Konstruktion und Diskussion zentraler Arbeitsbegriffe: Gemeinschaft(en)

Neue Definition: Gemeinschaft ist die solidarische Komponente sozialen Zusammenhalts und kein irgendwie gearteter Urzustand. Sie ist die im Prinzip frei wählbare Option gesellschaftlicher Integration. Erst im Modernisierungsprozeß differenziert sich eine eigenständige Sphäre der Gemeinschaft aus, in der solidarische Praxis weitgehend zweckfrei - losgelöst von Machtstrukturen und wirtschaftlichen Bindungen - um ihrer selbst willen geübt werden kann. Indem die Gemeinschaft als Legitimationsgrund für eine Politik und eine Wirtschaft dient, die sie zu ihrem Selbsterhalt benötigt und die wiederum Rückwirkungen auf die Gemeinschaft zeigen, wird eine Interdependenz auf komplexerem Niveau wieder hergestellt.
Alte Definition: Gemeinschaft ist auch hier kein Urzustand, sondern die affektive Komponente sozialen Zusammenhalts. Gemeinschaft ist ein im Grunde lebensweltlicher, dem "Universum der Latenz" 1 zuzurechnender Begriff. Er beschreibt das affektive, nicht diskursive und unfaßbare Andere von Gesellschaft, einen Sinn jenseits von Rationalität, Wissenschaft und Absicht. Gemeinschaft kann deshalb nicht selbst Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein. Untersucht werden kann nur die Repräsentation von Gemeinschaft im Bewußtsein und Handeln von Akteuren. Die lebensweltliche Gemeinschaftswirklichkeit muß deshalb in die Sprache des politischen Systems übersetzt werden. Gemeinschaft wird dann als Aggregat auf der gesellschaftlichen Makroebene und als das Objekt eines politisch motivierten Versuchs von Sinnstiftung zu einer zielgerichtet bearbeiteten gesellschaflichen Gemeinschaft. Im Kern zielt die Gemeinschaftspolitik auf die Herstellung von Konsens. Die Bedeutung von Gemeinschaft erschließt sich aus ihrer Koordinations- und Ordnungsfunktion im Rahmen von Modernisierungsprozessen, die einen möglichst reibungsfreien Ablauf dieser Prozesse garantiert. Sie steht für die Sinnhaftigkeit und den Nutzen erweiterter Handlungsspielräume und neutralisiert Zustände und Gefühle von Desintegration, Dissens und Anomie, also das "Unbehagen in der Modernität". 2

[NG]


Über bestimmte Wertbegriffe, Zielvorstellungen und/oder Grenzziehungen, nicht über Abstammung (Verwandtschaft) definierte Gruppen von Menschen. Wie der Diskurs steht der Gemeinschafts-Begriff oft in Verbindung mit einem vermeintlich (er-)klärenden Bezugswort (Haus-, Zweck-, Interessen-, politische G., kulturelle G., Europäische G.). Diese sprachlich-ergänzenden Verbindungen klären jedoch nicht die Semantik von 'Gemeinschaft'. Gemeinschaften gründen sich auf einem 'Wir-(gegen) die anderen'-Prinzip, das explizit als gemeinschaftskonstituierend hervorgehoben werden kann (Bsp. Fremdenfeindlichkeit) oder in der Selbstdefinition eine untergeordnete Rolle spielt (Bsp. 'Lebensgemeinschaft').

[UG]


Neben Pflanzen- und Tiergemeinschaften, die aufeinander angewiesene Gruppen bezeichnen, bilden Menschen ebenfalls Zweckgemeinschaften. Zusätzlich suchen sie jedoch die (auch geistige oder gar virtuelle) Nähe zu Personen, die gleiche Interessen teilen, in deren Gegenwart sie sich sicher/wohl fühlen oder die ihre Persönlichkeit zu bestätigen vermögen. Die Bewohner einer Ortschaft bilden ebenso eine Gemeinschaft wie die Mitglieder eines Vereins oder eine moderne Kleinfamilie. Die Freiwilligkeit der Teilhabe oder Mitgliedschaft an einer Gemeinschaft kann stark variieren - die Gemeinschaft einer Schulklasse wurde von den Kindern meist nicht freiwillig gewählt; auch müssen zahlreiche Personen bei der Wahl ihres Wohnortes aus beruflichen/familiären Gründen ihre eigenen Präferenzen zurückstellen. Aber auch in diesen Gemeinschaften besteht wie im Anglerverband oder den Fischer-Chören eine Vereinbarung (z.B. Satzung), die das Minimum an Verhaltenskonsens festschreibt und zu dem sich alle Gemeinschaftsmitglieder zu verhalten haben. Auch Gemeinschaften, deren Mitglieder sich nicht erzwungenermaßen zusammengefunden haben, können auf einzelne äußerst restriktiv wirken - was augenscheinlich genau dann geschieht, wenn andere Mitglieder dieser Gemeinschaft einen theoretischen/ideologischen Überbau verleihen, der mit der Gemeinschaftsfunktion nicht einmal korrespondieren muß.
Gemeinschaften 'leben' von Ausgrenzung; dies kann auch als Drohung gegen Mitglieder gewendet werden, so daß unter dem Mantel von Interessen-, aber auch Wesensgleichheit Individualität und Freiheit attackiert werden können. Gemeinschaften können durchaus hierarchisch strukturiert sein, ohne daß die niedriger gestellten Mitglieder ihre Position fühlen müssen oder ändern wollen (obwohl dies häufiger sein dürfte). Die für die Belegung höherer Ränge notwendige Aufwand wird durch Status- (Macht- )gewinne kompensiert.
Gemeinschaften unterliegen historischen Wandlungen: "Zur Dynamik dieser Gruppenprozesse gehört, daß der Gruppenglaube immer starrer wird: das für jeden Gruppenzusammenhalt erforderliche Wir-Gefühl wird zum überhöhten Wir-Ideal." 3 Gemeinschaft läßt sich, neben Begriffe wie Freiheit, Staat und Individuum gestellt, als Bezeichnung für soziale Entitäten fassen, deren Komplexität sich erst über die Spannungen und Interaktionen zu jeweils anderen Konstrukten erschließen läßt. Gemeinschaften, die sich primär über Wert definieren, produzieren als Gemeinschaftsgefühl interpretierbare kollektive Reaktionsmuster, die Sinn und Sicherheit vermitteln. Dieses Empfinden kann zu einer Gruppenidentität führen, die trotz ihres diskursiven Charakters für die Individuen der Gemeinschaft zu entscheidender Bedeutung gelangen kann. "Die Ich-Wir- Identität [...] bildet einen integralen Bestandteil des sozialen Habitus eines Menschen und ist als solche der Individualisierung zugänglich." 4 Und:

Berücksichtigt man die ganze Geschichte menschlicher Sozietäten als Überlebenseinheiten, [...] so ist sie zugleich eine Geschichte der Loyalitätsgefühle [...], der starken Identifikation mit Verwandtschaftsgruppen, Stammesverbänden oder - als eine Station unter vielen und die alten Bindungen nicht einfach ersetzend, sondern oft nur überlagernd - mit dem Nationalstaat. 5

Der spezifisch deutsche Hang zur Gemeinschaft6 ist im übrigen nur verständlich für den, "der Individualist von Natur ist: und das ist der Deutsche. Daher war der Sozialismus, die Lehre von der Gemeinschaft, ein Gewächs aus dem deutschen Geistesgarten." 7

[CB]


Vom nominalistischen Standpunkt aus betrachtet ist zunächst Skepsis gegenüber dem Begriffspaar 'Gemeinschaft'/'Gesellschaft' angebracht. Tatsächlich illustriert es einmal mehr die Berechtigung des Ansatzes, wissenschaftliches Movens von einer aufklärerischen oder romantischen Wertoption herrührend zu beschreiben. Faßt man die Begriffe nämlich nicht als Synonyme auf, so strebt man eine Unterscheidung an, die weniger auf die faktische Wahrnehmung einer phänomenologischen Differenz als vielmehr auf den Wunsch nach einer solchen zurückzuführen ist. Diesen Eindruck erweckt zumindest die Begriffsarbeit der deutschen Soziologen. Tönnies hat allen voran das deutsche Desiderat 'Gemeinschaft' konstruiert, das sich als Produkt eines idealistischen Denkens und spätromantischen Träumens ausnimmt. Für Tönnies ist entscheidend, sich seinem Forschungsgegenstand nicht mechanisch-analytisch genähert zu haben, sondern seine Anschauung einem intuitiv-philosophischen Denken zu verdanken. Während nach Tönnies die Gesellschaft eine 'Fiktion' des moralisch-verwerflichen, weil egoistischen 'Kürwillens' des dritten Standes und der aufklärerisch-mechanischen Wissenschaft ist, soll 'Gemeinschaft' ein Begriff mit 'Realität' sein, den das Leben hervorbringt, das sich unbekannt-unendlich und organisch-dunkel im 'Wesenwillen' des soziologischen Philosophen und des Volkes entfaltet. Dieses aggressive Verfahren bei der Begriffspaarbildung, bei dem dem Begriff der 'Gesellschaft' Wirklichkeit abgesprochen wird - nicht als einer unadäquaten Repräsentation, sondern als einem Naturantagonisten ohne Daseinsberechtigung - sollte einen genuin-aufklärerischen Reflex hervorrufen, der auf die politische Gefährlichkeit und Unverantwortbarkeit des so begründeten Gemeinschaftsbegriffs reagiert.
Das Begriffspaar 'Gemeinschaft'/'Gesellschaft' wirkt wie ein Plädoyer für den Konstruktivismus: Zum einen, weil es nicht nur erkenntnistheoretisch unsicher, sondern vom intentionalen Standpunkt betrachtet moralisch fragwürdig erscheint, Übereinstimmung mit der Wirklichkeit an sich für wissenschaftliche Konstruktionen zu beanspruchen, wie der Fall von Tönnies exemplarisch zeigt. Und zum anderen und vor allem, weil ein konstruktivistisches Konzept wie das des 'Beobachters zweiter Ordnung' nötig zu sein scheint, um mit einem Begriff mit einer so zweifelhaften Wissenschaftsgeschichte wie dem der 'Gemeinschaft' weiterarbeiten zu können. Der konstruktivistische Ansatz versucht nachzuvollziehen, ob in einem System im Rahmen von dessen Autopoiesis von einer Selbstorganisiertheit ausgegangen wird, die systemimmanent als 'Gemeinschaft' bezeichnet wird oder auf so ein Konzept reflektiert wird, relativiert den dubiosen Begriff und korrigiert die für seine bisherige Konzeption wesentlichen ideologischen Komponenten der Naturkonformität und des emphatischen absoluten Realitätsanspruches.

[AB]


Der französische Soziologe Durkheim unterscheidet zwischen mechanischer und organischer Solidarität, sein zeitgenössischer deutscher Kollege Tönnies zwischen (zivilisatorischer) Gesellschaft und (kultureller) Gemeinschaft (Gemeinschaft und Gesellschaft, 1887). Hiermit ist die gängige Dichotomie zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft sowie zwischen deren Grundzügen beschrieben. Systemtheoretisch gibt es jedoch keinen nennenswerten Unterschied zwischen Gemeinschaften und Gesellschaften: beide konstituieren sich durch Differenzbildung, haben Mitglieder, eine eigene Sinnorm etc. Interessant ist auch die hierzu passende Beobachtung, daß die verbale Differenzierung zwischen 'Gemeinschaft' und 'Gesellschaft' eine deutsche Sonderentwicklung des 19. Jahrhunderts ist, während in den anderen europäischen Sprachen Gemeinschaft und Gesellschaft bis heute synonym verstanden werden. 8 Die Schlußfolgerung aus dieser Beobachtung ist, daß die strikte Dichotomie zwischen den beiden vermeintlichen 'Normalbegriffen' Tönnies' (die keinesfalls zu verwechseln sind mit dem Weberschen 'Idealtyp', wie dies häufig in der - nicht zuletzt braunen - Rezeption9 geschehen ist!) eine Reflexion der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts darstellt10 und keinesfalls ein per se geeignetes Instrument zur Analyse moderner und postmoderner sozialer Verbände ist, obwohl Tönnies' Begriffspaar zwar recht grob, aber im ganzen richtig die Unterschiede zwischen traditionalen und modernen Gesellschaften andeutet. 11
Um in wissenschaftlicher Rede sinnvoll von 'Gemeinschaft' zu sprechen, gilt es, folgende Punkte zur Begriffsbestimmung zu beherzigen:
1) Der Gemeinschafts-Diskurs wird, anders als der Gesellschafts-Diskurs, per definitionem eine reflektierte kollektive Identität postulieren, deren Legitimierung sich aus irgendeiner Form von Ordo speist. Dieser Bezug auf die Ordo bedingt zweierlei: a) Gemeinschaften verstehen sich selbst als nicht-konstruktivistisch, sondern als substantialistisch. Dies bedingt auch, daß man nicht freiwillig Mitglied einer Gemeinschaft werden kann, sondern dieser bereits angehört, am besten durch Geburt oder auch durch abstrakte Gesetzmäßigkeiten eines HistoMat (am deutlichsten in der 'Schicksalsgemeinschaft', aber auch in der Gemeinschaft der Nation oder Klasse). b) Die benutzten Modelle sozialer Gestaltung sind traditionalistisch.
2) Die Funktion der 'Gemeinschaft' im Modernisierungsprozeß entspricht in gewisser Weise der der 'Nation': Beide Begriffe entstehen in ihrer modernen Bedeutung im Zuge der funktionalen Differenzierung der Moderne, definieren sich jedoch häufig (wenn auch nicht immer) als Gegenbewegung, die de facto aber zur fortschreitenden Modernisierung beiträgt, indem 'Nation' wie 'Gemeinschaft' helfen, die Anomieproblematik (systemtheoretisch: die Kontingenz) der Moderne zu bewältigen.
Die 'Gemeinschaft' definiert sich als vermeintliche Gegenbewegung zur funktionalen Differenzierung der Moderne, indem sie sich eben dieser Funktionalität verweigert: ihr Sinnkriterium, das zur Inklusion wie Exklusion führt, ist eben der Rekurs auf traditionelle Ordo (z.B. Familienbande) statt auf moderne Funktion, wobei jedoch die traditionelle Ordo schon nur noch als Differenz zur modernen Funktion, also als Ableitung, existiert. 'Gemeinschaft' ist daher im eigentlichen Sinne keine Gegenbewegung zur 'gesellschaftlichen' Moderne, beschreibt soziologisch keine Opposition zur 'Gesellschaft' oder ist gar deren unverdorbener Ursprung wie in Tönnies geschichtsphilosophischer Argumentation, die seiner eigenen soziologischen zuwiderläuft. 'Gemeinschaft' ist von der 'gesellschaftlichen' Moderne abhängig; sie ist als selbständige, von der 'Gesellschaft' unterschiedene Konzeption in diesem historischen Kontext entstanden, um die Kontingenz der Moderne so zu reduzieren, daß das Gesamtsystem weiterhin handeln kann. Dies ist jedoch nicht so mißzuverstehen, daß 'Gemeinschaft' das "Eigenblut-Doping" der Gesellschaft ist, wie Lars Clausen es ironisch-warnend formulierte. 12 Vielmehr sind 'Gemeinschaft' und 'Gesellschaft' als zwei Pole einer Entwicklung und nicht als gegensätzliche soziale, gar aufeinander folgende13 Formationen zu verstehen, zumal ja verschiedene Formen von Legitimierung für gleichartige soziale Transformationen parallel auftreten können. Mit Tönnies: Das "Gemeinschaft und Gesellschaft" ist durchaus ernstzunehmen.

[SMS]


'Gemeinschaft' drückt einen Solidaritätsgedanken aus, der moderne Gesellschaften zusammenhält. Der Begriff ist eindeutig integrativ konnotiert. Gemeinschaft wird in Prozessen sozialer Arbeit im Spannungsfeld zwischen Konflikt und Kompromiß konstruiert, in dem sich Machtverhältnisse mehr oder weniger deutlich widerspiegeln, wobei es häufig schwierig ist, die einzelnen Akteure im Konstruktionsprozeß zu identifizieren. Oft zeigt sich das Gemeinschaftsmuster erst im Rückblick.
In solchen Prozessen sozialer Arbeit, in welchen Absichten und Interessen miteinander kollidieren und sich beständig transformieren (und nicht notwendig aus bestimmten sozioökonomischen Positionen hervorgehen), werden mehr oder weniger brüchige Kompromisse eingegangen. 14 Diese soziale Arbeit der Suche nach Kompromissen führt zur Bildung von Gemeinschaften - was nicht zuletzt in Abgrenzung zu anderen Gemeinschaften ('wir' vs. 'sie') geschieht. Gemeinschaft ist in hohem Grade mit Identität verbunden. Die Fiktion von gemeinsamen Zielen - oft in Konkurrenz zu anderen erfahrenen Gemeinschaften - führt zu Vorstellungen von Schicksalsgemeinschaften.
Gemeinschaften befinden sich aufgrund ihres spezifischen Charakters in Prozessen sozialer Arbeit in ständigem Wandel. Zum Diskurs von Gemeinschaft treten ständig neue Elemente hinzu, während alte neu definiert bzw. ihnen neue Inhalte zugewiesen werden. Der Gemeinschaftsbegriff hat eine deutlich utopische Dimension, die dem Archaischen zustreben kann wie in der von Tönnies 1887 aufgestellten Dichotomie von Gemeinschaft und Gesellschaft. Diese Utopie kann aber auch zukunftsorientiert sein wie in den fünfziger Jahren, als die Europäische (Wirtschafts-)Gemeinschaft als Alternative zu den nationalen Gemeinschaften gegründet wurde, die durch ihre Entwicklungen in den dreißiger Jahren stark belastet waren.
'Gemeinschaft', die sich Tönnies als realer, genuiner und ursprünglicher vorstellte, ist in dieser Hinsicht natürlich keine realere Kategorie als die 'Gesellschaft', die Tönnies aufgrund der Modernisierung als artifiziell ansah. Tönnies' utopische Betrachtungsweise ist vor dem Hintergrund einer Zeit zu sehen, da anerkannte Werte von einer immer brutaleren Macht- und Interessenpolitik zerschlagen wurden und der die deutsche Geschichtsschreibung der siebziger Jahre den Namen 'organisierter Kapitalismus' gab. Gerade Tönnies' Sprachgebrauch veranschaulicht ausgezeichnet den konstruktivistischen Charakter des Gemeinschaftsbegriffes, ganz ähnlich dem negativ von Gemeinschaft abgegrenzten Gesellschaftsbegriff.
Ein anderes Beispiel ist die schwedische Sozialdemokratie der siebziger Jahre, die in einer Zeit wachsender Desorientierung von der 'starken Gesellschaft' (starka samhället) als Synonym für den Staat sprach. Dies stellt einen Versuch der Gemeinschaftskonstruktion dar, für welche die utopische Inspiration aus der national steuerbaren Wachstumsökonomie der fünfziger und sechziger Jahre erwuchs. Die 'starke Gesellschaft' wurde als Ausdruck der schwedischen Gemeinschaft verstanden.

[BS, übersetzt von CB]


Für die Konstruktion von Gemeinschaft sind die sog. Meme von großer Wichtigkeit. Meme sind Einheiten des sozialen Gedächtnisses: Bilder, Muster, Melodien und Geschichten, die sich über mehrere Generationen hinweg und in verschiedenen kulturellen Texten, Modi und Genres replizieren. Die Meme erhalten und vermitteln Gemeinschaftsidentitäten oder Gemeinschaftskrisen durch die Zeiten hindurch. Vereinfacht gibt es drei Arten von Memen:

'Nationale Meme' sind in vierfacher Hinsicht wichtig:

[NW, übersetzt von SMS]


1: Karl Otto Hondrich: "Lassen sich soziale Beziehungen modernisieren? Die Zukunft von Herkunftsbindungen". In: Leviathan 24 (1996), 33.
2: Peter L. Berger, Brigitte Berger u. Hansfried Kellner: Das Unbehagen in der Modernität. Frankfurt a. M.: Campus, 1975.
3: Annette Treibel: "Transformationen des Wir-Gefühls. Nationale und ethnische Zugehörigkeit in Deutschland". In: Helmut Kuzmics, Reinhard Blomert u. dies. (Hg.): Transformationen des Wir-Gefühls. Studien zum nationalen Habitus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch, 1993 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft; 1073), 334.
4: Norbert Elias: Die Gesellschaft der Individuen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987, 245.
5: Helmut Kuzmics, Reinhard Blomert u. Annette Treibel: "Einleitung". In: Dies. (Hg.), 23.
6: Christian Jansen: "'Deutsches Wesen', 'deutsche Seele', 'deutscher Geist'. Der Volkscharakter als nationales Identifikationsmuster im Gelehrtenmilieu". In: Ibid., 199-278.
7: Ehrenberg: "Zwischen Tod und Auferstehung Europas" III. In: Christliches Volksblatt (15.8.1919), 5 (zit. nach: Ibid., 259).
8: Manfred Riedel: "Gesellschaft, Gemeinschaft". In: Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhard Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland; 2. Stuttgart: Klett-Cotta, 1975, 801-862.
9: Zur Rezeption von Gemeinschaft und Gesellschaft s. die Beiträge in Kapitel 4 ("Wirkungsgeschichte") in: Lars Clausen u. Carsten Schlüter (Hg.): Hundert Jahre "Gemeinschaft und Gesellschaft". Ferdinand Tönnies in der internationalen Diskussion. Opladen: Leske u. Budrich, 1991, 463ff.
10: Zum geschichtlichen Hintergrund von Tönnies Werk s. Harry Liebersohn: "'Gemeinschaft und Gesellschaft' und die Kritik der Gebildeten am deutschen Kaiserreich". In: Ibid., 17-33.
11: Riedel, 860.
12: Lars Clausen: "Der Januskopf der Gemeinschaft". In: Ders. u. Carsten Schlüter (Hg.) (1991), 69.
13: S. z.B. Thomas Nipperdey, der über die Menschen um 1800 schreibt, daß diese "left behind Gemeinschaft and entered Gesellschaft". (Ders.: The Rise of the Arts in Modern Society. The 1989 Annual Lecture. London: German Historical Institute, 1990, 5.)
14: Zur Gesellschaftsorganisation als Prozeß sozialer Arbeit s. Peter Wagner: Soziologie der Moderne. Frankfurt am Main: Campus, 1995.


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