Konstruktion und Diskussion zentraler Arbeitsbegriffe: Akteur/Steuerung/Utopie

Utopie: Schilderung eines (meist erhofften, aber auch befürchteten) künftigen gesellschaftlichen Zustandes; auch synonym gebräuchlich für Begriffe wie Wunschtraum, Hirngespinst, Schwärmerei. 'Utopia' war schon im gleichnamigen Roman von Thomas Morus von 1516 die Bezeichnung für ein Wunsch- und Traumland. Utopisch erscheinen alle Ideen und Konzepte, die der historischen resp. philosophischen Entwicklung weit voraus sind oder zu sein scheinen - gleich, ob sie als politische oder technologische Visionen erscheinen oder (vorgeblich) fiktiv, z.B. literarisch, sind. Gerade letztere erweisen sich dann nicht selten ebenfalls als - dann oft warnende - politische und/oder technologische Utopie (z.B. bei Orwell, Bradbury oder Huxley). Als Träger von Utopien gelten gemeinhin politische oder künstlerische Eliten; jedoch können auch eskapistische gesellschaftliche Strömungen dazu führen, daß Personen(gruppen) ihre Utopien, z.B. von einer freieren Gesellschaft oder einem natur- oder umweltgerechten Leben, zu verwirklichen suchen, wie es beispielsweise um die Jahrhundertwende und noch danach in der Siedlung Monte Veritá bei Ascona praktiziert wurde.

[CB]


Moderne Gesellschaften leiden unter einem Steuerungsproblem. Durch ihre enorme Vernetzung und funktionale Komplexität ähneln sie einem Wackelpudding, der alle Impulse zwar auffängt, aber diese nur in Schwingungen umsetzt, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Einer der wesentlichen Gründe für diese Unbeweglichkeit ist die übergroße Kontingenz moderner Gesellschaften, sind also die allzu vielen, z.T. widerstreitenden Handlungsoptionen, die u.a. auf die fortschreitende Autoreferentialität der Teilsysteme zurückzuführen sind.
Steuerungsfähigkeit ist nur zu gewinnen durch Reduktion der Kontingenz, wobei es prinzipiell zunächst unwichtig ist, ob diese Reduktion z.B. durch Hierarchisierung innerhalb eines Systems oder aber durch Druck von außen (z.B. Druck des Weltmarktes, Seuchen, Krieg, Atomkraftunfall u.ä.) erfolgt: ob durch autoreferentielle Hierarchisierung, damit das System im Inneren wieder ins Gleichgewicht kommt oder aber optimiert wird, oder durch eine Reaktion auf die Außenwelt, also immer post festum zur Ursache und ohne nennenswerten Einfluß auf diese. Zur gesamtgesellschaftlichen autoreferentiellen Steuerung, die für uns besonders von Interesse sein sollte, weil nur sie 'Aktion' sein kann, eignen sich vor allem die 'großen Erzählungen' (ein sehr schöner Ausdruck auch deswegen, weil er betont, wie zur Steuerung die Macht über die gesellschaftlichen Diskurse notwendig ist, wie Macht sich nicht nur, aber auch nicht zuletzt in Sprache, z.B. im 'Problemformulierungsprivileg', ausdrückt).

[SMS]


Modernisierung ist gekennzeichnet durch das Prinzip der funktionalen Differenzierung, womit sich die Handlungsmöglichkeiten von Gesellschaften theoretisch ausweiten. In der Praxis sieht es paradoxerweise anders aus: dort produziert die zunehmende Differenzierungsverästelung Handlungsbeschränkungen. Der Grund dafür ist die Schere, die sich ab einem gewissen Punkt zwischen linearem Differenzierungstakt und exponentiellem Wachstum des Koordinations- und Integrationsbedarfs öffnet.


Das ausschlaggebende Modernitätskriterium kann in einer solchen Situation nicht mehr der schlichte Optionszuwachs - also weitergehende funktionale Differenzierung - sein, sondern nur noch die Art und Weise der Koordination und Optionsselektion. Dies ist reflexiv nicht als eine präzise inhaltliche Bestimmung, sondern im Sinne struktureller Steuerungspolitik zu verstehen.
Die Frage nach Akteuren und Steuerung ist dann eine Frage nach Strategien der Entdifferenzierung und der Begrenzung der Kontingenz von Teilsystemen zugunsten übergeordneter Gesichtspunkte (hier kommen Rhetorik und Diskurse ins Spiel). Wo utopiegeleitete Handlungsstrategien fehlen, die über die legitimen subsystemischen Interessen hinausgehen, ergibt sich Gesellschaft dem Immobilismus. Ein Beispiel ist die Berliner Hochschulpolitik, die vor den ausdifferenzierten Interessensphären im Hochschulbereich kapituliert und um den Preis des totalen Steuerungsverlusts nur noch öffentliches Sparinteresse reflektiert - ohne Folgekosten zu bedenken und unter Preisgabe der politischen Steuerung. Politikverdrossenheit wird nicht mehr politisch erzeugt, sondern von der Politik gleich selbst ausgelebt (Luhmann bezeichnet dergleichen wohl als Autopoiesis).

[NG]


Der systemtheoretische Ansatz scheint mit gewisser Fröhlichkeit verbunden zu sein, was an seiner Tendenz zu einer Art optimistischem Determinismus liegen könnte - 'Gesellschaft' und 'Kultur' als System beschrieben erwecken den Eindruck, als sorgten sie autopoietisch selbst für ihren Fortbestand und als könnte es vielleicht Krisen, aber keine Katastrophen geben. Das Vertrauen, das dabei in die kommunikative Praxis gesetzt wird, erscheint noch nicht einmal verfehlt: Selbst die Dekonstruktivisten, die theoretisch der Pragmatik kein besonderes Interesse zuteil werden lassen, suchen die Öffentlichkeit des wissenschaftlichen Diskurses. Trotzdem kommen auch konstruktivistische Sozialsysteme in der Praxis nicht ohne den guten Willen und die Kooperationsbereitschaft ihrer Mitglieder aus - das ist Peter Janich anzumerken, wenn er beredt angreift, was sich den von ihm und Lorenzen vertretenen Rationalitäts- und Gemeinschafts- Sprachmodellen entgegensetzt, sich aber nicht durch den Nachweis, weniger wahr zu sein, ausräumen läßt. Der postmoderne Relativismus ist es, der Janich vermutlich nicht zuletzt deswegen suspekt erscheint, weil er nach dem von ihm selbst für die Kulturwissenschaften angeführten Valabilitätskriterium der Beteiligung gewiß nicht weniger Gewicht hat als die konstruktivistische Methode, von der er selbst einräumt, daß sie von keiner Mehrheit vertreten wird. 2 die Form einer unendlichen, freien, interaktiven Diskursproduktion im Modus des Möglichen als Zuflucht für die Utopie. Zwar verliert sich Freiheit als ästhetische Kategorie des Diskurses im romantischen Unendlichen - aber dem aufklärerischen Wert dieses Asyl gegeben zu haben, ist ein sympathischer Zug.

[AB]


Ausgehend vom Konstruktivismus, der besagt, daß wir die Welt, in der wir leben, buchstäblich dadurch erzeugen, daß wir sie leben, erhält der Akteur eine zentrale Stellung. Er ist einzigartig und unentbehrlich; gleichermaßen unentbehrlich ist auch die Interaktion mit anderen; denn konsensuelle Realität kann nur mit anderen Akteuren erzeugt werden. Dieser konsensuelle Bereich ist die Grundlage aller weiterführenden Konsensbildungen höherer Ordnung, wie sie durch sprachliche Kommunikation erreicht werden. Die Unterschiedlichkeit der kulturellen Hintergründe der Akteure resultiert - ausgehend von dieser Theorie - nicht aus dem unterschiedlichen Interpretieren einer unabhängigen Realität, sondern aus gleichberechtigten, unterschiedlich konstruierten Wirklichkeitsmodellen. Da Werte historisch und ausschließlich kulturspezifisch sind, folgt daraus, daß es keinen Maßstab für die Bewertung für Kulturen gibt. Erfolgreich können Kulturen nur innerhalb ihres Vorhersagebereichs sein, der sie definiert.
Die Utopie, d.h. die gesellschaftspolitische Zielsetzung des Konstruktivismus, läßt sich nach Maturana auf die Formel bringen: Gesellschaft ohne systematische Unterdrückung, die das Individuum nicht negiert. 3 Dieses Ziel hält Maturana für erreichbar, wenn sich die Menschen darauf einigen, eine nicht-hierarchische Gesellschaft auf der Basis einer finiten, ökologisch stabilen Welt zu erzeugen. Das setzt voraus, daß absolute Erkenntnis als unmöglich und objektive Wahrheit als Fiktion erklärt werde, denn absoluter Wahrheitsanspruch führe notwendig zu Unterdrückung. Auch das Verlangen nach einer stabilen Welt mit festen Werten erzeuge Ausbeutung und Tyrannei. Mit dem Konstruktivismus entfällt zum einen die Möglichkeit, soziale und politische Konflikte nach dem Muster von Wahrheit und Falschheit zwangsmäßig zu lösen, zum anderen wächst die Verantwortlichkeit der Menschen für die Gesellschaft, die sie mitkonstruieren, da jede Wertobjektivität oder jeder biologische Determinismus zurückgewiesen wird. Das Menschenbild des Radikalen Konstruktivismus fußt auf dem Gedanken der Autonomie. An die Stelle der zwischenmenschlichen Machtausübung tritt die Aufforderung zur gegenseitigen Akzeptanz und zur Offenlegung der angelegten Wertmaßstäbe und der beabsichtigten Handlungsziele.
Das, was die Theorie dafür leisten kann, ist nicht die Ausrichtung nach 'der' Realität, sondern ihre Problemlösungskapazität, ihre Konsistenz und ihre Verknüpfbarkeit mit Modellen anderer Disziplinen.

[HG]


1: Janich, 1 u. 20.
2: Marike Finlay: The Potential of Modern Discourse. Musil, Peirce, and Pertubation. Bloomington u. Indianapolis: Indian University Press, 1990.
3: Humberto R. Maturana u. Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens [El arbol del conocimiento]. Übers. v. Kurt Ludewig. Bern: Scherz, 1987.


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