Transformationen der Antike –
ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels


Die Antike stand niemals fest, noch war sie feststellbar. Sie war als unbezweifelbare Leitkultur der nachantiken europäischen Kulturen stets dynamisches Potenzial, sie wurde in den Epochen der europäischen Geschichte bis in die Gegenwart stets verändert, angeeignet und neu gefunden wie erfunden. Transformationen generieren Dynamiken kulturellen Wandels, die nicht auf die einseitige Aneignung durch eine Aufnahmekultur, auf bloße Rezeption, reduziert werden können. Die einzelnen Teilaneignungsprozesse sind nicht zählbar, sie bilden nur bedingt rekonstruierbare langwellige Transformationsketten, wenn man etwa an einen komplexen Text wie Vergils ‚Aeneis‘, an den aristotelischen Begriff der ‚Phronesis‘ oder der vielfältigen musealen Neukontextualisierung antiker Statuen in den nachantiken Epochen, in Mittelalter, Renaissance, Neuzeit, bis in die Gegenwart denkt.

Transformationsforschung befasst sich mit Prozessen der Aneignung antiker Artefakte, Texte, Diskursformationen, Wissenschaften und Künste. Untersucht wurde dabei auch die langsame, vom Mittelalter bis zur Moderne reichende Herausbildung des Wissenschaftssystems und der kulturellen Selbstkonstruktion der europäischen Gesellschaften.

Das Entscheidende ist freilich eine grundsätzliche Relationalität, Reziprozität und Wechselwirkung zwischen antiker Referenz- und nachantiker Aufnahmekultur. Im Prozess ihrer selektiven Aneignung verändert sich der antike Referenzbereich ebenso wie sich die beteiligte Aufnahmekultur verändert, ja sich oft genug ‚antikisch‘ neu konstituiert. Diese Wechselwirkung wird mit dem neu geprägten Zentralbegriff der ‚Allelopoiese‘ erfasst. Das Konzept interessiert sich somit nicht, oder allenfalls sekundär, für die ‚Richtigkeit‘ und tatsächliche Adäquatheit der verhandelten Antikebilder. Lapidar gesagt: Es interessiert, was mit und aus Antike gemacht wurde, auch wie sie instrumentalisiert wurde. ‚Die Antike‘ ist also zugleich Gegenstand wie Effekt dieser Transformationen.

Sich selbst haben die Transformationsforscher die Rolle des distanzierten wissenschaftlichen Beobachters zugewiesen, ein Begriff, der im Blick auf die damit verbundenen wissenschaftstheoretischen Probleme zumindest klar sieht, dass auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Transformationen Teil von deren Kette ist, was mit zunehmender zeitlicher Distanz erkennbarer wird. „Mitten in sich selbst findet die Transformationstheorie das wieder, zu dessen Analyse sie konstruiert wurde.“ (Böhme, Hartmut (2011), „Einladung zur Transformation“, in: Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels, hg. v. Hartmut Böhme/ Lutz Bergemann/ Martin Donike/ Albert Schirrmeister/ Georg Töpfer/ Marco Walter/ Julia Weitbrecht, München 2011, 33)

Der SFB betrachtete es als eine seiner Leistungen, ein operationables Konzept, wenn man will ein ‚Organon‘, entwickelt zu haben, mit dem sich in der Forschungspraxis arbeiten lässt. Mit seinem fein justierten Instrumentarium von vierzehn Begriffen ermöglicht es, Aneignungsprozesse von Antikem nicht bloß pauschal als ‚Transformation‘, sondern wesentlich nuancierter diagnostizieren zu können (Näheres hierzu entnehmen Sie bitte dieser ausführlichen Beschreibung).

Es ist dem Sonderforschungsbereich gelungen, eine zuvor sektoralisierte Erforschung der Antike und ihrer Rezeptionen zu überwinden und methodisch voranzubringen. Der SFB war dezidiert geisteswissenschaftlich konfiguriert. Seine Projekte erforschten die nachantiken Kulturen Europas. Erst in seiner letzten Förderphase, gipfelnd in seiner Abschlusstagung ‚Antike ohne Ende‘ vom 2. bis 4. Juni 2016, erprobten der SFB und seine internationalen Gäste die Anwendbarkeit seines Transformationskonzepts a) auf außereuropäische ‚Antiken‘, etwa in China und Altamerika, sowie b) auf kulturelle Wandlungsprozesse überhaupt. Die Resultate stimmen optimistisch.

Der Berliner Sonderforschungsbereich 644 »Transformationen der Antike« arbeitete über die maximale Laufzeit von 12 Jahren (2005-2016) unter Leitung der Sprecher Hartmut Böhme (2005-2011) und Johannes Helmrath (2011-2016) sowie der Koordinatoren Georg Toepfer und Stefan Schlelein. Er vereinte dabei 15 sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer mit zuletzt 19 Teilprojekten und rund 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die insgesamt 34 beteiligten Projektleiterinnen und -leiter kamen aus sechs Fakultäten der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin sowie vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin. Bis Ende 2018 wird der SFB ca. 80 Bände (Monographien, Sammel- und Tagungsbände) publiziert haben (siehe Anhang). Die singulär günstigen Forschungsbedingungen am Standort Berlin, seine Universitäten, Museen, Bibliotheken und sonstigen Forschungseinrichtungen, haben das Unternehmen und seine Entwicklung von Anfang an glücklich begünstigt.

Projektleiterinnen und Projektleiter innerhalb der drei Förderphasen (in alphabetischer Reihenfolge): Markus Asper (Klassische Philologie), Hartmut Böhme (Kulturwissenschaft), Horst Bredekamp (Kunst- und Bildgeschichte), Iris Därmann (Kulturwissenschaft), Annette Dorgerloh (Kunst- und Filmgeschichte), Erika Fischer-Lichte (Theaterwissenschaft), Johannes Helmrath (Geschichte des Mittelalters), Luca Giuliani (Archäologie), Andreas Kraß (Altgermanistik), Verena Lobsien (Anglistik), Thomas Macho (Kulturwissenschaft), Christoph Markschies (Theologie, Alte Kirchengeschichte), Steffen Martus (Germanistik), Herfried Münkler (Politologie), Susanne Muth (Archäologie), Wilfried Nippel (Alte Geschichte), Ernst Osterkamp (Germanistik), Andrea Polaschegg (Germanistik), Helmut Pfeiffer (Romanistik), Christof Rapp (Philosophie), Jürgen Renn (Wissenschaftsgeschichte, MPI), Wolfgang Rösler (Klassische Philologie), Werner Röcke (Altgermanistik), Bernd Roling (Mittellatinistik), Renate Schlesier (Religionswissenschaft), Thomas Schmidt (Philosophie), Ulrich Schmitzer (Klassische Philologie), Andreas Scholl (Archäologie, Pergamon-Museum), Helga Schwalm (Anglistik), Peter Seiler (Kunst und Bildgeschichte), Aloys Winterling (Alte Geschichte), Henning Wrede (Archäologie).

Eine ausführliche Beschreibung des Projektes samt seiner operationalen Begrifflichkeiten finden Sie hier.