, 4. Rückbildungsphase. Sie führten zusätzlich eine fünfte Phase ein, die Refraktärperiode. Im folgenden wird die sexuelle Reaktion der männlichen Geschlechtsorgane nach Masters und Johnson beschrieben. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es sich eigentlich um eine Reaktion des ganzen Körpers handelt.

Bei sexueller Erregung erweitern sich die Arterien, die erhöhte Blutzufuhr zum Penis führt zur Erektion. Die Venen enthalten vermutlich einen Mechanismus, um den Blutabfluß aus dem Penis zu drosseln.

 

Vgl. das - in englischer Sprache erschienene - Buch von W. Reich: The Function of the Orgasm. New York (Noonday), 1942.

1. Erregungsphase

 

Atlas-17.jpg

 

2. Plateauphase

Atlas-18.jpg

 

3. Orgasmusphase

Atlas-19.jpg

 

4. Rückbildungsphase

Atlas-20.jpg

 

(5. Refraktärperiode)

Auf den Orgasmus folgt eine Periode, in der beim männlichen Geschlecht auf weitere sexuelle Reize keine Reaktion möglich ist. Diese sogenannte „Refraktärperiode" kann in jungen Jahren relativ kurz sein, ihre Dauer nimmt jedoch mit fortschreitendem Alter zu.

 

3. Der weibliche Körper

Frauen und Männer gelten als geschlechtsreif, wenn sie fähig sind, Kinder zu zeugen. Da beide Geschlechter verschiedene Rollen bei der Entstehung neuen Lebens spielen, weisen auch ihre Körper eine Reihe wesentlicher Unterschiede auf. Diese Unterschiede (aber auch die Ähnlichkeiten) zu verstehen, kann Frauen und Männern dazu verhelfen, eine glückliche Liebesbeziehung zu entwickeln und sich ihrer besonderen Verantwortung als mögliche Eltern bewußt zu werden. Daher erscheint es sinnvoll, die sexuelle Anatomie und Physiologie von Frau und Mann in zwei verschiedenen Abschnitten zu betrachten. Auf den folgenden Seiten wird der weibliche Körper unter denjenigen Gesichtspunkten besprochen, die für sexuelle Aktivität und Zeugung relevant sind.

3.1 Die weiblichen Geschlechtsorgane

Seit den frühen Tagen der Menschheit hat man Geschlechtsorganen eine besondere Bedeutung zugemessen. Dies drückte sich in verschiedenen historischen Zeitabschnitten und unterschiedlichen geographischen Räumen ganz verschieden aus. (Vgl. a. Kap. 2.1 „Die männlichen Geschlechtsorgane".) In unserem Kulturkreis scheinen die meisten Menschen dem sexuellen Aspekt ihres Körpers mit gemischten Gefühlen gegenüberzustehen. Das schlägt sich auch in unserem Sprachgebrauch nieder. Eine häufig verwendete Bezeichnung für Geschlechtsorgane ist beispielsweise das Wort „Intimbereich". Damit soll angedeutet werden, daß bestimmte Körperteile als persönlicher als andere anzusehen seien und daß man sie deshalb in der Öffentlichkeit nicht bei ihrem Namen nennen solle. Eine solche verheimlichende Einstellung, die sich hier noch mit einer besonderen Geringschätzung gegenüber Frauen verbindet, hat zu einem Sprachgebrauch geführt, der häufig im Zusammenhang mit weiblichen Geschlechtsorganen angewendet wird: die „Scham" oder „Pudenda", also die Organe, deren man sich schämen muß. Diese letztere Bezeichnung war früher seltsamerweise gerade unter Medizinern sehr beliebt.

Die Ausdrucksweise der modernen Medizin ist nicht wesentlich besser. Bezeichnungen wie „Genitalien" (von lat. genitalia: Zeugungsorgane) oder „Reproduktionsorgane" sind ebenfalls wenig treffende Beschreibungen der v menschlichen Geschlechtsorgane. Es stimmt, daß einige dieser Organe (zum Beispiel die Eileiter der Frau) nur dem Zweck der Fortpflanzung dienen, andere jedoch (wie zum Beispiel die Klitoris) sind Organe, die hauptsächlich sexueller Lust dienen. Es gibt immer noch Völker oder ethnische Gruppen, die dieser Lustfunktion so ablehnend gegenüberstehen, daß sie bei ihren Frauen eine sogenannte „weibliche Beschneidung" vornehmen. Dieser irreführende Ausdruck bezeichnet eine Klitoridektomie, also die operative Entfernung der Klitoris. Diese Operation beeinträchtigt das sexuelle Lustemp-

Atlas-22.jpg

1. Venushügel (Mons Veneris)
2. Große Schamlippe (ein Paar)
3. Kleine Schamlippe (ein Paar)
4. Klitoris
S. Öffnung der Harnröhre (Urethra)
6. Harnblase
7. Scheideneingang
8, Scheide (Vagina)
9. Gebärmutterhals (Zervix)
10. Gebärmutter (Uterus)
11. Eileiter (ein Paar)
12. Eierstock (Ovar; ein Paar)

Die weiblichen Geschlechtsorgane

finden der Frau außerordentlich, mindert jedoch ihre Fortpflanzungsfähigkeit in keiner Weise.

Auch der in diesem Buch verwandte Ausdruck „Geschlechtsorgane" ist nicht sehr genau, da er eine Doppelbedeutung hat. In erster Linie bezeichnet dieser Begriff die Organe, die das Geschlecht eines Menschen bestimmen. Zum anderen weist das Wort „Geschlechtsorgane" aber auch darauf hin, daß sie beim Geschlechtsleben des Menschen eine Rolle spielen. Manche Menschen sind so immer noch der Auffassung, daß nur diese Organe mit dem Geschlechtsverkehr zu tun haben. Die sexuelle Reaktion des Menschen ist jedoch nicht auf einige wenige Organe beschränkt, sondern ist eine Reaktion des ganzen Körpers. Mund und Haut beispielsweise sind ebenfalls als ,,Ge-schlechts"-Organe anzusehen, weil sie sexuelle Reize übermitteln und empfangen. Nur wenn man sich dieser wichtigen Tatsache bewußt ist, ist es vertretbar, den Begriff „Geschlechtsorgane" in dem hier gewählten engeren Sinn zu gebrauchen.

Eine genaue Untersuchung der weiblichen Geschlechtsorgane war seit jeher schwierig; deshalb war man auch über deren Funktion sehr viel weniger gut unterrichtet als über die der männlichen Geschlechtsorgane. Ein Grund dafür war die soziale Betonung oder Überbetonung der weiblichen Rolle bei der Fortpflanzung. Es bestand einfach nicht genug Interesse dafür, etwas über das orgasmische Potential der weiblichen Geschlechtsorgane zu erfahren. Ein weiterer Grund ist in der anatomischen Tatsache zu sehen, daß die weiblichen Geschlechtsorgane zum Großteil von außen kaum sichtbar in der Bauchhöhle verborgen sind. Die äußeren Geschlechtsteile der Frau, die man leicht untersuchen kann, lassen nicht auf die physiologischen Abläufe schließen, die sich weiter innen abspielen. Deshalb ist es auch für viele Frauen schwierig, ihre eigenen körperlichen Funktionen zu verstehen. Die moderne Forschung hat dies wesentlich vereinfacht. Obwohl viele Fragen nach wie vor offen bleiben, ist es heute möglich, jeder Frau das für ihr tägliches Leben erforderliche Wissen zur Verfügung zu stellen. Eine solche, sachliche Information kann viele Ängste und althergebrachte Vorurteile ausräumen und beiden Geschlechtern eine vernünftige Einstellung gegenüber den weiblichen Geschlechtsorganen vermitteln.

Die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane vor (1) und nach (2) der Pubertät

3.1.1 Die äußeren Geschlechtsorgane

Die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane bestehen aus dem Venushügel, den großen und kleinen Schamlippen, der Klitoris und dem Scheideneingang. Alle diese Organe zusammen werden auch mit dem Oberbegriff Vulva bezeichnet.

Der Venushügel (Mons Veneris)

Der Venushügel besteht aus Fettgewebe, das unter der Haut unmittelbar über dem Schambein liegt. Seine Oberfläche ist mit Schamhaaren bewachsen, die sich während der Pubertät entwickeln und die den Venushügel zum auffälligsten Teil der Vulva machen.

Die großen Schamlippen (Labia maiora)

Die großen Schamlippen sind zwei dicke Hautfalten aus Fettgewebe, die vom Venushügel abwärts verlaufen und die äußere Begrenzung der Vulva bilden. Sie sind außen ebenfalls mit Schamhaaren bewachsen. Da die großen Schamlippen normalerweise dicht nebeneinander liegen, scheinen sie die übrigen Teile der Vulva zu bedecken.

Die kleinen Schamlippen (Labia minora)

Unter den großen Schamlippen liegen die kleinen Schamlippen. Sie werden von zwei dünnen Hautfalten gebildet, die ein dichtes Netz von Blutgefäßen und Nervenendigungen durchzieht. Daher sind sie sehr berührungsempfindlich. Die kleinen Schamlippen wachsen nach oben hin zusammen und bilden eine Hautfalte, die die Klitoris bedeckt. Diese Hautfalte wird auch als Vorhaut oder Präputium der Klitoris bezeichnet.

Äußere Geschlechtsorgane eines jungen Mädchens

Der Hymen erstreckt sich deutlich sichtbar über einen Teil der Öffnung der Vagina, l. Kleine Schamlippen. 2. Harnröhrenöffnung. 3. Öffnung der Vagina. 4. Hymen

Äußere Geschlechtsorgane einer erwachsenen Frau

Der Hymen ist zerrissen worden und fehlt deshalb. 1. Kleine Schamlippen. 2. Harnröhrenöffnung. 3. Öffnung der Vagina

Die Klitoris (der Kitzler)

Die Klitoris (von griech. kleitoris: kleiner Hügel) liegt unterhalb des Venushügels, an dem Punkt, wo die kleinen Schamlippen zusammengewachsen sind. Die Klitoris ist ein kurzes zylindrisches Organ, das hauptsächlich aus zwei Schwellkörpern (Corpora cavernosa) besteht, die sich in kurzer Zeit mit Blut füllen können, wodurch sich das ganze Organ vergrößert und versteift.

Die Klitoris ist zum Teil von einer Vorhaut bedeckt. Es kommt vor, daß sich Sekrete (Smegma) unter dieser Vorhaut ansammeln, was zu Reizungen und anderen Problemen führen kann (vgl. a. Kap. 5.4.2 „Schmerzen der Frau während des Geschlechtsverkehrs").

Die durchschnittliche Länge der Klitoris im Ruhezustand beträgt weniger als 2,5 cm und der größte Teil davon liegt verdeckt. Im Erregungszustand kann sich ihr Umfang jedoch fast verdoppeln. In gewisser Hinsicht kann man die Klitoris mit einem kleinen Penis vergleichen; denn auch ihre Glans (die Spitze der Klitoris) wird von unzähligen Nervenendigungen versorgt, was sie besonders berührungsempfindlich macht. Anders als der Penis tritt die Klitoris jedoch im Erregungszustand nicht hervor, sondern sie zieht sich hinter ihre Vorhaut zurück. Die Klitoris ist durch mechanische Reize sehr leicht erregbar und spielt eine wesentliche Rolle in der sexuellen Reaktion der Frau (vgl. a. Kap. 3.2 „Die sexuelle Reaktion beim weiblichen Geschlecht").

Der Scheideneingang

Der Scheideneingang liegt unterhalb des Harnröhrenausgangs, der beim weiblichen Geschlecht unabhängig von den Geschlechtsorganen ist und ausschließlich zur Entleerung der Harnblase dient. Der Ausgang der Harnröhre ist sehr klein und liegt ungefähr in der Mitte zwischen Klitoris und Scheiden-

eingang, der im Gegensatz relativ groß ist, allerdings zu einem Teil von einer Haut verschlossen sein kann, dem Hymen (Jungfernhäutchen).

Eine physiologische Funktion des Hymens ist nicht bekannt; trotzdem wurde ihm in der Vergangenheit erhebliche Bedeutung zugemessen. Viele Menschen sahen in einem unverletzten Hymen - wie es auch die Bezeichnung im Deutschen nahelegt - den Beweis für Jungfräulichkeit. Das ist allerdings nichts als ein Aberglaube. Der Hymen hat gewöhnlich ein oder mehrere Löcher, die so dehnbar sein können, daß ein Finger oder auch ein Penis eingeführt werden kann, ohne daß der Hymen dabei zerreißen muß. Bei anderen Frauen zerreißt demgegenüber der Hymen ohne Koitus, zum Beispiel durch anstrengende sportliche Betätigung. Manche Frauen haben überhaupt keinen Hymen. Hieraus folgt auf alle Fälle, daß aus dem Zustand des Hymens in keiner Form Rückschlüsse auf die sexuelle „Unschuld" oder Erfahrung einer Frau gezogen werden können. In den meisten Fällen zerreißt sicher der Hymen beim ersten Koitus, das kann aber ebenso durch Masturbation oder Petting geschehen oder durch die erste Anwendung von Tampons. Das Zerreißen des Hymens kann im Augenblick unangenehm sein und eine leichte Blutung auslösen, die Schmerzen sind jedoch keinesfalls so erheblich, daß Frauen Angst davor haben müßten.

Auf beiden Seiten der Scheidenöffnung, am Rande des Hymens und der kleinen Schamlippen, liegen die Bartholin-Drüsen, die den Bulbourethral-Drüsen (oder Cowper-Drüsen) beim männlichen Geschlecht entsprechen. Diese Drüsen sondern kleine Mengen einer Gleitflüssigkeit ab. Die größere Menge der für den Koitus wichtigen Gleitflüssigkeit wird jedoch nicht von den Bartholin-Drüsen abgegeben, sondern direkt aus der Scheidenwand.

3.1.2 Die inneren Geschlechtsorgane

Die weiblichen inneren Geschlechtsorgane bestehen aus den Eierstöcken (Ovarien), den Eileitern, der Gebärmutter (Uterus) und der Scheide (Vagina).

Die Eierstöcke (Ovarien)

Die Eierstöcke (die weiblichen Keimdrüsen oder Gonaden) sind zwei walnußgroße Organe, die auf beiden Seiten des Uterus im Unterleib liegen.

Die Ovarien haben eine doppelte Funktion:

t Sie produzieren Eizellen (ova), die in die Eileiter aufgenommen werden. • Sie produzieren Hormone, die direkt in die Blutbahn abgegeben werden.

Die Produktion von Eizellen

Bereits vor der Geburt eines kleinen Mädchens sind in dessen Ovarien alle Zellen gebildet, die sich später zu Eizellen weiterentwickeln. Sie heißen in dieser frühen Phase Ureier (Oogonien), die sich zu primären Oozyten und später zu reifen Eizellen weiterentwickeln.

Der Vorgang der Produktion von Eizellen (die Oogenese) beginnt beim weiblichen Fötus, kommt aber schon vor der Geburt zum Stillstand. So sind bei jedem neugeborenen Mädchen 400 000 Eibläschen (Primärfollikel) vorhanden, die bis zur Pubertät auf diesem Entwicklungsstand bleiben. (In dieser Zeit werden keine neuen Oozyten gebildet. Im Gegenteil, die meisten sterben nach und nach ab. Bis zum Beginn der Pubertät sind noch ungefähr 30 000 primäre Oozyten vorhanden, die sich weiterentwickeln könnten. Bis zum 30. Lebensj ahr sinkt diese Zahl weiter auf ungefähr 10 000 ab; mit dem Erreichen der Menopause sind keine Primärfollikel mehr vorhanden.) Wenn der Prozeß der Oogenese während der Pubertät wieder beginnt, werden monatlich eine oder mehrere Eizellen von einem der Eierstöcke gebildet, bis sie im Verlauf der Menopause ihre Funktion verlieren. Eine Frau kann so im Verlauf der Jahre, in denen sie fruchtbar ist, etwa 400 reife Eizellen bilden, von denen allerdings nur eine sehr kleine Anzahl eine Rolle für die Empfängnis spielt.

Die Entwicklung zur reifen Eizelle erfolgt in mehreren Stufen: Jeder Pri-märfollikel ist von einer Gruppe von Hilfszellen umgeben. Diese Zellgruppen liegen in die äußere Schicht der Ovarien eingebettet. Unter dem Einfluß von Hormonen wächst jeden Monat ein Primärfollikel heran, bis es als relativ großes Bläschen an der Oberfläche des Eierstocks sichtbar wird. Ein solches Bläschen nennt man nach dem Anatomen de Graaf (1641-1673) einen Graaf-Follikel (Tertiärfollikel). In der Entwicklung, die zu diesem Tertiärfollikel führt, teilt sich zunächst der primäre Oozyt, der wie alle Zellen des menschlichen Körpers 46 Chromosomen (davon zwei X-Chromosomen) enthält, in zwei Zellen von sehr unterschiedlicher Größe: in einen relativ großen sekundären Oozyten und ein Polkörperchen, das wesentlich kleiner ist und kein Zellplasma enthält. Bei dieser Zellteilung werden die 46 Chromosomen zu gleichen Teilen auf die beiden neuen Zellen verteilt. So enthält jede der neuen Zellen, der sekundäre Oozyt und das Polkörperchen, jeweils 23 Chromosomen einschließlich eines X-Chromosoms.

Das Polkörperchen stirbt ab und wird aufgelöst, der sekundäre Oozyt entwickelt sich weiter. Er befindet sich zunächst innerhalb des wachsenden Fol-likels, das eine Flüssigkeit enthält. Schließlich platzt der Follikel und schleudert den Oozyten hinaus. Dieser Vorgang ist als Eisprung bekannt. Der Oozyt wird dann vom Eileiter aufgenommen und durchwandert ihn bis zur Gebärmutter. Noch im Eileiter teilt sich der Oozyt wiederum in zwei Zellen unterschiedlicher Größe: in eine relativ große reife Eizelle und in ein kleines zweites Polkörperchen. Bei dieser Teilung findet keine Verminderung des Chromosomensatzes mehr statt, so daß jede neue Zelle 23 Chromosomen einschließlich eines X-Chromosoms enthält. Diese letzte Zellteilung findet jedoch nur nach einer Befruchtung statt. Während das zweite Polkörperchen - wie das erste - abstirbt, vereinigen sich im Fall einer Befruchtung die 23 Chromosomen der Eizelle mit den 23 Chromosomen einer Samenzelle zu einer neuen Zelle (Zygote), die wie alle Zellen des menschlichen Körpers 46 Chromosomen enthält. (Vgl. a. Kap. 4.1 „Die Empfängnis").

Die Produktion von Hormonen

Wie oben beschrieben, werden in den weiblichen und männlichen Gonaden (Eierstöcken und Hoden) auch bestimmte Hormone gebildet. Diese Gona-denhormone wurden früher in weibliche Hormone (Östrogene) und männliche Hormone (Androgene) unterteilt. Diese Begriffe sind jedoch irreführend insofern, als „weibliche" und „männliche" Hormone vom weiblichen und männlichen Körper gebildet werden. Lediglich die vorhandene Menge dieser Hormone ist unterschiedlich.

Neben Östrogenen und Androgenen produzieren die Ovarien der geschlechtsreif en Frau ein weiteres Hormon, das Progesteron. Die Bildung von Progesteron findet vor allem im sogenannten Gelbkörper (lat.: corpus lu-teum) statt, der aus den Zellen des Follikels nach dem Eisprung entsteht. Gewöhnlich bleibt ein Gelbkörper zwei Wochen in Funktion und bildet sich zurück, falls keine Schwangerschaft zustande gekommen ist.

Während für die körperliche Entwicklung eines jungen Menschen die Go-nadenhormone unerläßlich sind, sind sie für die weitere sexuelle Aktivität des erwachsenen Menschen nicht unbedingt notwendig. Das bedeutet, daß beim männlichen und weiblichen Geschlecht die Gonadenhormone zum Erreichen der Geschlechtsreife erforderlich sind. Nach Abschluß des Reifeprozesses sind jedoch beide Geschlechter auch ohne Hormone sexuell funktionsfähig.

Eine Frau muß deshalb nicht fürchten, sie könne nach der Menopause ihre sexuelle Ansprechbarkeit verlieren. Auch wenn die Ovarien ihre Funktion nach und nach einstellen, ändert dies die sexuellen Möglichkeiten nicht. Entsprechendes gilt für Frauen, deren Ovarien aufgrund einer Krankheit operativ entfernt werden mußten. (Vgl. a. Kap. 1.2 „Die Bedeutung der Hormone".)

Die Eileiter (Tubae uterinae)

Die Eileiter führen von den Eierstöcken in die Gebärmutter. Sie dienen als Weg für die Eizelle zu dem Ort, wo sie sich im Falle einer Befruchtung einnistet. Gleichzeitig sind die Eileiter der Gang, durch den die Samenzellen wandern, um die Eizelle zu befruchten. An ihrem den Eierstöcken zugewandten Ende haben die Eileiter fingerähnliche Fortsätze (Fimbrien), die sich beim Eisprung an die Stelle des Eierstocks legen, an der sich der reife Follikel befindet, um die Eizelle aufzunehmen. Das andere Ende der Eileiter mündet in den Uterus.

Die Befruchtung einer Eizelle findet meistens im oberen Teil des Eileiters statt. In seinem Inneren befinden sich unzählige haarähnliche Fortsätze (Zi-lien), deren Bewegungen, zusammen mit den Kontraktionen der Muskeln in der Wand des Eileiters, das Ei in die Gebärmutter bewegen. (In vergleichbarer Weise findet der Transport der Samenzellen irn Samenleiter des Mannes statt, da Samenzellen ihre Beweglichkeit erst in einem späteren Entwicklungsstadium erreichen.)

Die Gebärmutter (Uterus)

Die Gebärmutter ist ein muskuläres Organ, das ungefähr in der Mitte des Unterleibes liegt. Sie ist etwa 7 cm lang und hat die Form einer auf dem Kopf stehenden Birne. Die Eileiter münden rechts und links am oberen Ende in die Gebärmutter. Der Körper der Gebärmutter berührt nach vorne das Dach der Harnblase und grenzt sich von seinem schmaleren unteren Teil durch eine leichte Verengung ab. Dieser untere Teil wird als Gebärmutterhals oder Zer-vix bezeichnet, er reicht in das Innere der Scheide hinein. Er besitzt eine kleine Öffnung, den Muttermund, durch den die Samenzellen aus der Scheide in die Gebärmutter gelangen können. Mit Ausnahme einer kurzen Phase um den Eisprung herum ist diese Öffnung jedoch für Samenzellen durch einen zähen Schleimpfropf verschlossen.

Die Wand der Gebärmutter setzt sich aus drei Gewebeschichten zusammen: einer äußeren Schicht, dem Perimetrium; der eigentlichen Muskelschicht, dem Myometrium; und der inneren Schleimhautschicht, dem Endo-metrium. Das Gewebe des Endometriums besitzt die Fähigkeit, sich jeden Monat teilweise neu aufzubauen, um so die Aufnahme eines möglicherweise befruchteten Eies zu gewährleisten (vgl. a. Kap, 4.1 „Die Empfängnis"). Wenn es nicht zu einer Befruchtung kommt, löst sich der größte Teil dieses Gewebes ab und wird während der Menstruation durch Gebärmutterhals und Scheide ausgeschieden (vgl. a. Kap. 3.1.3 „Der Menstruationszyklus").

Im Falle einer Schwangerschaft dehnt sich die Gebärmutter mit dem wachsenden Fötus aus. Eine einzigartige Muskelstruktur des Myometriums ermöglicht nicht nur eine derart große Dehnung, sie sorgt auch für die Preßwehen bei der Geburt (vgl. Kap. 4.3 „Die Geburt"). Auch beim Orgasmus ziehen sich die Muskeln der Gebärmutter zusammen (vgl. Kap. 3.2 „Die sexuelle Reaktion beim weiblichen Geschlecht").

Die Scheide (Vagina)

Die Vagina ist ein 8 bis 10 cm langes muskulöses Rohr, das sich vom Muttermund bis zur Öffnung nach außen in die Vulva erstreckt.

Die Vagina erfüllt drei hauptsächliche Funktionen: « Sie bildet den Kanal, durch den die Menstruationsflüssigkeit ausfließt. s Sie nimmt Penis und Ejakulat auf, so daß die Samenzellen zum Gebärmutterhals gelangen können. • Sie stellt von der Gebärmutter einen Weg nach außen für das Kind bei der Geburt dar.

Unter gewöhnlichen Umständen hat die Vagina die Form einer zusammengefallenen Röhre, sie bildet also keinen wirklichen Hohlraum. Auf der Innenfläche gewährleisten bestimmte physiologische Bedingungen und verschiedene Mikroorganismen ein ökologisches Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht kann jedoch durch chemische Einflüsse gestört werden. Aus diesem Grunde sollte man mit der Anwendung von Vaginalsprays und -duschen äußerst zurückhaltend sein. Die Vagina reinigt sich durch eigene Sekretionen selbst. Darüber hinaus besitzt sie einen besonderen Schutz gegen Infektionen (vgl. a. Kap. 5.5 „Die Geschlechtskrankheiten").

In den dicht aneinander liegenden Scheidenwänden befinden sich zahlreiche schleimproduzierende Zellen und Blutgefäße, aber keine Drüsen und wenige Nervenendigungen. Während sexueller Erregung sondern die Scheidenwände eine wäßrige Substanz ab, die beim Koitus als Gleitflüssigkeit dient. Ohne diese Gleitflüssigkeit würde das Eindringen des Penis für beide Partner schmerzhaft sein (vgl. a. Kap. 5.4 „Schmerzen beim Geschlechtsverkehr").

Bei manchen Frauen tritt während des Orgasmus eine geringe Menge Flüssigkeit aus der Urethra aus. In der Vergangenheit nahm man meist an, diese Flüssigkeit könne nur Urin sein, und viele Frauen empfanden dies als unangenehm. Manchmal wurde auch die Erklärung gegeben, die Flüssigkeit stamme aus der Scheide selbst und es handle sich dabei um ungewöhnlich große Mengen Gleitflüssigkeit oder eine Sekretion der Bartholin-Drüsen. Beide Erklärungen waren jedoch falsch. Die Flüssigkeit stammt tatsächlich aus der Urethra, aber es handelt sich dabei nicht um Urin. Neuere Forschungen haben ergeben, daß die Flüssigkeit von verschiedenen urethralen (oder paraurethralen) Drüsen produziert wird, das heißt von Drüsen, die um die Urethra gelegen sind und ihre Sekrete dahin abgeben. Dieses Drüsensystem ist bei manchen Frauen stärker ausgebildet als bei anderen. Auf alle Fälle entspricht es der Prostata beim männlichen Geschlecht, die ebenfalls um die Urethra gelegen ist. Einige Wissenschaftler sprechen deshalb in diesem Zusammenhang von „weiblicher Prostata". In Analogie wurde das Austreten von Flüssigkeit aus diesem Drüsensystem im Zusammenhang des Orgasmus als „weibliche Ejakulation" bezeichnet, was eine gewisse Berechtigung auch dadurch erhält, daß die Flüssigkeit selbst der männlichen Prostataflüssigkeit ähnelt.

Vermutlich, ,ejakulieren" nur relativ wenige Frauen auf diese Weise. Viele Frauen (vielleicht alle) haben jedoch eine bestimmte sehr sensible Zone, die um die Urethra gelegen ist und die durch die vordere Wand der Vagina getastet und gereizt werden kann. Dieses Gewebe (das vermutlich mit dem System der urethralen Drüsen in enger Beziehung steht) schwillt durch intensive Reizung an und trägt dann zu einem besonders intensiven Gefühl des Orgasmus bei. Anatomisch wird diese besonders empfindliche Zone heute als „Gräfenberg-Zone" bezeichnet, nach Ernst Gräfenberg, der sie als erster im Jahre 1950 beschrieb.

Die Scheide paßt sich in ihrer Größe jedem Penis an. Es kommt jedoch in einigen Fällen vor, daß der äußere Teil der Scheide so erschlafft ist, daß er den Penis nicht mehr fest umschließen kann. Das kann die Folge einer Geburt oder einfach des Alterungsprozesses sein. Andererseits ist es auch möglich, daß der Scheideneingang sich so verkrampft, daß das Einführen des Penis nicht möglich ist. Man nennt solche Scheidenkrämpfe „Vaginisrnus". In bei-

den Fällen sollte man sich vor Augen halten, daß eine Frau die Funktionen ihrer Vaginalmuskeln sehr gut steuern lernen und durch geeignetes Training beherrschen kann. Einige dieser Übungen, die nach dem Gynäkologen Kegel benannt sind, kann man jederzeit und an jedem Ort durchführen. (Vgl. a. Kap. 8.2.2 „Sexuelle Funktionsstörungen bei der Frau".)

Einige homologe Strukturen im System der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane

Beim männlichen Embryo entwickeln sich die ursprünglich undifferenzierten Strukturen unter dem Einfluß von Testosteron (dem „männlichen" Hormon) zu einem männlichen Körper mit männlichen Geschlechtsorganen.

Beim weiblichen Embryo führt das Fehlen von Testosteron dazu, daß sich „von selbst" ein weiblicher Körper mit weiblichen Geschlechtsorganen entwickelt. Da jedoch männliche und weibliche Geschlechtsorgane sich aus der gleichen embryonalen Zellmasse entwickeln, entsprechen sie sich in verschiedener Hinsicht, was wissenschaftlich mit dem Begriff „homolog" bezeichnet wird.

 

Weiblich
Eierstöcke
Urethra
Kleine Schamlippen
Große Schamlippen
Klitoris
Bartholin-Drüsen
Urethrale Drüsen („weibliche Prostata")

Männlich
Hoden
In der Prostata gelegener Anteil der Urethra
Im Penis gelegener Anteil der Urethra
Hodensack
Penis
Cowper-Drüsen
Prostata

 

3.1.3 Der Menstruationszyklus

Frauen erreichen ihre Fortpflanzungsfähigkeit mit der Pubertät und verlieren sie in den Wechseljahren, anfangs des fünften Lebens Jahrzehnts. Sie sind aber auch während ihrer fruchtbaren Jahre nur dann empfängnisfähig, wenn einmal im Monat die Ovarien eine reife Eizelle ausstoßen. Die monatliche Wiederholung dieses Vorgangs in Begleitung mit anderen regelmäßigen körperlichen Veränderungen bildet den weiblichen Zyklus. Das deutlichste äußere Anzeichen ist die monatliche Blutung oder Menstruation (von lat. men-sis: Monat). Daher wird dieser Zyklus auch als Menstruationszyklus bezeichnet.

Bei Mädchen tritt die erste Menstruation, die Menarche, zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr auf. Die zweite Menstruation tritt dann allerdings möglicherweise erst mehr als einen Monat später auf, da der Zyklus während der Entwicklungsphase noch sehr unregelmäßig ist. Erst im Verlauf des Heranwachsens stellt sich ein regelmäßiger Rhythmus ein. Bei einer reifen Frau dauert der Menstruationszyklus zwischen 28 und 35 Tagen. Gewisse Schwankungen sind jedoch häufig und ganz normal. Sie nehmen mit dem Alter der Frau wieder zu, bis der Menstruationszyklus nach der Menopause schließlich ganz aufhört.

In medizinischen Lehrbüchern ist es üblich den Menstruationszyklus in zwei, drei, vier oder noch mehr verschiedene Phasen einzuteilen. Solche Einteilungen, die immer etwas willkürlich sind, können dazu beitragen, die biologischen Vorgänge besser zu verstehen. Im Rahmen dieses Buches scheint eine Einteilung in drei Phasen ausreichend.

 

Die drei Phasen des Menstruationszyklus

Die Grundfunktion des Menstruationszyklus ist einfach zusammenzufassen: Er bereitet die Schleimhaut des Uterus auf die mögliche Aufnahme eines befruchteten Eies vor. Kommt es nicht zur Einnistung, wird das Schleimhautgewebe abgestoßen und durch die Vagina ausgeschieden. Diese Ausscheidung wird Regelblutung, Menstruationsblutung oder auch einfach Menstruation genannt. Wenn diese Blutung aufgehört hat, wird die Uterusschleimhaut neu gebildet, und der gesamte Zyklus beginnt von neuem.

Im Zusammenhang medizinischer Überlegungen geht man oft davon aus, daß der Zyklus mit dem ersten Tag der Blutung beginnt, er also mit dem letzten Tag vor der nächsten Blutung endet. Im Zusammenhang des vorliegenden Buches erscheint es jedoch sinnvoller, mit dem Heranwachsen der Eizelle und dem Aufbau der Uterusschleimhaut, des Endometrium, zu beginnen.

Atlas-26.jpg

I. Die drei Phasen des Menstruationszyklus
(Gerechnet ab dem ersten Tag nach Ende der Menstruation)

1. Die Vorbereitung der Ovulation
Nach der Menstruation beginnt das Endometrium erneut zu wachsen

2. Die Vorbereitung der Implantation
Das Endometrium ist zur Aufnahme einer Blastozyste bereit.

3. Menstruation
Wenn keine Implantation stattfindet, wird das Endometrium abgebaut und in der Menstruation ausgeschieden.

Schlüssel: A. Endometrium
B. Schleimpfropf im Gebärmutterhals
C. Endometrium löst sich ab und wird ausgeschieden
D. Gebärmutterhals öffnet sich, Schleimpfropf wird ausgestoßen.

 

1. Die Vorbereitung der Ovulation

Das Gewebe des Endometriums ist nach der Menstruation sehr dünn. Unter dem Einfluß von Östrogen beginnt es zu wachsen. Östrogen ist ein in den Ovarien gebildetes Hormon, das direkt in die Blutbahn gegeben wird. Durch den Anstieg des Östrogenspiegels wird das Wachstum der Eizellen in den Graaf-Follikeln angeregt. Nur einer dieser FoHikel entwickelt sich bis zum Eisprung, die anderen bilden sich wieder zurück. Nach ungefähr zwei Wochen platzt er und setzt eine Eizelle frei. Dieser Vorgang wird als Ovulation oder Eisprung bezeichnet. Zum Zeitpunkt des Eisprungs ist die Uterusschleimhaut bereits deutlich dicker geworden und bietet bereits annähernd die zur Implantation erforderlichen Bedingungen.

Der Eisprung erfolgt ungefähr zwei Wochen vor Beginn der nächsten Menstruation. Das heißt, wenn keine Befruchtung und keine Implantation stattfinden, löst sich dieses Gewebe ab und wird nach zwei Wochen ausgeschieden. Bei einem Menstruationszyklus von 28 Tagen kann man also davon ausgehen, daß der Eisprung am 14. Tag stattfindet; bei einem Zyklus von 35 Tagen wird es nach dieser Berechnung am 21. Tag zum Eisprung kommen. Während der Zeitraum zwischen Eisprung und nächster Menstruation relativ konstant bleibt, kann die Zeitspanne zwischen Menstruation und dem erneuten Eisprung erheblich variieren. Dies muß berücksichtigt werden, wenn eine Empfängnis mit Hilfe der Basaltemperatur-Methode (Rhythmus-Methode) verhütet werden soll.

2. Die Vorbereitung der Implantation

Der Follikel, der die reife Eizelle enthält, beginnt kurz vor der Ovulation ein neues Hormon zu bilden, das Progesteron. Diese Hormonbildung nimmt nach der Ovulation noch erheblich zu, während sich der geplatzte Follikel zum Gelbkörper (Corpus luteum) umwandelt. Neben Progesteron, das eine erhebliche Rolle in der letzten Entwicklungsphase der Uterusschleimhaut spielt, bildet das Corpus luteum auch Östrogen. Unter dem Einfluß dieser Hormone erreicht die Uterusschleimhaut ihre größte Dicke und die Fähigkeit, eine befruchtete Eizelle aufzunehmen.

Nachdem die Eizelle vom Eierstock freigesetzt worden ist, wird sie von den Fimbrien aufgenommen und in Richtung Uterus transportiert. Innerhalb weniger Stunden vollziehen sich die letzten Reifungsschritte, und die Eizelle kann nun befruchtet werden. Nach der Befruchtung wächst das Ei zu einer Gruppe von Zellen heran, die weiter durch den Eileiter in den Uterus wandern und diesen nach ungefähr drei Tagen erreichen. Nach drei bis vier weiteren Tagen beginnt der entstandene Zellenball schließlich, sich in das schützende und nährende Gewebe der Uterusschleimhaut einzunisten. Damit hat die Schwangerschaft begonnen.

Das Corpus luteum und seine Progesteron- und Östrogenbildung erhalten die Schwangerschaft aufrecht. Dadurch kommt es nicht zu einer erneuten Ovulation, und die Uterusschleimhaut wird nicht abgebaut. Das bedeutet, daß im Falle einer Schwangerschaft der Menstruationszyklus unterbrochen wird und nicht in die dritte Phase eintritt.

3. Menstruation

Eine Befruchtung ist nur innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Ovulation möglich. Wenn das Ei innerhalb dieser Zeit nicht auf Samenzellen trifft, stirbt es ab und wird aufgelöst. Natürlich findet in diesem Fall auch keine Einnistung in das Gebärmuttergewebe statt. Deshalb ist nun dieses Gewebe nicht weiter nötig und löst sich ab - es kommt zur Menstruation. Die bei der Men-

Atlas-27.jpg

Die drei Phasen des Menstruationszyklus
(Gerechnet ab dem ersten Tag der Menstruation)

Schlüssel:
FSH: Follikel-stimulierendes Hormon
Ö: Östrogen
LH: Luteinisierendes Hormon
P: Progesteron.
Man beachte den erheblichen Anstieg des Progesteronspiegels in den ersten 24 Stunden nach der Ovulation.

 

Anwendung eines Tampons

1. Der Tampon wird aus der Schutzhülle genommen. 2. Der Tampon wird in die Vagina eingeführt. 3. Der Tampon ist eingesetzt und nimmt nun die Menstruationsflüssigkeit auf. (Der kurze Faden, der außerhalb der Scheide verbleibt, erlaubt ein einfaches späteres Entfernen des Tampons.)

struation abgesonderte Flüssigkeit besteht in der Hauptsache aus Schleim, Geweberesten und einer unterschiedlichen Menge Blut. Normalerweise dauert die Menstruation drei bis fünf Tage. In der Umgangssprache werden diese Tage auch einfach als „Periode" bezeichnet.

Während dieser „Periode" kann eine Frau sich auch körperlich unwohl fühlen. Es können Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Krämpfe im Unterleib vorkommen. Manchmal leiden Frauen auch bereits ein paar Tage vor der Menstruation unter solchen Beschwerden. Solche prämenstruellen Span-nungszustände und Beschwerden können meist durch Medikamente behoben werden. Nur in seltenen Fällen muß jedoch deswegen der übliche Tagesablauf unterbrochen werden. Während der Menstruation kann zum Beispiel jederzeit Sport betrieben werden, ohne daß dies irgendwelche gesundheitlichen Schäden nach sich zieht.

Frauen tragen heute vielfach Tampons während ihrer Menstruation. Diese Tampons werden aus Baumwolle oder anderen saugfähigen Materialien hergestellt. Sie werden in die Vagina eingeführt, wo sie die Menstruationsflüssigkeit aufsaugen. Weil dies allerdings ausgesprochen unphysiologisch ist und weil bei Tampongebrauch gelegentlich gefährliche bakterielle Infektionen aufgetreten sind, empfehlen Ärzte neuerdings wieder eher saugfähige Binden, die, äußerlich auf die Vulva aufgelegt, das Einwandern von Krankheitserregern bei entsprechender Hygiene verhindern.

Geschlechtsverkehr während der Menstruation

Bei vielen Völkern war in der Vergangenheit Geschlechtsverkehr während der Menstruation streng untersagt. Ganz allgemein sah man Frauen während ihrer Regelblutungen als „unrein" an. In einigen Kulturkreisen herrschte der Glaube, daß ein Mann krank würde, wenn er mit einer menstruierenden Frau Geschlechtsverkehr ausübte. Die moderne Forschung hat jedoch ergeben, daß solche Ansichten nur Vorurteile und Aberglaube sind. Vom rein medizinischen Standpunkt aus besteht kein Grund, zu irgendeiner Zeit während des Menstruationszyklus den Geschlechtsverkehr einzustellen. Tatsächlich sind viele Frauen gerade vor oder während ihrer Periode für sexuelle Reize besonders empfänglich. Manche Paare lehnen jedoch Koitus während der Blutungen aus ästhetischen Gründen ab. In diesem Fall könnte ein Diaphragma verwendet werden; es hält nicht nur das Blut zurück, sondern stellt gleichzeitig eine Empfängnisverhütung dar. Spermien können schließlich noch einige Tage lang im Körper der Frau weiterleben, und Menstruationszyklen können sehr unregelmäßig sein. Eine frühe Ovulation ist also nie ganz auszuschließen (vgl. a. Kap. 4.4 „Empfängnisverhütung").

Menopause

Normalerweise stellt eine Frau zwischen dem 45. und 50. Lebensjahr fest, daß ihr Zyklus unregelmäßig wird, bis sie schließlich ganz aufhört zu menstruieren, Dieses endgültige Aufhören von Menstruation wird Menopause genannt (von griech. men: Monat und pauomai: aufhören). Die umfassendere Bezeichnung „Klimakterium" (von griech. klimakter: Leitersprosse) weist darüber hinaus auf die allgemeinen körperlichen und psychischen Veränderungen hin, die sich zu dieser Zeit im Leben einer Frau abspielen. Wie bereits beschrieben, sinkt die Anzahl der Oozyten bei der Frau im Laufe der Jahre auf Null ab. Gleichzeitig läßt die Bildung der für den Menstruationszyklus notwendigen Hormone nach. Die sich daraus ergebenden hormonellen Umstellungen können bei manchen Frauen vorübergehend Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Müdigkeit, Schlaflosigkeit und Depressionen mit sich bringen. Ein anderes häufig auftretendes Symptom ist „aufsteigende Hitze", Hitzewellen, die plötzlich den ganzen Körper erfassen. Eine solche Hitzewelle kann wenige Sekunden, aber auch Minuten andauern, kurzes Frieren und Schweißausbrüche können folgen. Solche Beschwerden der Menopause können durch Hormonbehandlung verringert oder vermieden werden.

Das Klimakterium dauert meist nicht länger als zwei Jahre. Während dieser Zeit wird die Menstruation immer seltener, Ovulationen - und damit auch Schwangerschaften - sind jedoch durchaus noch möglich. Eine Frau, die in dieser Zeit nicht schwanger werden will, ist deshalb gut beraten, empfängnisverhütende Mittel weiterhin zu verwenden. Erst ein Jahr nach der letzten Menstruation kann sie sicher sein, nicht mehr fruchtbar zu sein.

Der Verlust der Fruchtbarkeit hat keinen Einfluß auf die sexuelle Ansprechbarkeit der Frau. Oft zeigt sich bei vielen Frauen ein erneutes, verstärktes Interesse am Geschlechtsverkehr, wenn keine Schwangerschaften mehr zu befürchten sind. (Vgl. a. Kap. 1.2 „Die Bedeutung der Hormone".)

3.1.4 Die Brüste

Wenngleich man die Brüste der Frau nicht als Geschlechtsorgane im engeren Sinn bezeichnen kann, spielen sie doch eine wichtige Rolle nicht nur für ihr erotisches Empfinden, sondern auch für die Ernährung von Neugeborenen.

In diesem Sinne kann man sowohl von erotischen als auch von reproduktiven Funktionen der Brüste sprechen.

Die Brüste der erwachsenen Frau bestehen aus zwei Polstern aus Fett- und Bindegewebe, in denen die Milchdrüsen liegen. Nach der Geburt eines Kindes beginnen diese Drüsen, Milch zu bilden und sie durch Ausführungsgänge in den Brustwarzen abzugeben. Die Warzen enthalten glattes Muskelgewebe und viele Nervenendigungen, sie sind daher sehr berührungsempfindlich und können auf Berührungsreize erigieren. Der Hof, der die Brustwarzen umgibt, ist hellrot; er wird - und bleibt - durch eine Schwangerschaft etwas dunkler.

Während der Pubertät entwickeln sich die Brüste unter dem Einfluß von Hormonen zu ihrer endgültigen Größe. Form und Größe der Brüste sind weitgehend erblich bedingt.

Für viele Menschen haben die Brüste eine besondere sexuelle Bedeutung. Aber wie in allen sexuellen Fragen gehen auch hier die Meinungen weit auseinander. Bei manchen Völkern gelten lange, hängende Brüste als besonders schön, andere bevorzugen eher runde, feste Formen. In einigen Kulturen gelten kleine Brüste als außerordentlich begehrenswert, andere bevorzugen volle Busen. Auch in ein und derselben Gesellschaft verändern sich Schönheitsideale häufig von einer Generation zur nächsten.

Männer haben auch Brüste, wenngleich sie weniger entwickelt sind. Trotzdem sind auch die Brustwarzen beim männlichen Geschlecht sehr empfindsam. Auch sie können erigieren und eine wichtige Rolle beim Zustandekommen sexueller Erregung spielen (vgl. Kap. 2.2 „Die sexuelle Reaktion beim männlichen Geschlecht"). Es besteht jedoch ein wichtiger Unterschied: Die männliche Brust enthält nur andeutungsweise angelegte Drüsen. Allerdings gibt auch die männliche Brustdrüse einmal im Leben etwas Milch ab, und zwar bei der Geburt. Beim Neugeborenen sind noch bestimmte mütterliche Hormone vorhanden, also auch solche, die die Milchproduktion bei der Mutter anregen. Daher kann auch in den Brüsten des Neugeborenen sogenannte „Neugeborenen-Milch" vorhanden sein. Dieser nur sehr kurz anhaltende Zustand findet sich sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Neugeborenen.

3.2 Die sexuelle Reaktion beim weiblichen Geschlecht

Alle gesunden Frauen und Männer reagieren in irgendeiner Form auf sexuelle Reize. Diese Reaktion ist bei verschiedenen Individuen immer unterschiedlich, es besteht jedoch, unabhängig vom Geschlecht, ein einheitliches physiologisches Grundmuster.

Sexuelle Aktivität führt im Körper zu einer Reihe von Veränderungen, zum Beispiel zu Muskelanspannungen, zum Anschwellen bestimmter Organe, zur Steigerung von Blutdruck und Pulsfrequenz und weiteren Zeichen steigender Erregung, bis eine lustvolle, krampf- oder zuckungsähnliche Reaktion, der Orgasmus, Befriedigung und Entspannung bringt. Die Menschen waren sich natürlich dieser körperlichen Veränderungen immer bewußt, aber ihre wahre Natur und ihr Ausmaß waren lange Zeit unbekannt, bis erst in jüngerer Zeit Wissenschaftler die sexuelle Reaktion des Menschen im Labor zu beobachten und zu messen begannen. Hier sind die Pionierarbeiten von Kinsey, Masters und Johnson besonders wichtig.

Man kann nicht genug betonen, wie wichtig diese Forschung gerade für

Frauen ist. In unserer westlichen Kultur hatten Frauen lange an gesellschaftlichen Einstellungen zu leiden, die es ihnen unmöglich machten, ihre volle Sexualität zu entdecken und auszuleben. Man nahm allgemein an, Männer seien von einem kraftvollen „Sexualtrieb" besessen, der nach Befriedigung verlange. Frauen dagegen seien intensiver sexueller Empfindungen nicht fähig. Ihre einzige anerkannte biologische Funktion war es, Kinder zu gebären. Deshalb wurden Männern meist erhebliche sexuelle Freiheiten eingeräumt, während man Frauen von jeder sexuellen Erfahrung abhielt, die nicht der Fortpflanzung diente. Männer wurden dazu ermuntert, ihren sexuellen Interessen nachzugehen; Frauen wurde eingeredet, sexuelle Lust sei unschicklich oder erniedrigend. (Vgl. a. Kap. 9 „Die sozialen Rollen von Mann und Frau".)

Diese doppelte Moral hatte verhängnisvolle Auswirkungen nicht nur für das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft, sondern auch für das körperliche Wohlbefinden der einzelnen Frauen. So haben Frauen oftmals Schwierigkeiten, ihre sexuelle Reaktionsfähigkeit zu entwickeln, und viele Frauen erfahren während ihres ganzen Lebens nicht, welche sexuellen Fähigkeiten sie eigentlich haben. Fast alle Männer kommen nach ausreichender sexueller Reizung problemlos zum Orgasmus, während es viele Frauen gibt, die verzweifelt und vergeblich versuchen, dieses Ziel zu erreichen. Manche Frauen erleben ihren ersten Orgasmus erst nach vielen Jahren des Geschlechtsverkehrs .

Abgesehen von seltenen Fällen körperlicher Behinderung oder Krankheit, liegen die Ursachen für diese merkwürdigen und oft überflüssigen Schwierigkeiten eindeutig in der Art und Weise, in der Frauen in unserer Gesellschaft erzogen werden. Diese Gesellschaft zwingt Mädchen in ihren Entwicklungsjahren, sexuelle Wünsche nicht einmal sich selbst einzugestehen, um Anforderungen wie „Anstand", „Sittsamkeit" und „Ehrbarkeit" zu genügen. Man gestattet ihnen, in romantischen, symbolischen Phantasien zu schwelgen, hindert sie aber gleichzeitig daran, die Sinnlichkeit zu entwickeln, die allein solche vagen Sehnsüchte in praktische Erfahrung verwandeln könnte. Es entstehen daraus Hemmungen, die so gravierend sein können, daß jede normale sexuelle Reaktion unmöglich wird. (Vgl, a. Kap. 8.2 „Sexuelle Funktionsstörungen".)

Jahrhundertelang wurde dieser beklagenswerte Zustand als „normal" hingenommen. Die sexuelle Befriedigung und damit Befreiung der Frau schien ein unerreichbares, aber auch wenig erstrebenswertes Ziel. Wer die doppelte Moral in Frage stellte, sah sich dogmatisch belehrt, daß die Ungleichheit der Geschlechter gottgegeben sei, oder es wurde vom „Geheimnis des Ewig-Weiblichen" und vom „Mysterium Frau" gefaselt. Allerdings ist es in den letzten 50 Jahren zu einer gewissen Emanzipation der Frau gekommen. Zu einem Teil ist dies wohl auch Ergebnis der Sexualforschung. Unwiderlegbare Fakten haben bewiesen, daß das sexuelle Vermögen der Frauen dem des Mannes zumindest gleichkommt, ihm in mancher Hinsicht sogar überlegen ist. Es ist auch erwiesen, daß die sexuelle Reaktion bei beiden Geschlechtern im wesentlichen nach dem gleichen Grundmuster verläuft. In einer vorurteilsfreien Welt hätten diese Entdeckungen wohl kaum Aufsehen erregt, denn sie bestätigen ja nur, was seit langem hätte klar sein sollen: daß die meisten Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht angeboren, sondern anerzogen sind, daß besonders das Sexualverhalten erheblichen sozial bedingten Einflüssen unterliegt.

Heute wissen wir, daß Frauen und Männer für die gleichen sexuellen Reize empfänglich sind. Berühren, Sehen, Riechen und Schmecken spielen eine erhebliche Rolle für die sexuelle Erregbarkeit aller Menschen. Frauen und Männer haben vergleichbare Zonen besonderer körperlicher Sensibilität, und sie können die gleichen erogenen Zonen entwickeln. Diese Aspekte wurden oben bereits besprochen, deshalb soll dies hier nicht weiter ausgeführt werden (vel Kap. 2.2 „Die sexuelle Reaktion beim männlichen Geschlecht").

Die folgende Zusammenfassung der sexuellen Reaktion beim weiblichen Geschlecht soll keine Norm oder Idealform sexuellen Verhaltens darstellen. Es ist lediglich beabsichtigt, einige grundlegende Kenntnisse über körperliche Vorgänge zu vermitteln, die mit sexueller Aktivität verbunden sind. Individuelle Unterschiede sind aber in jedem Fall zu erwarten. Die grundlegenden Reaktionen einer Frau sind allerdings ein Leben lang dieselben, unabhängig davon ob sie durch Masturbation oder die verschiedenen Arten des Geschlechtsverkehrs hervorgerufen werden (vgl. a. Kap. 7 „Formen des Sexualverhaltens"). Wenn diese Erfahrungen auch psychisch ganz unterschiedlich erlebt werden mögen, bleiben die Reaktionen des Körpers die gleichen.

3.2.1 Die vier Phasen der sexuellen Reaktion

Wie oben erwähnt, sind die sexuellen Reaktionen beim männlichen und weiblichen Geschlecht im großen und ganzen die gleichen. Es gibt einige wichtige, aber nicht entscheidende Unterschiede. So kann man von einer allgemeinen menschlichen sexuellen Reaktion und ihren männlichen und weiblichen Varianten sprechen.

Das Grundmuster der physiologischen Veränderungen im menschlichen Körper, die sich während sexueller Aktivität vollziehen, kann man am einfachsten als Aufbau und Nachlassen von Spannungen beschreiben. Um die begleitenden Vorgänge besser verständlich zu machen, haben Wissenschaftler jedoch die sexuelle Reaktion in drei oder vier verschiedene Phasen eingeteilt. Die folgende Beschreibung der sexuellen Reaktion beim weiblichen Geschlecht folgt der Einteilung in vier Phasen nach Masters und Johnson.

1. Erregungsphase

Früher nahm man an, Frauen reagierten auf sexuelle Reize langsamer als Männer, Diese Annahme ist jedoch falsch. Nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen kann die sexuelle Erregung sehr plötzlich auftreten, und manche Menschen haben einen oder mehrere Orgasmen innerhalb weniger Minuten. Manche Frauen erreichen tatsächlich schon 15 bis 30 Sekunden nach dem Beginn des Geschlechtsverkehrs einen Orgasmus. Es scheint jedoch, daß Frauen in den Anfangsstadien der Erregung leichter abgelenkt werden können als Männer und daß sie einer unmittelbaren körperlichen Stimulation eher bedürfen. Deshalb hat es manchmal den Anschein, daß viele Frauen eine längere Zeit brauchen, um beim Koitus den Orgasmus zu erreichen, während die Erregung ihrer männlichen Partner oft von psychischen Faktoren unterstützt und beeinflußt wird. Frauen scheinen allgemein weniger leicht durch optische und akustische Reize, erotische Phantasien und Vorstellungen erregt zu werden. Wenn andererseits eine Frau die von ihr bevorzugte Form sexueller Stimulation erfährt (zum Beispiel durch Masturbation), erreicht sie ebensoschnell den Orgasmus wie der Mann.

Zu den ersten und deutlichsten Anzeichen sexueller Erregung zählt beim weiblichen Geschlecht das Feuchtwerden der Vagina. Als Reaktion auf sexuelle Reizung beginnen die Wände der Scheide, eine klare Flüssigkeit abzusondern, die sich als Feuchtigkeitsfilm über die Oberfläche der Scheide verteilt und sie auf den Koitus vorbereitet. Ohne diese Gleitflüssigkeit wäre das Einführen des Penis in die Vagina für beide Partner möglicherweise schmerzhaft. (Das entsprechende erste Anzeichen sexueller Erregung beim männlichen Geschlecht ist die Erektion des Penis. Zum gleichen Zeitpunkt, wo der Penis die Fähigkeit erreicht, in die Vagina einzudringen, wird diese dazu bereit, ihn aufzunehmen.) Mit fortschreitender Erregung vergrößern sich die inneren zwei Drittel der Vagina in der Breite und in der Länge, sie beginnt sich also leicht aufzublähen. Gleichzeitig verändert sich die Färbung der Scheide von Hellrot zu Dunkelrot, was sich in den folgenden Phasen noch verstärkt.

Die großen Schamlippen reagieren unterschiedlich, je nachdem, ob eine Frau bereits Kinder geboren hat oder nicht. Wenn sie noch nicht geboren hat, flachen die großen Schamlippen bei sexueller Erregung ab und legen so die Scheidenöffnung frei. Die großen Schamlippen von Frauen, die schon eine Geburt hatten, sind ohnehin vergleichsweise größer und sie schwellen nun infolge eines Blutstroms weiter an. Auch hier wird jedoch die Scheidenöffnung freigelegt. Die kleinen Schamlippen schwellen bei allen Frauen deutlich an und bekommen eine zunehmend rote Farbe. Die Klitoris nimmt (wie der Penis) an Umfang und Größe zu, indem sich die Schwellkörper mit Blut füllen. Gleichzeitig beginnt der Uterus anzuschwellen und sich in den Unterleib hineinzuziehen. Daraus ergibt sich die zuvor beschriebene Verlängerung der Vagina.

In der Erregungsphase erigieren die Brustwarzen und behalten diese Erektion während aller folgenden Phasen bei. Da jedoch im weiteren die dunklen Höfe um die Brustwarzen und schließlich die ganze Brust an Größe zunehmen, sind die erigierten Brustwarzen nach und nach weniger auffällig. Mit zunehmender Erregung kommt es zu willkürlichen und unwillkürlichen Muskelkontraktionen in verschiedenen Teilen des Körpers, Pulsfrequenz und Blutdruck steigen an.

Neben diesen Anzeichen steigender Erregung kommt es bei den meisten Frauen auch zum „sex flush"-Phänomen, einer Hautrötung, die in der Magengegend beginnt und sich auf Brust und Nacken ausbreitet. Diese Hautrötung hält bis nach der Orgasmusphase an.

2. Plateauphase

Die Plateauphase ist eine Verlängerung der Erregungsphase. Mit dem Wort „Plateau" soll ausgedrückt werden, daß ein bestimmter Grad der Erregung erreicht ist, der eine Zeitlang anhält, bis der Orgasmus erreicht wird.

In dieser Phase vergrößern und erweitern sich die inneren zwei Drittel der Vagina nur unwesentlich, während sich die Wand des äußeren Drittels mit Blut füllt. Dieser Teil der Scheide, der sich in der Erregungsphase geringfügig erweitert hat, verengt sich hierdurch um ungefähr ein Drittel. Das stark durchblutete und sich verengende äußere Drittel der Scheide wird deshalb auch plastisch als „orgastische Manschette" bezeichnet.

Die großen Schamlippen verändern sich im Laufe der Plateauphase nicht mehr. Die Rotfärbung der kleinen Schamlippen wird jedoch noch intensiver, besonders bei Frauen, die bereits Kinder geboren haben. Dieser auffallende Farbwechsel zeigt das Bevorstehen des Orgasmus an. Wenn ein bestimmter Grad der Erregung erreicht ist, zieht sich die Klitoris unter ihre Vorhaut zurück und wird so für direkte Stimulation durch die Frau oder ihren Partner unerreichbar. (Man hat in der Vergangenheit dieses Zurückziehen unzutreffenderweise nicht als Intensivierung, sondern als Verminderung der sexuellen Erregung interpretiert.) Die Bartholin-Drüsen können in der späten Erregungsphase oder in der Plateauphase etwas Flüssigkeit absondern. Der Uterus wird weiter in den Unterleib hineingezogen und nimmt an Umfang zu.

Auch die Brüste erreichen ihren größten Umfang in der Plateauphase, das „sex frush"-Phänomen - wenn es aufgetreten ist - intensiviert sich und breitet sich aus, Willkürliche und unwillkürliche Muskulatur wird zunehmend angespannt. Pulsfrequenz und Blutdruck steigen an, die Atmung wird rascher.

3. Orgasmusphase

Der Orgasmus ist ein plötzliches Nachlassen der Muskel- und Nervenanspan-nung auf dem Gipfel sexueller Erregung. Dieses Erlebnis ist wohl der intensivste körperliche Genuß, zu dem ein Mensch fähig ist, er wird von beiden Geschlechtern grundsätzlich auf gleiche Weise erlebt. Ein Orgasmus dauert nur einige Augenblicke und wird wie ein krampfartiger Anfall, eine Reihe von Zuckungen empfunden, die den ganzen Körper erfassen und die von •vollständiger Entspannung gefolgt sind. Bei geschlechtsreifen Männern kommt es dabei zur Ejakulation von Samenflüssigkeit. Wie oben erwähnt, kann es bei manchen Frauen in ähnlicher Weise zu einer „Ejakulation" von „Prostata"-Sekret aus den urethralen Drüsen (der „weiblichen Prostata") durch die Urethra kommen. (Vgl. a. den obigen Abschnitt „Die Scheide".)

Während also Orgasmen von Männern und Frauen prinzipiell ähnlich erlebt werden, sind Frauen eher zu mehreren aufeinanderfolgenden Orgasmen fähig. Zwar gibt es seltene Fälle, in denen Männer - vor allem in jungen Jahren - zu mehreren Orgasmen in rascher Folge in der Lage sind. Dies ist jedoch sehr viel öfter bei Frauen der Fall.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied: Während das Grundmuster des Orgasmus beim männlichen Geschlecht kaum variiert, können Frauen Orgasmen auf sehr verschiedene Arten erleben. Bei manchen Frauen ist der Orgasmus eher kurz und sanft; bei anderen ist er länger und heftiger. Eine Frau kann auch in unterschiedlichen Situationen verschiedene Arten des Orgasmus erleben. Der grundlegende physiologische Vorgang, der diesen möglichen Varianten zugrunde liegt, ist indes immer der gleiche.

Beim weiblichen Geschlecht beginnt der Orgasmus mit heftigen, rhythmischen Kontraktionen im äußeren Drittel der Vagina, der „orgastischen Manschette". Diese Kontraktionen, deren Anzahl zwischen drei und 15 liegen kann, wiederholen sich anfangs in Abständen von weniger als einer Sekunde, sie werden dann schwächer und erfolgen in größeren Abständen. Fast gleichzeitig beginnt der Uterus sich zusammenzuziehen. Diese Kontraktionen sind jedoch unregelmäßig. Sie beginnen in der oberen Hälfte des Uterus und sind nach unten gerichtet, ähnlich den Geburtswehen. Auch die Schließmuskeln des Anus kontrahieren sich während des Orgasmus entsprechend der „orgastischen Manschette". Die große Muskelanspannung erfaßt nicht nur den gesamten Raum des kleinen Beckens, sondern den gesamten Körper, Nacken, Arme, Hände, Beine und Füße. Pulsschlag und Blutdruck steigen noch geringfügig über das Niveau der Plateauphase an, die Atmung wird sehr rasch. Natürlich ist die Intensität all dieser körperlichen Reaktionen auch vom Grad und der Dauer der sexuellen Erregung abhängig.

4. Rückbildungsphase

Nach dem Orgasmus benötigen die Geschlechtsorgane (und mit ihnen der ganze Körper) eine bestimmte Zeit, bis sie ihren Ruhezustand wieder erreichen. Während dieser sogenannten Rückbildungsphase läßt der Blutstau im äußeren Drittel der Scheide rasch nach. Die großen und kleinen Schamlippen nehmen wieder ihre ursprüngliche Form an. Die Klitoris tritt wieder unter ihrer Vorhaut hervor. Der Uterus kehrt zur Normalgröße zurück, und indem er aus seiner aufgerichteten Position in das kleine Becken zurücksinkt, verschwindet die oben beschriebene Erweiterung der inneren zwei Drittel der Vagina. Das „sex flush"-Phänomen verschwindet. Die Brustwarzen und die Brüste selbst kehren langsam in den Ruhezustand zurück. Mit dem Nachlassen der Muskelanspannung nehmen auch Pulsfrequenz und Blutdruck ab, die Atmung normalisiert sich.

Frauen scheinen im Gegensatz zu Männern keine „Refraktärperiode"'zu haben, jedenfalls ist sie nicht so deutlich. Eine Fortsetzung der Stimulation kann in vielen Fällen bei Frauen unmittelbar nach dem ersten Orgasmus zu einem zweiten oder dritten führen. Zu einer solchen raschen Folge vieler Orgasmen scheint eine große Zahl von Frauen in der Lage zu sein. In diesen Fällen setzt die hier beschriebene Rückbildungsphase natürlich erst nach dem letzten Orgasmus ein.

3.2.2 Die sexuelle Reaktion älterer Frauen

Viele Menschen glauben immer noch, Frauen würden nach der Menopause ihre sexuelle Ansprechbarkeit verlieren. Andere sind der Auffassung, ältere Frauen sollten keinen Geschlechtsverkehr mehr haben, um Würde und Anstand zu wahren. Solche Vorurteile trifft man glücklicherweise in jüngerer Zeit seltener, da die Ammenmärchen vergangener Zeiten moderner wissenschaftlicher Erkenntnis zu weichen beginnen. Weder Frauen noch Männer müssen befriedigende sexuelle Beziehungen aufgeben, nur weil sie älter werden. Die sexuelle Reaktion - wie sie oben beschrieben wurde - bleibt im wesentlichen die gleiche. Natürlich sind ältere Menschen nicht mehr so kräftig wie in ihrer Jugend, so daß viele Reaktionen langsamer verlaufen.

Bei der älteren Frau kommt es zu bestimmten Veränderungen ihrer Geschlechtsorgane, die auch ihre Reaktion beeinflussen. Die deutlichste Veränderung betrifft die Funktion der Vagina. Das Feuchtwerden der Vagina, das sich bei einer jungen Frau innerhalb von 15 bis 30 Sekunden vollzieht, entwickelt sich nun unter Umständen erst innerhalb von Minuten und ist weniger stark. Hinzu kommt, daß infolge fehlender Hormonzufuhr die Scheidenwände dünner und weniger elastisch werden können. Dies kann durch eine Hormonbehandlung jedoch behoben werden. Unzureichender Bildung von Gleitflüssigkeit kann man durch künstliche Gleitmittel begegnen.

Da der Uterus nach der Menopause kleiner wird, richtet er sich bei sexueller Erregung nicht mehr so deutlich auf. Die Erweiterung der inneren zwei Drittel der Vagina ist daher weniger ausgeprägt. Die Kontraktionen beim Orgasmus werden sanfter und weniger zahlreich. Die Rückbildungsphase ist wesentlich kürzer.

Keine dieser möglichen Veränderungen muß die Freude am Geschlechtsverkehr mindern. Frauen, die ihr Leben lang sexuell aktiv waren, können dies bis ins hohe Alter bleiben.

Weiterführende Literatur

Boston Women's Health Book Collective: Unser Körper, unser Leben. Handbuch von Frauen für Frauen (Our bodies, ourselves, dt.). 2 Bände. Reinbek (Rowohlt), 1980.

Brecher, R., Brecher, E. (Hrsg.): Analysis of human sexual response. New York (New American Library), 1974,

Cyran, W.: Sexuelle Probleme der Frau. Leitfaden für Ärzte. Köln-Lövenich (Dt-Ärzte-Verlag), 1981.

Diagram Group: Die Frau und ihr Körper. Ein Handbuch (Woman's body, dt.). München (Goldmann), 1979.

Fischer, S.: Orgasmus. Sexuelle Reaktionsfähigkeit der Frau (The female orgasm, dt.). Stuttgart (Hippokrates), 1976.

Lehrman, N.: Masters and Johnson explained. 2, Aufl., Chicago (Playboy Press),

Masters, W. H., Johnson, V. E.: Die sexuelle Reaktion (Human sexual response, dt.).

Reinbek (Rowohlt), 1980. Sigusch, V.: Physiologie des Orgasmus. Versuch einer Definition. In: Sigusch, V.

(Hrsg.): Sexualität und Medizin. Köln (Kiepenheuer & Witsch), 1979.

Die sexuelle Reaktion beim weiblichen Geschlecht

Wilhelm Reich war einer der ersten, die den Ablauf der sexuellen Reaktion untersuchten. Er nannte sie die „Orgasmusformel" und schlug vor, sie in vier Hauptphasen zu unterteilen: 1. mechanische Spannung, 2. bio-elektrische Ladung, 3. bio-elektrische Entladung, 4. mechanische Entspannung*. In neuerer Zeit wurden diese vier Phasen von Masters und Johnson neu benannt als l Erregungsphase, 2. Plateauphase, 3. Orgasmusphase, 4. Rückbildungsphase. Sie führten zusätzlich eine fünfte Phase ein, die Refraktärperiode. Im folgenden wird die sexuelle Reaktion der weiblichen Geschlechtsorgane nach Masters und Johnson beschrieben. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es sich eigentlich um eine Reaktion des ganzen Körpers handelt.

Veränderungen der äußeren Geschlechtsorgane

Ruhezustand

Atlas-33.jpg

Vgl. das - in englischer Sprache erschienene -Buch von W. Reich: The Function of the Orgasm. New York (Noonday), 1942.

1. Erregungsphase

 

Atlas-35.jpg

 

2. Plateauphase

Atlas-36.jpg

3. Orgasmusphase

Atlas-37.jpg

 

4. Rückbildungsphase

Atlas-38.jpg

Veränderungen der inneren Geschlechtsorgane

1. Erregungsphase

Atlas-39.jpg

2. Plateauphase

Atlas-40.jpg

 

3. Orgasmusphase

Atlas-41.jpg

 

4. Rückbildungsphase

Atlas-42.jpg

(5. Refraktärperiode)

Es gibt einige Hinweise darauf, daß auch beim weiblichen Geschlecht eine sogenannte „Refraktärperiode" besteht, d. h. eine Zeitspanne nach dem Orgasmus, in der auf weitere sexuelle Reize keine Reaktion möglich ist. Dieses Phänomen wird allerdings nicht immer bemerkt, da viele Frauen zu mehreren Orgasmen in rascher Abfolge fähig sind.

4. Die Fortpflanzung

Menschliches Leben pflanzt sich durch eine bestimmte Form des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern und Frauen fort. Die Geschlechtsorgane der Partner können so vereinigt werden, daß infolge dieser Vereinigung (Kopulation oder Koitus) männliche und weibliche Keimzellen (Samenzelle und Eizelle) miteinander verschmelzen können. Aus dieser Verschmelzung entsteht eine neue Zelle, die sich zu einem neuen Menschen entwickeln kann. Fortpflanzung ist in der Regel zwar ohne geschlechtliche Aktivität nicht möglich, sehr wohl jedoch Geschlechtsverkehr ohne Fortpflanzung. Männer und Frauen sind jederzeit zu sexuellen Reaktionen fähig und sie können vielerlei Formen nicht-koitalen Geschlechtsverkehrs ausüben. Zur Fortpflanzung bedarf es jedoch, außer in Fällen medizinischer Eingriffe, des Koitus, der zudem nur in einer kurzen Phase, wenn eine Eizelle verfügbar ist, zur Befruchtung führt.

Trotz dieser biologischen Tatsachen glaubte man in unserem Kulturkreis lange Zeit, Zweck und Rechtfertigung sexueller Handlungen sei ausschließlich die Fortpflanzung. Religiöse Dogmen, die Rechtsprechung, selbst bestimmte traditionelle medizinische Theorien sind Ausdruck dieser Vorstellung. Wir alle sind eigentlich dazu erzogen worden, jede Art der Sexualität, die nicht der Fortpflanzung dient, als sündhaft, strafbar oder krankhaft anzusehen.

Allerdings gab es in der Vergangenheit auch Völker, die nicht wußten, daß eine Schwangerschaft Folge von Geschlechtsverkehr ist. Sie waren statt dessen der Ansicht, ein „Geist" müsse in den Körper der Frau fahren und wüchse dort zum Kind heran. Diese Auffassung führte natürlich zu einer Sexualmoral, die mit der unseren nichts gemeinsam hatte.

Ein Beispiel mag dies veranschaulichen: Ein Mann, der nie etwas von der ** Verbindung zwischen Sexualität und Fortpflanzung gehört hat, kann natür-

lich den Geschlechtsverkehr ohne Hemmungen, nur um der Lust willen, genießen. Wenn man ihm jedoch die Zusammenhänge erklärte, könnte sich f|i||; möglicherweise seine Einstellung ändern. Dann würde das Ende seiner Unwissenheit auch eine neue moralische Einstellung bewirken. Das könnte sogar dahin führen, daß er schließlich die in unserer Gesellschaft gültigen sexuellen Normen annähme. Sollte er jedoch andererseits nach einiger Zeit entdecken, daß er unfruchtbar ist, könnte er seine neue Moral als für sich irrelevant abtun  und zu seinem früheren Wertsystem zurückkehren. Er würde einfach feststellen, daß in seinem besonderen Fall eben doch kein Zusammenhang zwischen : Sexualität und Fortpflanzung besteht.

Dieses theoretische Beispiel ist nicht so weit hergeholt, wie es vielleicht scheinen mag. Ja, man kann mit seiner Hilfe ein recht verbreitetes Problem 4*> illustrieren. Wir wissen, daß es in jeder Gesellschaft Männer und Frauen gibt, bei denen Geschlechtsverkehr nicht zur Schwangerschaft führt. Das kann daran liegen, daß sie zu jung oder zu alt oder vielleicht unfruchtbar sind, oder daran, daß sie gleichgeschlechtliche Interessen haben. Auf jeden Fall haben sie alle eines gemeinsam: sie müssen eine sexuelle Moral entwickeln, die sich nicht von einem Fortpflanzungsgebot ableitet. In der Vergangenheit fanden sich nur wenige Menschen in dieser Lage. Durch die Einführung wirksamer Verhütungsmittel wurde jedoch in unserer Zeit Geschlechtsverkehr ohne folgende Schwangerschaft für fast jeden möglich. Andererseits können Paare zur Fortpflanzung auch auf künstliche Befruchtung zurückgreifen, bei der es überhaupt keines sexuellen Kontaktes mehr bedarf. Beides führte dazu, daß Sexualität und Fortpflanzung ein für alle Male voneinander getrennt wurden, und es stellen sich nun ganz neue moralische Fragen. In der Öffentlichkeit beginnt man, diesen Tatsachen bereits Rechnung zu tragen. Ein gutes Beispiel ist die öffentliche Auseinandersetzung um die Sexualerziehung. Die herkömmliche sexuelle Aufklärung betonte überwiegend die wesentlichen Fakten über die Fortpflanzung. Was Lehrer mit ihren Schülern als sogenannte „Fragen des Lebens" besprachen, ging meist nicht über die Information hinaus, wie Kinder gezeugt und geboren werden. So gut wie nie wurde erklärt, wie man diese Zeugung verhindern kann. Die meisten Menschen hatten vermutlich Sorge, daß das Verbreiten solcher Kenntnisse zu breiter Unmoral führen würde. Heute hat sich jedoch die Auffassung weitgehend durchgesetzt, daß es noch weniger moralisch ist, jungen Menschen diese Kenntnisse vorzuenthalten. Daneben hat die Überbevölkerung in vielen Ländern der Welt dazu geführt, daß ganz offiziell moralische Wertsysterne überdacht und die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung allgemein gefordert wurde. In fast allen Ländern gibt es heute öffentliche oder private Einrichtungen, die Informationen zu Empfängnisverhütung durch Bücher, Filme, Flugblätter Werbungen und persönliche Beratung erteilen.

Es steht außer Zweifel, daß die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung unser aller Leben grundlegend verändern wird. Wenn Geschlechtsverkehr nicht länger zu unerwünschten Schwangerschaften führt, wenn die Zeugung eines Kindes eine Frage bewußter Entscheidung wird, muß sich auch das Verhältnis der Partner zueinander verändern. Sehr wahrscheinlich führt dies zu einem besseren Verstehen und Zusammenleben der Geschlechter. Viele Paare planen heute ihre Familien gemeinsam und erleben die Schwangerschaft der Frau gemeinsam bis zur Geburt des Kindes. Viele Krankenhäuser machen dem werdenden Vater Mut, bei der Geburt anwesend zu sein und bieten Säuglingspflegekurse für beide Partner an. Ein solches Verständnis gemeinsamer Interessen und gemeinsamer Verantwortung kann in naher Zukunft dazu führen, daß die überkommenen engen sozialen Rollen von Männern und Frauen überwunden werden und erstmals in der Geschichte der Menschheit vollkommene sexuelle Gleichberechtigung erreicht wird.

Zunächst ist es jedoch wichtig, daß sich beide Geschlechter mit den grundlegenden biologischen Tatsachen vertraut machen. Die Wissenschaft hat in der Erforschung der menschlichen Fortpflanzung große Erfolge zu verzeichnen gehabt, und obwohl viele Fragen noch ungeklärt sind, konnten viele zeitbedingte Vorstellungen und Irrtümer bereits widerlegt werden. Für Männer und Frauen, die die Fortpflanzungsfunktion ihrer Körper verstehen, gibt es heute bessere Möglichkeiten denn je, glückliche Eltern von gesunden Kindern zu werden. Die folgenden Ausführungen geben eine Zusammenfassung des gegenwärtigen biologischen und medizinischen Wissens über die menschliche Fortpflanzung. Zwei gesonderte Kapitel sind der Empfängnisverhütung und dem Schwangerschaftsabbruch gewidmet. Die verschiedenen sozialen Aspekte dieser Themen werden im dritten Teil des Buches behandelt.

4.1 Die Empfängnis

Man pflegte früher von einer schwangeren Frau zu sagen, sie habe „empfangen" oder eine „Empfängnis" habe in ihrem Körper stattgefunden. In der Umgangssprache kann man diese Begriffe heute kaum noch hören, viele Menschen halten sie heute für hochtrabend. Trotzdem greifen Wissenschaft-

4. Die Fortpflanzung führt immer wieder auf das Wort, .Empfängnis" zurück, wenn sie vom „Beginn &in.es neuen Lebens" oder dem „Anfang der Existenz eines neuen Individu-** sprechen. Diese auf den ersten Blick einfachen Umschreibungen um-ein sehr komplexes Phänomen, das man selbst heute noch kaum ganz Erstanden hat. Daher benutzen auch nicht alle Wissenschaftler das Wort "Empfängnis" im gleichen Sinn.

Die Schwangerschaft einer Frau entsteht durch das Zusammenwirken verschiedener biologischer Prozesse. Hierzu gehören vor allem:

• die Vereinigung von männlichen und weiblichen Geschlechtszellen, aus denen eine neue Zelle, die Zygote, entsteht. Dieser Vorgang heißt Befruchtung.

• die Entwicklung der Zygote durch Zellteilung, deren Ergebnis ein hohler Zellenball ist, den man Blastozyste nennt. Dieser Vorgang heißt Segmen-tation.

• das Einnisten der Blastozyste in der Innenwand des Uterus. Dieser Vorgang heißt Implantation.

Wenn auch nur bei einem einzelnen dieser Vorgänge Störungen auftreten, kommt es nicht zur Schwangerschaft.

Aus bestimmten wissenschaftlichen Gründen sprechen Entwicklungsbiologen von Empfängnis, sobald der Vorgang der Befruchtung abgeschlossen ist. A.US anderen wissenschaftlichen Gründen gehen Reproduktionsphysiologen davon aus, daß neues Leben mit der Implantation beginnt. Für sie gibt es keine Empfängnis, wenn die Befruchtung nicht zur Schwangerschaft führt.

Diese unterschiedlichen wissenschaftlichen Auffassungen können einen Laien gelegentlich verwirren, wenn er festzustellen versucht, zu welchem genauen Zeitpunkt neues Leben entsteht. In diesem Zusammenhang sollte man sich daran erinnern, daß die moderne Wissenschaft auch viele andere traditionelle Annahmen umgestoßen hat. Dies gilt zum Beispiel auch für die genaue Bestimmung des Zeitpunkts des Todes. Mit dem Fortschritt der Wissenschaft ist die Bestimmung von Anfang und Ende menschlichen Lebens immer schwieriger geworden. Wir müssen noch sehr viel mehr lernen (und genauere B ezeichnungen entwickeln), bevor wir diese komplizierten Fragen tatsächlich beantworten können.

Im folgenden Kapitel wird daher der heutige Wissensstand über die biologischen Vorgänge bei der Entstehung neuen menschlichen Lebens zusammengefaßt.

4.1.1 Die männliche Geschlechtszelle (Samenzelle)

Um sich fortzupflanzen, müssen Mann und Frau geschlechtsreif sein; das b.eißt: ihre Körper müssen so weit entwickelt sein, daß sie Geschlechtszellen (Gameten) produzieren.

Die männliche Geschlechtszelle heißt Samenzelle oder Spermie. Spermien Werden in den männlichen Keimdrüsen, den Hoden, produziert. Sie sind die Icleinsten Zellen des menschlichen Körpers. Mit dem bloßen Auge sind sie nicht sichtbar, man kann sie aber unter dem Mikroskop untersuchen. In ihrer Form gleichen die Spermien ganz entfernt einer Kaulquappe, sie bestehen aus drei Teilen: Kopf, Körper und Schwanz. Ihre Gesamtlänge beträgt etwa 0,042 mm. Der Kopf, der nur ein Zehntel der Gesamtlänge ausmacht, enthält die 23 Chromosomen, die die Erbmerkmale des Mannes tragen. Eines dieser Chromosomen bestimmt das Geschlecht des Kindes, wenn sich die Samen-sselle mit einer weiblichen Eizelle vereint. Spermien kommen also in zwei /Vrten vor: solche, die das X-Chromosom enthalten und die die Zeugung eines Mädchens bewirken, und solche mit einem Y-Chromosom, durch die

Atlas-46.jpg

Die Festlegung des Geschlechts

Die Übersicht vergleicht zunächst die Produktion männlicher und weiblicher Keimzellen und zeigt dann die möglichen Ergebnisse einer Befruchtung.

1. Spermatogenese und Oogenese
Ein primärer Spermatozyt entwickelt sich zu vier reifen Samenzellen weiter, während aus einem primären Oozyten nur eine Eizelle entsteht. Die winzigen Polkörperchen, die bei der Oogenese gebildet werden, gehen zugrunde und werden aufgelöst.

 

ein Junge gezeugt wird. Unterhalb des Kopfs liegt der Körper der Samenzelle, dem die wichtige Rolle zukommt, der ganzen Zelle die Kraft zur Fortbewegung zu geben. Die Bewegung selbst wird durch kräftiges Schlagen mit dem Schwanz hervorgerufen. Unter günstigen U.mständen kann eine Samenzelle bis zu 2 cm in der Minute wandern. Diese Fortbewegung ist sehr wichtig, da die Samenzelle die Eizelle tief im Körper der Frau (in einem der Eileiter) erreichen muß.

4.1.2 Die weibliche Geschlechtszelle (Eizelle)

Die weibliche Geschlechtszelle heißt Eizelle (lat. ovum). Eizellen (oder Ova) werden in den weiblichen Keimdrüsen, den Ovarien, gebildet. Sie sind die größten Zellen des menschlichen Körpers. Man kann sie mit dem bloßen Auge sehen, denn sie sind ca. 0,15 mm groß. Der Größenunterschied zwischen Ei- und Samenzelle ist ungeheuer. Die Länge von drei aneinandergereihten Samenzellen entspricht zwar dem Durchmesser einer Eizelle, aber ihr Volumen ist 85 OOOmal größer als das der Samenzelle. Die Eizelle ist rund, ihr Zellkern enthält 23 Chromosomen, die die Erbmerkmale der Frau tragen. Im Gegensatz zu den Spermien gibt es nur eine Art Eizelle: solche mit X-Chromosomen. Wenn sich eine Eizelle mit einer Samenzelle, die ein X-Chromosom hat, verbindet, wird das Kind ein Mädchen. Wenn sich die Eizelle mit einer Samenzelle verbindet, die ein Y-Chromosom trägt, entsteht ein Junge, Das bedeutet: das Geschlecht eines Kindes wird nicht durch die Eizelle, sondern durch die Samenzelle bestimmt.

Atlas-49.jpg

Koitus

Die Abbildung zeigt den Weg der Samenzellen aus den Hoden durch die Samenleiter. Beim Koitus treten die Samenzellen in die Prostata ein und werden dann als Teil der Samenflüssigkeit in die Vagina, nahe der Zervix, ejakuliert.

1. Hoden
2. Samenleiter (Vas deferens)
3. Samenblase
4. Prostata
5. Urethra
6. Ansammlung von Samenflüssigkeit
7. Zervix

 

4.1.3 Der Koitus

Das Wort Koitus (von lat. coire: zusammengehen) bezieht sich auf die Art von Geschlechtsverkehr, bei der der Penis in die Vagina eingeführt wird. Andere Bezeichnungen für Koitus sind Kopulation oder Genitalverkehr.

Der Höhepunkt des Koitus ist der Orgasmus, der normalerweise für den Mann mit der Ejakulation von Samenflüssigkeit in die Vagina der Frau zusammenfällt. Da die Samenflüssigkeit die Samenzellen enthält, ist der Orgasmus des Mannes für die menschliche Fortpflanzung sehr wichtig. Nur während des Orgasmus treten die Muskelkontraktionen in seinen Geschlechtsorganen auf, die für den Samenausstoß notwendig sind. Es gibt hier jedoch Ausnahmen. Einige wenige Samenzellen können auch bereits vor dem Orgasmus oder ohne Orgasmus ausgeschieden werden. Eine Frau kann natürlich ohne Orgasmus schwanger werden.

Es sei auch noch darauf hingewiesen, daß es auch durch künstliche Befruchtung, also ohne Koitus, möglich ist, die Befruchtung einer Eizelle durch eine Samenzelle herbeizuführen (vgl. a. Kap. 5.1 „Unfruchtbarkeit").

4.1.4 Die Befruchtung

Wenn eine Eizelle aus einem der Eierstöcke freigesetzt wird, wird sie von dem dazugehörigen Eileiter aufgenommen und wandert in Richtung der Gebärmutter. Innerhalb weniger Stunden, während die Eizelle noch im oberen Drittel des Eileiters ist, vollziehen sich ihre letzten Reifungsschritte - 2u diesem Zeitpunkt müssen dort Spermien vorhanden sein, wenn es zur Befruchtung kommen soll. Der gesamte Zeitraum, in dem sich Ei und Samenzelle vereinigen können, beträgt weniger als 24 Stunden. Kommt es nicht zu dieser Vereinigung, stirbt das Ei ab und wird aufgelöst. Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß eine Eizelle auf dem Weg durch den Eileiter auf lebende Samenzellen trifft, die noch von einem mehrere Tage zuvor stattgefundenen Koitus stammen. (Man hat lebende Spermien im Eileiter nachweisen können, die bereits fünf Tage alt waren.)

Nach der Ejakulation schwimmen die Samenzellen in einer zähen, grauweißen Samenflüssigkeit, die oft kurz als Samen bezeichnet wird. NTach dem Koitus befindet sich der Samen dicht vor dem Gebärmuttermund. In der Regel enthält das Ejakulat zwischen 200 und 500 Millionen Samenzellen, die nun versuchen, durch die Gebärmutter aufwärts in die Eileiter zu gelangen. Der Gebärmuttermund ist von einer dicken, undurchdringlichen Schleimmasse verschlossen, die nur während der Ovulation dünnflüssig genug wird, daß sie von den Samenzellen durchdrungen werden kann. Aber auch dann gelingt dies nur ungefähr einem Prozent der Samenzellen. Die anderen sterben innerhalb weniger Stunden in dem leicht sauren und damit für Samenzellen ungünstigen Milieu der Vagina. Die Samenzellen, die in die Gebärmutter gelangen, treffen dort auf eine leicht alkalische Umgebung, die ihre Beweglichkeit fördert. Darüber hinaus werden sie in ihrer Bewegung von Ivluskel-kontraktionen des Uterus und der Eileiter unterstützt. Trotzdem erreichen immer nur wenige hundert, höchstens ein paar tausend Samenzellen den oberen Teil des Eileiters, in dem die Befruchtung stattfinden kann. (Natürlich wandern die Samenzellen in beide Eileiter, unabhängig davon, ob dort eine Eizelle vorhanden ist oder nicht.) Gewöhnlich erreichen mehrere Samenzellen die Eizelle gleichzeitig, aber nur eine einzige Samenzelle dringt in das Ei ein, da unmittelbar danach eine chemische Veränderung in der Zelrwand der Eizelle stattfindet, die jedes Eindringen weiterer Samenzellen verhindert. Unmittelbar nach dem Eindringen in die Eizelle stößt die Samenzelle ihren Schwanz ab. Die übrige Zelle schwillt an und bildet einen Kern, der sich mit einem gleichartigen Kern der Eizelle vereinigt. Dieser ganze Prozeß wird als Befruchtung bezeichnet. Er ist dann abgeschlossen, wenn sich die 23 Chromosomen der Samenzelle mit den 23 Chromosomen der Eizelle vereint haben und so eine neue Zelle mit 46 Chromosomen im Zellkern entstanden ist, Diese Zelle, die zusammen die Erbfaktoren des Mannes und der Frau enthält, heißt Zygote.

4.1.5 Die Zellteilung (Segmentation)

Wenige Stunden, nachdem sich die Kerne von Ei- und Samenzelle vereinigt haben, beginnt der Prozeß der Zellteilung oder Segmentation. Zunächst teilt sich die Zygote in zwei Zellen, dann in vier, acht, sechzehn und so weiter, so daß sich die Zahl der Tochterzellen bei jeder neuen Teilung verdoppelt. Die Zygote entwickelt sich so zu einer Kugel aus Zellen, die man als IVtorula (Furchungskugel) bezeichnet und die, durch ein Mikroskop betrachtet, einer Maulbeere ähnlich sieht. Die Morula wandert langsam durch den Eileiter in die Gebärmutter, die sie nach ungefähr drei Tagen erreicht. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich die Morula in einen hohlen Zellenball verwandelt, der Blastozyste (Keimblase) genannt wird.

 
Atlas-50.jpg

Von der Ovulation zur Implantation

4.1.6 Die Einnistung (Implantation)

Die Blastozyste entwickelt sich, nachdem sie in den Uterus gelangt ist, weitere drei bis vier Tage lang, um sich dann in der Schleimhaut der Gebärmutter einzunisten. Dies beginnt also ungefähr eine Woche nach der Befruchtung, nach einer weiteren Woche ist die Blastozyste gänzlich in die nährende Gewebeschicht eingebettet, die die Gebärmutter innen auskleidet (das Endome-trium). Der gesamte Prozeß heißt Einnistung (Implantation), und mit seinem Abschluß hat die Schwangerschaft endgültig begonnen.

Damit eine Implantation stattfinden kann, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Wenn zum Beispiel die Zygote die Gebärmutter erreichen sollte, bevor sie sich in eine Blastozyste verwandelt hat, kann keine Implantation und keine Schwangerschaft zustande kommen. Das gilt auch für den Fall, daß das Endometrium nicht reif für die Aufnahme sein sollte. In beiden Fällen stirbt die Blastozyste ab und löst sich auf.

In einigen sehr seltenen Fällen kann es vorkommen, daß die Blastozyste sich nicht in der Uterusschleimhaut, sondern im Eileiter oder an einer anderen Stelle außerhalb der Gebärmutter einnistet, zum Beispiel in der Bauchhöhle. In diesem Fall wird von einer Tuben- oder Bauchhöhlenschwangerschaft gesprochen. In der Regel kann sich aus einer solchen Schwangerschaft kein lebendes Kind entwickeln, sie ist zudem für die Frau lebensbedrohend. Der medizinische Fachausdruck hierfür heißt ektopische Schwangerschaft (von griech. ek: aus und griech. topos: Ort; also außerhalb des richtigen Orts stattfindend). Solche Schwangerschaften müssen operativ abgebrochen werden.

Atlas-51.jpg

Zwei Beispiele für Mehrlingsschwangerschaften

A. Eineiige Zwillinge: Die Foeten haben das gleiche Geschlecht und sind mit einer einzigen Plazenta verbunden. Die äußere Eihaut umschließt beide Amnionhöhlen.

B. Zweieiige Zwillinge: Die Foeten können ein verschiedenes Geschlecht haben. Es sind zwei Plazenten und zwei völlig getrennte Fruchtblasen vorhanden.

4.1.7 Mehrfachschwangerschaft

Es kann vorkommen, daß sich die Zygote bei einem ihrer Teilungsschritte vollständig spaltet und zwei neue Zygoten entstehen. Jede der beiden Zygoten entwickelt sich dann unabhängig, jede vollzieht ihre eigene Segmentation. Sie gelangen in die Gebärmutter und setzen sich dort an verschiedenen Stellen fest. So kommt es zu einer Zwillingsschwangerschaft. Da beide von der gleichen Ei- und Samenzelle abstammmen, sind solche „eineiigen" Zwillinge von der Anlage her identisch. Sie haben deshalb das gleiche Geschlecht und sind sich äußerlich und in anderer Hinsicht sehr ähnlich.

Dieser Vorgang der Entstehung eineiiger Zwillinge muß nicht unbedingt bereits im Eileiter stattfinden, sondern er kann sich noch zwischen dem 2. und 14. Tag nach der Befruchtung ereignen. Die Blastozyste kann sich auch noch während der Implantation teilen, so daß zwei getrennte Embryos entstehen.

 

In seltenen Fällen können mehrere Eizellen gleichzeitig reif werden (multiple Ovulation). Werden diese Eier befruchtet, kommt es ebenfalls zu einer Mehrfachschwangerschaft. Man nennt Mehrlinge, die nach einer solchen Schwangerschaft geboren werden , „zweieiige" Zwillinge, Drillinge, Vier-linge usw. Da jeder von ihnen aus einer anderen Eizelle und verschiedenen Samenzellen entstanden ist, können sie ein verschiedenes Geschlecht haben und müssen sich auch sonst nicht ähnlicher sein, als es Geschwister allgemein sind.

4.2 Die Schwangerschaft

Die Schwangerschaft einer Frau beginnt mit der Implantation eines befruchteten Eies in der Gebärmutter und endet, unter normalen Umständen, neun Monate später mit der Geburt des Kindes. Aus verschiedenen Gründen wird in der Medizin jedoch die Dauer einer Schwangerschaft nicht vom Zeitpunkt

der Implantation an, sondern vom ersten Tag der letzten Menstruation an gerechnet. (Der Hauptgrund dafür ist, daß eine Frau die Implantation nicht bemerkt, sich jedoch an das Datum der letzten Menstruation meist erinnern kann.) Setzt man diesen letzteren Zeitpunkt als Beginn der Schwangerschaft fest, findet die Geburt 280 Tage (40 Wochen) später statt. Nach der gleichen Berechnung kann der Tag der Geburt auch mit folgender Faustregel festgesetzt werden: „Tage + 7, Monate - 3."

Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Erster Tag der letzten Menstruation sei der 10. Dezember; dann errechnet sich das Geburtsdatum wie folgt: „Tage + 7": 10 + 7 = 17 „Monate - 3": 12 - 3 = 9 Datum der Geburt ist demnach der 17. September.

Bis zur Geburt eines gesunden Kindes findet im Körper der Frau ein faszinierender und sehr komplizierter Wachstumsprozeß statt. Die genauen Details dieses Prozesses sind bis zum heutigen Tage noch nicht vollständig erforscht. Den Ablauf der wichtigsten Vorgänge kann man jedoch beschreiben. Die folgenden Abschnitte geben eine Zusammenfassung der Entwicklung, die das befruchtete Ei durchläuft, bis es ein lebensfähiger, unabhängiger Mensch geworden ist. Darüber hinaus wird beschrieben, wie die schwangere Frau diese Entwicklung erlebt.

4.2.1 Die Entwicklung vom Embryo zum Fötus

Die Entwicklung vom befruchteten Ei bis zum lebensfähigen Kind vollzieht sich in drei hauptsächlichen Entwicklungsstufen:

1. Das Stadium der Zygote (von der Befruchtung bis zur Implantation)

2. Das Stadium des Embryo (in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft)

3. Das Stadium des Fötus (in den letzten sechs Monaten der Schwangerschaft).

Das erste Stadium wurde bereits beschrieben (vgl. Kap. 4.1 „Die Empfängnis"). Im folgenden soll nun die weitere Entwicklung des neuen Organismus in der Gebärmutter beschrieben werden.

Das Embryo

Mit dem Wort „Embryo" (von griech. embryon: das ungeborene Kind) bezeichnet man den wachsenden Organismus bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche. In diesem Zeitraum entwickelt es sich von einer winzigen Zellansammlung zu einem fast 10 cm großen Gebilde. Gleichzeitig wächst ein besonderes Barriere- und Austauschorgan, die Plazenta, zwischen Embryo und Gebärmutter heran. Das Embryo ist mit der Plazenta durch die Nabelschnur verbunden. (Diese Verbindung bleibt bis nach der Geburt bestehen. Dann wird die Plazenta ebenfalls ausgestoßen. Aus diesem Grund nennt man die Plazenta auch „Nachgeburt".) Die Plazenta funktioniert wie ein Schutzfilter. Sie ermöglicht dem Embryo (und später dem Fötus), Nahrung und Sauerstoff aus dem Blut der Mutter aufzunehmen und gegen Kohlendioxyd und Abfallstoffe auszutauschen. Die Blutkreisläufe von Mutter und Kind bleiben jedoch während der ganzen Zeit voneinander getrennt.

Während der ersten Lebensmonate unterscheidet sich ein menschliches Embryo kaum von den Embryonen anderer höherer Säugetiere. Erst nach dem zweiten Monat nimmt es menschliche Züge an. Man kann nach und nach ein Gesicht erkennen, aber auch Arme und Finger, Beine und Zehen. Zwischen den Beinen werden die ersten - noch undifferenzierten - Entwicklungsstufen der Geschlechtsorgane erkennbar. Wenn das ungeborene Kind vom Stadium des Embryos in das Stadium des Fötus eintritt, ist es eindeutig als menschliches Wesen zu identifizieren, und alle späteren Organe sind bereits angelegt.

Der Fötus

Das Wort „Fötus" (von lat. fetus: Nachkomme) bezeichnet den wachsenden Organismus vom vierten Monat an bis zur Geburt. Während dieser Zeit entwickelt er sich von einem nicht ganz 10 cm großen und wenige Gramm schweren Lebewesen zu einem Kind von etwa 50 cm Länge und einem Gewicht von ungefähr sieben Pfund. In den ersten Wochen dieser Entwicklung findet die Differenzierung der inneren Geschlechtsorgane statt. Etwas später entwickeln sich die äußeren Geschlechtsorgane. Etwa im fünften Monat werden die Bewegungen des Fötus so kräftig, daß die Mutter sie wahrnehmen kann. Dieser Zeitpunkt der ersten Kindsbewegungen wurde früher für den Augenblick gehalten, zu dem das ungeborene Kind zu leben anfange.

Während seiner gesamten Entwicklung wird der Fötus dadurch geschützt, daß er fast schwerelos in einem mit Flüssigkeit gefüllten Beutel, der Amnion-höhle, liegt. Gegen Ende des sechsten Schwangerschaftsmonats ist der Fötus ungefähr 30 cm lang und etwas über 1000 Gramm schwer. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die Entwicklung des Atemzentrums im Gehirn. Es ist nicht absolut unmöglich (allerdings sehr unwahrscheinlich), daß ein Fötus in diesem Stadium eine Frühgeburt überlebt. Die Gefahr eines Hirnschadens ist dann allerdings groß, da die Atmung noch nicht ausreichend funktioniert. In die letzten Schwangerschaftsmonate fallen wichtige Entwicklungsschritte des Fötus, zum Beispiel die Ausbildung des Gehirnzentrums, das die Temperaturregelung steuert. Außerdem bildet sich unter der Haut eine Schutzschicht aus Fett. Beim männlichen Fötus senken sich in dieser Zeit die Hoden in den Hodensack ab. Falls dieser Vorgang nicht stattfindet, muß nach der Geburt eingegriffen werden. Andernfalls wäre Sterilität die Folge.

In den letzten Wochen vor der Geburt wächst der Fötus nicht nur erheblich, er nimmt vor allem rasch an Gewicht zu. Wird ein Kind geboren, das weniger als 2500 Gramm wiegt, ist es untergewichtig oder zu früh geboren.

4.2.2 Die Frau während der Schwangerschaft

Nach der Darstellung von Entwicklung und Wachstum des neuen Lebens vor der Geburt soll im folgenden die Schwangerschaft aus der Sicht der Mutter dargestellt werden.

Anzeichen der Schwangerschaft

Die Plazenta, die sich nach der Implantation des Embryo entwickelt, bildet ein Hormon, das Choriongonadotropin. Dieses Hormon beeinflußt die Eierstöcke und bewirkt eine anhaltende Östrogen- und Progesteronproduktion. Infolgedessen reifen in den Eierstöcken keine neuen Eizellen mehr, und die Menstruation bleibt aus, da die Uterusschleimhaut während der Schwangerschaft nicht den Einflüssen des Menstruationszyklus unterworfen ist. Aus diesem Grund kann eine Frau, wenn sie Geschlechtsverkehr hatte, eine Schwangerschaft vermuten, sobald ihre erwartete Menstruation ausbleibt. Das Ausbleiben der Menstruation allein ist jedoch kein schlüssiger Beweis, denn dies kann auch aus anderen Gründen, manchmal sogar über längere Zeit hin, der Fall sein. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Schwangerschaft vorliegt, wächst, wenn zusätzlich eine Vergrößerung der Brüste festgestellt wird und der Hof um die Brustwarzen sich dunkler färbt, wenn morgendliche Übelkeit auftritt und häufiger Harndrang festzustellen ist. Trotzdem bedeuten alle diese sogenannten wahrscheinlichen Schwangerschaftszeichen noch nicht unbedingt, daß eine Frau tatsächlich schwanger ist.

Ein größeres Maß an Sicherheit bieten folgende Anzeichen: Vergrößerung des Uterus, ein weicher Gebärmutterhals, eine Umfangsvergrößerung des Unterleibes etwa im dritten Monat. Drei Wochen nach der Implantation (also etwa sechs Wochen nach der letzten Menstruation) ist im Urin das Choriongonadotropin nachweisbar. So kann ganz einfach innerhalb weniger Minuten beim Arzt oder in der Apotheke ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden. Dieser Test ist bei positivem Ergebnis fast immer verläßlich, er kann jedoch falsch negativ sein, das bedeutet, daß vorhandene Hormone nicht nachgewiesen werden. Ein negativer Test sollte deshalb etwas später wiederholt werden.

Es gibt drei sichere Anzeichen für eine Schwangerschaft: l.Den Herzschlag des Fötus, den der Arzt etwa vom fünften Schwangerschaftsmonat an durch ein Stethoskop hören kann.

2. Die Bewegungen des Fötus, die etwa um die gleiche Zeit fühlbar werden.

3. Das Bild des Fötus, das bei einer Ultraschalluntersuchung gesehen werden kann.

Das Erste Schwangerschaftsdrittel

Ärzte teilen die neun Monate in drei Drittel zu je drei Monaten. Im Ersten Drittel (das am ersten Tag der letzten Menstruation beginnt) stellt die werdende Mutter die ersten Anzeichen der Schwangerschaft fest. Das Ausbleiben der Menstruation und morgendliche Übelkeit sind meist der Anlaß, daß eine Frau ihren Hausarzt oder ihren Gynäkologen aufsucht. Der Arzt wird durch eine körperliche Untersuchung und einen Hormontest festzustellen versuchen, ob tatsächlich eine Schwangerschaft vorliegt. Wie bereits erwähnt, ist der Nachweis einer Schwangerschaft durch einen Labortest etwa sechs Wochen nach der letzten Menstruation möglich. Dieser Schwangerschaftest wird allerdings in der Regel nicht von den deutschen Gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.

Wenn eine Schwangerschaft vorliegt, sollte die Frau bis zur Geburt ihres Kindes medizinisch betreut werden. Anhand ihrer medizinischen Vorgeschichte und einer gründlichen Untersuchung muß zunächst festgestellt werden, ob Risiken bestehen oder Komplikationen im Verlauf der Schwangerschaft zu erwarten sind. Daneben müssen verschiedene Laboruntersuchungen vorgenommen werden. Anhand einer Blutprobe muß zum Beispiel untersucht werden, welche Blutgruppe die Frau hat und ob das Blut Rh-positiv oder Rh-negativ ist, ob Abwehrstoffe gegen Röteln (Röteln-Antikörper) oder Hinweise auf eine bestehende Syphilis vorhanden sind. Diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, daß die Schwangerschaft ohne Komplikationen verläuft und schließlich ein gesundes Kind geboren wird.

Das Zweite Schwangerschaftsdrittel

Die Zeit vom Beginn des vierten bis zum Ende des sechsten Schwangerschaftsmonats ist unter normalen Umständen die angenehmste Zeit für die schwangere Frau. Die vorher häufige Übelkeit tritt jetzt nicht mehr auf, und der Fötus, der noch sehr klein ist, bereitet keine körperlichen Beschwerden. Um den fünften Monat herum werden die ersten Bewegungen des Kindes spürbar und man kann seine Herztöne ohne Hilfsmittel hören. Mit dem fortschreitenden Wachstum des Fötus nimmt auch der Bauch der Mutter an Umfang zu, so daß gegen Ende des zweiten Schwangerschaftsdrittels die Schwangerschaft deutlich sichtbar ist.

Atlas-53.jpg

Entwicklung des Embryos
1. 4 Wochen

2. 5 Wochen
3. 6 Wochen
4. 7 Wochen
5. 8 Wochen

 

Das Dritte Schwangerschaftsdrittel

In den letzten drei Schwangerschaftsmonaten sollte jede Frau ihren Arzt häufiger aufsuchen, um mögliche Komplikationen auszuschließen. Das zunehmende Wachstum des Fötus wird nun noch deutlicher, denn der Uterus reicht nun in der Bauchhöhle der Schwangeren bis in Höhe des Bauchnabels. Etwa bis zur 38. Woche hat der Fötus sein Wachstum abgeschlossen, man bezeichnet ihn als „ausgetragen".

Die genaue Dauer von Schwangerschaften ist variabel, selbst bei mehreren Schwangerschaften derselben Frau. Frauen, die aktiv Sport treiben, gebären meist früher als andere, Mädchen werden oft früher geboren als Jungen; in seltenen Fällen dauert eine Schwangerschaft auch länger als 280 Tage.

Mögliche Komplikationen

Der Körper einer Frau verändert sich im Laufe der Schwangerschaft in vielerlei Weise. Einige dieser Veränderungen können als beunruhigend oder unerfreulich wahrgenommen werden. Übelkeit, Verstopfung, Rückenschmerzen, Wadenkrämpfe und Krampfadern treten bei schwangeren Frauen nicht selten auf. Solche Beschwerden haben jedoch nicht den Stellenwert von Komplikationen, sondern sie sind normale Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft. Es gibt demgegenüber Komplikationen, bei denen ärztliche Hilfe erforderlich ist. Jede schwangere Frau kann selbst dazu beitragen, diesen Schwierigkeiten zu begegnen oder vorzubeugen, indem sie regelmäßige ärztliche Betreuung in Anspruch nimmt.

Fehlgeburt (Spontanabort)

Fast 25 Prozent aller Schwangerschaften enden mit dem Absterben des Fötus innerhalb der ersten zwei Schwangerschaftsdrittel, das heißt als Fehlgeburt oder Spontanabort. Die Gründe hierfür sind meist Fehlentwicklungen des Fötus infolge von Defekten der Ei- oder Sarnenzellen oder auch Komplikationen bei der Implantation. Anatomische Fehlbildungen oder funktionelle

Störungen der Frau können gleichfalls die Ursache sein. Weitere Gründe können in unzureichender Ernährung, Krankheit oder psychischen Problemen liegen. Anstrengendes körperliches Training oder Gymnastik haben in der Regel keinen negativen Einfluß. Entgegen einer weitverbreiteten Auffassung führen Springen, Fallen, Schläge oder Tritte in den Unterleib in der Regel nicht zur Fehlgeburt.

Frühgeburt

Wenn ein Kind mit einem Gewicht unter 2500 Gramm geboren wird, spricht man von einer Frühgeburt. Je näher am eigentlichen Schwangerschaftsende ein frühgeborenes Kind zur Welt kommt, um so größer sind natürlich seine Überlebenschancen. Zwar kommt es vor (wenngleich sehr selten), daß ein Fötus überlebt, der gegen Ende des sechsten Monats geboren wird. Die Chance des Überlebens ist bereits im siebten Monat wesentlich günstiger, und sie steigt natürlich im achten Monat weiter an. Bei einer drohenden Frühgeburt muß man selbstverständlich einen Facharzt oder eine Klinik aufsuchen. Die Ursachen für Frühgeburten sind nicht immer einfach zu klären. Man sagt, bestimmte Krankheiten, Belastungen und konstitutionelle Faktoren der Mutter seien hierfür ein Grund. Es gibt aber auch Hinweise darauf, daß zum Beispiel fortgeschrittenes Alter, starkes Rauchen der Schwangeren oder soziale Faktoren eine Rolle spielen.

Der Rhesusfaktor

Der Rh-Faktor (Rhesusfaktor), der im Blut der meisten Menschen vorhanden ist, wirkt im Körper von Menschen, die ihn nicht haben, wie ein Fremdkörper (Antigen) und ruft bestimmte Abwehrreaktionen (Antikörperreaktionen) hervor. Die Befruchtung einer Frau, die diesen Faktor nicht hat (Rh-negativ) durch einen Rh-positiven Mann kann zu Komplikationen in der Schwangerschaft führen. Denn es ist möglich, daß der Fötus Rh-positives Blut hat und die Frau darauf mit der Bildung von Antikörpern reagiert, die dem Fötus

84 Der menschliche Körper

4. Die Fortpflanzung 85

schaden. Im Falle einer ersten Schwangerschaft muß dies auch ohne Diagnose und Behandlung nicht unbedingt zu einer Schädigung des Fötus führen. Dies wird in den nachfolgenden Schwangerschaften bei gleicher Rh-Faktorenkon-stellation wahrscheinlicher. Man kann diese Probleme jedoch mit den Mitteln der modernen Medizin gut beherrschen.

ders jetzt daran denken, daß der Koitus nur eine der vielen Möglichkeiten sexueller Betätigung ist. Vielleicht sollte man sich - wenigstens für eine bestimmte Zeitspanne - anderen Formen des Geschlechtsverkehrs zuwenden (vgl. Kap. 7.2 „Heterosexueller Geschlechtsverkehr").

Schwangerschaftstoxikose (EPH-Gestose)

Eine Erkrankung in der Schwangerschaft, die durch die Symptome erhöhten Blutdruck, geschwollene Knöchel (Ödeme) und Eiweißausscheidung im Urin gekennzeichnet ist, kann zu ernsten Komplikationen (Krämpfen, Bewußtseinsstörungen) und zu einer Verschlechterung der Überlebensprognose des Kindes führen. Die Ursachen hierfür sind bis heute noch nicht geklärt. Auf jeden Fall können korrekte Diagnose und rasche Behandlung diese Risiken reduzieren.

Eingebildete Schwangerschaft

In sehr seltenen Fällen kann es vorkommen, daß eine Frau Symptome einer Schwangerschaft entwickelt, ohne schwanger zu sein. Ihre Menstruation kann monatelang ausbleiben, sie leidet unter morgendlicher Übelkeit, nimmt an Gewicht zu, ihr Leibesumfang nimmt vielleicht sogar zu und sie bekommt Wehen - aber es gibt keinen Fötus, der geboren werden könnte. Man kann eine solche eingebildete Schwangerschaft natürlich am Fehlen der sicheren Schwangerschaftszeichen erkennen: der Bewegungen des Fötus, seiner Herztätigkeit oder des Nachweises des Skeletts im Ultraschallbild.

4.2.3 Geschlechtsverkehr während der Schwangerschaft

Es gibt Frauen, die besonders während der Schwangerschaft gerne Geschlechtsverkehr haben. Bei anderen ist das sexuelle Verlangen eher geringer. Im allgemeinen besteht ein höheres sexuelles Verlangen am ehesten im zweiten Schwangerschaftsdrittel, während es im letzten Drittel sehr woh! wieder abnehmen kann.

Ob eine Frau während der Schwangerschaft Geschlechtsverkehr haben sollte, hängt natürlich vor allem von ihren eigenen Bedürfnissen ab. Vom rein medizinischen Standpunkt aus gibt es keine Einwände, es sei denn, der Arzt müßte in besonderen Fällen davon abraten. Das wird er normalerweise nur unter folgenden Bedingungen tun:

1. wenn der Geschlechtsverkehr Unterleibsschmerzen verursacht;

2. wenn Blutungen aus dem Uterus festgestellt wurden;

3. wenn die Fruchtblase gesprungen ist;

4. wenn aufgrund der Uteruskontraktionen beim Orgasmus die Gefahr einer Früh- oder Fehlgeburt besteht. (Hierbei spielt es keine Rolle, wie es zum Orgasmus kommt. Das bedeutet, daß in diesem Fall Masturbation gleichfalls vermieden werden sollte.)

Man hat festgestellt, daß es dem Fötus und der Mutter schaden kann, wenn Luft in die Vagina gelangt. Es sollte deshalb möglicherweise eine bestimmte Art des oralen Geschlechtsverkehrs (Cunnilinctus) während der Schwangerschaft vermieden werden.

Mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft werden durch den zunehmenden Bauchumfang der Frau bestimmte Stellungen beim Geschlechtsverkehr beschwerlich oder unmöglich. Ein Koitus, bei dem der Mann auf der Frau liegt, mag sich aus diesem Grund verbieten. Die Seitenposition beider Partner oder eine Position, bei der der Mann sich hinter der Frau oder die Frau sich auf dem Mann befindet, erscheinen eher angebracht. Auch sollte man beson-

4.3 Die Geburt

Die Geburt eines Kindes bedeutet große körperliche, emotionale und soziale Veränderungen für das Leben einer Frau. Hat sie sich bewußt für die Mutterschaft entschieden, wird sie diesen Veränderungen positiv entgegensehen. Sie wird jedoch in jedem Fall in größerem Maß als Frauen vergangener Generationen ihr Schicksal selbst beeinflussen können.

Noch im 19. Jahrhundert ließ man Frauen über ihre körperlichen Funktionen bewußt im unklaren. Alles war tabu, soweit es die menschliche Fortpflanzung betraf. Noch nicht einmal der eigene Körper sollte genau betrachtet werden, Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt waren für viele Frauen dunkle, bedrohliche Geheimnisse. Viele Frauen hatten daher Angst, Mütter zu werden - sie hatten wirklich kaum noch eine Beziehung zu ihrem eigenen Körper.

Eine Geburt konnte in diesen Tagen eine erschreckende, entwürdigende und gefährliche Angelegenheit sein. So war man allgemein der Auffassung, es sei die Bestimmung der Frau, ihre Kinder unter Schmerzen zu gebären, und diese Qualen seien nützlich, weil sie die mütterlichen Gefühle nur vertieften. Man erwartete von der Gebärenden, eine reine Dulderrolle zu spielen. Da sie die Vorgänge bei der Geburt nicht genau verstand, wusste sie auch kaum, wie ihr geschah. Darüber hinaus setzten die hygienischen Zustände zu Hause oder im Hospital Mutter und Kind schwersten Infektionsgefahren aus. So starben viele Mütter im Kindbett; viele Kinder überlebten die ersten Wochen nicht.

Der Fortschritt der Medizin hat in der Zwischenzeit einen erheblichen Rückgang der Säuglingssterblichkeit gebracht. Heute ist die gebärende Frau im Kreißsaal wahrscheinlich sicherer als auf der Straße, die zum Krankenhaus führt. Ein ähnlicher Fortschritt ist auch hinsichtlich der Sexualerziehung zu verzeichnen. Die moderne Frau kann sich aktiv auf die Geburt vorbereiten und so dazu beitragen, dass diese zu einem großen und schönen Erlebnis wird.

Ein Wegbereiter solcher Geburtsvorbereitung war Dick-Read, ein englischer Geburtshelfer, der Schmerzen unter der Geburt vor allem auf unnötige Muskelanspannung zurückführte. Seine Methode der „natürlichen Geburt" zielte darauf ab, sich durch körperliches und geistiges Training zu entspannen.

In jüngster Zeit ist die Methode der „bewussten Geburt" des Franzosen Lamaze sehr populär geworden. Sie beruht auf der Annahme, dass Wehen anderen Stresssituationen gleichgesetzt werden können und dass also eine bewusste, aktive Beteiligung der Gebärenden die besten Voraussetzungen für eine Bewältigung von Schmerzen und Stress bietet.

Eine andere Methode basiert darauf, den Ehemann in die aktive Vorbereitung der Geburt einzubeziehen. Sie wurde von dem nordamerikanischen Geburtshelfer Bradley entwickelt. Diese Methode basiert auf einer umfassenden Schulung, in der die werdende Mutter lernt, sich unter Mithilfe ihres Partners zu entspannen. Das Training nimmt wesentlich mehr Zeit in Anspruch als die Lamaze-Methode, aber viele Eltern empfinden es als sehr hilfreich, Ziel ist es, eine neue körperliche und seelische Nähe zwischen den Eltern des Kindes herzustellen und eine Geburt ohne begleitende Medikamente zu ermöglichen.

Schließlich gibt es noch die Methode der „sanften Geburt", die von dem französischen Geburtshelfer Leboyer entwickelt wurde. Hier konzentriert man sich ganz auf das Kind und bemüht sich, ihm kurz nach der Geburt noch für eine Weile die Lebensbedingungen des Mutterleibes zu erhalten: Dunkelheit, Stille und Kontakt zur Mutter. Der Kreißsaal ist deshalb nur sparsam beleuchetet, ein Bad mit warmem Wasser wird vorbereitet, und das medizinische Personal ist angehalten, geräuscharm zu arbeiten. In dieser Umgebung werden Kinder meist ruhig, mit weitgeöffneten Augen und glücklich murmelnd geboren. Unmittelbar nach der Geburt werden sie auf den Bauch der Mutter gelegt. Die Nabelschnur bleibt zunächst in Funktion und wird erst abgetrennt, wenn das Kind kräftig atmet. Es wird dann eine Zeitlang von seiner Mutter gestreichelt und danach in warmem Wasser gebadet. Diese Art der Geburt soll ein „Geburtstrauma" so weit als möglich vermeiden. Sie berücksichtigt, dass das neugeborene Kind ein sehr empfindlicher Mensch ist, der rücksichtsvolle Behandlung verdient.

Es gibt noch eine Reihe weiterer neuer Geburtsmethoden, die alle das Ziel haben, die Geburt eines Kindes von einer quälenden, passiven Erfahrung m ein bewusstes und aktives Erleben zu verwandeln. Immer häufiger wollen

Die Geburt eines Kindes.

1. Vor-Beginn der Wehen.

2.-3. Eröffnungsperiode.

4-5. Austreibungsperiode.

6. Nachgeburtsperiode

 

auch Männer sich hieran unterstützend beteiligen, und Krankenhäuser machen den werdenden Vätern zunehmend auch Mut, während der gesamten Geburt dabeizusein. Vorbereitungskurse werden von Krankenhäusern, Arbeitsgruppen, öffentlichen Gesundheitsdiensten und Ärzten für beide Elternteile angeboten. Diese Art Vorbereitung bringt die Partner oft auch einander näher, und sie wird so ein wichtiges Element bewusster Elternschaft.

In der letzten Zeit nehmen auch bei uns Hausgeburten wieder etwas zu, weil viele Frauen mit ihrem Neugeborenen so früh als möglich Zusammensein und dieses Erlebnis mit ihrer Familie teilen wollen. Daneben gibt es neue Geburtszentren, die keine Krankenhäuser im traditionellen Sinn mehr sind und die versuchen, eine übermäßige Technisierung des Geburtsvorgangs und die unnötige Trennung von Mutter und Kind zu vermeiden. Alle diese Entwicklungen sind zu begrüßen und zu unterstützen, so lange eine fachlich qualifizierte Betreuung im Notfall gewährleistet ist.

In den folgenden Abschnitten werden die biologischen Vorgänge bei der Geburt zusammengefasst.

4.3.1 Wehen und Entbindung

Ärzte teilen den Geburtsvorgang in drei Abschnitte ein:

1. die Eröffnung des Gebärrnuttermundes (Eröffnungsperiode)

2. die eigentliche Geburt des Kindes (Austreibungsperiode)

3. die Ablösung und Ausstoßung der Nachgeburt (Nachgeburtsperiode).

Eröffnungsperiode

Dieser erste Abschnitt der Geburt dauert am längsten: bei einer Erstgebärenden normalerweise zehn bis zwölf Stunden, bei anderen Frauen ungefähr sechs bis acht Stunden. In dieser Zeit beginnen die Wehenschmerzen langsam, werden dann häufiger und intensiver. Sie werden durch Muskelkontraktionen der Gebärmutter verursacht, die in einem bestimmten Rhythmus auftreten und jeweils von vollkommener Entspannung gefolgt sind.

Anfangs dauern diese Kontraktionen ungefähr 30 Sekunden und treten in Abständen von 15 bis 20 Minuten auf. Mit fortschreitender Wehentätigkeit nehmen die Phasen der Entspannung auf drei bis vier Minuten ab, während die Wehen bis zu 60 Sekunden oder länger dauern. Eine Frau, die sich auf die Geburt richtig vorbereitet hat, kann diese körperliche Belastung durch Entspannen und richtiges Atmen entscheidend erleichtern und dadurch die Vorgänge in ihrem Körper unterstützen, statt sich gegen sie zu wehren. Durch diese Wehen wird der Gebärmuttermund erweitert, bis der Kopf des Kindes in die Vagina eintreten kann. Damit ist der erste Abschnitt, die Eröffnungsperiode, beendet und die eigentliche Geburt kann beginnen.

Spätestens wenn die Wehen alle fünf Minuten einsetzen und etwa eine halbe Minute dauern, sollte sich die werdende Mutter ins Krankenhaus begeben. Ein weiteres Zeichen der bevorstehenden Geburt ist das Ausstoßen eines Schleimpfropfs, der als Barriere zwischen Uterus und Vagina diente. Er kann leichte Blutspuren aufweisen. Ein weiteres Anzeichen für die bevorstehende Geburt ist das Zerspringen der Fruchtblase. Dadurch kommt es zum Herausfließen von Fruchtwasser aus der Vagina.

Austreibungsperiode

Dieser Abschnitt ist wesentlich kürzer als der erste, er beansprucht etwa eine Stunde bei erstgebärenden Frauen, eine halbe Stunde bei anderen Frauen. In dieser Phase wird das Kind - meist mit dem Kopf voran - aus der Gebärmutter durch die Vagina zur Welt gebracht. Diesen Prozess kann die Mutter durch Kontraktionen der Unterleibsmuskeln und durch kräftiges Pressen unterstüt-

zen. Wenn der Kopf des Kindes geboren ist, folgt der Rest des Körpers meist

mühelos.

Das neugeborene Kind ist mit der Plazenta, die zunächst im Uterus verbleibt, durch die Nabelschnur verbunden. Diese Verbindung, die zur Ernährung und zum Sauerstoffaustausch diente, ist jedoch jetzt nicht mehr notwendig. Der plötzliche Temperaturwechsel und der atmosphärische Druck, gelegentlich auch ein leichter Klaps auf das Hinterteil, fuhren dazu, dass das Kind zu atmen beginnt. Sobald die Atmung sich stabilisiert hat, kann die Nabelschnur abgetrennt werden. Da die Nabelschnur keine Nerven enthält, verursacht dies keine Schmerzen. Nach einer bestimmten Zeit trocknet der am Nabel des Säuglings verbleibende Teil ein und löst sich von selbst ab.

Nachgeburtsperiode

In der dritten Phase der Geburt werden die Plazenta und die Eihäute etwa 15 Minuten nach der Geburt des Kindes ausgestoßen. Die Entbindung der sogenannten Nachgeburt dauert nur ein paar Minuten, danach beginnt die Gebärmutter, sich zusammenzuziehen und im Laufe der folgenden Wochen ihre vorherige Form und Größe wieder anzunehmen.

Mögliche Komplikationen

Eine Geburt ist eine normale Funktion für den weiblichen Körper. Die meisten Gefahren und Komplikationen, die allgemein mit einer Geburt in Verbindung gebracht werden, gehören der Vergangenheit an. Sie wurden zumeist nicht durch die Geburt selbst, sondern durch die primitiven und unhygienischen Umstände verursacht, unter denen sie stattfand. Eine moderne Frau, die während der Schwangerschaft regelmäßig zum Arzt gegangen ist und sich auch während der Geburt fachlicher Hilfe versichert, hat keinen Anlass zu ernsthaften Befürchtungen. Mögliche Komplikationen können heute meist rasch und fachgerecht behoben werden. Es kommt zum Beispiel häufig vor, dass beim Austreten des Kopfes der Scheidenrand einzureißen droht. In diesem Fall nimmt der Arzt einen kleinen Einschnitt vor (Episiotomie), um das Einreißen zu verhindern. Dieser Einschnitt wird nach der Geburt genäht und verheilt innerhalb kurzer Zeit. Ein weiteres Problem kann entstehen, wenn das Kind mit den Füßen oder dem Gesäß zuerst erscheint (statt, wie in den meisten Fällen, mit dem Kopf). Diese sogenannte Beckenendlage kann den Geburtsvorgang verzögern und damit zur Gefahr für das Kind werden. Eine weitere Gefahr für alle Kinder ist eine Augeninfektion durch Gonokokken. Um derartigen Infektionen vorzubeugen, werden die Augen jedes Neugeborenen mit einer Silbernitrat-Lösung behandelt,

Es gibt Fälle, in denen eine normale Geburt aus dem einen oder anderen Grund unmöglich ist und ein Kaiserschnitt notwendig wird. Dabei werden Bauchdecke und Uterus der Mutter aufgeschnitten und das Kind herausgeholt, bevor es in die Vagina gelangt. Der Begriff „Kaiserschnitt" geht darauf zurück, dass der römische Kaiser Julius Cäsar auf diese Weise geboren worden sein soll.

4.3.2 Die Zeit nach der Entbindung

Mutter und Kind sind nach der Entbindung erschöpft und brauchen zunächst Ruhe. Obwohl die meisten Frauen nach wenigen Tagen wieder aufstehen und das Krankenhaus verlassen können, benötigen sie noch einige Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen und sich an ihre neue Rolle als Mutter zu gewöhnen. Einige Aspekte dieses Prozesses werden im folgenden erörtert.

 

Geburt im Krankenhaus

Heute werden bei uns die meisten Kinder im Krankenhaus geboren. Intensive medizinische Versorgung und die Möglichkeit zum raschen Eingreifen im Notfall, zum Beispiel bei Komplikationen, haben mögliche Gefahren der Geburt für Mutter und Kind erheblich verringert.

 

Hausgeburt

In jüngerer Zeit bevorzugen immer mehr Frauen eine Hausgeburt, um so der ganzen Familie die Möglichkeit zu geben, an dem Ereignis teilzuhaben. Solange fachliche Betreuung gewährleistet ist, stellt die Hausgeburt kein höheres Risiko dar. Die hier gezeigte Geburt wurde von einem Geburtshelfer geleitet.

Das Wochenbett

In den Wochen nach der Geburt bildet sich der Uterus langsam wieder zu seiner vorherigen Größe zurück. Während dieser Zeit löst sich auch die Uterusschleimhaut ab und wird ausgestoßen. Diese Ausscheidung (der „Wochenfluss") ist zunächst dickflüssig und blutig, wird dann aber dünnflüssig und gelblich oder weißlich, bis nach etwa drei Wochen alle abgestoßenen Gewebe ausgeschieden sind. Nach sechs Wochen hat der Uterus seine ursprüngliche Form wiedergewonnen. Dieser Prozess kann durch körperliche Übungen entscheidend unterstützt werden, die sich auch auf andere Beschwerden dieser Zeit, wie Appetitlosigkeit und Verdauungsstörungen, günstig auswirken.

Bei manchen Frauen kann es zu leichten Depressionen kommen. Sie sind dann sehr sensibel und reizbar und weinen oft ohne ersichtlichen Grund. Leider wird diese meist unerwartete Verzweiflung nicht immer so ernstgenommen, wie es notwendig wäre. Viele Menschen können offenbar nicht nachvollziehen, was es bedeutet, wenn zu den körperlichen Anstrengungen der Geburt die weiteren Belastungen der neuen Mutterrolle hinzutreten. Diese Eindrücke können so überwältigend sein, dass sich die Frau dem allen plötzlich nicht mehr gewachsen fühlt. Ob man es wahrhaben will oder nicht, eine Elternschaft bringt starke Veränderungen des Lebens im Sinn einer echten Krise mit sich. Aber wie in jeder Krise bietet auch sie eine Gelegenheit zur persönlichen Reifung. In dieser Situation kann die Familie der jungen Mutter eine große Stütze sein, vor allem aber ihr Partner. Es ist dies eine der Gelegenheiten, in denen gegenseitiges Verständnis der Partner von unschätzbarem Wert ist.

Das Stillen

Unmittelbar nach der Geburt beginnen die Brustdrüsen der Mutter zunächst, eine wässrige Flüssigkeit zu produzieren, die man Kolostrum nennt und die auf den Säugling in besonderer Weise schützend wirkt. Nach etwa drei Tagen bildet sich dann die normale Muttermilch. Die Milchproduktion heißt in der Fachsprache Laktation (von lat. lac: Milch). Hat eine Frau sich entschieden, ihr Kind zu stillen, und liegen keine körperlichen Hemmnisse vor, wird die Milchproduktion über viele Monate anhalten.

Es ist ganz natürlich, dass eine Frau durch das Saugen des Kindes an ihrer Brust sexuell erregt wird. Dies ist kein Grund, beunruhigt oder ängstlich zu sein. Im Gegenteil, sie sollte diese Erfahrung begrüßen, da sie eine wichtige körperliche und psychische Funktion hat.

Bei den meisten Frauen kommt es in den ersten Monaten nach der Geburt infolge hormoneller Veränderungen nicht zur Ovulation (und entsprechend auch nicht zur Menstruation). Während dieser Zeit kann also auch keine erneute Befruchtung stattfinden. Man sollte sich jedoch keineswegs auf diesen „natürlichen Schutz" verlassen. Das Stillen ist kein Ersatz für Empfängnisverhütung,

Geschlechtsverkehr nach der Entbindung

Manche Frauen benötigen nach der Geburt eines Kindes eine gewisse Zeit, bis sie wieder sexuell ansprechbar sind. Herkömmlicherweise wird deshalb jungen Eltern geraten, den Koitus für mindestens sechs Wochen nach der Geburt zu vermeiden. Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen sollte man diese Regel aber nicht verallgemeinern, sondern jeden Fall individuell entscheiden. Sehr oft kann schon wesentlich früher wieder Geschlechtsverkehr stattfinden, ohne dass es der Frau in irgendeiner Weise schadet. Vom rein medizinischen Standpunkt aus kann der Geschlechtsverkehr wieder aufgenommen werden, sobald die Blutungen aus dem Uterus aufgehört haben und alle Wunden verheilt sind. Ein leicht bräunlicher Ausfluss ist kein Hinderungsgrund.

Umfassende Kommunikation (auch sexueller Art) zwischen den Eltern ist natürlich auch für das neugeborene Kind sehr wichtig. Trotzdem sollten die persönlichen Gefühle und Wünsche der Frau in dieser Zeit an erster Stelle stehen.

4.4 Empfängnisverhütung

Die einfachste und sicherste Methode, eine Schwangerschaft zu verhindern, ist Verzicht auf Koitus. Schon immer haben die Menschen jedoch nach Methoden gesucht, die es ihnen gestatten sollten, trotz Koitus eine Schwangerschaft zu vermeiden. Für Jahrtausende blieben diese Methoden aber unzureichend und unsicher. Erst die moderne Wissenschaft hat neue Methoden entdeckt (und alte verbessert), so dass heute ein breites Spektrum guter Verhütungsmittel zur Verfügung steht. Unerwünschte Schwangerschaften können heute mit größtmöglicher Sicherheit vermieden werden. Die Suche nach zuverlässigen, nebenwirkungsarmen, einfachen und billigen Verhütungsmitteln geht jedoch weiter.

Die Entwicklung sicherer Methoden zur Empfängnisverhütung hatte einen nachhaltigen Einfluss auf das Sexualverhalten der Menschen. In der Vergangenheit waren Sexualität und Fortpflanzung unmittelbar miteinander verknüpft, Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau beschränkte sich weitgehend auf den Koitus, und dabei bestand immer die Möglichkeit, dass ein Kind gezeugt wurde. In diesem Fall war es offensichtlich im Interesse der Kinder, dass die Eltern zusammenblieben, um es zu versorgen. Deshalb versuchte die Sexualmoral der meisten Gesellschaften, den Geschlechtsverkehr auf die Ehe zu beschränken. Geschlechtsverkehr vor und außerhalb der Ehe galt als unmoralisch und wurde oft streng bestraft. Innerhalb der Ehe selbst aber sollten so viele Kinder als möglich gezeugt werden. Fortpflanzung wurde zur wahren „Natur" und zum einzigen Zweck sexueller Betätigung erklärt, und alle Formen der Sexualität, die nicht diesem Zweck dienten, wurden als widernatürlich angesehen.

Inzwischen ist dieser Auffassung durch die Entwicklung wirksamer Methoden der Empfängnisverhütung der Boden weitgehend entzogen worden. Durch sie wurde die früher unlösbare Verbindung zwischen Sexualität, Elternschaft und Ehe aufgehoben. Eheleute können sich heute sehr wohl dafür entscheiden, kinderlos zu bleiben oder erst Jahre nach der Eheschließung Kinder zu haben. Aus demselben Grund werden heute weniger junge Menschen als früher durch eine unerwünschte Schwangerschaft in eine ungewollte Ehe hineingedrängt. Damit beginnt auch die Funktion der Ehe sich zu verändern. Heute wird eine Ehe nicht mehr unbedingt mit dem Ziel geschlossen, Kinder zu bekommen. Liebe, Kameradschaft, berufliche Zusammenarbeit oder soziale Sicherheit sind oft ausreichende Gründe, die die Ehepartner zusammenbringen oder zusammenhalten. Hinzu kommt, dass vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr völlig von der Fortpflanzungsfunktion getrennt werden kann. Statt dessen hat er eine neue Bedeutung als Mittel der persönlichsten, intimsten Kommunikation gewonnen.

Dies alles hat zu einer grundlegenden Veränderung zwischenmenschlicher Beziehungen geführt. Neue Freiheiten sind entstanden und neue Forderungen nach persönlicher Verantwortlichkeit. Der Herausforderung dieser veränderten Situation kann nicht mit dogmatischer Moralphilosophie, Verboten oder Repressionen begegnet werden. Im Gegenteil: es sollten alle Chancen genutzt werden, dass die Menschen sich selbst bestimmen und ihre neuen Möglichkeiten voll ausschöpfen lernen.

 

Atlas-68.jpg

 

Es ist natürlich schwer, mit überkommenen Sitten und Gebräuchen aufzuräumen. Es gibt immer noch viele Menschen, die die weitreichenden Möglichkeiten und Folgen der Empfängnisverhütung nicht sehen wollen oder die ganz einfach Angst vor ihr haben. So ist zum Beispiel die Auffassung noch immer verbreitet, eine einfache und sichere Schwangerschaftsverhütung begünstige sexuelle Ausschweifung und moralischen Verfall. Andererseits wird die Gefahr einer Überbevölkerung der Erde immer bedrohlicher. Es besteht kein Zweifel, dass ein unkontrolliertes Anwachsen der Bevölkerung in vielen Teilen der Erde zu immer größeren Problemen führen wird.

Diese widersprüchlichen Ansichten über die Empfängnisverhütung haben in einer Reihe von Ländern ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die staatliche Bevölkerungspolitik gehabt. Bestimmte Regierungen begünstigen Empfängnisverhütung bei Verheirateten, nicht aber bei Alleinstehenden oder Minderjährigen. In anderen Ländern wird die Anwendung von Empfängnisverhütungsmitteln gefördert, um - nach wie vor verbotene - Schwangerschaftsabbrüche zu vermeiden. Andere sehen Abtreibung als ein akzeptables Mittel zur Bevölkerungskontrolle an. Allgemein gilt, dass dort, wo die Empfängnisverhütung erschwert wird, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche steigt. Ist der Abbruch einer Schwangerschaft jedoch erlaubt, wird der Empfängnisverhütung unter Umständen nicht die notwendige Beachtung geschenkt. Es gibt aber auch Länder, in denen sowohl Schwangerschaftsabbrüche als auch Empfängnisverhütung verboten sind, Wieder andere zögern, eine freiwillige Empfängnisverhütung öffentlich zu unterstützen, haben aber

Die „Bevölkerungsexplosion"

In den letzten Jahrhunderten ist die Weltbevölkerung in einem ungeheuren Ausmaß gewachsen, eine noch bedrohlichere Zunahme ist zu erwarten. Wie aus der Abbildung weiter hervorgeht, wird der größte Bevölkerungszuwachs die ärmsten Regionen der Welt betreffen. Angesichts dieser Entwicklung werden Maßnahmen der Empfängnisverhütung heute von immer zahlreicheren Regierungen propagiert.

andererseits wenig Skrupel, bestimmte Menschen zur Sterilisation zu zwingen. Diese Sterilisationen werden meist damit gerechtfertigt, dass es die Vererbung bestimmter genetischer Defekte zu verhindern gelte (vgl. a. Kap. 5.2 „Genetische Defekte"). Manchmal werden diese Zwangssterilisationen aber weniger aus medizinischen Gründen als aus Gründen der sozialen Kontrolle durchgeführt, das heißt, gesunde Männer und Frauen werden gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht, weil sie arm oder aus anderen Gründen „unerwünscht" sind,

Schon die Sprache, in der sich staatliche Stellen mit dem Thema Empfängnisverhütung auseinandersetzen, spiegelt ihre ideologische Einstellung dazu wider. So sprechen heute zum Beispiel viele Leute lieber von ,,Geburtenkontrolle". Dies ist ein Begriff, der auch den Schwangerschaftsabbruch einbezieht. In den meisten Fällen geht es jedoch nicht darum, Geburten zu verhindern, sondern Schwangerschaften, daher sind auch Begriffe wie „Schwangerschaftsverhütung", „Konzeptionsverhütung" (oder kurz „Kontrazeption") treffender. Manche Menschen bestehen auf der Bezeichnung „Familienplanung". Diese Wortwahl legt nahe, Empfängnisverhütung sei lediglich ein Mittel, um die Größe einer Familie zu bestimmen, was gleichzeitig bedeutet, dass sie nur bei Verheirateten statthaft ist. Ein Begriff wie „Schwangerschaftsplanung" wäre hier ohne Zweifel neutraler. Eine andere Bezeichnung, „verantwortungsbewusste Elternschaft", betont die moralische Verantwortung von Männern und Frauen, die möglichen Schwangerschaften vielleicht zu fatalistisch und passiv gegenüberstehen. Der etwas neutralere Begriff „geplante Elternschaft" wird weltweit von einer Organisation („Planned Parenthood") benutzt, die Empfängnisverhütung all denen anbietet, die sie wünschen, ob sie verheiratet sind oder nicht.

Diesem Vorgehen liegt die Feststellung zugrunde, dass langfristig die Anwendung empfängnisverhütender Mittel nicht bestimmten sozialen Gruppen oder Individuen vorbehalten bleiben darf, obwohl es in den meisten Gesellschaften noch so ist. Und so wächst die Zahl der Menschen, die umfassende Selbstbestimmung über ihre Fortpflanzungsfunktion als Grundrecht fordern. Die Anerkennung dieses Rechts würde einen weiteren Schritt zu einem würdigeren und menschlicheren Leben bedeuten. Menschen, die wissen, dass sie krank sind oder die sich durch eine Elternschaft überfordert fühlten, können sich dafür entscheiden, keine Kinder zu bekommen. Andere werden so lange keine Kinder bekommen wollen, bis die familiären, beruflichen oder finanziellen Voraussetzungen dafür bestehen. Junge Leute werden nicht länger „in Schwierigkeiten geraten" oder „heiraten müssen". Jedes Kind könnte dann ein Wunschkind sein und in einer optimalen Umgebung aufwachsen.

Die meisten Menschen werten diese Errungenschaften positiv, andere betonen jedoch die Kehrseite der Medaille: Es könnte ja sein, dass mehr unverheiratete Paare und sehr junge Menschen Geschlechtsverkehr miteinander haben, Aus diesem Grunde vermeidet der Sexualkundeunterricht in Schulen, Kirchen und Jugendorganisationen häufig das Thema „Empfängnisverhütung". Außerdem geraten die meisten Erzieher, obwohl sie wenig Schwierigkeiten haben, Grundwissen über die menschliche Fortpflanzungsfunktion zu vermitteln, in Verlegenheit, wenn es um die Beschreibung von Methoden der Empfängnisverhütung geht, weil sie dabei über Einzelheiten sexueller Handlungen sprechen müssten. Auch Eltern haben da ihre Probleme. Wenn sie ihren Kindern Verhütungsmittel zugänglich machen, kann das so aussehen, als würden sie sie zum Geschlechtsverkehr ermuntern; ignorieren sie das Problem, könnte eine unerwünschte Schwangerschaft die Folge sein,

Die Rechtslage in bezug auf Empfängnisverhütung bei Minderjährigen ist in der Bundesrepublik Deutschland heute weitgehend der Beurteilung des verschreibenden Arztes überlassen. Dabei wird von Juristen und Ärzten die Auffassung vertreten, dass die fehlende Geschäftsfähigkeit der Jugendlichen

kein wesentliches Kriterium sein kann, sondern dass die Einsichtsfähigkeit der Patientinnen entscheidend ist. Sie sollten also die Problematik der Verordnung von Ovulationshemmern verstehen. Unter dieser Voraussetzung kann die „Pille" ohne Einwilligung der Eltern auch Mädchen über 14 Jahre verordnet werden.

Verantwortungsbewusstere Eltern sollten allerdings dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder sich bei der Verwendung von Verhütungsmitteln aller Vorteile - aber auch möglicher Nachteile - bewusst sind. Kinder, die auf diesem Gebiet keine befriedigende Auskünfte von ihren Eltern bekommen, sollten sich an die hierfür eingerichteten Beratungsstellen, zum Beispiel der Organisation „Pro Familia", wenden. (Die Anschriften von „Pro Familia" sind vor dem Sachregister am Ende dieses Buches verzeichnet.)

Die meisten Organisationen, die Beratungen für Jugendliche über Empfängnisverhütung anbieten, sind sich der Problematik durchaus bewusst. Sie stellen deshalb nicht kurzerhand irgendwelche Verhütungsmittel zur Verfügung, sondern versuchen auch, zu einem selbstverantwortlichen Umgang mit dieser Problematik anzuleiten.

Es muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass Empfängnisverhütung die Aufgabe beider Partner ist. Grundsätzlich gilt:

• Jedes Kind sollte ein Wunschkind sein.

• Ungewollte Schwangerschaften können durch gewissenhafte Anwendung von Verhütungsmitteln verhindert werden.

• Empfängnisverhütung liegt in der Verantwortung beider Partner.

• Nicht jede Verhütungsmethode ist bei jedem gleich wirksam und gleich empfehlenswert.

• Verhütungsmethoden können nur dann wirksam sein, wenn sie richtig angewandt werden.

4.4.1 Methoden der Empfängnisverhütung

Die verschiedenen Verhütungsmethoden unterscheiden sich deutlich in ihrer Anwendbarkeit und Zuverlässigkeit. Das Prinzip der Empfängnisverhütung ist jedoch relativ einfach: Wie bereits beschrieben, besteht der Prozess der Befruchtung darin, dass eine Eizelle nach ihrer Reifung (Ovulation) im Eileiter mit einer Samenzelle verschmilzt. Die befruchtete Eizelle nistet sich danach in der Uterusschleimhaut ein (Implantation) und wächst zu einem Zellenverband heran, womit die Schwangerschaft beginnt. Das Verhüten einer Empfängnis oder das Abwenden einer Schwangerschaft ist also dadurch zu erreichen, dass man in diesen Prozess eingreift. Dies kann geschehen, indem man entweder die Ovulation, die Befruchtung oder die Implantation verhindert, was auf verschiedene Art erfolgen kann:

1. Man verhindert das Reifen und Freisetzen einer Eizelle in den Ovarien („Pille", Ovulationshemmer).

2. Man verzichtet auf Koitus, wenn eine reife Eizelle wahrscheinlich vorhanden ist (Messung der Basaltemperatur, Rhythmus-Methode).

3. Man verhütet, dass Spermien in die Vagina gelangen (Unterbrechen des Geschlechtsverkehrs, „Koitus interruptus"; Präservativ, Kondom).

4. Man verhindert, dass lebensfähige Spermien aus der Vagina in die Gebärmutter gelangen (Spermizide; Pessar, Diaphragma).

5. Man verhindert die Implantation der befruchteten Eizelle (Spirale; die „Pille danach", „morning-after pill").

6. Man verhindert, dass die Eizelle durch den Eileiter gelangt (Tubenligatur).

7. Man verhindert, dass das Ejakulat Samenzellen enthält (Vasektomie). Die hier aufgeführten Verhütungsmethoden sind das Ergebnis langer, intensiver Beobachtungen von Fortpflanzungsabläufen. In den meisten Fällen werden Medikamente oder Chemikalien angewandt sowie spezielle Gegenstände und Vorrichtungen, wie zum Beispiel ein Thermometer oder ein Kalender. In jedem dieser Fälle greift menschliche Überlegung in den natürlichen Ablauf ein. Empfängnisverhütung ist so immer Ergebnis einer bewussten Entscheidung, die bestimmte Naturgesetze benutzt, um andere außer Kraft zu setzen.

Diese einfache Tatsache ist von manchen Autoren dadurch verschleiert worden, dass sie zwischen „natürlicher" und „künstlicher" Empfängnisverhütung unterscheiden wollten. Eine solche Unterscheidung ist aber willkürlich und unwissenschaftlich. Für die praktische Anwendung ist es jedoch sinnvoll, zwischen den Methoden zu unterscheiden, deren Anwendung eine ärztliche Beratung voraussetzt und solchen, bei denen dies nicht erforderlich ist.

Im Falle einer Sterilisation (also bei Vasektomie und Tubenligatur) bedarf es sogar eines chirurgischen Eingriffes. Auch für die „Pille", die Pille für „den Morgen danach", Pessare und Intrauterinpessare bedarf es einer ärztlichen Untersuchung und Verordnung. Die Basalternperatur-Methode bedarf zumindest ärztlicher Anleitung. Hierzu gibt es aber inzwischen auch brauchbare Literatur. Drei Methoden der Schwangerschaftsverhütung können ohne fremde Hilfe angewandt werden: Koitus interruptus, Kondome und Spermizide.

Einige Verhütungsmittel sind verschreibungspflichtig, da ihre unkontrollierte Anwendung gefährlich sein kann. Das gilt heute vor allem für Ovulationshemmer (die „Pille"). In jedem Fall ist es ratsam, über die Art der Verhütungsmethode gemeinsam mit dem Arzt zu entscheiden. Solche Beratungen bieten auch Institute für Familienplanung und Kliniken an.

Genauso wichtig ist es, die Funktionsweise der gewählten Verhütungsmethode genau zu verstehen, um sie richtig anwenden zu können, Oft kommt es zu ungewollten Schwangerschaften, weil Methoden, die prinzipiell als sicher gelten, nicht richtig angewendet wurden.

Um die Zuverlässigkeit verschiedener Verhütungsmethoden vergleichen zu können, hat man in wissenschaftlichen Untersuchungen ermittelt, wie oft es bei den einzelnen Methoden trotz regelmäßiger Anwendung zu einer Schwangerschaft kommt. Diese „Versagerquote" wird ausgedrückt als „Schwangerschaften je 100 Jahre der Anwendung". Wenn also 100 Frauen oder Männer eine bestimmte Methode ein Jahr lang anwenden (oder wenn 50 Frauen und Männer eine bestimmte Methode zwei Jahre lang anwenden usw.), spricht man z. B. von einer „Versagerquote" von 5, wenn in dieser Zeit 5 Frauen schwanger geworden sind. (Bei diesem Beispiel hätte also eine Frau, die diese Methode 20 Jahre lang anwendet, mit einer Versagerquote von l zu rechnen; sie würde also in diesen 20 Jahren - statistisch - einmal ungewollt schwanger werden können.)

Bei den folgenden Beschreibungen der verschiedenen Methoden der Empfängnisverhütung wird jeweils nach dieser Definition die durchschnittliche „Versagerquote" angegeben (die man in der Medizin auch als „Pearl-Index" bezeichnet), um die Wirksamkeit der einzelnen Methoden zu verdeutlichen.

Einige Experten haben in der Vergangenheit die Ansicht vertreten, irgendeine Verhütungsmethode sei besser als überhaupt keine. Einige Methoden sind jedoch so wenig zuverlässig, dass man sie eigentlich als nutzlos bezeichnen kann. Zu ihnen gehört der „Coitus reservatus" (Carezza), bei dem der Mann versucht, eine Ejakulation zu vermeiden. Ein solcher Versuch mag sicher seinen emotionalen, vielleicht sogar geistigen Wert haben, er ist jedoch kaum dazu geeignet, eine Schwangerschaft zu verhindern. Eine weitere bedenkliche Methode besteht darin, ein Pulver oder eine Flüssigkeit in die Vagina einzubringen, die die Samenzellen abtöten sollen. Dies ist nicht nur

praktisch wirkungslos, sondern kann auch beim Koitus störend und unangenehm sein. Eine andere Methode stellt die Vaginaldusche nach dem Koitus dar, also das Auswaschen der Vagina mit einer Flüssigkeit, in der Hoffnung, dabei auch Samenflüssigkeit zu entfernen. Diese Prozedur ist sinnlos, da sie niemals rechtzeitig angewandt werden kann. Dann gibt es noch bestimmte Produkte für die „weibliche Intimhygiene", bei denen die Werbung auf eine empfängnisverhütende Wirkung abhebt. In dieser Hinsicht sind sie jedoch im allgemeinen völlig wirkungslos, und sie schaden nicht selten der Scheidenschleimhaut. Generell sollte man Vaginalduschen und -sprays vermeiden, weil sie überflüssig, wenig wirksam und möglicherweise schädlich sind. Die Vagina reinigt sich durch ihre eigenen Sekretionen selbst. Zu viele Eingriffe können höchstens das natürliche Gleichgewicht in der Vagina stören und zu Reizungen und Entzündungen führen (vgl. a. Kap. 5.5 „Die Geschlechtskrankheiten").

Verhütungsmethoden für Männer

Coitus interruptus

Diese Methode, die man auch als „Rückzieher" bezeichnet, ist die wohl älteste Verhütungsmethode. Hierbei wird der Penis aus der Scheide gezogen, bevor es zum Samenerguss kommt. Auf diese Weise gelangen die Samenzellen nicht in den Körper der Frau.

Dies klingt theoretisch sehr überzeugend, ist jedoch in der Praxis nicht

Kondome

Kondome sind hervorragende Verhütungsmittel, die auch einen gewissen Schutz vor Geschlechtskrankheiten bieten. Die verschiedensten Fabrikate werden in Apotheken, Drogerien oder Automaten angeboten, Die meisten Fabrikate sind heute mit einem Gleitmittel versehen.

Atlas-69.jpg

immer wirksam. Die beim Coitus interruptus entstehenden Beunruhigungen und das Gefühl, sich während des Koitus ständig kontrollieren zu müssen, können zu erheblichen Spannungen zwischen den Geschlechtspartnern führen. Außerdem können bereits geraume Zeit vor der eigentlichen Ejakulation Samenzellen ausgeschieden werden. Daneben können selbst Samenzellen, die außerhalb der Vagina ejakuliert werden, aus eigener Kraft in die Vagina hineingelangen, solange sie für ihre Fortbewegung eine feuchte Oberfläche finden. Deshalb kann der Koitus interruptus nicht als zuverlässige Verhütungsmethode angesehen werden. Sein einziger Vorteil liegt darin, dass er keiner Vorbereitung bedarf und jederzeit anwendbar ist. Seine Nachteile sind jedoch so gravierend, dass er von den meisten Menschen nur angewendet wird, wenn sich gar keine andere Möglichkeit bietet. Versagerquote (Pearl-Index): über 25.

Kondom (Präservativ)

Das Kondom ist eine Haut aus dünnem Gummi, die die Form eines Fingerlings hat und während des Geschlechtsverkehrs über den Penis gezogen wird. Da es die Samenflüssigkeit des Mannes nach der Ejakulation auffängt und zurückhält, kann die Frau nicht schwanger werden.

Das Kondom stellt eine relativ sichere Verhütungsmethode dar, wenn es richtig benutzt wird. Es muss vor dem Koitus - nicht erst kurz vor der Ejakulation - über den erigierten Penis gezogen werden. An der Spitze des Penis darf es nicht zu eng anliegen; es muss ein Raum für die Aufnahme der Samenflüssigkeit bleiben, da das Kondom sonst zerreißen könnte. Unmittelbar nach der Ejakulation muss der Mann seinen Penis aus der Scheide der Frau herausziehen, bevor die Erektion nachlässt; dabei muss das Kondom am unteren Rand festgehalten werden, damit es nicht herunterrutschen kann. Die Wirksamkeit kann gesteigert werden, indem man ein spermizides Präparat von außen auf das übergezogene Kondom aufträgt oder die Frau gleichzeitig einen Verhütungsschaum benutzt.

Trotz dieser eindeutigen Vorteile haben manche Menschen eine Abneigung gegen Kondome, weil ihnen der Vorgang des Überstreifens während des Liebesspiels unangenehm sei oder weil das Gummi angeblich ihre Empfindungen vermindere. Aber selbst unter Berücksichtigung dieser Einwände ist das Kondom immer noch ein einfaches und sicheres Verhütungsmittel. Darüber hinaus bietet es einen gewissen Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Kondome sind nicht teuer und können in Apotheken und Drogerien gekauft oder aus Automaten gezogen werden.

Versagerquote (Pearl-Index): 3. Die Versagerquote liegt noch niedriger, wenn die Frau gleichzeitig einen spermiziden Schaum verwendet.

Verhütungsmethoden für Frauen

Basaltemperatur-Methode (Rhythmus-Methode) Die Verhütungsmethode der Temperaturmessung besteht darin, die fruchtbaren Tage der Frau festzustellen und dann auf den Koitus zu verzichten. Obwohl diese Methode im Prinzip einfach und wirksam erscheinen mag, ist sie in der Anwendung kompliziert und unzuverlässig.

Zunächst muss die genaue Anzahl der fruchtbaren oder „unsicheren" Tage der Frau herausgefunden werden, an denen kein Koitus stattfinden darf. Eine Frau kann nur so lange schwanger werden, als sich eine Eizelle in einem der Eileiter befindet. Das heißt, dass die Tage kurz vor, während und kurz nach der Ovulation die fruchtbaren oder „unsicheren" sind. Das Vermeiden eines Koitus vor der Ovulation ist notwendig, weil die Spermien im Körper der Frau einige Tage überleben können. Nach der Ovulation ist Enthaltsamkeit wichtig, weil die Befruchtung auch noch einige Zeit danach stattfinden könnte. Da der Menstruationszyklus oft recht unregelmäßig ist und man den

Tag der Ovulation nicht genau voraussehen kann, muss zumindest der Zeitraum einer Woche angenommen werden, indem eine Eizelle befruchtet werden könnte. Hinzu kommt eine mögliche Überlebenszeit der Samenzellen (innerhalb der Eileiter bis zu drei Tage) und zusätzlich zwei Tage Sicherheitsspielraum. Alles in allem belaufen sich somit die fruchtbaren oder „unsicheren" Tage im Durchschnitt auf etwa zwei Wochen jedes Menstruationszyklus.

Dann ist festzustellen, wann genau diese zwei Wochen beginnen. Wie oben erwähnt, hängt alles vom Zeitpunkt der Ovulation ab. Könnte man diesen Zeitpunkt genau bestimmen, würden die „unsicheren" Tage weniger als zwei Wochen betragen. Normalerweise findet die Ovulation in der Mitte eines 28tägigen Menstruationszyklus statt; um es genauer zu sagen: zwei Wochen, bevor der nächste Zyklus beginnt. Bedauerlicherweise lässt sich jedoch der Beginn des nächsten Zyklus nur schwer vorhersehen. Viele Frauen, besonders wenn sie jung sind oder kurz vor der Menopause stehen, haben unregelmäßige Zyklen. Aber selbst bei Frauen mit regelmäßigem Zyklus ist eine Schwankung um zwei bis fünf Tage normal (vgl. a. Kap. 3.1 „Die weiblichen Geschlechtsorgane").

Um zumindest eine gewisse Sicherheit zu haben, kann eine Frau zwei unterschiedliche Berechnungen anstellen (und viele Frauen, die die Temperaturmethode anwenden, bedienen sich beider Möglichkeiten gleichzeitig): Als erstes kann sie ihre Körpertemperatur mit einem (Spezial-)Thermometer jeden Morgen vor dem Aufstehen messen (Basaltemperatur). Vor jeder Ovulation kommt es zum geringfügigen Absinken der Körpertemperatur, dem ein leichter Temperaturanstieg folgt, der für den Rest des Zyklus anhält. Durch Vergleich der Temperaturkurven mindestens der letzten sechs Monate kann die Frau ihre nächste Ovulation schätzen. Die zweite Möglichkeit, ihre „unsicheren" Tage herauszufinden, ist, dass die Frau mindestens acht Monate lang die Daten des Menstruationszyklus auf einem Kalender vermerkt. Unter Verwendung dieser Aufzeichnungen kann sie den längsten und den kürzesten Zyklus errechnen. Dann müssen 18 Tage vom kürzesten Zyklus abgezogen werden, um den ersten „unsicheren" Tag für den gegenwärtigen Zyklus zu bestimmen. Weiterhin werden elf Tage des längsten Zyklus abgezogen, um den letzten „unsicheren" Tag des gegenwärtigen Zyklus zu bestimmen. Wenn zum Beispiel der kürzeste Zyklus 25 Tage dauerte, bedeutet das 25-18 = 7 (dann ist der siebte Tag des gegenwärtigen Zyklus ihr erster „unsicherer" Tag). Wenn der längste Zyklus 31 Tage dauerte, bedeutet das 31-11 = 20 (der 20. Tag ist also der letzte „unsichere" Tag des gegenwärtigen Zyklus). Jede dieser beiden Methoden (Temperatur- und Kalendermethode) ist jedoch, selbst unter Anleitung eines Fachmannes, nicht zuverlässig. Diese Methode ist erheblich unzuverlässig bei Frauen, deren längster und kürzester Zyklus um mehr als zehn Tage auseinanderliegen. Körperliche und emotionale Belastungen können sich auf die Länge des Zyklus auswirken. Außerdem gibt es Hinweise, dass es als Reaktion auf den Koitus zur Ovulation kommen kann. Abgesehen von diesen Unsicherheitsfaktoren, bringt diese Methode noch einen weiteren Nachteil mit sich: Der Koitus wird den Normen von Kalender und Thermometer unterworfen. Trotzdem verwenden manche Leute diese Methode aus religiöser Überzeugung, da sie die einzige ist, die von der Katholischen Kirche gebilligt wird.

In neuerer Zeit wurde eine weitere Methode der Empfängnisverhütung bekannt, die sich ebenfalls auf den Rhythmus des Menstruationszyklus bezieht. Man bezeichnet sie als „Zervikalschleim-Methode" oder (nach ihrem Erstbeschreiber) als „Billings-Methode". Sie macht sich die Tatsache zunutze, dass der gewöhnlich zähe, undurchsichtige Schleimpfropf in der Zervix zum Zeitpunkt der Ovulation durchsichtig und dünnflüssig wird. Durch sorgfältige Selbstuntersuchung mit einem Spekulum und einem Spiegel kann eine

 

Das Anlegen eines Kondoms. Das Anlegen des Kondoms muss keine unangenehme Unterbrechung des intimen Zusammenseins darstellen, sondern es kann auch zu einem angenehmen gemeinsamen Erlebnis werden. Viele Paare machen es heute zum Bestandteil ihres Liebesspiels. Das kann auch dazu beitragen, beiden Partnern ihre gemeinsame Verantwortung zur Verhütung bewusst zu machen. Abweichend von der hier dargestellten Vorgehensweise ist es allerdings sicherer, das Kondom an der Spitze festzuhalten, damit ein ausreichend großes Reservoir für die Samenflüssigkeit bleibt.

Frau deshalb feststellen, ob eine Ovulation stattgefunden hat. Hieraus kann im Laufe der Zeit auch abgeleitet werden, wann die Phase der „unsicheren" Tage beginnt. Damit die Methode sicher angewandt werden kann, ist die Überwachung durch Fachleute sehr wichtig, und sie ist deshalb nur von begrenztem Nutzen. Man kann sie jedoch mit der Basaltemperatur-Methode kombinieren, um die Genauigkeit zu erhöhen. Dennoch sind alle drei genannten Rhythmus-Methoden nicht absolut sicher, auch wenn sie kombiniert angewandt werden.

Die Versagerquote (der Pearl-Index) der Basaltemperatur-Methode liegt bei 1-3, die Versagerquote der Billmgs-Methode liegt demgegenüber nach bisherigen Erfahrungen bei 15-25.

Die Rhythmus-Methode (Kalendermethode). Bestimmung der „unsicheren" Tage

Kürzester Zyklus


Erster „unsicherer" Tag nach Beginn eines Zyklus

Längster Zyklus


Letzter „unsicherer" Tag nach Beginn eines Zyklus

21 Tage

-18 =

3. Tag

21 Tage

-11 =

10. Tag

22 Tage

-18 =

4. Tag

22 Tage

-11 =

11. Tag

23 Tage

-18 =

S.Tag

23 Tage

-11 =

12. Tag

24 Tage

-18 =

6. Tag

24 Tage

-11 =

13. Tag

25 Tage

-18 =

7. Tag

25 Tage

-11 =

14. Tag

26 Tage

-18 =

S.Tag

26 Tage

-11 =

15. Tag

27 Tage

-18 =

9. Tag

27 Tage

-11 =

16. Tag

28 Tage

-18 =

10. Tag

28 Tage

-11 =

17. Tag

29 Tage

-18 =

11. Tag

29 Tage

-11 =

18. Tag

30 Tage

-18 =

12. Tag

30 Tage

-11 =

19, Tag

31 Tage

-18 =

13. Tag

31 Tage

-11 =

20. Tag

32 Tage

-18 =

14. Tag

32 Tage

-11 =

21. Tag

33 Tage

-18 =

15. Tag

33 Tage

-11 =

22. Tag

34 Tage

-18 =

16. Tag

34 Tage

-11 =

23. Tag

35 Tage

-18 =

17. Tag

35 Tage

-11 =

24. Tag

36 Tage

-18 =

18. Tag

36 Tage

-11 =

25. Tag

usw.



usw.



Die Rhythmus-Methode (Basaltemperatur-Methode)

Spermizide

Spermizide sind chemische Substanzen, die die Samenzellen lähmen oder abtöten und damit eine Befruchtung verhindern. Spermizidpräparate gibt es in Drogerien und Apotheken ohne Rezept als Vaginalschaum, Cremes, Gelees oder Zäpfchen. Einige Spermizide können manchmal allergische Reaktionen hervorrufen. Wenn das der Fall ist, sollte man einen Arzt aufsuchen. Sollte ein Spermizidpräparat versagen und es deshalb zu einer Schwangerschaft kommen, ist das Kind dadurch nicht gefährdet.

Vaginalschaum: Spermizider Schaum, der in die Vagina gesprüht wird, wird in kleinen Sprühdosen verkauft, denen ein spezieller Applikator beiliegt. Die Dose muss kräftig geschüttelt werden, danach kann man den Applikator mit Schaum füllen und tief in die Vagina einführen. Das sollte nicht länger als eine halbe Stunde vor dem Koitus geschehen. Zwei Anwendungen sind dabei sicherer als eine. Die Samenzellen werden durch den Schaum abgetötet; gleichzeitig verschließt sich der Gebärmuttermund, und es wird so verhindert, dass möglicherweise überlebende Samenzellen in den Uterus gelangen können. Der Schutz kann noch erhöht werden, wenn der Mann gleichzeitig ein Kondom benutzt.

Versagerquote (Pearl-Index): etwa 5, bei gleichzeitiger Anwendung eines Kondoms deutlich niedriger.

Verschiedene Marken spermizider Schaume

Links: Behälter und Applikator

Rechts; Gefüllt käuflicher Applikator für den

Einmalgebrauch

Anwendung von spermizidem Schaum

1. Füllen des Applikators

2. Einführen des Applikators in die Vagina und Ausdrücken des Schaums

Pessare verschiedener Größe

Im Vordergrund: spermizides Gel

Auftragen des spermiziden Gels und Einsetzen

des Pessars

1. Auftragen des Gels auf das Pessar 2. Einsetzen des Pessars in die Vagina

Atlas-74.jpg

Spermizide Cremes und Gelees: Spermizide Cremes oder Gelees sind weniger wirksam als Vaginalschaum, weil sie sich manchmal nicht so gleichmäßig verteilen lassen, Einige können - wie Vaginalschaum - für sich alleine verwendet werden. Der Schutz ist jedoch sehr viel sicherer, wenn gleichzeitig ein Diaphragma benutzt wird. Ist dies nicht möglich, sollte der Mann ein Kondom tragen. Die Wirksamkeit ist ohne Diaphragma oder Kondom nicht sehr hoch.

Versagerquote (Pearl-Index) ohne gleichzeitige Verwendung von Diaphragma oder Kondom: etwa 25.

Vaginaltabletten oder -Zäpfchen: Vaginaltabletten und -Zäpfchen sind nur dann sinnvoll, wenn sie so zeitig angewandt werden, dass sie sich in der Vagina vollständig auflösen können. Sie müssen deshalb zehn bis 15 Minuten vor dem Koitus eingeführt werden. Allein benutzt, bieten sie jedoch nicht sehr viel Schutz vor einer Schwangerschaft,

Versagerquote (Pearl-Index): etwa 25.

Diaphragma (Pessar) und Spermizides Gel

Ein Diaphragma ist eine kleine, flexible Gummikappe, die sich ganz dicht an den Muttermund legt und damit die Samenzellen hindert, in den Uterus zu gelangen. Um die Wirksamkeit noch zu erhöhen, wird gleichzeitig ein spermizides Gel oder eine Creme verwendet, die man innen und am Rande des Diaphragmas aufträgt. Ein Diaphragma muss vom Arzt angepasst werden, da ein exakter Sitz für die Wirkung entscheidend ist. Alle zwei Jahre und nach jeder Schwangerschaft muss ein neues Diaphragma angepasst werden. Der Arzt zeigt der Frau auch, wie sie das Diaphragma richtig einführt.

Ein Diaphragma kann bis zu sechs Stunden vor dem Geschlechtsverkehr eingeführt werden und sollte für mindestens acht Stunden danach verbleiben. Wenn die Partner vor Ablauf dieser Zeit einen weiteren Koitus wünschen, sollte nochmals Gelee oder Creme in die Vagina eingeführt werden (natürlich ohne dabei das Diaphragma zu entfernen). Wenn man das Diaphragma herausgenommen hat, wäscht man es mit Wasser und Seife; danach kann es wieder benutzt werden. Zusammen mit einem spermiziden Gel oder einer Creme angewandt, ist diese Methode sehr wirksam.

Versagerquote (Pearl-Index): 7.

Atlas-75.jpg

Drei moderne Intrauterinpessare (ITJD)

Einsetzen des IUD

Verschiedene Ovulationshemmer („PUIen"-Präparate)

Intrauterinpessar (IUD)

Intrauterinpessare (die man nach ihrer englischen Bezeichnung als IUD abkürzt) gibt es schon seit langer Zeit. In den letzten Jahren sind jedoch neue Arten von Pessaren entwickelt worden. Das moderne Intrauterinpessar ist ein kleiner biegsamer Gegenstand aus Metall oder Plastik mit einem Nylonfaden am Ende. Wie der Name bereits andeutet, wird er vom Arzt in den Uterus der Frau eingelegt, um dort Schwangerschaften zu verhüten. Intrauterinpessare gibt es in verschiedenen Formen und Größen („Spirale", „Sieben", „Schlinge"). Es gibt gegenwärtig noch keine vollständige Erklärung der Wirkung von Intrauterinpessaren. Wahrscheinlich verhindern sie, dass sich das befruchtete Ei in der Uterusschleimhaut einnistet. Es wurden aber auch verschiedene andere Erklärungen vorgeschlagen. Eines ist jedoch sicher, das IUD ist ein ziemlich zuverlässiges Verhütungsmittel, solange es richtig liegt. Es kann jahrelang ohne Unterbrechung getragen werden. Wünscht die Frau, schwanger zu werden, so kann es jederzeit entfernt werden. In den letzten Jahren wurde ein IUD entwickelt, das Hormone enthält, die denjenigen in der „Pille" ähnlich sind. Das (zum Beispiel als „Progestasert" bekannte) IUD verbindet damit gleichzeitig zwei Methoden der Empfängnisverhütung. Anders als die übrigen IUD muss es jedoch einmal im Jahr ausgetauscht werden.

Ein Nachteil der IUD ist, dass sie herausrutschen können, ohne dass die Frau etwas davon merkt. Es ist deshalb wichtig, sich nach jeder Menstruation davon zu überzeugen, dass das Pessar an seinem Platz ist, indem man die Nylonfäden ertastet, die ein Stück weit in die Vagina hineinreichen. In bestimmten Fällen, meist bei Frauen, die noch kein Kind geboren haben, kann es allerdings zu heftigen Krämpfen und Blutungen kommen. Das kann dazu führen, dass das IUD wieder entfernt werden muss. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gewöhnen sich jedoch viele Frauen an das IUD, und seine Wirkung ist, abhängig vom verwendeten Typ, als relativ hoch anzusetzen.

Versagerquote (Pearl-Index): etwa 2.

Die,,Pille" (Ovulationshemmer)

Empfängnisverhütende Medikamente werden aus synthetischen Hormonen

hergestellt (Östrogenen und Gestagenen), die denen sehr ähnlich sind, die die

Atlas-76.jpg

Frau in ihren Ovarien produziert. Diese Medikamente bewirken, dass keine Eizelle in den Ovarien reift und freigesetzt wird. Daneben haben sie weitere Wirkungen, zum Beispiel auf die Beschaffenheit des Schleims im Gebärmuttermund. Dies könnte es wiederum den Spermien erschweren, in den Uterus zu gelangen.

Ovulationshemmer gibt es in Monats-Packungen. Man nimmt täglich eine Pille vom fünften Zyklustag an während der folgenden 20 bis 21 Tage. Wenn die 21-Dragee-Packung aufgebraucht ist, wird bis zum fünften Tag des neuen Zyklus ausgesetzt. Einige Packungen enthalten 28 Pillen, wobei die letzten sieben keine Wirkstoffe enthalten.

Ovulationshemmer sind nur wirksam, wenn sie regelmäßig eingenommen werden. Daher ist es ratsam, sie jeden Tag zur gleichen Zeit zu nehmen (zum Beispiel zum Frühstück, zum Abendessen oder vor dem Zubettgehen). Diese tägliche Routine soll verhindern, dass die Pille vergessen wird. Ist dies einmal geschehen, so kann die Einnahme je nach dem verwendeten Präparat innerhalb von 24 Stunden (Einphasenpräparate) oder innerhalb von zwölf Stunden (Mehrphasenpräparate) nachgeholt werden. Dies gilt nicht für die sehr exakt einzunehmende „Minipille". Ist der Einnahmezeitpunkt länger überschritten worden, als es bei dem Präparat zugelassen ist, so wird die vergessene Pille ausgelassen und die übrige Packung aufgebraucht. Die Frau sollte sich dann zusätzlich für den Rest des Zyklus einer anderen Verhütungsmethode bedienen.

Da es sich bei den Ovulationshemmern um hochwirksame Medikamente handelt, sind sie verschreibungspflichtig. In letzter Zeit wurden verschiedene Nebenwirkungen bekannt, besonders bei Frauen über 30 Jahren, die zusätzlich weitere gesundheitliche Risiken aufweisen. Eine ärztliche Untersuchung muss deshalb darüber entscheiden, ob eine Einnahme der Pille jeweils ratsam ist.

Bei manchen Frauen, die Ovulationshemmer nehmen, kommt es anfangs zu Symptomen, die denen einer Schwangerschaft ähnlich sind: Gewichtszunahme, leichte Übelkeit und Überempfindlichkeit sowie Vergrößerung der Brüste. Diese unerwünschten Wirkungen verschwinden normalerweise in den ersten Monaten. Sollte dies nicht der Fall sein, ist es angebracht, ärztliche Beratung aufzusuchen und möglicherweise das Präparat zu wechseln.

Die Versagerquote (der Pearl-Index) liegt bei den höher dosierten Präparaten zwischen 0,2 und 0,5, bei den niedrigdosierten Präparaten (der „Mini-Pille") etwa bei 3.

Die Pille für „den Morgen danach"

Wenn eine Frau Koitus ohne Verhütungsmittel hatte oder wenn sie sich sicher ist, dass die Verhütung unwirksam war und sie daher schwanger sein könnte, kann sie sich vor einer Schwangerschaft schützen, indem sie die sogenannte „Pille danach" nimmt. Ein solches Präparat verhindert, dass ein eventuell befruchtetes Ei zur Implantation kommt. Es handelt sich bei der „Pille danach" - ähnlich wie bei Ovulationshemmern - um Medikamente, die bestimmte Hormone enthalten. Sie müssen je nach Art des Präparats einen bis mehrere Tage nach dem Koitus verabreicht werden. Wie Ovulationshemmer sind sie verschreibungspflichtig. Ehe ein Arzt diese sehr wirksamen Präparate verschreiben kann, muss er verschiedene gesundheitliche Faktoren berücksichtigen. Selbst wenn medizinisch keine Einwände bestehen, können diese Präparate vorübergehend sehr unangenehme unerwünschte Wirkungen haben, so zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen. Es sind jedoch auch ernste und langandauernde Nachwirkungen bekannt. Im Sinne einer Verhütungsmethode sollten diese Präparate in keinem Falle eingenommen werden.

[ 12 Der menschliche Körper

4. Die Fortpflanzung 113

1. Samenleiter (Vas deferens) 2. Hoden

3. Eileiter (Tuba uterina)

4. Ovar

5. Uterus

IJ

Atlas-77.jpg

Vasektomie und Tubenligatur

A. Vasektomie: Aus jedem Samenleiter wird ein Stück herausgeschnitten, die Enden werden abgebunden.

B. Tubenligatur: Ein Abschnitt jedes Eileiters wird abgebunden und herausgeschnitten. Nach einigen Wochen sind die Enden zugeheilt und voneinander getrennt (kleine Abbildung).

Verhütungsmethoden für Männer und Frauen

Sterilisation

Männer und Frauen, die endgültig beschlossen haben, keine Kinder (mehr) haben zu wollen, können die sicherste, aber endgültige Verhütungsmethode wählen, die Sterilisation. Die Folgen dieses Eingriffs, der endgültig unfruchtbar macht, sollte man sehr genau überdenken. Ärzte arbeiten an einer chirurgischen Methode, um die Sterilisation wieder rückgängig und die Patienten wieder fruchtbar zu machen. Die gegenwärtigen Ergebnisse sind jedoch noch nicht als völlig befriedigend zu bezeichnen.

Sterilisation beim Mann - Vasektomie: Die Sterilisation eines Mannes, die Vasektomie, ist eine relativ einfache und sichere Operation, die ein Arzt auch ambulant in seiner Praxis vornehmen kann. Dabei werden die Samenleiter, durch die normalerweise die Samenzellen transportiert werden, durchtrennt und abgebunden. Danach werden keine Spermien ejakuliert, sie werden vom Körper absorbiert. Andere Veränderungen zieht dieser Eingriff nicht nach sich; Erektion, Orgasmus und Ejakulation bleiben unbeeinflusst. Die Vasektomie hat also keine Auswirkungen auf die sexuelle Ansprechbarkeit und Leistungsfähigkeit eines Mannes. Für manchen sterilisierten Mann ist Geschlechtsverkehr eher befriedigender, denn er braucht jetzt keine ungewollten Schwangerschaften mehr zu fürchten.

Sterilisation bei der Frau - Tubenligatur: Die Sterilisation bei einer Frau besteht darin, dass man die Eileiter, durch die die Eizellen in den Uterus gelangen, durchtrennt und abbindet oder verödet. Da die Eileiter innerhalb der Bauchhöhle liegen, ist die Operation etwas schwieriger als beim Mann. Ein Krankenhausaufenthalt von mindestens einem Tag ist deshalb erforderlich. Einige Kliniken wenden eine neue chirurgische Technik, die Laparoskopie, an und vereinfachen und verkürzen so die Operation. Nach einer Tubenligatur können Eizelle und Samenzelle nicht mehr aufeinandertreffen. Andere Veränderungen zieht dieser Eingriff nicht nach sich; die Empfindsamkeit und Orgasmusfähigkeit bleiben unbeeinflusst. Die Tubenligatur hat also keine Auswirkungen auf die sexuelle Ansprechbarkeit und Leistungsfähigkeit einer Frau, außer vielleicht in positivem Sinn, da sie nun keine ungewollte Schwangerschaft zu fürchten braucht.

Die Verhütungsmethoden der Zukunft

Seit Jahren sucht die medizinische Forschung nach der „Pille für den Mann". Wenngleich erste Erfolge vorliegen, sind doch noch umfangreiche Tests erforderlich, bevor solche Produkte breit angewandt werden können. Inzwischen wird auch an neuen Verhütungsmethoden für die Frau gearbeitet. Dazu zählt auch jene Pille, die nicht jeden Tag eingenommen werden muss, sondern nur vor dem Geschlechtsverkehr. Ein anderer Versuch besteht darin, eine kleine Kapsel unter die Haut zu verpflanzen, von wo aus sie monate- oder jahrelang ihre Wirksubstanz in den Körper abgibt. Bei einer anderen Methode kommen Prostaglandine zur Anwendung (das sind Substanzen, die zum Beispiel das Zusammenziehen der glatten Muskulatur des Uterus bewirken). Mit ihnen könnte eine Schwangerschaft trotz Befruchtung verhindert werden. Darüber hinaus gibt es noch die Möglichkeiten von Hormonspritzen, die alle drei oder sechs Monate injiziert würden und die die heutigen Ovulationshemmer ersetzen könnten.

Wie aus diesem kurzen Überblick deutlich wird, liegt die Verantwortung und Anwendung der meisten Verhütungsmethoden bei der Frau. Es wäre wünschenswert, dass die Forschung in Zukunft vermehrt Anstrengungen unternimmt, Verhütungsmethoden für den Mann zu entwickeln. Was wir wirklich brauchen, ist ein umfassendes Angebot von sicheren, nebenwirkungsfreien und leicht anwendbaren Verhütungsmethoden, die der Forderung nach sexueller Gleichberechtigung Rechnung tragen.

4.5 Der Schwangerschaftsabbruch

Eine Schwangerschaft kann infolge einer spontanen Entwicklung vorzeitig enden. Das vorzeitige Ende einer Schwangerschaft kann jedoch auch absichtlich herbeigeführt werden. Die unbeabsichtigte Beendigung einer Schwangerschaft wird als Abort bezeichnet, wenn das Embryo oder der Fötus nicht lebt und weniger als 37 cm Körperlänge misst. Danach spricht man von einer Frühgeburt oder Totgeburt. In der nicht-medizinischen Umgangssprache wird mit dem Wort Abort jedoch oft der absichtlich herbeigeführte Abbruch einer unerwünschten Schwangerschaft bezeichnet.

Für unerwünschte Schwangerschaften gibt es viele Ursachen. Manchmal wissen Menschen, die Koitus miteinander haben, nichts von Verhütung, sie haben keine Verhütungsmittel zur Verfügung oder sie verwenden solche, die wirkungslos sind. Was immer die Ursache sein mag, eine unerwünschte Schwangerschaft stellt Menschen oft vor sehr ernste Probleme.

Wenn Eltern bereits Schwierigkeiten haben, ihre vielen Kinder ausreichend zu ernähren, bedeutet eine weitere Geburt unter Umständen Elend und Verzweiflung für die ganze Familie. Eine werdende Mutter, die körperlich schwach ist oder die unter bestimmten Krankheiten leidet, die vielleicht alkohol- oder drogenabhängig ist, kann ihrer Gesundheit durch eine Schwangerschaft erheblich schaden oder sie kann ein krankes oder behindertes Kind bekommen. Eine junge ledige Frau kann unvorbereitet, nicht fähig oder willens sein, die Verantwortung einer Mutterschaft auf sich zu nehmen. So kann eine unerwünschte Geburt nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind zur Katastrophe werden.

In solchen Fällen entscheidet sich eine Frau möglicherweise zu einem Schwangerschaftsabbruch als einzigem Ausweg. Leider greifen manche Frauen in ihrer Verzweiflung und in Unkenntnis möglicher Hilfen zu unüberlegten Mitteln und setzen dabei ihre Gesundheit oder ihr Leben aufs Spiel, indem sie versuchen, allein oder mit Hilfe eines unfähigen, kriminellen Abtreibers die Schwangerschaft zu beenden. Sie tun dies, weil es ihnen die Gesellschaft oft schwer macht, einen legalen und risikoarmen Abbruch vornehmen zu lassen. Nach wie vor besteht eine heftige Auseinandersetzung zwischen Frauen, Ärzten und Politikern, Repräsentanten der Kirche und der Rechtsprechung, ob und in welcher Weise man Schwangerschaftsabbrüche zulassen sollte.

Manche Gegner des Schwangerschaftsabbruchs sehen sich selbst als Hüter ungeborenen Lebens, die die „Unantastbarkeit menschlichen Lebens" schützen müssen. Dieses Argument muß man sehr ernst nehmen. Und dennoch hat eben dieses Argument andere Menschen dazu veranlasst, sich auf die Seite der Frau zu stellen, die eine Schwangerschaft abbrechen will und für dieses Recht kämpft. Vertreter dieser beiden Positionen stehen sich heute noch wenig dialogbereit gegenüber, und es erscheint sicher, dass man diesen Konflikt nicht mit wissenschaftlichen Argumenten lösen kann. Es gibt einfach keine eindeutige wissenschaftliche Antwort auf die Frage, wann menschliches Leben beginnt, oder unter welchen Voraussetzungen es beendet werden darf. Dies sind grundsätzliche ethische Probleme, die jedem einzelnen eine persönliche Gewissensentscheidung abverlangen.

In der Vergangenheit haben die etablierten Religionen und Philosophien für diese Fragen immer moralische Orientierungen geboten. Sie stimmen heute in ihren Ansichten jedoch nicht immer überein. Einige zeitgenössische religiöse Gruppen akzeptieren den Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Voraussetzungen im Anfangsstadium der Schwangerschaft, während andere unter allen Umständen dagegen sind, ja, ihn als Mord betrachten, es sei denn, es gelte, das Leben der Mutter zu retten. Die Katholische Kirche vertritt heute die Ansicht (im Gegensatz zu ihren eigenen Lehren im Mittelalter), dass ein Embryo „vom Augenblick der Empfängnis an" menschliches Leben sei. Wissenschaftler sind sich jedoch keineswegs einig, ob sich ein solcher Augenblick definieren lässt und wann er anzusetzen wäre. Das scheint vor allem eine Frage der Definition zu sein. Wissenschaftlich wird die Empfängnis beim Menschen am besten nicht als plötzliches Ereignis dargestellt, sondern als langsamer und komplizierter Prozess, der mit der Vereinigung von Eizelle und Samenzelle beginnt und über die verschiedenen Entwicklungsstadien weiterführt, bis sich der Zellverband schließlich in der Uterusschleimhaut einnistet. Dieser Prozess ist von einer ganzen Reihe besonderer Umstände abhängig, die nicht immer gegeben sind. In manchen Fällen nimmt die Entwicklung einen völlig anderen Verlauf, es kommt nicht zur Implantation, und das befruchtete Ei löst sich auf. Deshalb spricht man in der allgemeinen medizinischen Fachsprache erst von einer Schwangerschaft, wenn die Implantation im Uterus stattgefunden hat.

Bis vor wenigen Jahren waren eingeleitete Schwangerschaftsabbrüche verboten. Aber selbst die restriktiveren Strafgesetze haben üblicherweise die weniger enge wissenschaftliche Auslegung des Begriffs der Empfängnis akzeptiert. So wurde die Benutzung der „Pille danach" oder von Intrauterin-pessaren nicht bestraft, obwohl sie erst nach einer möglichen Befruchtung eine Schwangerschaft verhindern. Auch die Tatsache, dass solche Mittel allgemein als Verhütungsmittel und nicht als Abtreibungsmittel eingeschätzt werden, lässt darauf schließen, dass die breite Öffentlichkeit die Auffassung der Katholischen Kirche nicht teilt. Unsere Gesetze haben auch niemals nach der Auffassung argumentiert, Abtreibung sei Mord. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte man Menschen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben, mit wesentlich höheren Strafen belegen müssen: mit dem Tode oder lebenslanger Haft. In der Realität fielen die Strafen jedoch immer weniger hart aus. Darüber hinaus stand oft die zentrale Person in dieser Straftat, die abtreibende Frau selbst nicht im Zentrum des Strafverfahrens. Solche Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten in der Rechtspraxis zeigen, dass ein

moderner weltlicher Staat nicht für einzelne moralische oder religiöse Auffassungen eintreten kann, sondern versuchen muss, einen Kompromiss zu finden. Ein Staat, der sich mit vielen Anhängern verschiedener, oft gegensätzlicher Auffassungen auseinandersetzen muss und ihre Interessen schützen will, kann diese Aufgabe nur dadurch bewältigen, dass er seine Rechtsprechung auf rationalen Grundlagen aufbaut. In der Frage des Schwangerschaftsabbruchs orientieren solche Entscheidungen ganz klar dahin, dass diese Frage ausschließlich sachkundiger medizinischer Beurteilung und dem Gewissen des einzelnen unterliegen sollte.

Man sollte sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die Verbotsgesetze gegen den Schwangerschaftsabbruch erst im späten 19. Jahrhundert erlassen wurden und dass dies vor allem medizinische Gründe hatte. Zu dieser Zeit war ein Schwangerschaftsabbruch eine gefährliche Operation, die sehr leicht zum Tode der Frau führen konnte. Die Möglichkeiten der Medizin sind in der Zwischenzeit erheblich verbessert worden, dass ein Abbruch zu Beginn der Schwangerschaft ein deutlich geringeres Risiko bedeutet als früher. Daher kann der Staat diese Schwangerschaftsabbrüche zulassen, was jedoch keineswegs bedeuten soll, dass Schwangerschaftsabbrüche empfohlen werden. Wer davon überzeugt ist, ein Schwangerschaftsabbruch sei Mord, kann ihn für sich persönlich ablehnen. Das erscheint unbedingt richtig, denn ein erzwungener Schwangerschaftsabbruch bedeutet, ebenso wie erzwungene Mutterschaft, einen Verstoß gegen die Grundsätze von Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung. In der Vergangenheit war tatsächlich, bezogen auf Schwangerschaftsabbruch, eine offensichtliche Ungerechtigkeit an der Tagesordnung. Frauen, die finanziell in der Lage dazu waren, konnten in andere Länder fahren, wo sie jederzeit einen fachgerechten und legalen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen konnten. Es waren in der Mehrzahl die Armen und Unaufgeklärten, die die Konsequenzen einer unerwünschten Schwangerschaft oder eines gefahrvollen kriminellen Schwangerschaftsabbruchs zu tragen hatten.

Wenngleich die Rechtslage zum Schwangerschaftsabbruch inzwischen klar ist, sieht die Praxis noch sehr unterschiedlich aus. Es gibt immer noch Personen und Organisationen, die „das Recht auf Leben" für das Ungeborene verlangen und für eine verfassungsrechtliche Veränderung eintreten. Es steht außer Frage, dass vieles in dieser Bewegung hohen Idealen entspringt, denn prinzipiell sind Schwangerschaftsabbrüche nichts Erfreuliches und sie sollten nicht leicht genommen werden. Wer sich für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden muss, trifft immer eine zweischneidige Entscheidung. Außerdem ist, selbst wenn man Embryo und Fötus außer acht lässt, eine Abtreibung immer ein operativer Eingriff, der für die Frau mit der Gefahr von Komplikationen verbunden ist. Nur wenige kompetente Fürsprecher einer liberalen Handhabung der Abtreibung würden sie deshalb als Routineeingriff empfehlen. Es wäre demgegenüber viel sinnvoller, Voraussetzungen zu schaffen, die Schwangerschaftsabbrüche überflüssig machten. Dieses Ziel könnte jedoch nur durch eine planmäßige und breite Anwendung von Verhütungsmitteln erreicht werden.

So bleiben die Menschen, die den Schwangerschaftsabbruch mit Strafgesetzen bekämpfen wollen, wenig überzeugend, solange sie nicht bereit sind, Empfängnisverhütung zu unterstützen. Die derzeit gültige Rechtslage scheint jedoch vernünftig und praktikabel und eine vertretbare juristische Lösung eines nach wie vor ungelösten moralischen Zwiespalts.

Trotz aller moralischen Vorbehalte ist eines heute sicher: Jede Frau, die hierzulande legal ihre Schwangerschaft abbrechen lassen will, hat hierfür die Möglichkeit, wenn sie sich ausreichend bemüht. Unter keinen Umständen sollte sie sich in die Hände eines unausgebildeten, kriminellen Abtreibers begeben oder gar versuchen, selbst abzutreiben. Der einzig vernünftige Weg

116 Der menschliche Körper

zu einem legalen und fachgerechten Schwangerschaftsabbruch ist der Weg zum Arzt, In vielen Städten bieten daneben Familienplanungseinrichtungen, Initiativen, kirchliche Verbände, Frauenverbände und medizinische Beratungseinrichtungen Rat und Hilfe. Folgendes gilt es zu bedenken:

• Wenn es um einen Schwangerschaftsabbruch geht, wendet man sich an Fachleute.

• Je früher ein Abbruch vorgenommen wird, desto günstiger ist der Verlauf.

• Ein legaler und risikoarmer Abbruch kann im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis durchgeführt werden.

• Ein unqualifizierter krimineller Abtreiber sollte in keinem Fall aufgesucht werden.

• Es sollte nie der Versuch unternommen werden, selbst abzutreiben.

4.5.1 Methoden des Schwangerschaftsabbruchs

Es ist ein großer Unterschied, ob man einen Schwangerschaftsabbruch zu Beginn oder bei fortgeschrittener Schwangerschaft vornehmen lässt. Je früher der Eingriff vorgenommen wird, desto besser ist es. Während der ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft ist ein Abbruch relativ ungefährlich. Er kann meist sogar ambulant vorgenommen werden. Nach der zwölften Woche können erhebliche Komplikationen entstehen, da in diesem Stadium schon sehr viel eingreifendere Operationstechniken angewandt werden müssen. Hier ist ein stationärer Krankenhausaufenthalt unerlässlich, Der Abbruch einer fortgeschrittenen Schwangerschaft nach der 20. Woche ist medizinisch kaum noch vertretbar, es sei denn, es handle sich um eine ganz extreme Ausnahmesituation. Denn einige Wochen später ist der Fötus bereits so weit entwickelt, dass er bei einer Frühgeburt bereits überleben könnte.

Man muß sich immer vor Augen halten, daß jeder Schwangerschaftsabbruch, auch wenn er frühzeitig stattfindet, ein medizinischer Eingriff ist, der unter bestimmten Umständen zu Komplikationen führen kann. Daher hält die Suche nach neueren und sichereren Methoden an. Eine dieser Methoden beruht auf der Verwendung von Prostaglandinen. Das sind Substanzen, die unter anderem das Zusammenziehen der Uterusmuskulatur bewirken. Mit ihnen kann zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft eine „Geburt" ausgelöst werden. Bis heute ist diese Methode jedoch noch nicht so zufriedenstellend, dass man sie für eine Routineanwendung freigeben sollte. Zudem ist sie mit erheblichen unerwünschten Wirkungen behaftet. Aber auch andere Arten von Tabletten, Spritzen oder anderen Abortivmitteln, die über oder unter dem Ladentisch gehandelt werden, bergen erhebliche Risiken in sich und sind außerdem oft unwirksam.

Eine Frau, die vor der Entscheidung steht, ihre Schwangerschaft abzubrechen, sollte sich- auch im Gespräch mit ihrem Arzt - mit den verschiedenen medizinisch gebräuchlichen Methoden vertraut machen. Sie weiß dann, was sie in der Praxis des Arztes oder im Krankenhaus erwartet und, was noch wichtiger ist, sie wird sich dann auf keinen Fall in die Hände eines kriminellen Abtreibers begeben.

Methoden des frühzeitigen Schwangerschaftsahbruchs

Menstruationsregulierung

Bisher übliche Schwangerschaftstests sind bis zu 40 Tage (manchmal mehr) nach der letzten Menstruation unzuverlässig. Wenn eine Frau vermutet, schwanger zu sein, sie aber nicht so lange warten will, kann sie, um Gewissheit zu erlangen, in den USA den Gynäkologen bitten, eines der verschiedenen

Atlas-78.jpg

 

Verfahren der Menstruationsregulierung anzuwenden: die Absaugmethode, Extraktion oder Ausschabung. Diese Eingriffe sind dem Vorgehen beim Einlegen eines Intrauterinpessars ähnlich. Auch hier führt der Arzt ein kleines Instrument durch den Gebärmutterhals in den Uterus ein. Statt ein IUD einzulegen, löst er die Uterusschleimhaut durch Anlegen eines Unterdrucks ab und saugt sie heraus. Der ganze Vorgang dauert nur wenige Minuten und kann in einer Arztpraxis durchgeführt werden. Natürlich ist das Wort „Schwangerschaftsabbruch" hier nur dann richtig angewandt, wenn es sich tatsächlich um eine frühe Schwangerschaft gehandelt hat. Ist die Frau jedoch nicht schwanger gewesen und ihre Menstruation aus einem anderen Grunde ausgeblieben, ist die Bezeichnung Menstruationsregulierung genauer. Diese Methode nimmt eine Zwischenstellung zwischen Schwangerschaftsverhütung und Schwangerschaftsabbruch ein.

Absaugmethode

In der Bundesrepublik setzt die Einleitung eines Schwangerschaftsabbruchs in jedem Fall zunächst den Nachweis einer Schwangerschaft voraus. Beim Vorliegen einer frühen Schwangerschaft kann der Arzt zu einer schonenden

Methoden des Schwangerschaftsabbruchs

1. Erweiterung der Zervix und Kürettage

Die Abbildung zeigt einige Dehnungsstifte zur Erweiterung der Zervix und eine Kürette. Dehnungsstifte werden sowohl bei der Kürettage als auch bei der modernen Absaugmethode (s. unten) angewandt, um die Zervix zu erweitern. Bei dieser Methode wird das Embryo und die Plazenta mit der Kürette von der Wand der Gebärmutter abgeschabt.

2. Absaugmethode

Die Zervix wird mit einer Klemme festgehalten, dann wird ein Absaugrohr durch die erweiterte Zervix in den Uterus eingeführt und das Embryo abgesaugt.

118 Der menschliche Körper

Methode der Unterbrechung raten: der Absaugmethode, die auch unter den Bezeichnungen „Absaugkürettage" oder „Uterusabsaugung" bekannt ist. Sie wird heute als die schonendste und risikoärmste Methode angesehen. Nach Dehnung des Gebärmutterhalses wird ein Tubus, der an eine Absaugpumpe angeschlossen ist, in den Uterus eingeführt. Embryo und Plazenta werden von einem Unterdruck durch den durchsichtigen Tubus aus dem Uterus in eine Auffangflasche gesaugt.

Kürettage

Die Kürettage ist eine ältere Methode; sie unterscheidet sich jedoch im Prinzip nicht wesentlich von der Absaugmethode. Wiederum wird zunächst der Gebärmutterhals erweitert. Ein löffelähnliches Instrument (die Kürette) wird in den Uterus eingeführt. Mit der Kürette schabt der Arzt dann Embryo, Plazenta und Schleimhaut von der Uteruswand ab. Die Operation wird in Narkose in einer Klinik durchgeführt.

Methode des Schwangerschaftsabbruchs bei fortgeschrittener Schwangerschaft - die Hysterotomie

Die Hysterotomie stellt eine Art kleinen Kaiserschnitt dar. Durch einen Schnitt in den Unterleib wird die Gebärmutter geöffnet und Fötus und Plazenta herausgenommen. Da es sich hierbei um einen chirurgischen Eingriff handelt, ist ein Krankenhausaufenthalt unerlässlich. Eine Frau, bei der eine Hysterotomie vorgenommen worden ist (was nicht mit einer Hysterektomie, dem Entfernen des Uterus, verwechselt werden darf), kann wieder schwanger werden. Bei jeder weiteren Geburt wird jedoch in der Regel ein Kaiserschnitt notwendig sein.

Weiterführende Literatur

Bing, E., Colman, L.; Sex während der Schwangerschaft (Making love during pregnancy, dt.). Berlin (Ullstein), 1979.

Blume, A.: Andere Umstände. Eine Orientierungshilfe für Vorsorge, Geburtsvorbereitung und Geburt, Reinbek (Rowohlt), 1981.

Boston Women's Health Book Collective: Unser Körper, unser Leben. Handbuch von Frauen für Frauen (Our bodies, ourselves, dt), 2 Bände. Reinbek (Rowohlt), 1980.

Bradley, R. A.: Husband - Coached childbirth. New York (Harper & Row), 1974.

Colman, A. D., Colman L.: Pregnancy. The psychological experience. New York (Seabury Press), 1972.

Demarest, R., Sciarra, J.: Zeugung, Geburt und Verhütung (Conception, birth, and contraception, dt,). Frankfurt/M. (Fischer), 1970.

Dick-Read, G,: Der Weg zur natürlichen Geburt (Natural childbirth primer, dt.). 6. Aufl., Hamburg (Hoffmann und Campe), 1965.

Döring, G. K.: Empfängnisverhütung. Stuttgart (Thieme), 1981.

Eser, A,, Hirsch, H.A. (Hrsg.): Sterilisation und Schwangerschaftsunterbrechung. Eine Orientierungshilfe zu medizinischen, psychologischen und rechtlichen Fragen. Stuttgart (Enke), 1980.

Group for the Advancement of Psychiatry: Human reproduction. New York (Scrib-ner's), 1974.

Guillebaud, J.: Die Pille. Reinbek (Rowohlt), 1982.

Hall, R. E. A.: A doctor's guide to having an abortion. New York (New American Library), 1971.

Hoche, K.; Über Liebe. Ihr Kindlein kommet nicht. Geschichte der Empfängnisverhütung. Frankfurt/M. (Bucher), 1979.

Latnaze, F,: Painless childbirth. The Lamaze method. Chicago (Henry Regnery Company), 1970.

Leboyer, F.: Geburt ohne Gewalt (Pour une naissance sans violence, dt.). München (Kösel), 1981.

Noonan, J, T. (Hrsg.): Morality of abortion. Legal and historical perspectives. Cambridge (Harvard University Press), 1970.

Shapiro, H. J.: Alle Methoden der Empfängnisverhütung (The birth control book, dt,), Rüschlikon-Zürich (Müller), 1980.

5. Körperliche Probleme

Nur sehr wenige Menschen sind ihr Leben lang gesund. Wir alle benötigen früher oder später einmal, wenn auch nur vorübergehend, medizinische Hilfe. Viele Krankheiten haben natürlich auch Auswirkungen auf die sexuellen Fähigkeiten der Betroffenen. Dazu gehören Unfallverletzungen, die die Geschlechtsorgane betreffen oder die zu einem Verlust über die Kontrolle der Geschlechtsorgane führen. Oder bestimmte Krankheiten, die die Reaktionen eines Menschen beeinflussen oder den Körper so schwächen, dass Geschlechtsverkehr schwierig oder unmöglich wird. Meist sind die sexuellen Schwierigkeiten in diesen Fällen nur Nebenerscheinungen der Krankheit und man schenkt ihnen deshalb wenig Beachtung. Nach der Genesung kehren auch die sexuellen Kräfte wieder zurück. Aber auch bei dauernden gesundheitlichen Problemen sollte man dies nicht unbedingt als hoffnungslos betrachten. Viele behinderte und chronisch kranke Menschen können heute trotz ihrer Leiden ein befriedigendes Sexualleben führen. (Vgl. a. Kap. 12 „Die sexuell Unterdrückten".)

Es gibt jedoch bestimmte körperliche Beschwerden und Behinderungen, die das sexuelle Verhalten und die Fortpflanzungsfähigkeit direkt beeinflussen. Manche von ihnen sind sehr verbreitet, wie zum Beispiel Unfruchtbarkeit oder Geschlechtskrankheiten. Viele dieser früher als hoffnungslos betrachteten Situationen kann man heute erfolgreich behandeln, in vielen Fällen ist eine Heilung innerhalb kurzer Zeit problemlos möglich. Weil diese Störungen insgesamt nicht selten sind, sollte jeder erwachsene Mensch hierüber informiert sein. Die folgenden Seiten geben einige grundlegende Informationen über die häufigsten körperlichen Erkrankungen und Behinderungen, die die menschlichen Sexualfunktionen beeinträchtigen können. Sexuelle Schwierigkeiten von körperlich gesunden Menschen werden im Kap. 8 „Sexuelle Störungen" behandelt.

5.1 Unfruchtbarkeit

Man schätzt, dass fast jedes fünfte Paar keine Kinder bekommen kann. Manchmal wird diese Unfruchtbarkeit einer Beziehung nicht zum Problem, häufig ist sie jedoch Anlass zu Unzufriedenheit oder Enttäuschungen, besonders bei Männern und Frauen, deren Selbstverständnis die Fähigkeit zur Elternschaft unabdingbar einbezieht. Der Fortschritt der modernen Medizin erlaubt es glücklicherweise, vielen von ihnen zu helfen.

Wenn ein Paar keine Kinder bekommt, kann das verschiedene Gründe haben, die den Mann, die Frau oder beide betreffen. Sie reichen von sexueller Unerfahrenheit, mangelhafter Ernährung, psychischen Problemen bis hin zu Störungen der männlichen und weiblichen Fortpflanzungsorgane. Ein offensichtlich gesundes junges Paar (beide Partner unter 35 Jahren) sollte daher fachlichen Rat einholen, wenn länger als ein Jahr vergeblich versucht wurde, ein Kind zu bekommen. (Ist einer der Partner bereits über 35 Jahre alt, sollte man schon nach sechs Monaten einen Spezialisten konsultieren.) Bei einer sorgfältigen medizinischen Untersuchung beider Partner wird oft die Ursache des Scheiterns festgestellt. Manchmal sind Diagnose und Therapie ausgesprochen einfach. So bleiben zum Beispiel manchmal Paare nur deshalb kinderlos, weil sie niemals während der fruchtbaren Tage der Frau Geschlechtsverkehr hatten. Manchmal erweist sich das Problem aber auch als wesentlich schwieriger und erfordert intensive Behandlung, zum Beispiel psychologische Beratungen, Hormonbehandlungen oder chirurgische Eingriffe. Eine neuere und immer verbreitetere Methode der Behandlung von Unfruchtbarkeit ist die künstliche Befruchtung. In manchen Fällen (etwa bei jedem zehnten Paar) kann trotz aller medizinischen und psychologischen Maßnahmen eine Fruchtbarkeit nicht erreicht werden. Diese Paare können jedoch ihre Erfüllung als Eltern dennoch finden, indem sie ein Kind adoptieren.

5.1.1 Unfruchtbarkeit beim Mann

Wenn ein Arzt die Gründe der Unfruchtbarkeit eines Paares feststellen will, wird er zunächst den Mann untersuchen. Dies nicht nur, weil das männliche Fortpflanzungssystem einfacher zu untersuchen ist, sondern auch, weil die Ursachen der Probleme häufig beim Mann liegen. Unfruchtbarkeit bei einem Mann kann die Folge bestimmter angeborener Defekte sein, manchmal ist sie aber auch erst später entstanden. Bestimmte Krankheiten, zum Beispiel Mumps in der Jugend oder Gonorrhoe, können zur Sterilität führen. Ein anderer Grund für Unfruchtbarkeit oder unzureichende Fruchtbarkeit kann eine zu geringe Anzahl von Samenzellen sein: Das heißt, der Mann produziert lebende Samenzellen, ihre Zahl ist jedoch für eine Befruchtung nicht ausreichend. Letzten Endes ist für die Befruchtung der weiblichen Eizelle zwar nur eine Samenzelle notwendig, es müssen aber mehrere Millionen Samenzellen ejakuliert werden, damit die Wahrscheinlichkeit groß genug ist, dass eine einzelne Zelle dieses Ziel erreicht. Manchmal ist die Anzahl der Samenzellen zwar ausreichend, ihre Entwicklung oder ihre Beweglichkeit sind jedoch gestört. Sehr viel häufiger noch finden sich diese verschiedenen Störungen der Bildung von Samenzellen jedoch gemeinsam. Natürlich beeinträchtigt dies alles nicht die sexuelle Erregbarkeit oder Leistungsfähigkeit eines Mannes. Er ist also nicht „impotent", sondern nur unfruchtbar.

Es gibt allerdings auch Männer, die unfruchtbar sind, weil sie impotent sind. Sie können trotz normaler Produktion von Samenzellen keine Schwangerschaft bewirken, da ihre Unfähigkeit zur Erektion einen Koitus nicht erlaubt. Zumindest das Problem der Unfruchtbarkeit kann bei diesen Menschen durch künstliche Befruchtung meist gelöst werden.

5.1.2 Unfruchtbarkeit bei der Frau

Wenn sich bei der medizinischen Untersuchung herausgestellt hat, dass der Mann fruchtbar ist, wird der behandelnde Arzt eine Untersuchung der Frau vornehmen. Auch ihre Sterilität kann auf angeborenen Defekten beruhen oder die Folge bestimmter Infektionskrankheiten, zum Beispiel der Gonorrhoe, sein. Solche Infektionen können zu einem dauernden Verschluss der Eileiter fuhren, der eine Befruchtung unmöglich macht. Manchmal besteht Unfruchtbarkeit, weil infolge fehlender Ovulation keine befruchtungsfähigen Eizellen produziert werden. In anderen Fällen findet eine Befruchtung statt, aber das befruchtete Ei nistet sich nicht in der Uterusschleimhaut ein. Schließlich gibt es Fälle, in denen sowohl Befruchtung als auch Implantation stattfinden, anschließend aber ein früher Spontanabort oder eine Fehlgeburt folgen. Der Grund dafür kann in einer Anomalie des Uterus oder der Zervix

liegen. Bei manchen Frauen ist auch der Zervixschleim so beschaffen, dass er von Samenzellen nicht durchwandert werden kann, oder die Vaginal- oder Zervikalflüssigkeit lässt die Samenzellen nicht lange genug überleben. Gelegentlich entwickeln Frauen auch Antikörper gegen Samenzellen im allgemeinen oder gegen Samenzellen eines bestimmten Mannes.

Da die möglichen Ursachen der Unfruchtbarkeit von Frauen so verschieden und zahlreich sind, ist auch eine Behandlung oft sehr schwierig. Sie kann eine große Anzahl verschiedener Maßnahmen erfordern, von der Behandlung mit Hormonen bis zum chirurgischen Eingriff. In jüngster Zeit werden jedoch immer häufiger Fälle, die früher als hoffnungslos galten, mit Hilfe von künstlicher Befruchtung gelöst.

5.1.3 Künstliche Befruchtung

Künstliche Befruchtung ist ein Vorgang, bei dem der Arzt mittels einer feinen Sonde die Samenflüssigkeit in die Vagina dicht vor dem Muttermund injiziert. Dies muss während der fruchtbaren Tage der Frau geschehen. Die Samenflüssigkeit wird durch Masturbation gewonnen, und sie stammt bei verheirateten Paaren in der Regel vorn Ehemann. Sollte der Ehemann steril sein, kann unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen auch die Samenflüssigkeit eines anonymen Spenders verwendet werden. Hier sind allerdings noch vielfältige rechtliche und ethische Probleme zu lösen.

5.2 Genetische Defekte

„Niemand ist vollkommen" sagt ein Sprichwort - und das trifft im Hinblick auf Form und Funktion unseres Körpers besonders zu. Fast alle Menschen haben irgendwelche ererbten Schwächen und Mängel. Diese Mängel sind oft relativ belanglos, wie zum Beispiel die vorzeitige Ausbildung einer Glatze oder Plattfüße. Manche Fälle sind jedoch erheblich schwerwiegender: zum Beispiel Hämophilie (Bluterkrankheit), Sichelzell-Anämie oder bestimmte Formen von Muskeldystrophie. Zweifellos könnte viel menschliches Leid verhindert werden, wenn solche genetischen Defekte nicht von einer Generation auf die nächste übertragen würden.

Leider werden bestimmte genetische Defekte durch gesunde Merkmalsträger vererbt, das bedeutet, dass diese Menschen selbst von der Krankheit nicht betroffen sind und daher oft nichts von der möglichen Gefahr für ihre Nachkommen wissen.

Genetische Defekte können in zwei große Gruppen zusammengefast werden: solche mit dominanter und solche mit rezessiver Erbfolge. Ein dominanter genetischer Defekt wird von einem Elternteil allein übertragen. Das bedeutet: Auch wenn nur ein Elternteil diesen genetischen Defekt aufweist, wird er rein rechnerisch auf die Hälfte der Kinder übertragen. Ein rezessiver genetischer Defekt kann nur von beiden Eltern übertragen werden. Wenn nur ein Elternteil einen rezessiven genetischen Defekt hat, wird dieser bei keinem der Kinder sichtbar. Haben jedoch beide Eltern den gleichen rezessiven genetischen Defekt, wird er folgendermaßen vererbt: durchschnittlich wird von je vier Kindern eines in keiner Weise betroffen sein, zwei Kinder werden gesunde Merkmalsträger sein, bei einem wird der Defekt sichtbar werden.

Angesichts dieser Tatsachen lassen sich manche Menschen hinsichtlich ihrer Erbanlagen beraten, bevor sie sich dazu entschließen, Kinder zu bekommen. Eine gründliche Untersuchung des Paares und der medizinischen Familienvorgeschichte beider Partner kann wertvolle Hinweise geben, ob die Vererbung schwerer genetischer Defekte wahrscheinlich ist. Bei den meisten Paaren wird sich herausstellen, dass kein Grund zur Beunruhigung besteht, manche werden jedoch feststellen müssen, dass sie kein eigenes gesundes Kind bekommen können, und sie werden mit einem adoptierten Kind wesentlich glücklicher sein. Es ist auch in seltenen Fällen möglich, dass schwere genetische Defekte oder Abnormitäten des ungeborenen Kindes erst im Laufe der Schwangerschaft entdeckt werden. Dies kann ein Grund sein, die Schwangerschaft abzubrechen. Untersuchungen und Beratungen in diesen Fragen werden durch humangenetische Beratungsstellen vorgenommen, die meist Universitätskliniken angeschlossen sind.

5.3 Sexuelle Fehlbildungen

Für die meisten Menschen ist die gesunde Entwicklung und die störungsfreie Funktion ihres Körpers eine Selbstverständlichkeit. Sie gehen nur dann zum Arzt, wenn sie krank werden oder Störungen körperlicher Funktionen auftreten. Dies gilt auch für Fragen der Sexualität. Es gibt jedoch auch Menschen, die bestimmte sexuelle Fehlbildungen und Behinderungen aufweisen, die medizinisch behandelt werden müssen, bevor befriedigende sexuelle Aktivität möglich wird. Solche Behinderungen können Ergebnis chromosomaler oder hormonaler Anomalien sein; sie können innere oder äußere Geschlechtsorgane betreffen. Solche Anomalien können zu einer Reihe komplexer Probleme führen, die gelegentlich als „geschlechtliche Irrtümer des Körpers" zusammengefasst werden, und die meisten so selten sind, dass sie hier nicht erwähnt werden müssen. Heute ist man glücklicherweise in der Lage, die Mehrzahl dieser Behinderungen durch medizinische Behandlung zu beseitigen. Auf die beiden auffallendsten sexuellen Fehlbildungen soll in den folgenden Abschnitten eingegangen werden.

5.3.1 Hodenhochstand

Die Hoden, die männlichen Keimdrüsen, werden im Verlauf der embryonalen Entwicklung im Unterleib gebildet. Vor der Geburt müssen sich diese Drüsen jedoch in den Hodensack hineinentwickeln. In seltenen Fällen findet diese Verlagerung der Hoden nach außen nicht statt, und man spricht dann allgemein von „Hodenhochstand". Die Ursache dafür kann unter anderem eine Hormonstörung sein. Ein Junge, bei dem diese Fehlentwicklung nachträglich festgestellt wird, muss möglichst früh behandelt werden. Er würde sonst später unfruchtbar werden. Meist kann diese Anomalie durch Hormonbehandlung oder einen chirurgischen Eingriff problemlos behandelt werden.

Es gibt - deutlich seltenere - Fälle, in denen die Hoden nicht richtig entwickelt sind oder fehlen. In diesem Fall kann man den Jungen hormonell behandeln, so dass er sich körperlich wie andere Jungen entwickelt (mit der Ausnahme, dass er steril bleibt), Ein normales äußeres Erscheinungsbild kann man erreichen, indem künstliche Hoden chirurgisch in den Hodensack eingesetzt werden.

5.3.2 Der Hermaphroditismus

Atlas-81.jpg

Während ein Kind im Mutterleib heranwächst, entwickeln sich seine inneren und äußeren Organe, auch seine Geschlechtsorgane, bis zu der Vollkommen-

Hermaphrodit

Ein Hermaphrodit ist ein Mensch, dessen Körper männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist. In der Antike schrieb man solchen Menschen häufig besondere magische Kräfte zu. In manchen Gesellschaften waren sie auch gesuchte Sexualpartner. Diese alte griechische Vasenmalerei zeigt einen jungen Hermaphroditen, der vor einem Bewunderer tanzt.

heit, die wir bei der Geburt sehen. In seltenen Fällen können Störungen dieser Entwicklung auftreten, die dazu führen, dass das Kind mit unvollständig entwickelten Geschlechtsorganen geboren wird. In solchen Fällen ist das Geschlecht des Neugeborenen oft schwer bestimmbar, da unvollständig entwickelte Geschlechtsorgane bei Jungen und Mädchen sehr ähnlich aussehen können. Man bezeichnet das Kind als männlichen (Pseudo-) Hermaphroditen, wenn zwei Hoden vorhanden sind; als weiblichen (Pseudo-) Hermaphroditen, wenn zwei Ovarien vorhanden sind; als sogenannten echten Hermaphroditen, wenn sowohl Hoden- als auch Ovariengewebe vorhanden ist. Das äußere Erscheinungsbild kann dabei unter Umständen ganz unauffällig sein, es kann jedoch zu psychischen Problemen hinsichtlich der sexuellen Identität kommen (vgl. hierzu a. Kap. l „Die Entwicklung der Geschlechtsunterschiede") .

Mit dem Wort „Hermaphrodit" bezeichnet man von alters her Menschen, die männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale gleichzeitig aufweisen. In der griechischen Mythologie war Hermaphroditos, der Sohn des Hermes und der Aphrodite, ein hübscher, aber sehr prüder Jüngling. Als er die Liebe einer Nymphe zurückwies, umarmte ihn diese so leidenschaftlich, dass ihre Körper verschmolzen und sie buchstäblich „ein Fleisch" wurden.

Heute ist es mit Hilfe von Hormonbehandlungen und chirurgischen Eingriffes möglich, die Entwicklung eines „sexuell unfertigen" Kindes weitgehend zu vervollständigen. Eine psychologische Beratung der Eltern muss gleichzeitig gewährleisten, dass sie ihr Kind entgegen dessen anfänglicher äußerer Erscheinung in der richtigen Geschlechterrolle erziehen. Wenn dies alles berücksichtigt wird, kann das Kind sein „richtiges" Geschlecht finden und mit der Zeit eine endgültige sexuelle Identität entwickeln. Wenn also auch in manchen Fällen eine Sterilität nicht verhindert werden kann, können heute doch Menschen, die als Hermaphroditen geboren werden, unter Nutzung aller Möglichkeiten der Medizin und Psychologie als normale Männer und Frauen aufwachsen.

Manche Männer oder Frauen, über deren biologisches Geschlecht keinerlei Zweifel besteht, haben den Wunsch, eine ,,Geschlechtsumwandlung" vornehmen zu lassen. Dieses seltene Phänomen, das als Transsexualität bezeichnet wird, ist eher ein psychologisches als ein physiologisches Problem. Es wird deshalb in Kap. 8 „Sexuelle Störungen" behandelt.

5.4 Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

Die rein körperliche Seite der Sexualität ist für einen gesunden Menschen gewöhnlich kein großes Problem. Nach einer gewissen anfänglichen Unsicherheit und ersten Erfahrungen wird auch die sexuelle Reaktion zu einer normalen Funktion, über die eingehend sich Gedanken zu machen in der Regel kein Anlass besteht. Aber es gibt auch Ausnahmen. Manche Menschen stellen zum Beispiel fest, dass sie beim Geschlechtsverkehr Schmerzen haben. Dies kann sehr belastend sein und dazu fuhren, dass kein Geschlechtsverkehr mehr ausgeführt werden kann. Eine sorgfältige ärztliche Untersuchung kann jedoch oft die Ursache dieser Schmerzen feststellen und so den Weg zu erfolgreicher Behandlung aufzeigen. Die folgenden Abschnitte befassen sich mit den möglichen körperlichen Ursachen für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. (Mögliche psychische Ursachen werden in Kap. 8.2 „Sexuelle Funktionsstörungen" behandelt.)

5.4.1 Schmerzen des Mannes beim Geschlechtsverkehr

Neben Verletzungen oder bestimmten Erkrankungen der Geschlechtsorgane, bei denen ein Bezug zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr offensichtlich ist, ist die häufigste Ursache hierfür beim Mann eine zu enge Vorhaut (Phimose). Hierbei ist die Vorhaut so eng, dass sie nicht über die Eichel zurückgeschoben werden kann. Dadurch kann jede Erektion unangenehm oder schmerzhaft sein. Mit einem einfachen chirurgischen Eingriff, bei dem auch eine Beschneidung vorgenommen werden kann, ist das Problem gut zu lösen.

Beschneidung, also die Entfernung der gesamten Vorhaut, kann auch ein anderes, bei unbeschnittenen Männern auftretendes Problem lösen: Wenn die Vorhaut nicht regelmäßig über die Eichel zurückgeschoben und gründlich gewaschen wird, können sich bestimmte Sekrete ansammeln, die Reizungen oder Infektionen hervorrufen. Andere Infektionen des Penis können beim Geschlechtsverkehr erworben werden (vgl. Kap. 5.5 „Die Geschlechtskrankheiten").

_ Manche Männer entwickeln eine Überempfindlichkeit der Eichel durch eine allergische Reaktion gegenüber dem Scheidenmilieu oder bestimmten Spermiziden oder Präparaten zur vaginalen Hygiene. Hier besteht eine Be-

handlung darin, diese Mittel nicht mehr zu verwenden und sich anderer Verhütungsmethoden zu bedienen. Die Benutzung von Kondomen bietet sich -wenn vielleicht auch nur vorübergehend - zur Lösung des Problems an.

5.4.2 Schmerzen der Frau beim Geschlechtsverkehr

Neben Verletzungen oder bestimmten Erkrankungen der Geschlechtsorgane, bei denen ein Bezug zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr offensichtlich ist, ist die häufigste Ursache hierfür bei der Frau eine mangelnde Bildung von Gleitflüssigkeit in der Vagina. Die Ursache kann im natürlichen Alterungsprozess liegen und kann eine hormonelle Behandlung notwendig machen. In anderen Fällen zeigt eine unzureichende Sekretion von Gleitflüssigkeit an, dass die Frau noch nicht hinreichend erregt und noch nicht zum Koitus bereit ist. (Der entsprechende Zustand beim Mann wäre eine unzureichende Erektion.)

Manche Frauen haben Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, weil ihr Hymen zu fest ist und der Penis nur schwer in die Vagina eingeführt werden kann. In solchen seltenen Fällen kann durch einen kleinen chirurgischen Eingriff Abhilfe geschaffen werden. (Die erste Koituserfahrung ist für viele Frauen etwas unangenehm. Die Penetration des Hymens ist jedoch meist problemlos und das Unbehagen schnell vergessen.)

Andere Schmerzen, Brennen und Juckreiz im Scheidenbereich, können durch Geschlechtskrankheiten hervorgerufen sein. Trichomonaden oder Pilzerkrankungen (zum Beispiel Candidose) können solche Symptome ebenfalls hervorrufen. Diese Symptome können auch dann auftreten, wenn zunächst Analverkehr und dann Vaginalverkehr ausgeübt wird, ohne den Penis dazwischen zu waschen. In solchen Fällen werden mit dem Penis Darmbakterien in die Vagina übertragen, die dort eine Infektion hervorrufen. Koitus kann auch schmerzhaft sein, wenn eine Frau an Blasenentzündung leidet. In einem solchen Fall ist natürlich eine ärztliche Behandlung erforderlich.

Überempfindlichkeiten der Scheide können auch als Reaktion auf chemische Verhütungsmittel oder Produkte der vaginalen Hygiene hervorgerufen werden. In solchen Fällen sollte die Anwendung dieser Mittel unterlassen werden. (Diese Produkte sind ohnehin nicht notwendig und gelegentlich sogar schädlich.)

Eine weitere Ursache für Schmerzen beim Koitus kann bei älteren Frauen eine Schwäche der Scheidenwand sein. Dieser Zustand kann durch Hormonbehandlung gebessert werden.

Schließlich kommt es vor, dass die Klitoris eine Überempfindlichkeit entwickelt, die entweder darauf zurückzuführen ist, dass unter der Vorhaut der Klitoris sich Sekrete angesammelt haben und eine Reizung hervorrufen, oder darauf, dass die Klitoris infolge zu intensiver Stimulierung durch den Partner überreizt ist.

5.5 Die Geschlechtskrankheiten

Geschlechtsverkehr gehört zu den gesündesten und beglückendsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Manchmal ist er jedoch auch die Ursache von ernsthaften Beschwerden und Krankheiten, die in seltenen Fällen sogar zum Tode führen. Dass diese Erkrankungen, die man gemeinhin unter dem Sammelbegriff „Geschlechtskrankheiten" zusammenfasst, nicht seit langem ausgerottet sind, hat unter anderem mit der Einstellung zu tun, die ihnen von der Gesellschaft entgegengebracht wird.

Man fasst unter dem Begriff „Geschlechtskrankheiten" solche Krankheiten zusammen, die nur durch intimen Körperkontakt übertragen werden, also vor allem durch Geschlechtsverkehr. Es gibt natürlich eine große Zahl von Krankheiten, die durch intimen Kontakt auf andere Menschen übertragen werden. Dazu gehören Erkältungskrankheiten, Tuberkulose oder andere Infektionskrankheiten. Trotzdem wurden die Geschlechtskrankheiten zu einer besonderen Gruppe zusammengefasst, weil sie fast ausschließlich durch engen Kontakt der betroffenen Partner übertragen werden und in erster Linie die Geschlechtsorgane befallen.

In der Medizin wird heute der Begriff „Geschlechtskrankheiten" gelegentlich durch den Begriff „sexuell übertragbare Krankheiten" übersetzt. Dieser Begriff ist allerdings nicht wesentlich genauer als der bisherige, so dass er hier nicht verwendet werden soll. Denn - wie bereits erwähnt - es können nahezu alle Infektionskrankheiten durch engen Körperkontakt übertragen werden, also auch durch Geschlechtsverkehr. Die Entscheidung, welche infektiösen Krankheiten man also in die Gruppe der sexuell übertragbaren Krankheiten einschließt, ist also immer etwas willkürlich. In den folgenden Abschnitten werden deshalb nicht nur die vier „klassischen" Geschlechtskrankheiten behandelt, sondern auch einige Infektionskrankheiten, die neben anderen Infektionswegen auch durch Geschlechtsverkehr übertragen werden können,

Geschlechtskrankheiten führen zu sehr unterschiedlichen Symptomen, der Übertragungsweg ist jedoch immer ähnlich. Sie werden durch Viren, Bakterien oder andere Mikrobien verursacht, die sich im warmen und feuchten Milieu der Schleimhäute der Geschlechtsorgane, des Mundes und des Rektums besonders gut entwickeln. Außerhalb dieses Milieus sind sie nicht lebensfähig. Deshalb ist es kaum möglich, sich an Türklinken, Toilettendeckeln oder ähnlichem zu infizieren (wenngleich es in seltenen Fällen vorkommt, dass Geschlechtskrankheiten durch schmutzige Handtücher, Unterwäsche oder Bettwäsche übertragen werden). Beim Geschlechtsverkehr bieten sich ideale Möglichkeiten der Übertragung von solchen Mikroorganismen. Man kann sich verschiedene Geschlechtskrankheiten gleichzeitig zuziehen. Obwohl sie fast alle heilbar sind, entwickelt sich keine Immunität gegen sie. Man kann deshalb immer wieder angesteckt werden.

Die verbreitetsten und gefährlichsten Geschlechtskrankheiten sind heute noch in fast allen Ländern Gonorrhoe und Syphilis. Beide haben eine lange Geschichte, und man war viele Jahrhunderte lang gegen sie machtlos. Sie waren nicht nur unheilbar, sondern die zunehmenden sexuellen Tabus der letzten Jahrhunderte führten dazu, dass man über sie auch nicht mehr sprach. 1910 wurde endlich ein zumindest teilweise wirksames Mittel gegen Syphilis entdeckt (das Salvarsan, ein arsenhaltiges Medikament). Aber erst das Penicillin, das in den 40er Jahren dieses Jahrhunderts in die Therapie eingeführt wurde, war ein sicheres Mittel gegen Syphilis und Gonorrhoe. Inzwischen wurde allerdings deutlich, dass auch medizinische Erfolge ohne eine Veränderung der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Geschlechtskrankheiten diese nicht beseitigen können.

Solange die Ursachen für Geschlechtskrankheiten noch unbekannt waren, interpretierte man sie eher als moralisches denn als medizinisches Problem. Man bezeichnete sie als „Lustseuchen" und war der Meinung, sie seien die gerechte Strafe für sexuelle Zügellosigkeit. Man war der Ansicht, „anständige" Menschen hätten hiermit ohnehin keine Probleme, und junge Menschen sollten deshalb nicht zu viel über sie wissen. Man hielt Angst und Unwissenheit für ein geeignetes Mittel, einen züchtigen Lebenswandel zu gewährleisten. Es wurde sogar gelegentlich geäußert, die Ausrottung dieser Krankheiten würde Ausschweifungen nur förderlich sein und würde daher die Gesellschaft moralisch bedrohen. Im Vergleich zu dieser Drohung schien die Gefahr für die körperliche Gesundheit einzelner Menschen weniger wesentlich.

Darüber hinaus hat in den letzten Jahren die Einführung neuer Verhütungsmittel die Benutzung von Kondomen immer mehr verdrängt, die doch zumindest in gewissem Maße die Übertragung von Geschlechtskrankheiten verhindern konnten. Schließlich haben wirkungslose Selbstbehandlung und unzureichende medizinische Betreuung in einigen Teilen der Welt dazu geführt, dass sich zum Beispiel neue und resistentere Gonorrhoe-Erreger entwickeln konnten, die im Zeitalter des Massentourismus zu immer ferneren Zielen alsbald in anderen Ländern auftreten. Diese und andere Faktoren haben dazu geführt, dass man heute von einer epidemischen Verbreitung der Geschlechtskrankheiten sprechen kann.

Diese Epidemie trifft Jugendliche heute besonders. Die größte Zunahme der Erkrankungsraten findet sich unter den Jugendlichen. Infolge unzulänglicher Aufklärung sind auch heute noch viele Jugendliche völlig uninformiert über Ursachen und Symptome von Geschlechtskrankheiten. Deshalb erkennen viele von ihnen nicht, dass sie sich angesteckt haben, und sie übertragen die Erkrankung weiter. Manche Jugendlichen lassen sich auch aus Angst oder Scham nicht behandeln, weil sie nicht wollen, dass ihre Eltern erfahren, dass sie Geschlechtsverkehr hatten. Die Folgen einer unbehandelten Geschlechtskrankheit sind jedoch - selbst gemessen an einer vorübergehenden familiären Krise — ungleich größer.

In den meisten Städten stehen glücklicherweise öffentliche Einrichtungen zur Diagnose und Behandlung von Geschlechtskrankheiten zur Verfügung. Diese Behandlungen können absolut vertraulich vorgenommen werden. Dem Arzt ist lediglich vorgeschrieben, jeden Fall von Geschlechtskrankheiten dem Gesundheitsamt ohne Nennung des Namens zu melden. Eine Kenntnis von Kontaktpersonen ist wichtig, da diese gleichfalls behandelt werden müssen. Aber auch deren Privatsphäre bleibt unangetastet, soweit sie sich einer Behandlung nicht widersetzen.

Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten kann nur dann erfolgreich sein, wenn jeder Infizierte sich diesen Maßnahmen beugt. Das Gesetz sieht für Geschlechtskranke eine Pflicht zur Behandlung vor. Das schließt natürlich ein, dass Menschen, die sich angesteckt haben, so lange keinen Geschlechtsverkehr haben, bis die Krankheit ausgeheilt ist. Sie sollten auch ihre jeweiligen Partner zu einer Untersuchung und Behandlung veranlassen. Neben diesen Pflichten jedes einzelnen ist es jedoch vor allem wichtig, dass jeder sexuell reife Mensch, also auch jeder Jugendliche, über Geschlechtskrankheiten genau informiert ist.

In den letzten Jahren ist im Hinblick auf dieses Ziel eine Reihe von Fortschritten zu verzeichnen. In den Vereinigten Staaten gibt es eine Organisation, die man gebührenfrei aus allen Teilen des Landes anrufen kann und wo Informationen über Behandlungsmöglichkeiten gegeben werden. In der Bundesrepublik Deutschland bieten Gesundheitsämter und Kliniken Beratung in diesen Fragen an. Bei ihnen stehen auch Informationsmaterialien zur Verfügung, die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und anderen Einrichtungen erarbeitet wurden.

Zusammenfassend ist bei Geschlechtskrankheiten zu beachten:

• Geschlechtskrankheiten sind nach wie vor gefährlich.

• Geschlechtskrankheiten können ohne jedes Symptom auftreten.

• Man kann sehr wohl verschiedene Geschlechtskrankheiten gleichzeitig haben.

• Frühzeitig behandelt, können Geschlechtskrankheiten am besten geheilt werden.

• Kostenlose Untersuchungen und Behandlungen werden von Gesundheitsämtern und manchen Kliniken angeboten.

• Jede Behandlung von Geschlechtskrankheiten unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht.

• Eine Selbstbehandlung ist zwecklos und gefährlich. (In der Bundesrepublik Deutschland ist sie darüber hinaus gesetzlich verboten.)

• Geschlechtskrankheiten kann man immer wieder bekommen.

Die folgenden Kapitel bieten einige grundlegende Informationen über die verschiedenen Geschlechtskrankheiten.

5.5.1 Gonorrhoe

Die Gonorrhoe (der „Tripper") ist heute die am weitesten verbreitete Geschlechtskrankheit. Sie wird durch Bakterien verursacht, die Gonokokken, die sich auf den Schleimhäuten der Geschlechtsorgane, des Mund- und Rachenraumes sowie des Rektums vermehren können und von einem Menschen auf den anderen übertragen werden. Außerhalb dieses warmen, feuchten Milieus sind Gonokokken nur kurze Zeit lebensfähig. Daher ist es nahezu unmöglich, sich an Toilettenbrillen, Türklinken, Handtüchern oder anderen Gegenständen anzustecken.

Symptome

Eine Gonokokken-Infektion der männlichen Geschlechtsorgane wird gewöhnlich innerhalb von zwei bis zehn Tagen durch Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen bemerkt. Gleichzeitig tritt ein grüngelblicher Ausfluss auf. Eine Infektion der weiblichen Geschlechtsorgane wird oft über längere Zeit nicht bemerkt. Frühsymptome sind ähnlich: Brennen und Ausfluss; sie können jedoch auch fehlen. Deshalb ist es möglich, dass Frauen nicht bemerken, dass sie sich angesteckt haben. Das führt nicht nur zu komplizierten Krankheitsverläufen, sondern auch zu unbemerkter Übertragung der Krankheit auf andere.

Eine Infektion des Rachenraumes durch Gonokokken (nach Oralverkehr) kann Symptome verursachen, die einer Halsentzündung ähnlich sind, vom einfachen Juckreiz bis zu heftigen Schluckbeschwerden. Sehr oft treten jedoch auch keinerlei Symptome auf.

Eine Infektion des Rekturns durch Gonokokken (nach Analverkehr) kann Jucken, Brennen oder Bluten, einen gelblichen Ausfluss oder Schmerzen beim Stuhlgang verursachen. Die Symptome werden oft irrtümlicherweise für leichten Durchfall oder für Hämorrhoiden gehalten, und die notwendige Diagnostik und Behandlung wird verzögert. Manchmal treten leider überhaupt keine Symptome auf.

Bei unbehandelter Gonorrhoe können die Anfangssymptome wieder verschwinden. Die Krankheit kann sich jedoch dann im Körper verbreiten und zu Abszessen, Gelenkentzündungen oder zu Sterilität fuhren (letzteres besonders bei Frauen). Wenn eine an Gonorrhoe erkrankte Frau ein Kind bekommt, kann dieses während der Geburt angesteckt werden. Um eine Infektion der Augen durch Gonokokken zu verhindern, werden die Augen jedes Neugeborenen mit einer Lösung aus Silbernitrat behandelt.

Diagnose

Eine genaue Diagnose der Gonorrhoe ist nur einem Arzt möglich, Dazu werden Abstriche von den befallenen Schleimhäuten gemacht und mikroskopisch untersucht, oder es wird eine bakteriologische Kultur angelegt.

Behandlung

Gonorrhoe ist eine ernste Krankheit, die so früh wie möglich behandelt werden muss. Für die moderne Medizin ist eine solche Behandlung einfach, rasch und wirkungsvoll. Frühzeitig behandelt, ist die Gonorrhoe innerhalb weniger Tage ausgeheilt. Hierfür werden Penicilline, gelegentlich auch andere Medi-

kamente, angewandt. Eine erfolgte Ausheilung bedeutet jedoch nicht Immunität. Man kann also Gonorrhoe immer wieder bekommen. (An der Entwicklung eines Impfstoffs wird intensiv gearbeitet, er ist jedoch noch nicht verfügbar.)

Vorbeugung

Die einzig sichere Methode, sich gegen Gonorrhoe zu schützen, ist das Vermeiden von Geschlechtsverkehr mit einem infizierten Partner. Da diese Krankheit jedoch heute sehr weit verbreitet ist und die Symptome manchmal nicht bemerkt werden oder fehlen, würde dieser Rat eigentlich bedeuten, sexuell ganz abstinent zu leben. Wer genitalen oder analen Geschlechtsverkehr ausführt, kann sich entweder durch ein Kondom schützen oder dadurch, dass er unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr uriniert und sich wäscht. Dies müsste jedoch bereits wenige Minuten danach erfolgen, um eine Wirkung zu haben. Beim Koitus stellen Spermizide, Schäume oder Gelees einen gewissen Schutz dar. Alle diese Maßnahmen sind in ihrer schützenden Wirkung jedoch allenfalls dürftig. Sexuell aktive Frauen sind daher gut beraten, wenn sie sich regelmäßig untersuchen lassen. Es ist auch wichtig, den untersuchenden Arzt darauf hinzuweisen, welche Formen des Geschlechtsverkehrs man ausgeübt hat.

In jedem Fall scheint es angebracht, folgendes zu berücksichtigen: Wer eine sexuelle Beziehung zu nur einem Partner unterhält, begibt sich weitaus weniger in Gefahr, eine Gonorrhoe zu erwerben, als jemand, der seine Geschlechtspartner häufig wechselt.

5.5.2 Syphilis

Syphilis (auch Lues oder „harter Schanker" genannt) ist die gefährlichste Geschlechtskrankheit. Obwohl sie nicht so verbreitet wie Gonorrhoe ist, ist sie keineswegs selten. Syphilis wird durch ein Bakterium aus der Gruppe der Spirochäten (das Treponema pallidum) übertragen. Hierzu ist enger Körperkontakt erforderlich, denn außerhalb des menschlichen Körpers können diese Bakterien nur wenige Sekunden überleben. Auch diese Erkrankung kann man sich kaum an Toilettendeckeln, Handtüchern, Bettlaken oder ähnlichem zuziehen. Die Krankheit kann unverletzte Haut nicht befallen. Spirochäten können jedoch durch kleinste Verletzungen der Haut eindringen und sich vermehren.

Symptome

Das erste Symptom einer Syphilisinfektion ist der Primäraffekt, ein schmerzloses Knötchen oder ein kleines, hartes Geschwür, das sich etwa sechs Wochen (zehn bis 90 Tage) nach der Infektion an der Stelle bildet, an der die Krankheitserreger in den Körper eingedrungen sind. Je nach Art des Geschlechtsverkehrs kann dies überall sein: an oder in der Nähe der Geschlechtsorgane, im Mund, im Rektum oder an anderen Stellen. Der Primäraffekt kann groß und auffällig sein oder klein und kaum sichtbar, Wenn er sich in der Vagina oder im Rektum bildet, wird er oftmals nicht bemerkt. In diesem Stadium der Erkrankung fehlen oft weitere äußere Anzeichen. Der Primäraffekt heilt auf alle Fälle nach einiger Zeit von selbst ab. Manche Menschen glauben dann, sie seien gesund. In Wirklichkeit ist die Krankheit jedoch in ihr zweites Stadium eingetreten.

Im zweiten Stadium der Syphiliserkrankung ist der Erreger in die Blutbahn eingedrungen und hat sich im ganzen Körper ausgebreitet. Durchschnittlich neun Wochen nach der Infektion (wiederum mit großen Abweichungen) entsteht ein nicht-juckender Ausschlag, der sehr unterschiedlich aussehen kann.

Syphilis an einer nordamerikanischen höheren Schule. Jede abgebildete Figur stellt mindestens einen sexuellen Kontakt dar. 40 Prozent derer, die mit Erkrankten Kontakt hatten, wurden nicht infiziert. Wieviele der vorbeugend Behandelten tatsächlich infiziert waren, ist nicht bekannt.

l
Es ist zu bemerken, dass die Erkrankung durch heterosexuellen und homosexuellen Kontakt übertragen wurde. Insgesamt sind hier 63 Personen aufgeführt. Von diesen hatten 44 ausschließlich heterosexuellen Kontakt, 16 ausschließlich homosexuellen Kontakt und 3 Personen sowohl heterosexuellen als auch homosexuellen Kontakt.

Er kann auf einige Stellen begrenzt sein oder auch große Flächen bedecken. In einigen Fällen fehlt dieser Ausschlag. Primäraffekt und die Hauterscheinungen des zweiten Stadiums der Syphilis sind ansteckend. Im zweiten Stadium kann es auch zum büschelweisen Ausfall von Haaren kommen.

Nachdem der Ausschlag verschwunden ist, beginnt das dritte Stadium der Krankheit, das zwischen ein paar Monaten und mehreren Jahren dauern kann. Es kann sein, dass über längere Zeit keine Symptome auftreten. Dieses Stadium ist jedoch das gefährlichste, da die Krankheit nun verschiedene Organe im Körper angreift. Dabei wird Gewebe zerstört, es kann zu schweren Erkrankungen der großen Blutgefäße kommen, zu Blindheit, Lähmungen, Gehirnschädigungen, sogar zum Tode.

Syphilis kann während der Schwangerschaft von der Mutter auf das Kind übertragen werden. Daher werden alle Frauen in der Frühschwangerschaft auf Syphilis untersucht.

Diagnose

Eine Syphilis kann nur vom Arzt - meist durch eine Blutuntersuchung -festgestellt werden.

Behandlung

Die Syphilis ist eine sehr gefährliche Krankheit, die so früh wie irgend möglich behandelt werden muss. Man kann sie heute gut behandeln, wenngleich Schäden, die vor der Entdeckung entstanden sind, meist bestehen bleiben. Die Behandlung besteht gewöhnlich aus einer Reihe von Penicillininjektionen, gelegentlich auch von anderen Medikamenten. Um eine sichere Heilung zu gewährleisten, müssen anschließend Blutkontrollen durchgeführt werden. Auch führt eine erfolgreiche Behandlung keineswegs zur Immunität. Syphilis kann man immer wieder bekommen.

Vorbeugung

Der einzig sichere Weg, sich gegen Syphilis zu schützen, ist das Vermeiden von Geschlechtsverkehr mit infizierten Partnern. Da jedoch keine äußeren Symptome sichtbar sein müssen und Menschen ohne ihr Wissen Syphilis haben können, ist jedem, der sexuell aktiv und infektionsgefährdet ist, zu raten, sich regelmäßig einer vorsorglichen Blutuntersuchung zu unterziehen, Eigentlich müsste dies in Abständen von drei bis sechs Wochen geschehen. Aber auch Blutuntersuchungen im Abstand von drei bis sechs Monaten sind eine sehr sinnvolle Vorbeugungsmaßnahme.

Die Benutzung von Kondomen, Wasserlassen und Waschen mit Wasser und Seife unmittelbar nach genitalem oder analem Geschlechtsverkehr sind ratsam und gewähren zumindest einen gewissen Schutz. Ähnliches gilt auch für spermizide Schäume und Gelees.

5.5.3 Tropische Geschlechtskrankheiten

Es gibt noch einige weniger bekannte Geschlechtskrankheiten, die hier erwähnt werden sollen. Obwohl sie meist in tropischen Ländern auftreten, kann es im Zeitalter des Massentourismus nützlich sein, sie zu kennen.

UIcus molle

Das UIcus molle (der „weiche Schanker") ist eine bakterielle Infektion, die innerhalb weniger Tage zu großen, schmerzhaften, weichen Geschwüren führt. Die Erkrankung kann mit Antibiotika gut behandelt werden.

Lymphogranuloma inguinale

Es handelt sich hierbei um eine Infektion durch Chlamydien (eine Art Bakterien). Dabei entsteht ein kleines Geschwür und eine Schwellung der Lymphknoten der Leiste. Eine erfolgreiche Behandlung ist gut möglich.

Granuloma venereum

Es handelt sich hierbei um eine weitere bakterielle Infektion, die fast nur in den Tropen vorkommt. Auch sie wird erfolgreich mit Antibiotika behandelt.

5.5.4 Weitere sexuell übertragbare Krankheiten

Neben den , .klassischen" Geschlechtskrankheiten gibt es eine Reihe weiterer Krankheiten, die durch sexuellen Kontakt verbreitet werden. Einige davon sind sehr ernst zu nehmen. Dazu gehören Salmonellen-Infektionen, Typhus, Amöben, Ruhr oder Hepatitis. Infektiöse Hepatitis kann zum Beispiel bei oral-analem Verkehr (Anilinctus) übertragen werden. Außerdem werden Hepatitisviren in Samenflüssigkeit und Speichel ausgeschieden und können so übertragen werden. In all diesen Fällen ist selbstverständlich sofortige medizinische Behandlung unerlässlich. Diese schweren Infektionen sind jedoch relativ selten. Die folgenden Abschnitte behandeln bekanntere und weniger schwere Krankheiten.

Candidose

Bei manchen Frauen ist das ökologische Gleichgewicht der Mikroorganismen in der Scheide gestört. Dies kann die Folge von Vaginalduschen oder der Einnahme von Antibiotika und der „Pille" sein. So kommt es zum vermehrten Wachstum eines Hefepilzes (Candida, Monilia). Die Symptome sind Juckreiz und Brennen, weißlicher Ausfluss mit eigenartigem Geruch und häufig eine trockene Scheide. Der Pilz kann beim Geschlechtsverkehr auf den Mann übertragen werden und zu einer Infektion der Spitze des Penis führen. Wenn nur die Frau die Candidose behandeln lässt, kann sie dann vom Mann erneut angesteckt werden. Candidose ist recht verbreitet, sie hat bei weitem keine so ernsten Folgen wie Gonorrhoe oder Syphilis. Sie sollte jedoch behandelt werden. Hierzu werden Medikamente lokal angewandt.

Trichomoniasis

Die Erreger der Trichomoniasis (Trichomonaden) sind einzellige Organismen, die bei vielen Menschen in Urethra und Harnblase vorkommen. Bei Männern führen sie nur selten zu Symptomen, bei Frauen können sie unter Umständen zu Brennen beim Wasserlassen oder Ausfluss führen. Der Ausfluss ist weiß und schaumig und hat einen besonderen Geruch. Es kann auch zu Rötungen und Schwellungen im Bereich der Scheidenöffnung kommen. Die Behandlung erfolgt durch Medikamente, die von beiden Partnern eingenommen werden müssen, um eine erneute Infektion der Frau durch den -symptomfreien - Mann zu verhindern. Trichomonaden sind sehr verbreitet und sie führen nicht zu so ernsten Komplikationen wie Gonorrhoe oder Syphilis.

Feigwarzen

Feigwarzen (spitze Kondylome) sind Folge einer Virusinfektion. Da die Infektion meist durch Geschlechtsverkehr übertragen wird, erscheinen die Warzen entweder an den Geschlechtsorganen, in deren näherem Umfeld oder am Anus bei Männern und Frauen. Die Behandlung ist relativ einfach und erfolgreich, wenn sie konsequent durchgeführt wird.

Geschlechtskrankheiten

Eine Übersicht über die häufigsten Symptome

Man kann durchaus Gonorrhoe oder Syphilis haben, ohne dass man Symptome bemerkt. Wer sexuell aktiv ist, sollte sich deshalb regelmäßig ärztlich untersuchen lassen. Wenn Symptome auftreten, handelt es sich dabei vor allem um folgende Krankheitszeichen:

Allgemeinsymptome

Leichtes Fieber und Krankheitsgefühl kann ein Symptom für Syphilis (im zweiten Stadium) oder für Gonorrhoe des Rachens sein.

Hauterscheinungen

Juckende Knötchen oder kleine gerötete Quaddeln, die wie Mückenstiche aussehen, aber nicht von selbst abheilen, können durch Skabies verursacht sein. Primäreffekte einer Syphilis können überall auf dem Körper an Stellen körperlichen Kontakts auftreten. Ein nicht juckender Ausschlag kann ein Symptom für Syphilis im zweiten Stadium sein. Dieser syphilitische Ausschlag befällt oftmals Handflächen und Fußsohlen.

Kopfhaut

Plötzlicher büschelweiser Haarausfall kann ein Symptom für Syphilis im zweiten Stadium sein.

Mundschleimhaut und Zunge

Ein harmlos aussehendes „Bläschen" kann in Wirklichkeit ein syphilitischer Primäraffekt sein.

Rachenraum

Halsschmerzen oder nur ein leichtes Kratzen im Hals können Folge einer Gonorrhoe nach Oralverkehr sein. In den meisten Fällen verursacht die Gonorrhoe im Rachen jedoch überhaupt keine Symptome,

Penis

Eine schmerzlose offene Wunde kann ein syphilitischer Primäraffekt sein. Brennen beim Wasserlassen und gelblicher Ausfluss können auf Gonorrhoe oder unspezifische Urethritis hinweisen. Kleine schmerzhafte Bläschen, die nach einiger Zeit wieder verschwinden, aber später erneut auftreten, können Zeichen einer Herpesinfektion sein. Die Bläschen sind hochinfektiös! Kleine, blumenkohlartig wachsende Warzen können Feigwarzen sein.

Vulva und Vagina

Schmerzlose offene Wunden an den großen oder kleinen Schamlippen können auf Syphilis hinweisen, obwohl diese Erkrankung an den weiblichen Geschlechtsorganen meist schwierig festzustellen ist. Weißlicher Ausfluss und Krämpfe im Unterleib können auf Gonorrhoe hinweisen. Ausfluss geht aber häufiger auf Candidose oder Trichomonaden-Infektion zurück. Die Vulva kann ebenfalls Symptome einer Herpesinfektion, von Feigwarzen oder Filzläusen aufweisen.

Anus

Kleine blumenkohlartig wachsende Warzen können Feigwarzen sein. Blut oder Schleim im Stuhl, besonders verbunden mit starkem Juckreiz am Anus, kann Anzeichen einer analen Gonorrhoe sein. Die Gonorrhoe des Anus weist jedoch oft überhaupt keine Symptome auf. Auch im Analbereich können sich nach Analverkehr syphilitische Primäraffekte entwickeln.

Herpes simplex

Herpes simplex wird durch Herpesviren verursacht, wobei ein Virusstamm Haut und Mundschleimhaut befällt, ein anderer vor allem die Geschlechtsorgane. Die Symptome des genitalen Herpes simplex sind schmerzhafte kleine Geschwüre auf oder um die Genitalien oder am Anus. Diese Geschwüre können wochenlang schmerzen, nach und nach abheilen und dann verschwinden. Leider kann es auch zu wiederholtem Befall kommen. Es gibt bis heute keine einfache erfolgreiche Behandlungsmethode. Man kann zwar die Abwehrkräfte des Körpers gegen diese Viren durch bestimmte Medikamente verbessern, es wurden auch unlängst Substanzen entwickelt, die in frühen Stadien das Auftreten des Herpes unterdrücken sollen. Die Behandlung bleibt jedoch nach wie vor ein Problem. Jeder, der irgendwelche Bläschen oder Geschwüre an den Geschlechtsorganen oder am Anus feststellt, sollte deshalb den Arzt aufsuchen, um eine genaue Diagnose zu ermöglichen und andere schwerwiegende Krankheiten auszuschließen.

Unspezifische Harnröhrenentzündung

Die „unspezifische" Harnröhrenentzündung hat ihre Bezeichnung daher erhalten, dass sie durch verschiedene Erreger hervorgerufen werden kann, die Symptome ähnlich denen der Gonorrhoe (der „spezifischen" Harnröhrenentzündung) auslösen: Ausfluss und Brennen beim Wasserlassen. Die Erkrankung ist weniger gefährlich als Gonorrhoe und kann oft innerhalb weniger Tage erfolgreich behandelt werden.

5.5.5 Filzläuse

Filzläuse leben und vermehren sich überwiegend in den Schamhaaren. Daher sind sie fast ausschließlich durch engen sexuellen Kontakt übertragbar. In seltenen Fällen können sie jedoch durch verschmutzte Wäsche oder Bettwäsche weitergegeben werden. Auf jeden Fall wird man auf sie rasch aufmerksam, da sie einen hartnäckigen Juckreiz im Schambereich verursachen. Sie werden durch äußerlich aufgetragene, rezeptfreie Mittel beseitigt. Vor der Anwendung dieser Mittel sollte der Körper mit Wasser und Seife gründlich gewaschen werden. Unerlässlich ist es, nach der Anwendung die gesamte Wäsche zu wechseln und die alte Wäsche, auch Bettwäsche und Handtücher, zu reinigen oder zu waschen.

5.5.6 Skabies (Krätze)

Skabies wird von einer winzigen Milbe verursacht, die sich in die Haut bohrt. Die Milbe kann durch sexuellen Kontakt von einer Person auf die andere übertragen werden, aber auch durch verschmutzte Kleidung oder Bettwäsche. Skabies wird wie Filzläuse durch die lokale Anwendung rezeptfrei erhältlicher Mittel behandelt.

Weiterführende Literatur

Grover, J. W., Grace, D.: VD. The ABC's. Englewood Cliffs, N. J. (Prentice-Hall), 1971.

Kaden, R. (Hrsg.): Allgemeine Pathologie der Sexualfunktionen. Störungen der Reproduktion und der Kohabitation. Köln-Lövenich (Dt.-Ärzte-Verlag), 1980.

Money, J., Ehrhardt, A.: Körperlich-sexuelle Fehlentwicklungen (Sex errors of the body, dt.), Reinbek (Rowohlt), 1969.

134 Der menschliche Körper

Morton, R. S,: Geschlechtskrankheiten (Veneral diseases, dt,). Reinbek (Rowohlt),

Nichotas, L.: How to avoid social diseases. A practical handbook. New York (Stein & Day), 1973.

Petzoldt, D.: Geschlechtskrankheiten heute. Marburg/Lahn (Hess. Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung), 1969.

Rosebury, T.: Microbes and morals. The strange story of veneral disease. New York (Ballantine Books), 1973.

II. Das menschliche Sexualverhalten

Der Begriff „menschliches Sexualverhalten" ist heute so verbreitet, dass man sich kaum noch vorstellen kann, dass er erst in neuerer Zeit entstanden ist. Schließlich hat es schon immer zwei menschliche Geschlechter gegeben, die sich zueinander hingezogen fühlten. Menschen haben immer intimen körperlichen Umgang miteinander gehabt und so neues Leben gezeugt. Man kann auch annehmen, dass sie dies immer sehr bewusst taten, und so scheint es, als sei das „menschliche Sexualverhalten" eine einfache und allgemeingültige Bezeichnung für einen Vorgang, der so alt ist wie die Menschheit selbst.

Wenn wir feststellen, dass Menschen immer schon bestimmte Dinge getan haben, so dürfen wir daraus nicht unbedingt schließen, dass sie diese Dinge auch immer gleich interpretierten. Wie jeder Historiker und Anthropologe weiß, unterliegt die Wahrnehmung auch der einfachsten Vorgänge erheblichen historischen und regionalen Einflüssen. Die Linguisten wissen, dass auch scheinbar einfache Wörter in anderen Sprachen oft keine genaue Entsprechung finden und dass sie im Verlauf der Jahre ihre Bedeutung erheblich ändern können.

Dies gilt ganz besonders für das Wort ,,Sex" und alle Wörter, die davon abgeleitet sind. Natürlich kannten die Menschen im Altertum und im Mittelalter Dutzende oder sogar Hunderte von Wörtern für die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane und für den Akt der Kopulation. Sie sprachen davon, „fruchtbar" zu sein und ihr „eigen Fleisch und Blut" zu zeugen. Sie wussten, was es bedeutete, einen Menschen zu küssen, zu umarmen oder zu liebkosen. Sie kannten sinnliche Freude, körperliche Reize und Erregung. Sie sprachen ganz offen von Liebe, Begehren, Hingabe, Zärtlichkeit, Leidenschaft, Minne, Amor, Eros, Cupido und Venus. Manche zeigten sich gerne nackt oder bewunderten die Nacktheit anderer. Manche.versuchten, ihre „Sinneslust" zu zügeln und sprachen mit Abscheu von Lüsternheit, Geilheit, Unzucht, Wollust oder Versuchungen des Teufels. Sie warnten davor, „unrein" zu werden, sich zu „beflecken" oder den „Samen zu vergeuden". Manche priesen Keuschheit, Sittsamkeit, Enthaltsamkeit, Unschuld und Jungfräulichkeit, und sie verdammten Fleischeslust, Schande, Versündigung gegen Gott und Verbrechen wider die Natur. Bei näherer Betrachtung können wir jedoch feststellen, dass unsere Vorfahren all dies noch nicht zu einem einheitlichen Begriff des „Sexualverhaltens" zusammenfassten. Sie interpretierten diese ganz unterschiedlichen menschlichen Erfahrungen, Handlungen und Einstellungen noch nicht als miteinander in Beziehung stehende Ausdrucksformen einer und derselben Sache.

Auch gab es in der Vorstellung unserer Ahnen im weiten Spektrum menschlicher Gefühle noch keinen isoliert zu betrachtenden „Sexualtrieb". Dies hätte auch ihrer (vorwissenschaftlichen) Einstellung widersprochen, in der das menschliche Leben noch nicht in Systeme und Kategorien aufgeteilt war. Die Körperfunktionen wurden nicht als getrennte Einheiten interpretiert, es gab noch keine genauen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Arten körperlicher Bedürfnisse. Sinnliche Impulse wurden wie andere, vorübergehende Gefühle gesehen, die plötzlich auftauchten und von selbst wieder verschwanden. Das gelegentliche Verlangen, sich zu berühren und zu umarmen, mit jemandem zu schlafen, wurde nicht als Ausdruck eines unabhängigen Triebes aufgefasst, sondern eher als integraler Bestandteil der menschlichen Existenz. Männer und Frauen hatten den gleichen Erfahrungshintergrund, lebten in einer Welt und waren Glieder der großen „Kette des Seins", bescheidene Elemente eines ewigen Planes. Ein großes göttliches Gesetz regierte die Sterne, die Jahreszeiten, tote Materie und lebendige Wesen. Alle Dinge standen zueinander in Beziehung. Alle Neigungen und Vorgänge waren Bestandteil eines zusammenhängenden Ganzen; es bestand daher wenig Veranlassung, ihnen eine jeweils gesonderte Bedeutung zuzuschreiben. So lässt sich wohl erklären, warum der Begriff „Sexualverhalten" in den europäischen Sprachen erst in jüngerer Zeit zu finden ist. Er ist nirgendwo in der Bibel erwähnt und fehlt in der klassischen westlichen Literatur von Homer bis Dante, Shakespeare, Voltaire und Goethe. Selbst das Wort „sexuell", das nun schon einige hundert Jahre alt ist, erhielt erst im Laufe der Zeit seine heutigen unterschiedlichen Bedeutungen. Am Anfang war es nichts weiter als die enge, technische Bezeichnung dafür, ob jemand männlich oder weiblich war.

Das Eigenschaftswort „sexuell" konnte natürlich nicht vor den Hauptwörtern „Sexus" und „Sex" entstehen. In der englischen Sprache wurde dies letztere Wort erstmals in einer Übersetzung der lateinischen Bibel aus dem Jahre 1382 verwendet. In dieser berühmten Übersetzung, die von dem Reformator John Wiclif veranlasst worden war, befiehlt Gott Noah, zwei Vertreter jeder Tierart in die Arche aufzunehmen: „The maal sex and femaal" (1. Mose 6,19). Hier bedeutete das Wort „Sex" lediglich Geschlecht, Sorte, Art, Typ oder Rasse. Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein wurde das Wort so auch häufig im gleichen Sinne wie das Wort „Sekte" verwendet, das sich auf eine Gruppe Gleichgesinnter, eine Glaubensgemeinschaft, eine Partei, eine Kaste oder eine Schule beziehen konnte. Bis ins 19. Jahrhundert wurde das Wort „Sex" im Englischen auch als Synonym für „Frau" verwendet, und es gibt daneben das englische Zeitwort „to sex", das heißt: „jemanden oder etwas als männlich oder weiblich bestimmen".

So hatte auch das Adjektiv „sexuell" zunächst nur eine sehr begrenzte Bedeutung und beinhaltete nichts weiter als eine Kategorisierung. Erst im 18. Jahrhundert erweiterte sich die Bedeutung des Wortes und schloss dann auch den Prozess der Fortpflanzung ein. Dies war, zumindest teilweise, Folge des wissenschaftlichen Fortschritts. So entwickelte beispielsweise 1735 der schwedische Botaniker Linné eine Systematik, die er „Methodus sexualis" nannte, also eine Systematik nach Geschlechtsmerkmalen, in der Pflanzen nach der Art und Anzahl ihrer reproduktiven Strukturen eingeordnet wurden. Diese (heute überholte) Methode beeindruckte viele Gelehrte und Laien seiner Zeit. Aber es gab auch merkwürdigen Widerstand. Linnés System wurde von bestimmten Religionsführern heftig angegriffen, denn es war ihnen nicht verborgen geblieben, dass - wenn man sich Linnes Sichtweise anschloss - männliche Staubgefäße und mehrere weibliche Stempel in einer einzigen Blüte gewissermaßen „kohabitierten". Das war zweifelsfrei unsittlich und eine Schmähung Gottes, der unmöglich etwas derart Lasterhaftes geschaffen haben konnte, Biologielehrer wurden deshalb beschworen, dieses System gegenüber ihren Schülern erst gar nicht zu erwähnen.

Aus heutiger Sicht ist es natürlich einfach, diese besorgen Moralisten zu belächeln, aber ihr Einspruch war zu einem gewissen Grade verständlich. Es schien ihnen, als versuchten Linné und andere Wissenschaftler, die Natur zu „sexualisieren" und dem Wachstum jedes Grashalms ein wollüstiges Ziel zu unterstellen. Dieser Vorwurf war natürlich unzutreffend, aber er drückte einen damals gültigen Eindruck aus. Im Zuge der raschen Fortschritte der Biologie und der Medizin wurden immer neue Lebensgebiete unerschrocken

erforscht. Die anatomische Beschaffenheit und das Verhalten wurden miteinander verglichen, und es konnten Verbindungen hergestellt werden, wo niemand sie je zuvor bemerkt hatte. Als man erst einmal begonnen hatte, Rosen und Veilchen als sexuelle Wesen anzusehen, erhielt der Begriff des „Sex" eine völlig neue Dimension. Sexualität wurde plötzlich allgegenwärtig, und dies schien eine ernste Bedrohung für das leicht erregbare Gemüt Jugendlicher darzustellen. (Paradoxerweise griffen die Moralisten selbst nach einiger Zeit diese erweiterte Sichtweise von Sexualität auf: Um ihren Kindern menschliche Fortpflanzung zu erklären, sprachen sie dann über „die Blumen, die Vögel und die Bienen".)

Auf jeden Fall zeigt die Kontroverse um Linnés „sexuelles" Klassifikationssystem, dass der früher neutrale und in seiner Bedeutung begrenzte Begriff „Sex" sich zu erweitern begann. Er umfasste nun nicht nur das Geschlecht, sondern auch den Vorgang der Fortpflanzung und der verschiedenen mit ihm verbundenen körperlichen und psychischen Reaktionen. Im Verlauf der nächsten 150 Jahre wurde so eine Reihe neuer und immer präziserer Bezeichnungen geprägt, die rasch in die meisten europäischen Sprachen Eingang fanden. Dieser allgemeine Trend spiegelt sich auch in der englischen Sprache wider. Das „Oxford English Dictionary" weist die folgenden Begriffe und das Datum ihres ersten Nachweises aus: „sexual intercourse" (1799), „sexual function" (1803), „sexual organs" (1828), „sexual desire" (1836), „sexual instinct" (1861), „sexual impulse" (1863), „sexual act" (1888) und „sexual immorality" (1911).

Es ist interessant, dass viele dieser neuen Begriffe bald nach ihrer Einführung eine erweiterte Bedeutung erhielten. Der Begriff ,,sexual organs" bedeutete zunächst nichts als „männliche oder weibliche Organe" (also Organe, die mit dem Geschlecht als anatomischem Unterscheidungsmerkmal zu tun haben). Nach einiger Zeit verstand man darunter auch die Organe, die der erotischen Lust dienten. Aus diesem Grunde wurde bald jede Betätigung, die eine Stimulierung dieser Organe einschloss, als „sexuell" bezeichnet. Es wurde so sogar möglich, von „sexuellem" Kontakt zu sprechen, wenn die Beteiligten dem gleichen Geschlecht angehörten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchte in der wissenschaftlichen Terminologie ein weiterer neuer Begriff auf:, „Sexualität''. Dieses Wort bezeichnete zunächst ebenfalls nur die Eigenschaften „männlich" oder „weiblich". Nach wenigen Jahrzehnten wurde mit diesem Wort bereits die Beschäftigung mit sexuellen Dingen bezeichnet, schließlich umfasste es auch die sexuellen Kräfte oder die Fähigkeit zu erotischen Gefühlen ganz allgemein. So wurde dieses Wort nach und nach von einem relativen, vergleichenden zu einem absoluten Begriff. Ungefähr seit 1880 konnte man so von der „Sexualität" eines Menschen als einem eigenständigen Phänomen sprechen. Dieses Phänomen war durch mehr als schlichte „Männlichkeit" oder „Weiblichkeit" gekennzeichnet, und es bezog sich nicht notwendig immer auf männlich-weibliche Begegnungen. So bezog sich der Begriff der „Sexualität" nicht mehr ausschließlich auf die Anziehung zwischen den Geschlechtern oder die Fortpflanzungsvorgänge, auch Masturbation eines Einzelnen konnte nun als „sexuelles" Verhalten bezeichnet und als Ausdruck der menschlichen „Sexualität" interpretiert werden.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde der Begriff der Sexualität unter dem wachsenden Einfluss psychoanalytischen Denkens noch umfassender. Er bezog sich nun nicht mehr nur auf Fortpflanzung und erotische Lust, sondern auch auf das Bedürfnis nach Liebe und persönlicher Erfüllung, das heißt, auf die „Lust am Leben" selbst. Die Sexualität von Männern und Frauen wurde nun als wesentlicher Aspekt ihrer Persönlichkeit gesehen, als grundlegende und allumfassende Eigenschaft, als Inbegriff der Gefühle und Handlungen, derer sexuell reagierende Menschen fähig sind. Freud und seine Schüler entdeckten so sexuelle Elemente in fast allen menschlichen Handlungen und beschrieben dies als Ausdruck eines „Urinstinkts", als Wirkung eines grundlegenden, machtvollen inneren „Triebes".

Fraglos spiegelten diese Verschiebungen der Wortbedeutung und die Entdeckung menschlicher „Sexualität" als Trieb mit eigener Dynamik eine bedeutende Veränderung im Selbstverständnis der Menschen wider. Seit dem Ende des Mittelalters hatte die Lebenssituation der Menschen in Europa durchgreifende und immer raschere Wandlungen erfahren. Der Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Wirtschaft, die Ausweitung des Handels und der Fortschritt der Technik ließen auch neue Einstellungen, Lebensgewohnheiten und Moralbegriffe entstehen. Der nun hervortretende bürgerliche Mittelstand, die Bourgeoisie, forderte ein nie zuvor gekanntes Ausmaß an Selbstdisziplin, Selbstkontrolle und Selbstverleugnung von sich und anderen. Tüchtigkeit, Pünktlichkeit, Produktivität und Profit wurden zu neuen Idealen. Der menschliche Körper wurde zunehmend als Maschine begriffen, die ebenso präzise und rational zu funktionieren hatte. Spontane körperliche Reaktionen und Wünsche, die ein störungsfreies Funktionieren hätten gefährden können, wurden strikt unterdrückt. Verschwendung und Müßiggang konnten nicht toleriert werden. Auch Liebe hatte ihre Berechtigung nur noch als Mittel zum Zweck: zur Zeugung von Kindern, also von neuen Arbeitern, Soldaten oder anderen „nützlichen" Mitgliedern der Gesellschaft. Im 18. Jahrhundert wurde erklärt, Masturbation stelle eine ernste Gefährdung der Gesundheit dar. Zunehmende Prüderie entfremdete Männer und Frauen von sich selbst und voneinander, in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren schließlich alle natürlichen Körperfunktionen faktisch tabuisiert. Merkwürdigerweise lenkte gerade diese Unterdrückung, Unterjochung, Ausbeutung und Kontrolle des Körpers die Aufmerksamkeit zunehmend auf seine „sexuellen" Eigenschaften. So sehr die Menschen sich auch dagegen wehrten, die Fähigkeit ihrer Körper zu Sinneslust und „nutzloser" Ekstase blieb erhalten. So wurde die Versuchung, sich dieser Lust hinzugeben, immer größer, je mehr man sie verurteilte. Als die allgemeine Prüderie schließlich ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde die verbotene Fleischeslust zur machtvollen, geheimen Besessenheit. Die Menschen des 19. Jahrhunderts vermuteten fast überall in irgendeiner Form „das Sexuelle".

Gleichzeitig mussten diese Menschen jedoch feststellen, dass in ihrer Sprache ein großer Mangel an Bezeichnungen für Sinnliches oder Erotisches bestand. Die große Vielfalt des mittelalterlichen Englischen, Französischen oder Deutschen an Wörtern für die Geschlechtsorgane, Körperfunktionen und die verschiedenen Formen des Geschlechtsverkehrs waren nach und nach durch einige verschämte Euphemismen und unverständliche griechische und lateinische Begriffe ersetzt worden. Die reichhaltige Volkssprache wurde als „vulgär" und „schmutzig" strikt abgelehnt. Die wenigen „akzeptablen" Wörter mussten aus diesem Grund in ihrem Sinngehalt erheblich erweitert werden, um die im Sprachschatz entstandenen Lücken zu füllen. Das Wort „sexuell" erlangte dadurch zum Beispiel immer neue Bedeutungen, nur um damit ein terminologisches Vakuum auszufüllen. Den modernen Europäern oder Amerikanern blieb oft keine andere Wahl, als sich des Wortes „sexuell" zu bedienen, wenn sie von Dingen reden wollten, die vormals klar definierte, voneinander unabhängige Phänomene waren. Ein solcher Wortgebrauch konnte allerdings nicht ohne Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen bleiben. Die Menschen begannen, in allen möglichen Verhaltensformen einen sexuellen Bedeutungsgehalt zu sehen. So entwickelten Männer und Frauen gegeneinander eine äußerst empfindsame, hypersexuelle Einstellung. Man kann diese veränderte Wahrnehmung an einem einfachen Beispiel veranschaulichen: Es ist eine häufige Erfahrung in der Psychotherapie, dass in ge-

mischten Gruppen zwischenmenschliche Probleme häufig als sexuelle Probleme interpretiert werden. Die gleichen Probleme werden oft ganz anders definiert, wenn in der Gruppe nur Männer oder nur Frauen vertreten sind. Im letzteren Fall wird das Sexuelle allgemein weniger wichtig genommen, und die Beteiligten sind in der Lage, auch ganz andere Interpretationen für ihre Schwierigkeiten zu finden.

Es ist auch bekannt, dass viele sogenannte primitive Völker das „sexuelle" Element in bestimmten - für den westlichen Beobachter eindeutig sexuellen -Situationen überhaupt nicht wahrnehmen. Ähnliches gilt für Menschen, die auf sexuelle Befriedigung im engeren Sinn großen Wert legen. Sie machen sich weniger Gedanken um mögliche Nebenbedeutungen oder einen möglichen symbolischen Stellenwert ihres Verhaltens, da für sie Sexualität zwar subjektiv sehr wichtig ist, aber insgesamt eine eher begrenzte Rolle spielt.

Ähnliches gilt für „sexuelle" Handlungen kleiner Kinder in unserem Kulturkreis. Diese Handlungen werden von ihnen selbst oft gar nicht als sexuell empfunden. Vielmehr nehmen sie die scheinbar evidenten „erwachsenen" Interpretationen erst nach und nach und oft nur widerstrebend an.

Solche Beobachtungen zeigen, dass es einer bestimmten Grundeinstellung bedarf, um überall „sexuelle" Signale zu entdecken und „Sex" als grundlegende und allgegenwärtige Kraft zu interpretieren. Diese Einstellung ist nicht notwendig Ausdruck größerer Lustfähigkeit oder eines intensiveren Liebeslebens. Sie kann im Gegenteil durchaus ein Zeichen für eine behinderte, verarmte Sinnlichkeit sein. Ständige Beschäftigung mit Sexualität ist nicht identisch mit einem erfüllten Sexualleben. So scheint es sinnvoll, diesen Themenbereich zumindest sehr zurückhaltend zu diskutieren. Man muss sich immer vor Augen halten, dass man bei der Beschäftigung mit menschlichem „Sexual"-Verhalten nicht einfach einige schlichte Tatsachen vorträgt. Sondern man wählt immer auch gleichzeitig einen bestimmten Blickwinkel, aus dem man diese Tatsachen betrachtet. Das bedeutet, dass man immer gleichzeitig eine bestimmte persönliche, vielleicht beschränkte, Interpretation des Gesamtzusammenhangs vornimmt.

Eine Analyse des heutigen wissenschaftlichen Sprachgebrauchs zeigt, dass der Begriff „Sexualverhalten" drei verschiedene Grundbedeutungen haben kann, die vom Ausgangspunkt und vom wissenschaftlichen Ziel des jeweiligen Autors abhängig sind:

1. Der Begriff „Sexualverhalten" bezieht sich auf alle Handlungen und Reaktionen, die zu einer Befruchtung führen können, Dies ist die älteste, einfachste und engste Definition. Sie ist Ausdruck der Beobachtung, dass alle höheren Tiere in zwei Gruppen verschiedenen Geschlechts eingeteilt werden können, männliche und weibliche Tiere, und dass sie sich „sexuell" fortpflanzen. Das bedeutet, dass vom männlichen und weiblichen Geschlecht verschiedene sich ergänzende Geschlechtszellen (Gameten) produziert werden, die sich vereinigen müssen, damit neues Leben entsteht. Um diese Vereinigung zu erzielen, müssen die beiden beteiligten Individuen eine Folge ganz bestimmter, sehr spezifischer Verhaltensweisen und Reaktionen durchlaufen. Diese Folge (oder ein Teil davon) wird im engeren Sinn als Sexualverhalten bezeichnet.

Bei niederen Tieren wird Sexualverhalten durch bestimmte physiologische Mechanismen streng kontrolliert. Zu bestimmten Zeiten, in denen eine Befruchtung möglich ist, reagieren Männchen und Weibchen auf ein bestimmtes „Signal" des anderen, wodurch ein Verhalten ausgelöst wird, das das Zusammenkommen der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen ermöglicht, Das Männchen besteigt dann beispielsweise das Weibchen, ihre Geschlechtsorgane werden vereinigt, und das Männchen ejakuliert im Körper des Weibchens, so dass eine Befruchtung resultiert. Diese Abfolge von Handlungen und Reaktionen kann nur stattfinden, wenn alle notwendigen Signale von beiden Partnern empfangen werden. Die sexuellen Verhaltensweisen des Männchens und des Weibchens müssen sich auf jeder Stufe sehr spezifisch gegenseitig verstärken. Tiere sind zwar darauf „programmiert", eine Befruchtung durchzuführen, das Programm bricht jedoch ab oder läuft überhaupt nicht an ohne diese gegenseitige Verstärkung. Das bedeutet, dass unter anderem das Sexualverhalten dieser Tiere nicht „instinktiv" ist, das heißt nicht ausschließlich aus ihnen selbst heraus bestimmt. Es ist vielmehr das Ergebnis einer Rückkoppelung, ein „aufgebautes" oder „zusammengesetztes" Verhalten als Reaktion auf gewisse Reize zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Bei den höheren Säugetieren genügen die angeborenen physiologischen Kontrollen des Sexualverhaltens nicht, um „erfolgreiche" Paarung zu sichern, sondern es sind hierfür auch Lernprozesse erforderlich. Affen, die isoliert aufwachsen und keine Gelegenheit haben, Paarungsverhalten zu sehen oder zu lernen, haben zwar die Fähigkeit, auf Signale plötzlich erscheinender anderer Tiere zu reagieren, wissen aber unter Umständen nicht, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollen. Ihre Körperbewegungen wirken dann plump und ungelenk und eine Befruchtung kann nicht stattfinden. Man kann daraus sehen, dass „normales" Sexualverhalten bei diesen Tieren in hohem Maß von Übung und Erfahrung abhängt. Außerdem wird deutlich, dass das Sexualverhalten vieler höherer Tiere sehr differenziert ist und nicht nur eine reproduktive Funktion erfüllt. Es dient auch dazu, soziale Strukturen und Zusammenhänge zu erhalten.

Beim höchsten Säugetier - dem Menschen - sind solche Verhaltensmuster noch flexibler und komplexer. Menschen ist die Fähigkeit zu bestimmten grundlegenden sexuellen Reaktionen angeboren, sie sind aber nicht spezifisch auf Paarung „programmiert". Sie sind daher fast ganz auf Beobachtung und Erfahrung angewiesen. Ihr Sexualverhalten ist außerordentlich variabel, und Befruchtung ist unter Umständen nicht mehr die zentrale Funktion. Demgegenüber können persönliche Befriedigung und bestimmte soziale Komponenten an Gewicht gewinnen. Wenn wir also über Menschen sprechen, können wir Sexualität nicht einfach mit Fortpflanzung gleichsetzen. Menschliches Sexualverhalten ist mehr als Fortpflanzungsverhalten, es erfordert deshalb eine andere, weiter gefasste Definition.

2. Der Begriff,, Sexualverhalten" bezieht sich auf jedes Verhalten, bei dem eine sexuelle Reaktion" des Körpers zu beobachten ist. Dies ist eine neuere, ziemlich pragmatische Definition. Sie ist Ausdruck der Beobachtung, dass bei der Paarung der meisten höheren Tiere bestimmte körperliche Veränderungen stattfinden, die ein charakteristisches Muster haben und die als „sexuelle Reaktion" zusammengefasst werden können. Eine zweite Beobachtung war, dass diese Reaktion auch in Fällen stattfinden kann, in denen eine Befruchtung nicht möglich ist. So hat man Tiere beobachtet, die, allein gelassen, ihre eigenen Geschlechtsorgane stimulierten, oder die Partner ihres eigenen Geschlechts bestiegen oder die eine Paarung mit Tieren einer fremden Spezies versuchten. In all diesen Fällen findet eine deutliche sexuelle Reaktion statt.

Sexualverhalten kann nach dieser Definition also nicht nur im Sinn von Reproduktionsverhalten oder männlich-weiblicher Beziehungen gesehen werden, In manchen Fällen könnte man dieses sogenannte Sexualverhalten sogar ganz anders und wesentlich besser als „Warnverhalten", „Begrüßungsverhalten", „Versöhnungsverhalten", „Dominanzverhalten" oder ähnliches bezeichnen. Bestimmte Affen warnen zum Beispiel Eindringlinge in ihr Territorium durch einen erigierten Penis; sie grüßen oder beschwichtigen höher-

rangige Tiere, indem sie sich ihnen zur Paarung anbieten; sie demonstrieren ihren eigenen Rang, indem sie untergeordnete Tiere besteigen. Wenn wir ein solches Verhalten als Sexualverhalten bezeichnen, bleiben wir also auf der deskriptiven Ebene und sagen nichts über seine wirkliche Bedeutung aus. Wir vermitteln damit lediglich, dass das Verhalten eine - vielleicht auch nur rudimentäre - sexuelle Reaktion beinhaltet. Wir treffen also keine Aussage darüber, was diese Reaktion bedeutet. Bei manchen Tieren ist es so unter Umständen nur nach langer Beobachtung möglich, diese Bedeutung des Verhaltens herauszufinden.

Bei Menschen ist die Bedeutung des Sexualverhaltens in diesem Sinne manchmal noch weniger deutlich. Die sexuelle Reaktion als solche ist unter Umständen offensichtlich, aber die Motivation und das Ziel bleiben im dunkeln. Dies wird gelegentlich mit dem Ausdruck beschrieben, dass jemand „Sex für nicht-sexuelle Ziele" gebraucht. Die Frage, was diese Ziele im einzelnen sind, bleibt jedoch oftmals ungelöst. (Der Ausdruck „Sex für nichtsexuelle Ziele" zeigt im übrigen sehr genau die Schwierigkeiten, die bei der Definition sexuellen Verhaltens entstehen können. Denn genaugenommen ist der Satz sinnlos. Es ist, als spräche man von „Politik für nicht-politische Ziele". Offenbar hängt eben alles davon ab, was man unter „politisch" versteht.)

Es hat selbstverständlich Vorteile, von Sexualverhalten ohne Bezug auf seine mögliche Bedeutung zu sprechen. Ein so neutraler Wortgebrauch kann voreilige Wertungen vermeiden helfen. Deshalb wird dieser Wortgebrauch heute von vielen Sexualforschern bevorzugt, die eine objektive und detaillierte Beschreibung dessen vornehmen wollen, was ein Mensch tut, bevor sie zu erklären versuchen, warum er es tut. Die Definition umfasst jede Form von Sexualverhalten des Menschen (sexuelle Selbststimulierung, heterosexuellen und homosexuellen Geschlechtsverkehr, sexuellen Kontakt mit Tieren), ohne eine bestimmte Form höher zu werten als die andere. Darüber hinaus bleibt für eine Interpretation dieser Handlungen genügend Raum. Die oben genannte Definition setzt also Sexualität nicht mit Reproduktion oder mit irgendeinem anderen Zweck gleich. Sie ist lediglich Ausdruck der Feststellung, dass bestimmte gleiche körperliche Reaktionen bei einer Reihe verschiedener Handlungen stattfinden. Darüber hinaus wissen wir aber, dass zumindest beim Menschen diese Reaktion oft mit starken Lustempfindungen verbunden ist. Deshalb ist noch eine dritte Definition denkbar.

3. Der Begriff,,Sexualverhalten" bezieht sich auf alle Handlungen und Reaktionen, die der Lustbefriedigung dienen. Dies ist eine moderne, sehr weit gefasste Definition, die auf Sigmund Freud und seine psychoanalytische Theorie zurückgeführt werden kann. Es war Freud, der das Konzept der „Libido" (lat: Lust) entwickelte.

Bei ihm fasste es zunächst die mit sexuellen Bedürfnissen verbundene körperliche Energie zusammen, später alle konstruktiven Bestrebungen des Menschen. In seiner Theorie wird das menschliche Leben insgesamt von zwei entgegengesetzten grundlegenden Trieben bestimmt: Eros (der Lebenstrieb) und Thanatos (der Todestrieb). Nicht alle seiner Schüler teilten diese Ansicht, aber der Begriff eines starken, angeborenen erotischen Triebes wurde weitgehend aufgenommen und sogar Bestandteil des Alltagswissens. Für viele wurde „Sexualtrieb" gleichbedeutend mit jedem Streben des Menschen nach Befriedigung. „Sex" wurde zum grundlegenden Motiv jeder das Leben steigernden oder verschönenden Handlung.

Man kann also feststellen, dass das Wort „Sexualverhalten", wenn es in dieser Form, gebraucht wird, ein sehr umfassender Begriff ist. Er bezieht sich dann nicht nur auf jede Form intimer Beziehungen zwischen Männern und Frauen, sondern auf alle möglichen menschlichen Handlungen. Er kann ebenso auf das Saugen eines kleinen Kindes an der Mutterbrust und auf das Daumenlutschen angewandt werden, wie auf Essen, Trinken, Rauchen, Tanzen, Singen, Fahrradfahren, Sammeln von Kunstwerken oder Beifallspenden bei Erwachsenen. Auch Jagen, Ringen, Kämpfen oder Schießen können hierzu gezählt werden. Bei all diesen Handlungen stellt sich lediglich die Frage der Motivation: Wenn das Verhalten in irgendeiner Form mit dem Wunsch verbunden ist, Lust zu erleben, wenn es aus dem Bedürfnis nach Selbsterfüllung resultiert, wenn es einen Menschen befriedigt oder sein Lebensgefühl verstärkt, dann ist es eindeutig ein sexuelles Verhalten.

Man könnte noch darüber hinausgehen und von Sexualverhalten auch bei Menschen sprechen, die sexuelle Tagträume haben oder die ihre erotischen Phantasien auf kaum erkennbare, symbolische Art und Weise ausagieren. Man könnte auch sagen, dass der „Sexualtrieb" bei manchen Menschen gehemmt oder gestört ist und dass sie deshalb andere Menschen beleidigen, angreifen, verletzen, schlagen oder sogar töten, im „perversen" Versuch, sexuelle Befriedigung zu erlangen. In manchen dieser Fälle können offensichtliche sexuelle Inhalte fehlen. Sie könnten jedoch unter Umständen von einem Psychoanalytiker gefunden und so als „wirkliches" Motiv erkannt werden.

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die oben genannte Definition des Sexualverhaltens problematisch ist. Sie ist sicherlich nicht ausschließlich beschreibend und deshalb nicht so neutral wie die ersten beiden. Im Gegenteil. Sie wertet und lässt weiten Raum für persönliche Interpretationen. Man muss sich auch fragen, ob diese Definition, auf Tiere angewandt, irgendeinen Sinn ergibt. Auf alle Fälle hat sie sich für die wissenschaftliche Anwendung als nicht sehr brauchbar erwiesen. Sie hat jedoch auf Moralisten und Philosophen immer große Anziehungskraft ausgeübt.

Die Ausführungen machen deutlich, dass selbst auf der theoretischen Ebene Sexualität keine einfache Sache ist. Darüber hinaus wird deutlich, dass die Art und Weise, in der gewöhnlich über „Sexualität", „Sexualverhalten" oder „Sexualtrieb" gesprochen wird, äußerst ungenau ist. Für eine objektive Analyse reicht dies mit Sicherheit nicht aus. Wenn zum Beispiel so etwas wie ein „Sexualtrieb" existiert, was genau ist darunter zu verstehen? Ist es ein „Vermehrungstrieb"? Ist es ein Trieb, eine bestimmte Spannung auf bestimmte Art und Weise abzubauen? Ist es ein Trieb, lustvolle Erlebnisse zu suchen? Oder, zuallererst, was eigentlich ist ein „Trieb"?

Das Wort „Sexualtrieb" wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts geprägt, und man sagte, Instinkte oder „Triebe" seien angeborene Kräfte oder Energien, die die Tiere „trieben", sich auf eine bestimmte, vorhersehbare Art und Weise zu verhalten. Im einzelnen ging man davon aus, dass Triebe dafür sorgten, dass ein Tier Unangenehmes, wie Hunger oder Durst, vermeidet und dass es körperliche Anspannung durch sexuelle Aktivität abbaut. So wurde zum Beispiel die Futtersuche eines Tieres als Wirkung eines Fresstriebes interpretiert, die Suche nach Wasser als Wirkung eines Dursttriebes und sexuelle Handlungen als Wirkung des Sexualtriebes.

Ursprünglich war also das Wort „Trieb" ein eng gefasster biologischer Begriff. Wie oben beschrieben, erlangte jedoch für Sigmund Freud das Konzept des Sexualtriebs im Laufe der Zeit eine wesentlich breitere Bedeutung. Unter dem Begriff der Libido und später des Eros wurde er Teil einer immer umfassenderen psychoanalytischen Theorie, die versuchte, die - weitgehend unbewussten - Motive jedes menschlichen Verhaltens zu erklären. Bis heute verwenden die Anhänger der Freudschen Schule daher den Begriff „Sexualtrieb" auf sehr spezifische Weise, die sich nur im Gesamtzusammenhang der Grundannahmen der Psychoanalyse verstehen lässt. Auch muss angemerkt werden, dass die Psychoanalyse insgesamt bis zum heutigen Tag mehr eine Frage des Glaubens als des wissenschaftlichen Beweises geblieben ist.

In der heutigen wissenschaftlichen Diskussion wird das Wort „Trieb" nicht mehr so häufig verwendet wie früher. Viele Wissenschaftler haben dieses Konzept insgesamt beiseite gelegt. Sie sehen keinen Vorteil darin, Hunger als „Fresstrieb" zu beschreiben, und statt vom „Dursttrieb" eines Tieres zu sprechen, sagen sie lieber einfach, dass das Tier durstig ist. Trotzdem übt das „Trieb"-Konzept nach wie vor eine gewisse Anziehung auf Psychologen aus, die die Beweggründe bestimmter Handlungen beschreiben wollen. In Lehrbüchern der Psychologie wird deshalb der Begriff „Trieb" gewöhnlich definiert als „dringendes Grundbedürfnis, das seine Wurzel in irgendeiner körperlichen Spannung, einem Mangel oder einer Unausgeglichenheit hat und das den Organismus zu einer Handlung treibt". Manchmal wird „Trieb" auch definiert als „Erregungszustand, in dem das Verhalten eines Organismus darauf gerichtet ist, Unbehagen oder eine physiologische Unausgewogenheit zu vermeiden". Triebe dieser Art sind beispielsweise Hunger und Durst, Schlafbedürfnis oder das Bedürfnis nach ausgeglichener Umgebungstemperatur. Ein Mangel an Nahrung, Flüssigkeit oder Schlaf, eine zu hohe oder zu niedrige Temperatur wecken den entsprechenden Trieb. Je größer die Unausgeglichenheit ist, um so stärker äußert sich dieser Trieb. Wenn umgekehrt genügend Nahrung, Flüssigkeit oder Schlaf oder eine mäßige Umgebungstemperatur erzielt wurden, ist der Trieb befriedigt, bis er von einer neuen Unausgeglichenheit erneut erregt wird. Solche Triebe haben für den Organismus natürlich eine lebenswichtige Funktion. Ohne Nahrung, Flüssigkeit oder Schlaf, in sehr heißer oder sehr kalter Umgebung würde der Organismus in Kürze zugrunde gehen.

Wie bereits erwähnt, äußern Wissenschaftler gelegentlich die Frage, ob selbst in so „einfachen" Zusammenhängen das Triebkonzept einen wesentlichen Gewinn darstellt. Wie dem auch sei, zumindest im Fall der Sexualität hilft es tatsächlich wenig weiter. Denn erstens ist sexuelle Aktivität für das individuelle Überleben eines Organismus nicht notwendig, Ein Mangel an Nahrung oder Flüssigkeit führt sicher zum Tode, ein Mangel an sexueller Betätigung aber hat noch niemanden umgebracht. Zweitens hängt die Stärke des sexuellen Verlangens nicht notwendigerweise vom Ausmaß des sexuellen Mangels ab. Sexuelle Enthaltsamkeit erhöht nicht immer das sexuelle Verlangen, häufige sexuelle Aktivität vermindert es nicht immer. Im Gegenteil, Menschen, die für lange Zeit enthaltsam gelebt haben, können jedes Interesse an sexuellen Dingen verlieren; andere, sexuell sehr aktive Menschen, sind dagegen manchmal besonders leicht erregbar, Im Gegensatz zu Hunger und Durst kann sexuelle Erregung auch durch ausschließlich psychische Faktoren verursacht oder verstärkt werden. Außerdem ist es bemerkenswert, wie leicht sexuelle Erregung störbar ist. Oft kann die kleinste Ablenkung sie zum Erlöschen bringen. Hunger und Durst werden schließlich als unangenehm empfunden, während sexuelle Erregung angenehm und in sich lohnend erlebt wird, selbst wenn sie „unbefriedigt" bleibt.

Angesichts dieser Tatsachen haben die heutigen Sexualforscher das allgemeine Konzept eines Sexualtriebes verlassen. Statt dessen wurde zunehmend versucht, einzelne seiner Bestandteile getrennt zu beschreiben. Schon 1940 differenzierte R. L. Dickinson zwischen „sexueller Begabung, sexueller Leistung und sexuellem Trieb", 1948 definierte Alfred C. Kinsey die sexuelle „Fähigkeit" als Gegensatz zu „sexueller Leistung". 1958 schlug Lester A. Kirkendall vor, zwischen „sexueller Fähigkeit, sexueller Leistung und sexuellem Trieb" zu unterscheiden. Dieser letztgenannte Ansatz scheint besonders günstig, und wir schließen uns deshalb der Einteilung Kirkendalls (mit bestimmten begrifflichen Modifikationen) an. Wenn also von menschlichem Sexualverhalten gesprochen wird, sollte man zwischen drei grundlegenden Faktoren unterscheiden: 1. Sexuelle Fähigkeit, das heißt das, was ein Mensch tun kann.

2. Sexuelle Motivation, das heißt das, was ein Mensch tun möchte.

3. Sexuelle Leistung, das heißt das, was ein Mensch tatsächlich tut. Sexuelle Fähigkeit (also die Fähigkeit, sexuell erregt zu werden und einen

Orgasmus zu erreichen) hängt von der allgemeinen körperlichen Verfassung eines Menschen ab, besonders von seinem Nerven- und Muskelsystem. Diese Fähigkeit ist von einem Menschen zum anderen sehr verschieden, selbst bei ein und demselben Menschen ist sie nicht gleichbleibend. So hat beispielsweise ein Mensch als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener oder als alter Mensch sehr unterschiedliche sexuelle Fähigkeiten.

Sexuelle Motivation (das heißt das Bedürfnis, sexuell aktiv zu werden) kann vom Vorhandensein bestimmter Hormone im Körper abhängig sein, scheint jedoch weitgehend psychischen Einflüssen zu unterliegen. Soziale Konditionierung und die bestimmten Umstände einer konkreten Situation spielen eine entscheidende Rolle. Sexuelle Motivation ist also von einem Individuum zum anderen sehr verschieden. Sie ist bei ein und demselben Menschen nicht gleichbleibend.

Sexuelle Leistung (das heißt das tatsächliche Ausmaß sexueller Aktivität) hängt nicht nur von körperlichen und psychischen Faktoren ab, sondern auch von der Gelegenheit. Das Ausmaß sexueller Leistung wird natürlich nach oben durch die sexuelle Fähigkeit begrenzt.

Es ist evident, dass sexuelle Fähigkeit, Motivation und Leistung nicht immer übereinstimmen. Bezogen auf Sexualität haben die wenigsten Menschen die Möglichkeit, all das zu tun, was sie tun könnten oder möchten. So wurde zum Beispiel von der Sexualforschung nachgewiesen, dass beim männlichen Geschlecht die größte sexuelle Fähigkeit gewöhnlich viele Jahre vor dem Gipfel der sexuellen Leistung erreicht wird. Oder, um ein anderes Beispiel zu erwähnen, es konnte gezeigt werden, dass beim weiblichen Geschlecht die sexuelle Fähigkeit oft wesentlich größer ist als die sexuelle Motivation. Bei manchen Menschen wird man eine hohe sexuelle Leistung in Verbindung mit einer geringen sexuellen Motivation feststellen. Die Motivation kann statt dessen weitgehend finanzieller Art sein (zum Beispiel im Fall der Prostitution), oder sie kann sozialer Art sein (zum Beispiel im Fall einer ehemüden Frau, die dennoch ihren Mann nicht verlieren will).

Nach dem bisher gesagten, erscheint es nicht länger gerechtfertigt, einfach von einem menschlichen „Sexualtrieb" zu sprechen. Ein so globaler Ansatz wird nicht sehr weit führen. Statt dessen erscheint es erfolgversprechender, bestimmte klar definierte Aspekte menschlicher sexueller Aktivität zu untersuchen. Solche Untersuchungen wurden inzwischen in großer Zahl durchgeführt und sie haben sinnvolle, manchmal überraschende Ergebnisse gezeitigt. Kinsey begann, sexuelle Leistung in Einheiten zu zählen („total outlets"), William H. Masters und Virginia E. Johnson maßen die sexuellen Fähigkeiten des Menschen im Labor. Solche Studien haben zum Verständnis der Zusammenhänge erheblich beigetragen. Gegenwärtig führen Wissenschaftler genauere Untersuchungen über die sexuelle Motivation durch. Ein vielversprechender Anfang wurde vor einigen Jahren hierzu von R. E. Whalen gemacht, der die sexuelle Motivation in zwei Einzelkomponenten unterteilte: Erregung und Erregbarkeit. Nach dieser Unterscheidung hängt die Erregung der Menschen von spezifischen Reizen in spezifischen Situationen ab, während ihre Erregbarkeit von ihrer körperlichen Verfassung abhängt. (Das heißt zum Teil vom Vorhandensein bestimmter Hormone, zum Teil von bestimmten Lernerfahrungen. Letztere sind besonders wichtig, weil die sexuelle Erregbarkeit von Menschen mit gleichem Hormonspiegel sehr unterschiedlich sein kann.) Whalens Zwei-Komponenten-Modell kann natürlich auch als vereinfachte Fassung des Kirkendallschen Modells verstanden werden. Denn zwar ist „Erregung" offensichtlich eine Frage der Motivation, „Erregbarkeit" hängt aber

auch von der Fähigkeit ab. All diese differenzierteren Modelle haben die früher sehr wenig verständlichen Zusammenhänge durchschaubarer gemacht, und es ist zu hoffen, dass zukünftige Forschung ein noch besseres Verständnis der manchmal verwirrenden Vielfalt menschlichen Sexualverhaltens ermöglichen wird.

Im vorliegenden Buch wird der Begriff „menschliches Sexualverhalten" in einem weiteren und einem engeren Sinn verwendet. Im weiteren Sinn bedeutet er all das, was Menschen als sexuelle Wesen tun. Dies schließt auch ein, in welcher Weise sie ihre maskuline oder feminine Geschlechterrolle spielen und wie sie ihre Partner wählen. Dieser Wortgebrauch mag zwar unbestimmt sein, er wird aber allgemein akzeptiert und verstanden. Er bietet deshalb keine besonderen Schwierigkeiten.

Wie wir gesehen haben, ist demgegenüber der Begriff im engeren Sinn schwierig zu definieren. Zweifellos hat Sexualverhalten mit Fortpflanzung zu tun, oder es hat sich zumindest in Verbindung mit dem Fortpflanzungsverhalten entwickelt. Aber wir wissen, dass bei höheren Tieren und vor allem beim Menschen Sexualverhalten sich hierauf nicht beschränkt. Wir wissen schließlich, dass Freud und seine Schüler davon ausgehen, dass jeder Mensch einen machtvollen Sexualtrieb besitzt.

Im begrenzten Zusammenhang dieses Buches muss nicht entschieden werden, ob diese Annahme gerechtfertigt ist. Wir können uns statt dessen auf praktische Aspekte beschränken. In den folgenden Abschnitten bedeutet deshalb Sexualverhalten im engeren Sinn dasjenige Verhalten, das die Stimulierung und Erregung der Geschlechtsorgane beinhaltet. Wir lassen es dabei offen, welche Gründe, Motive oder Ziele diesem Verhalten zugrunde liegen.

 

6. Die Entwicklung des Sexualverhaltens

Im ersten Teil dieses Buches wurde gezeigt, dass die anatomischen Unterschiede von Mann und Frau, ihre sexuelle Reaktion und die Fähigkeit zur Fortpflanzung nicht plötzlich und gleichzeitig entstehen, sondern dass sie Ergebnis einer allmählichen Entwicklung sind. Es wurde auch erklärt, dass diese Entwicklung auf verschiedenen Stufen beeinträchtigt werden kann. Chromosomale oder hormonale Anomalien können zum Beispiel das normale Wachstum des Fötus stören; das kann dazu führen, dass ein Kind geboren wird, dessen geschlechtliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Aber auch Kinder, die ohne sexuelle Fehlbildungen geboren werden, entwickeln unter Umständen später nicht das typische Erscheinungsbild eines erwachsenen Menschen, wenn ihnen infolge von Verletzungen oder Krankheit Gonadenhormone fehlen. In diesem Fall bleiben auch ihre sexuellen Fähigkeiten eher begrenzt, und sie werden natürlich niemals eigene Kinder haben. Schließlich gibt es auch Erwachsene, die unfruchtbar sind, obwohl ihre Entwicklung sonst normal verlaufen ist.

Was für das körperliche Wachstum gilt, trifft auch auf die Entwicklung des Sexualverhaltens beim Menschen zu. Maskulines und feminines Verhalten, die Bevorzugung bestimmter Sexualpartner oder bestimmter Formen des Sexualverhaltens werden nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ein für alle Male festgelegt, sondern entwickeln sich nach und nach. Das Ergebnis dieses Prozesses ist nicht so sehr von angeborenen Eigenschaften eines Kindes abhängig, sondern vor allem von sozialen Einflüssen, wie zum Beispiel von den Reaktionen der Eltern, Lehrer, Spielkameraden und Freunde. Diese Einflüsse können unter Umständen ausgesprochen negativ sein. Wenn zum Beispiel ein sehr kleiner Junge ständig wie ein Mädchen behandelt wird, wird er sich selbst als weiblich begreifen lernen. Diese frühe Rollenzuweisung ist dann eines Tages nicht mehr rückgängig zu machen und kann zu lebenslangen Schwierigkeiten führen. Selbst Jungen und Mädchen, die sich mit der ihnen gemäßen sexuellen Rolle identifizieren, können später traumatische Erlebnisse haben, die sie daran hindern, ihre sexuellen Möglichkeiten auszuleben und die sie in enge Verhaltensmuster problematischen Sexualverhaltens pressen. Schließlich gibt es viele Erwachsene, die trotz eines normalen Entwicklungsverlaufs gehemmt oder sexuell funktionsgestört sind.

Die Erkenntnis, dass das erwachsene menschliche Sexualverhalten Ergebnis eines langen, komplizierten und oft risikoreichen Entwicklungsprozesses ist, ist relativ neu. Bis zum Beginn unseres Jahrhunderts glaubte man, das Sexuelle „verstehe sich von selbst", das heißt, es sei einfach angeboren. Die meisten Menschen nahmen an, dass einige Zeit nach der Pubertät sexuelles Verlangen und sexuelle Aktivität „natürlich" beim männlichen und beim weiblichen Geschlecht entstünden und dass die sozialen Bedingungen dabei keine Rolle spielten. Sexualität galt als „Naturkraft", die plötzlich auftaucht und dann, ganz von selbst, ihren „natürlichen" Ausdruck findet. Die Gesellschaft konnte diese Kraft zwar unterdrücken, war jedoch an ihrer Ausformung oder individuellen Prägung nicht beteiligt. Erste Zweifel an dieser traditionellen Vorstellung wurden von Sigmund

Freud (1856-1939) und seinen Schülern geäußert. Während seiner Tätigkeit als Arzt hatte er viele Patienten getroffen, die unter „Hysterie" litten, das heißt, an einer schweren Behinderung, wie Lähmung oder Blindheit, für die eine körperliche Ursache nicht festgestellt werden konnte. In lang dauernden Gesprächen mit diesen Menschen stellte Freud fest, dass ihre Behinderung mit schmerzlichen, belastenden Kindheitserfahrungen in Beziehung stand. Er stellte außerdem fest, dass diese frühen Erfahrungen, die dem Patienten meist nicht mehr bewusst waren, sexueller Natur waren. Schließlich stellte er fest, dass die geheimnisvollen Behinderungen verschwanden, wenn solche frühkindlichen Erinnerungen einmal wieder ins Bewusstsein gerufen und von den Patienten verstanden worden waren.

Auf der Grundlage dieser Befunde entwickelte Freud im Laufe der Zeit die psychoanalytische Theorie, die seitdem einen großen Einfluss auf das europäische und amerikanische Denken gewann. Als er seine Theorie allerdings das erste Mal vorstellte, wurde sie von der Öffentlichkeit mit Entsetzen kommentiert. Man hielt es für vollkommen unvorstellbar, dass eine längst vergessene Kindheitserfahrung irgendeinen wesentlichen Einfluss auf das Leben Erwachsener haben könnte, und man geriet außer sich bei der Vorstellung, dass derartige Erfahrungen sexueller Natur sein könnten. Kinder galten als „unschuldig" und „von Natur aus" unfähig zu sexuellen Gefühlen und Reaktionen. Für Freud stellte dagegen die Sexualität von Kindern - und sogar von Säuglingen — eine unbestreitbare Tatsache größter Wichtigkeit dar.

Nach psychoanalytischer Vorstellung gibt es in jedem Menschen einen grundlegenden sexuellen Instinkt oder Trieb, der von Geburt an vorhanden ist. Dieser Trieb, der nach sinnlicher Lust und Befriedigung strebt, ist zunächst unspezifisch und erhält seine endgültige Richtung erst im Verlauf eines „psychosexuellen Reifungsprozesses". Säuglinge streben zunächst nach unmittelbarer und uneingeschränkter Triebbefriedigung, bis sie im Zuge sozialer Lernprozesse ihre triebhaften Bedürfnisse zu modifizieren und zu kontrollieren lernen. Menschliche Sexualität entfaltet sich also unter dem Einfluss zweier entgegengesetzter Kräfte: dem „Lustprinzip" und dem „Realitätsprinzip". Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes kann also auch beschrieben werden als Ergebnis des Widerspruchs zwischen biologischem Trieb und kultureller Unterdrückung. Diese Entwicklung vollzieht sich in drei Abschnitten, die sich parallel zur körperlichen Reifung des Kindes vollziehen: von der oralen Phase über die anale Phase zur phallischen Phase,

In der oralen Phase (von lat. os: der Mund) wird Lust vor allem über den Mund erlebt. An der Brust der Mutter zu saugen, bedeutet für ein Kind nicht nur Ernährung, sondern auch körperliche und psychische Befriedigung. In dieser Phase dient der Mund auch als Organ, mit dem die Welt erforscht werden kann. Das Kind nimmt alles in den Mund, um es genauer kennenzulernen. Die Welt „in sich aufzunehmen", ist der erste Schritt, sie zu erfahren und zu meistern.

In der darauf folgenden, analen Phase (von lat. anus: der Darmausgang) verschiebt sich die hauptsächliche Quelle sinnlicher Befriedigung vom Mund in die Analregion. Das Kind beginnt nun, seine Ausscheidungsvorgänge zu kontrollieren, es gewinnt gleichzeitig Kontrolle über die Erwachsenen, da es ihnen jetzt nach Belieben gefallen oder missfallen kann, indem es seinen Stuhlgang zurückhält oder nicht. Gleichzeitig lernt das Kind, Zuneigung zu gewähren oder nicht, ja oder nein zu sagen, also die Welt dadurch zu bewältigen, dass es sich verweigert oder sich hingibt.

Auf die orale und die anale Phase, die bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich verlaufen, und die sich etwa über die ersten drei Lebensjahre erstrecken, folgt die phallische (infantil-genitale) Phase (von griech, phallos: der Penis). In dieser Phase entwickelt sich das Bewusstsein für das eigene Geschlecht, den Unterschied zwischen den Geschlechtern und die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane. Für den Lustgewinn entscheidende Körperzonen sind nicht länger Mund und Anus, sondern Penis (bei Jungen) und Klitoris (bei Mädchen). In dieser Phase entwickeln Kinder ihre Neugier für die Umgebung, nehmen Dinge in die Hand, zerlegen ihr Spielzeug in seine Einzelteile, um hineinzusehen, oder untersuchen den eigenen Körper oder den anderer Kinder. Der wichtigste Aspekt in dieser Phase ist die Entwicklung des sogenannten „Ödipus-Komplexes", das heißt die enge erotische Beziehung zu dem Elternteil des anderen Geschlechts, und ein Gefühl der Rivalität gegenüber dem Elternteil des eigenen Geschlechts. (Der Begriff „Ödipus-Komplex" spielt auf den legendären griechischen König Ödipus an, der unwissentlich seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete.) So ist es für einen vierjährigen Jungen beispielsweise ganz normal, in seine Mutter sehr verliebt zu sein. Sie ist für ihn die einzige Frau, die er kennt und die er kennen will. Diese Frau hat allerdings schon einen Mann - den Vater. Der Junge ist deshalb auf ihn eifersüchtig und möchte ihn beiseite schieben, um seine Position einzunehmen. Dieses Bedürfnis wird gewöhnlich ganz offen und spontan ausgesprochen, wie zum Beispiel, wenn der Junge zu seiner Mutter in das Bett klettert und dabei erklärt: „Wenn ich groß bin, heirate ich dich." Diese Situation kann mit der des Ödipus verglichen werden, wenngleich es natürlich einen entscheidenden Unterschied gibt: Ödipus verdrängte tatsächlich seinen Vater von der Seite seiner Mutter, und er heiratete sie wirklich. Die normale Entwicklung eines Kindes nimmt einen anderen Verlauf. Der Junge ersetzt den Wunsch, seine Mutter zu heiraten, durch den Wunsch, eine Frau „wie seine Mutter" zu heiraten, er ersetzt seinen Wunsch, den Platz des Vaters einzunehmen, durch den Entschluss, „wie sein Vater" zu werden. Dies wird dem Jungen um so leichter, wenn der Vater ein positives Vorbild ist und er seinen Sohn darin unterstützt, ein Mann zu werden. Gleichzeitig muss die Mutter ihm vermitteln, dass sie sich schon entschieden hat und als sexuelles Objekt nicht mehr zur Verfügung steht. Eine solche Einstellung der Eltern wird dem Jungen dazu verhelfen, dass er seine sexuelle Erfüllung an anderer Stelle sucht. (Bei Mädchen nimmt die Entwicklung einen anderen, aber entsprechenden Verlauf: Sie liebt ihren Vater und ist eifersüchtig auf ihre Mutter. Der entsprechende psychoanalytische Begriff heißt „Elektra-Komplex", nach Elektra, einer legendären griechischen Prinzessin, die nach dem Tod ihres geliebten Vaters bei der Tötung ihrer Mutter half, die diesen ermordet hatte. Es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass der Begriff des Elektra-Komplexes von Schülern Freuds entwickelt wurde, nicht von Freud selbst, der ihm nicht zustimmte.)

Freud ging davon aus, dass ein Kind sich normalerweise von der oralen über die anale zur phallischen Phase weiterentwickelt, es sei denn, negative Einflüsse störten diese Entwicklung. Wenn zum Beispiel die besonderen Bedürfnisse des Kindes in einer dieser Phasen zu wenig oder zu sehr befriedigt würden, könne ein Kind „fixiert" und so in seiner psychosexuellen Entwicklung behindert werden. Eine zu restriktive oder zu nachsichtige Sauberkeitserziehung könnte zum Beispiel zu einer analen Fixierung führen. Als Erwachsener würde man ein solches Kind dann als „analen Charakter" bezeichnen, das heißt als jemanden, für den Disziplin, Ordnung und Sauberkeit besondere Werte darstellen, der geizig ist oder der anale Stimulierung jeder anderen Form des Geschlechtsverkehrs vorzieht. Ein „oraler Charakter" andererseits würde sexuelle Befriedigung vor allem in oralen Reizen suchen, oder er könnte ein übertriebener Esser, Raucher oder Trinker werden.

Kinder, die diese Phasen ohne Fixierungen durchlaufen haben, erreichen ihre „genitale Reife". Das bedeutet, nachdem sie durch die sogenannte Latenzphase gegangen sind - in der ihre sexuellen Interessen im großen und ganzen unausgedrückt bleiben -, wird ihre Sexualität während der Pubertät erneut geweckt und verlangt nach Befriedigung durch genitalen Geschlechts-

verkehr. Orale und anale Stimulierungen können nach wie vor in einem gewissen Ausmaß gesucht werden, aber diese Formen des Geschlechtsverkehrs treten hinter dem Koitus zurück, der bei Erwachsenen die einzige wirklich „reife" Form sexueller Betätigung ist.

Wie man aus dieser kurzen und oberflächlichen Darstellung des Freudschen Konzeptes menschlicher Sexualität ersehen kann, umfasst es einen außerordentlich weiten Bereich. Es werden hiervon auch Reaktionen und Handlungen erfasst, die vor Freud als ausgesprochen nicht-sexuell galten. Selbst heute wird es manchem schwerfallen, den sexuellen Bedeutungsgehalt im Trinken eines Säuglings oder im zwanghaften Essen eines Erwachsenen zu sehen. Viele Wissenschaftler stellen daher die psychoanalytische Theorie nach wie vor in Frage. Anthropologen schließen beispielsweise aus dem Studium verschiedener primitiver Kulturen, dass der Ödipus-Konflikt nicht eine allgemein menschliche Erfahrung sein muss. Sozialpsychologen haben ernsthafte Zweifel geäußert, ob es einen angeborenen Sexualtrieb überhaupt gibt. Viele Verhaltenswissenschaftler und Lerntheoretiker schließlich halten dafür, dass die Freudsche Theorie unnötig kompliziert sei und dass es einfachere (und also auch überzeugendere) Erklärungen für menschliches Verhalten gibt. Daneben bleibt die Tatsache bestehen, dass diese Theorie niemals in ausreichendem Maß wissenschaftlich geprüft wurde, um sie zu beweisen oder zu verwerfen.

Man kann daher die Freudsche Theorie nicht einfach als Dogma akzeptieren, sondern muss sie im kulturellen Gesamtzusammenhang seiner Zeit untersuchen und beurteilen. Eine solche kritische Auseinandersetzung kann möglicherweise auch zu einem besseren Verständnis unserer eigenen, von Freud stark beeinflussten Kultur führen. Freud war einer der hervorragendsten und konsequentesten Denker seiner Zeit. Er war daneben ein großer Schriftsteller, und seine Werke ermöglichen wichtige Einblicke nicht nur in die Phänomene menschlicher Sexualität, sondern auch in Geschichte und Wesen der westlichen Kultur,

Einige der Schüler Freuds sind allerdings seiner kritischen Denkart nicht gefolgt, sondern haben statt dessen aus der Freudschen Theorie ein praktisches Werkzeug für soziale Kontrolle gemacht. Die befreienden Ansätze des psychoanalytischen Denkens wurden so in der Folge oft in ihr Gegenteil verkehrt. Diese Tendenz hat sich vor allem in den USA gezeigt, wo einige der Hypothesen Freuds - im klaren Widerspruch zu seinen eigenen Absichten - dazu verwandt wurden, um die Verfolgung und Unterdrückung sexueller Minderheiten zu rechtfertigen. (Vgl. a. Kap. 10 „Anpassung und Abweichung" und Kap. 12 „Die sexuell Unterdrückten").

Im Rahmen des vorliegenden Buches können die verschiedenen psychoanalytischen Schulen und selbst Freuds eigene Theorie nicht im einzelnen diskutiert werden. Andererseits hat die Erfahrung auch gelehrt, dass diese Theorie keinesfalls vereinfacht oder populärwissenschaftlich dargestellt werden sollte, weil die Gefahr ernster Missverständnisse groß ist. Viele Begriffe Freuds haben natürlich seit langem Eingang in unserer Alltagssprache gefunden. So können wir über den „Ödipus-Komplex" und über „das Unbewusste" in Zeitungen und Zeitschriften lesen, wir hören von „Freudschen Fehlleistungen", vom „Ich", vom „Über-Ich", von „Libido" und „Sublimation" in Filmen, im Radio und im Fernsehen. Aber wenn diese Wörter aus ihrem theoretischen Zusammenhang herausgelöst werden, können sie eben erhebliche Verwirrung stiften.

Inzwischen ist es allerdings gut möglich, die Entwicklung des Sexualverhaltens ohne Bezug auf psychoanalytische Konzepte zu beschreiben. Die neuere empirische Sexualforschung hat viel neues Material darüber zusammengetragen, wie die Menschen lernen, sich so zu verhalten, wie sie es tun. Auch die statistische Häufigkeit bestimmter Verhaltensweisen ist heute eher bekannt als früher. Dies hat dazu geführt, dass viele traditionelle Annahmen über die „Natur" der menschlichen Sexualität revidiert werden mussten. Im Ergebnis können wir heute das Thema unter ganz neuen Gesichtspunkten analysieren.

In den fünfziger Jahren veröffentlichten Kinsey und seine Mitarbeiter vom Institut for Sex Research in Bloomington (Indiana, USA) zwei große Studien zum menschlichen Sexualverhalten, die auf der persönlichen Befragung Tausender von Probanden aller Altersgruppen und sozialer Schichten beruhten. Früher hatten sich derartige Untersuchungen immer auf relativ kleine Gruppen von Patienten oder von Sexualverbrechern bezogen, die Dimensionen „normaler" Sexualität waren deshalb weitgehend unbekannt. Kinseys Arbeiten vermittelten die ersten zuverlässigen statistischen Daten über das Verhalten von gesunden, durchschnittlichen Männern und Frauen.

Ungefähr gleichzeitig schrieben Clellan S. Ford und Frank A. Beach, ein Anthropologe und ein Psychologe, eine vergleichende Studie, in der sexuelle Verhaltensweisen von 191 verschiedenen Gesellschaftsformen verglichen wurden. J. Money von der Johns-Hopkins-Universität und seine Kollegen führten in neuerer Zeit wichtige Forschungsarbeiten über sexuelle Fehlbildungen und Probleme der Geschlechtsidentität durch. Masters und Johnson von der Reproductive Biology Research Foundation in St. Louis (Missouri, USA) führten darüber hinaus ausführliche wissenschaftliche Untersuchungen über die menschlichen Sexualfunktionen und ihre Störungen durch. (Vgl. Literaturangaben am Ende des Buches.)

Trotz grundlegender Verschiedenheit im Ansatz bestätigen diese Studien zumindest einige Ergebnisse der Freudschen Theorie. So geht man beispielsweise heute generell davon aus, dass das Sexualverhalten beim Menschen nicht „von Natur aus" festgelegt ist, sondern dass es von sozialen Bedingungen und sozialen Lernprozessen abhängt. Heute besteht auch kein Zweifel mehr darüber, dass Kinder zu sexuellen Reaktionen fähig sind und dass bestimmte frühe Kindheitserlebnisse einen entscheidenden Einfluss auf die spätere sexuelle Entwicklung eines Menschen haben können.

Es ist aber weniger klar denn je, was mit „sozialen Bedingungen" oder „sozialen Lernprozessen" (sozialer „Konditionierung") genau gemeint ist, Freud war in erster Linie Arzt, sein Ziel war es hauptsächlich, bestimmten Patienten zu helfen. Für ihn und seine Schüler konnten deshalb sexuelle Erfahrungen in der Kindheit relativ klar definiert werden als positiv oder negativ im Hinblick auf ein bestimmtes Kriterium: sie waren positiv, wenn sie die „genitale Reife" eines Menschen förderten, sie waren negativ, wenn sie sie behinderten. Sexualverhalten wurde also in den Dimensionen „Reife - Unreife", „Gesundheit - Krankheit" und „Norm - Abweichung" beschrieben.

Inzwischen ist die Sexualforschung hier vorsichtiger geworden. Man hat inzwischen erkannt, dass sexuelle Normen je nach Zeit und Ort erheblich verschieden sein können und dass Begriffe wie „Reife" oder „Gesundheit" bezogen auf menschliches Verhalten, eher Werturteile als Tatsachenbehauptungen sind. Zur Zeit Freuds ging man davon aus, dass sexuelle Gesundheit und Reife sich in einer monogamen Ehe mit dem Ziel der Zeugung von Kindern äußerten. Sexualität, Liebe, Ehe und Fortpflanzung wurden aus diesem Grunde als untrennbar angesehen. Sexuelle Handlungen ohne irgendwelche „gesellschaftlich wertvollen" Ziele wurden negativ eingeschätzt: Sexualität ohne Liebe (Masturbation und Prostitution), Sexualität ohne Ehe (vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr), Sexualität ohne Fortpflanzung (sexuelle Spiele von Kindern, Sexualität nach der Menopause, Homosexualität). Heute wissen wir, dass dieses besondere Wertsystem keine allgemeine Gültigkeit besitzt und dass es lediglich in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt für das Bürgertum typisch war. Mittelalterliche Bauern oder Feudalherren lebten in einem ganz anderen Wertsystem, dasselbe gilt für die traditionellen afrikanischen und asiatischen Kulturen. In unserer eigenen Gesellschaft kann man heute feststellen, dass immer mehr Menschen sich von dem tradierten Denken lösen und neue moralische Werte suchen. Wir müssen daher sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, zu einer neuen Definition von spezifischen Zielen, Normen und Werten für das Sexualverhalten zu kommen. Dabei sind wir in erster Linie dazu verpflichtet, es einfach zu verstehen, Wir brauchen deshalb zunächst eine objektive Beschreibung und dürfen uns nicht schon durch die Wortwahl ideologisch festlegen.

Objektivität ist jedoch nicht die einzige Bedingung. Die Beschreibung muss auch klar und unmissverständlich sein, und schon darin liegt eine schwierige Aufgabe. Nirgends ist die Verwirrung in der Terminologie größer als im Bereich menschlicher Sexualität. Genaugenommen beginnt die Verwirrung bereits bei der bloßen Definition.

Wir wissen, dass das Wort „Sex" sich auf den Unterschied und die gegenseitige Anziehung von männlichem und weiblichem Geschlecht bezieht, aber die Ausmaße dieser Unterschiede und die Art der Anziehung sind noch sehr umstritten. Die moderne Forschung hat allerdings dazu beigetragen, den Sachverhalt zu klären, und sie hat besonders in Untersuchungen zur Kindesentwicklung wertvolle Hinweise erzielt. So wurde zum Beispiel beobachtet, dass hermaphroditische Kinder, sowohl als Jungen wie auch als Mädchen erzogen werden können, und dass sie dabei schließlich alle „typischen" männlichen und weiblichen Eigenschaften entwickeln, einschließlich der Wahl des Geschlechtspartners. Auch Kinder, deren Geschlecht bei der Geburt falsch bestimmt worden ist, lernen es, sich mit der zugewiesenen Geschlechterrolle zu identifizieren. Diese Identifikation ist nach einer bestimmten Zeit endgültig, wenn also der Irrtum später entdeckt wird, kann er nicht mehr rückgängig gemacht werden. Von einem bestimmten Lebensalter an wird ein Junge, der als Mädchen erzogen wurde, sich auch weiterhin als weiblich erleben, und er wird sich in den meisten Fällen sexuell vom männlichen Geschlecht angezogen fühlen, während ein Mädchen, das als Junge erzogen wurde, sich weiterhin als männlich begreifen wird und in den meisten Fällen sich vom weiblichen Geschlecht angezogen fühlt. Wenn also „Sex" etwas mit dem Unterschied zwischen männlich und weiblich zu tun hat, dann ist die „sexuelle" Entwicklung eines Menschen unter mindestens drei Aspekten zu sehen;

1. Die männlichen oder weiblichen Merkmale des Körpers (biologisches Geschlecht).

2. Die männliche oder weibliche soziale Rolle (Geschlechtsrolle).

3. Die Vorliebe für männliche oder weibliche Geschlechtspartner (sexuelle Orientierung).

Man kann einige Verwirrung vermeiden, wenn man diese drei Aspekte der menschlichen Sexualität voneinander getrennt betrachtet; es erscheint daher sinnvoll, die folgenden Definitionen festzuhalten:

Das biologische Geschlecht

Das biologische Geschlecht ist definiert als Männlichkeit oder Weiblichkeit eines Menschen. Es wird auf der Grundlage von fünf körperlichen Kriterien bestimmt: chromosomales Geschlecht, gonadales Geschlecht, hormonales Geschlecht, innere und äußere Geschlechtsorgane.

Menschen sind in dem Maße männlich oder weiblich, in dem sie die körperlichen Kriterien für Männlichkeit oder Weiblichkeit erfüllen.

Die meisten Menschen sind nach allen fünf Kriterien eindeutig männlich oder weiblich.

Eine Minderheit lässt sich jedoch nicht eindeutig zuordnen, ihr biologisches Geschlecht ist daher nicht eindeutig zu bestimmen (Hermaphroditismus).

Geschlechtsrolle

Die Geschlechtsrolle ist definiert als Maskulinität oder Feminität eines Menschen. Sie wird auf der Grundlage bestimmter psychischer Eigenschaften bestimmt, die bei einem Geschlecht gefördert, beim anderen unterdrückt werden.

Menschen sind in dem Maße maskulin oder feminin, in dem sie mit ihrer Geschlechtsrolle übereinstimmen.

Die meisten Menschen übernehmen die ihrem biologischen Geschlecht entsprechende Geschlechtsrolle.

Eine Minderheit steht jedoch mit ihrer Geschlechtsrolle im Widerspruch zu ihrem biologischen Geschlecht (Transvestismus), bei einer noch kleineren Minderheit findet ein vollständiger Rollentausch statt (Transsexualität).

Die sexuelle Orientierung

Die sexuelle Orientierung ist definiert als Heterosexualität oder Homosexualität eines Menschen. Sie wird auf der Grundlage der Vorliebe für sexuelle Partner bestimmt.

Menschen sind in dem Maße heterosexuell oder homosexuell, in dem sie von Partnern des anderen oder des gleichen Geschlechts angezogen werden.

Die meisten Menschen entwickeln eine deutliche Bevorzugung von Partnern des anderen Geschlechts (Heterosexualität).

Eine Minderheit fühlt sich jedoch von beiden Geschlechtern angezogen (Ambisexualität), eine noch kleinere Minderheit wird hauptsächlich von Partnern des eigenen Geschlechts angezogen (Homosexualität).

Es ist wichtig festzustellen, dass nicht nur das biologische Geschlecht, sondern auch die Geschlechtsrolle und die sexuelle Orientierung in den verschiedensten Zwischenstufen vorkommen können und dass alle drei Eigenschaften unabhängig voneinander variieren können. Die folgenden Beispiele - die sich alle auf biologisch männliche Menschen beziehen - sollen dies verdeutlichen:

Männlich - maskulin - heterosexuell

Ein Mensch mit männlichem Geschlecht nimmt gewöhnlich eine maskuline Geschlechtsrolle an und entwickelt eine heterosexuelle Orientierung. Dieser Mensch stimmt dann mit unserer Vorstellung vom „typischen" Mann überein.

Männlich - maskulin — homosexuell

Ein Mensch mit männlichem Geschlecht, der eine maskuline Geschlechtsrolle übernommen hat, kann auch eine homosexuelle Orientierung entwickeln. Dieser Mensch unterscheidet sich möglicherweise in keinem Punkt von anderen „typischen" Männern bis auf einen: die Wahl des Sexualpartners.

Männlich - feminin - heterosexuell

Ein Mensch mit männlichem Geschlecht kann eine weibliche Geschlechtsrolle annehmen. Ein solcher Mensch kann vieles versuchen (einschließlich einer Operation zur „Geschlechtsumwandlung"), um seinen Körper mit seinem femininen Selbstbild in Einklang zu bringen. Würde sich dieser Mensch erotisch zu Männern hingezogen fühlen, muss er natürlich als heterosexuell betrachtet werden.

Männlich - feminin - homosexuell

Ein Mensch mit männlichem Geschlecht kann eine weibliche Geschlechtsrolle übernehmen und alles versuchen, um seinen Körper mit seinem femininen Selbstverständnis in Einklang zu bringen. Wenn dieser Mensch sich dann erotisch zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlt, kann man seine sexuelle Orientierung nur als homosexuell bezeichnen. Natürlich stellen die beiden letzten Beispiele eher Extremfälle dar, und man

sollte sich auch daran erinnern, dass selbst dort, wo ein Mann sich mit einer weiblichen Geschlechtsrolle identifiziert, diese Identifikation nicht vollständig sein muss. Er kann diese Rolle unter Umständen nur gelegentlich oder nur teilweise annehmen und sich selbst vielleicht gar nicht ausgesprochen weiblich fühlen. Er nimmt unter Umständen nur ein gewisses weibliches Betragen an, zieht es dann vor, Frauenkleider zu tragen oder einen „Frauenberuf" zu ergreifen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass in jedem dieser Fälle die sexuelle Orientierung heterosexuell, ambisexuell oder homosexuell sein kann. Die vier genannten Beispiele haben also nicht das Ziel, neue Normen, Klassifikationen oder Klischees einzuführen. Sie sollen lediglich das weite Spektrum und die erstaunliche Vielfalt menschlichen Lebens verdeutlichen. Dabei darf nie vergessen werden, dass jeder einzelne Mensch einmalig ist, dass wenig Menschen in eine präzise sexuelle Kategorie eingeordnet werden können und dass es zahllose Zwischenstufen und Varianten gibt.

Schon die Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung kann dazu beitragen, übereilte Beurteilungen und unberechtigte Verallgemeinerungen zu vermeiden. Sie kann uns beispielsweise vor Augen halten, dass nicht jeder „effeminierte" Mann auch homosexuell ist und nicht alle Homosexuellen „effeminiert" sind. Sie verdeutlicht auch, warum jemand Schwierigkeiten haben kann, sich als „richtigen Mann" zu begreifen, obwohl er sehr wohl weiß, dass er männlichen Geschlechts ist. Und schließlich zeigt sie uns die Reichweite und die Grenzen einer „Geschlechtsumwandlung".

Mit dem Verständnis der Bedeutung sozialer Lernprozesse für die männliche und weibliche Entwicklung ist der erste Schritt zum besseren Verständnis der Entwicklung „sexuellen" Verhaltens vollzogen. Darüber hinaus kann jedoch eine weitere sinnvolle Unterscheidung vorgenommen werden. Bis hierher wurde das Wort „sexuelle Orientierung" ganz allgemein benutzt, um eine Bevorzugung männlicher oder weiblicher Partner zu bezeichnen. Die meisten Menschen wissen jedoch, dass erotische Bevorzugungen meist wesentlich spezifischer sind. Ein „typischer" Mann fühlt sich beispielsweise nicht von allen Frauen angezogen, sondern nur von solchen eines bestimmten Alters, einer bestimmten Größe, mit bestimmtem Gewicht, bestimmter Haarfarbe und so fort. Er bevorzugt unter Umständen nicht nur eine bestimmte Art Frau, sondern auch eine bestimmte Art des Geschlechtsverkehrs unter bestimmten Bedingungen. Diese besonderen Vorlieben im Rahmen der sexuellen Orientierung eines Menschen werden am besten als persönliche sexuelle Interessen bezeichnet. Auch sie sind das Ergebnis von Lernprozessen,

Menschen werden natürlich mit der Fähigkeit zur Reaktion auf viele Arten sinnlicher Reize geboren. Wir wissen, dass Erektionen des Penis, das Feuchtwerden der Scheide, muskuläre Kontraktionen und rhythmische Bewegungen des Beckens bereits bei ganz kleinen Kindern beobachtet werden können. Das heißt, niemand muss die körperlichen Reaktionen lernen, die zum Orgasmus führen. Aber jeder lernt, unter welchen besonderen Umständen diese Reaktionen ausgelöst werden können. Kinder lernen von Anfang an, positiv auf bestimmte Reize und negativ auf andere zu reagieren. Als Ergebnis persönlicher Erfahrungen entwickeln sie dann ihre eigenen Verhaltensmuster. In ähnlicher Weise lernen - wie bereits erwähnt - Menschen, maskulin oder feminin, heterosexuell oder homosexuell zu sein. Sie lernen zu masturbieren, Koitus zu haben, sich in ihrer Sexualität glücklich oder schuldig zu fühlen. Sie lernen, ältere oder jüngere Partner zu bevorzugen, blonde oder braunhaarige, Europäer, Afrikaner oder Asiaten. Manche Menschen entwickeln eine starke Bindung an einen bestimmten Partner und sind fast unfähig, auf andere Personen zu reagieren; andere wiederum wechseln ihre Partner häufig. Manche lieben in ihren erotischen Techniken die Abwechslung; andere bleiben ihr Leben lang bei einer einzigen Technik. Manche Menschen brauchen vollkommene Abgeschiedenheit, um sexuell reagieren zu können; andere empfinden es als sehr reizvoll, sich beobachtet zu fühlen. Es gibt Menschen, deren sexuelle Annäherungen leidenschaftlich, rücksichtslos oder sogar brutal ist; andere bevorzugen ein zärtliches, langsames und bedächtiges Vorgehen. Manche Menschen bevorzugen es sogar, alleine zu masturbieren, statt Geschlechtsverkehr zu haben, wieder andere suchen sexuellen Kontakt zu Tieren.

Da diese und andere persönlichen sexuellen Interessen, Entscheidungen und Bevorzugungen durch Lernprozesse erworben werden, erscheinen sie den Betroffenen natürlich, vernünftig und vielleicht sogar unausweichlich. Auch Verhalten, das für die meisten Menschen unerhört, phantastisch, unverständlich oder absurd erscheint, kann für einen bestimmten Menschen sehr sinnvoll und vernünftig sein, weil er eben bestimmte Lernerfahrungen gemacht hat. Ein Mann, der beim Anblick eines Holzpferdes sexuell erregt wird, drückt damit vielleicht ein frühes Erlebnis aus, bei dem sexuelle Lust mit einem Karussell zusammenhing. Sein Verhalten wäre dann nicht schwieriger zu erklären als das eines anderen Mannes, den es erregt, eine Stripte