Der Begriff der 'Moderne' kann (und sollte vielleicht ausschließlich) als
chronologischer Begriff zur Epocheneinteilung eingesetzt werden, festgemacht in diesem
Zusammenhang an Veränderungen von Verwaltungs-, Macht-, Produktionsstrukturen etc.
(Veränderung des Bildungswesens, Demokratisierung, Industrialisierung...). Dabei besteht
die Schwierigkeit der Anfangs- und Endbestimmung (ähnlich der bei der Definition des
geschichtswissenschaftlich kategorisierenden 'Neuzeit'-Begriffs). Dem Postulat einer
steigenden oder zumindest erhöhten strukturellen sowie handlungsbestimmenden
(gesellschaftlichen) Komplexität als alleinigem Definitionskriterium des
Modernitätsbegriffes haftet das Manko an, daß es durch die Reduzierung auf den kleinsten
Nenner als wissenschaftliches Instrument unbrauchbar wird. Die alleinige Verwendung des
Modernitäts(Moderne)-Begriffes ist ebenso nichtssagend bzw. vieldeutig wie die des
Kulturbegriffes, dessen semantischer Gehalt jedoch - nach ebenfalls durchlaufenen
Bedeutungswechseln in den letzten 200 Jahren - weiterhin stärker an abendländische,
zivilisatorisch begründete Überhöhungsversuche erinnert (z. B. an die
Kulturkreislehre).
[UG]
(Post)Modernismus (= Inhalt, Mentalität) ist stilisierte und verdichtete
(Post)Modernität (= Form, Institution), wie sie sich in der (Post)Modernisierung (=
Prozeß) ausprägt. Die drei Dimensionen ergeben summa summarum: die (Post)Moderne!
Worin liegt der Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne? Offensichtlich zunächst
einmal im Vorher und im Nachher. Das Nachher wird dabei eher diffus artikuliert, denn es
ist noch dem Vorher verhaftet. Es bleibt somit begrifflich in der Schwebe, ob sich Moderne
und Postmoderne eher kontinuierlich oder eher diskontinuierlich zueinander verhalten.
Dieser Zustand begrifflicher Unklarheit spiegelt das wirkliche Leben ebenso wie den Tenor
von Zeitdiagnosen. Paradoxerweise folgt die begriffliche Unsicherheit gerade aus der
zunehmenden Reflexionsleistung im Rahmen der Moderne, die durch Prozesse funktionaler
Differenzierung ermöglicht werden. Überspitzt gesagt führt die reflexive
Selbsterkenntnis "wir sind nie modern gewesen"1
zur Schlußfolgerung "wir haben die Moderne bereits hinter uns". Der
Kollektivsingular der Moderne findet, indem er sich seiner selbst bewußt wird, in der
Postmoderne den prägnantesten Ausdruck.
Bei aller Unsicherheit, die damit verbunden ist, kann das Bekenntnis zur Postmoderne aber
auch zu einer Gewißheit führen: Es war alles schon mal da, aber nichts ist für die
Zukunft festgelegt. Insofern kommt es ganz auf uns selber an, wie wir unsere Wirklichkeit
konstruieren.
[NG]
§ 1: Wichtiger als die Frage nach Postmodernismus/Modernismus scheint mir die Frage
nach dem Verhältnis von Moderne und Postmoderne zu sein, denn daß sich zwei -ismen
voneinander unterscheiden bzw. unterscheiden müssen, ist in gewisser Hinsicht bereits
vorgegeben. Ob und wie sich hingegen Moderne und Postmoderne voneinander unterscheiden,
ist keineswegs so eindeutig. Auffällig ist ja, daß vermeintlich 'postmoderne' Züge
schon sehr früh in der Moderne zu beobachten waren. Der architektonische
Stileklektizismus der Postmoderne z.B. - wird er nicht bereits in Heinrich Hübschs Buch In
welchem Style sollen wir bauen? Beantwortet (1828) diskutiert? Und gute achtzig Jahre
später beklagte Franz Pfemfert 1911:
Unser Zeitalter erkennt Individualitäten nicht an. / Man hat ja nur nötig, durch unser Berlin, das Steindenkmal der Seelenlosigkeit, zu gehen, um diesen Satz zu begreifen. [...] Die Architektur hat Gelegenheit gehabt, sich zu betätigen. [...] Seht euch doch den Jahrmarktsstil im neuen Berliner Westen an. Die Architekten haben hier in allen Sprachen gesprochen. Ein Babel der Stilkünste. Es gibt keinen Stil, der nicht nachgeäfft wäre. Und die Seelenlosigkeit schreit aus allen Fensterhöhlen. Mit einem plumpen Saltomortale sind unsere Baukünstler über alle Kulturansprüche hinweggesprungen.2
Der Zitatismus als gerne bemühtes zentrales Merkmal postmoderner Strategie ist also
keineswegs neu, sondern war bereits ein integraler Bestandteil der Moderne, ist
Pluralismus doch die notwendige Folge erodierender traditioneller Autoritäten. Und selbst
der Begriff der 'Postmoderne' datiert bereits zurück in das Jahr 1917.3
Wenn überhaupt, dann ist die Postmoderne, wo sie nicht als Rechtfertigungsdiskurs für
'anything goes'4 herhalten muß, eine konsequente Umsetzung
der nicht immer konsequenten Moderne. Peter Engelmann formulierte dies so:
Wenn man die Bestimmung der Moderne nicht mehr mit Werten der Moderne verwechselt, erweist sich der Postmoderne-Begriff als strategischer Distanzierungsbegriff gegen nichtspezifische Bestimmungen der Moderne zur Durchsetzung der genuinen gesellschaftlich-politischen Disposition der Moderne. [...]
Postmoderne [...] bedeutet inhaltlich die Wiederaufnahme der Grundideen der Moderne.5
Dahinter steht die Vorstellung, daß Modernisierung, also der allmähliche Vollzug der
'Moderne', ein durchaus paradoxer Prozeß war, in dem a) traditionelle und moderne Modelle
der Gesellschaft noch miteinander konkurrierten, und b) jede Differenzierung entsprechende
Entdifferenzierungsprozesse auslöste. So war z.B. der Aufruhr gegen die konformierende
Macht der literarischen Tradition einer der Grundzüge der literarischen Moderne; an ihre
Stelle setzte man (z.B. im italienischen Futurismus) das Telos einer
literarisch-kulturellen tabula rasa. Der (auch antimetaphysische) Aufstand gegen die
'Väter' und deren homogenisierenden Einfluß führte jedoch nicht, was konsequent gewesen
wäre, zu einer Apotheose der Heterogenität, sondern zu neuen -ismen, sog. 'großen
Erzählungen' (Lyotard), die einzig und allein durch ihre Koexistenz Zweifel an der
Verbindlichkeit von 'großen Erzählungen' im allgemeinen nährten. Obendrein setzte man
jetzt die Moderne absolut, wie es Ortega y Gasset beschrieb:
Die Strebungen [...] gaben sich selbst den Namen der 'modernen Kultur'. Der Name schon ist beunruhigend: daß eine Zeit sich selbst 'modern' nennt, das heißt abschließend, endgültig, so daß alle anderen im Verhältnis zu ihr bloße Vergangenheit, bescheidene Vorbereitungen, ein Auf-sie-hin-sind, kraftlose Pfeile, die das Ziel verfehlen.6
In der Postmoderne wird nun versucht, durch die Abkehr von diesen 'großen
Erzählungen' und der Verabsolutierung der Moderne Raum zum Nachdenken zu gewinnen, eine
Diskussionskultur zu schaffen mit dem Ziel, das Projekt der Moderne auf seine Ursprünge
zurückzuführen, nämlich die rationale, dialogische Reflexion, die sowohl zu
verallgemeinern versteht als auch gleichzeitig die Heterogenität des Daseins zu erhalten
vermag. Dies ist keine Abkehr von Rationalität, sondern eine Reflexion dieser
Rationalität. Die Postmodernismus ist daher auch, wie Lyotard schrieb, keinesfalls das
Ende des Modernismus, "sondern dessen Geburt, dessen permanente Geburt",7 indem er nämlich - nicht zuletzt erkennbar an den
erbitterten Diskussionen über die Postmoderne - das hervorbringt, was er selbst
bezeichnet, nämlich einen reflexiven, heterogenen Diskurs.
§ 2: Dieses Verständnis von Postmoderne läuft auf eine Entzeitlichung des Begriffes
hinaus, der nicht länger eine Periode bezeichnen kann. Eine Postmoderne vor der Moderne
wäre natürlich unsinnig, aber die Abfolge Moderne zu Postmoderne ist nur sekundär eine
chronologische, primär aber eine systemtheoretisch-evolutionäre. Denn um ein System
(hier: die 'Moderne') zu konstituieren, bedarf es zunächst eines Differenzkriteriums, um
eine Grenze zur Umwelt zu ziehen (hier: die Differenz zur 'traditionellen' Gesellschaft,
die dadurch erst hervorgebracht wird), aber zum Ausbau der Komplexität des Systems (um
die Verarbeitungsfähigkeit zu erhöhen, d.h. hier: Orientierungs- und Erklärungsmodelle
bereitzustellen) muß jedes System irgendwann beginnen, auch autoreflexiv zu
agieren.
§ 3: Die Entzeitlichung des Begriffes 'Postmoderne' ist nicht zuletzt deshalb angebracht,
da die Postmoderne selbst das diachrone Versprechen der Moderne durch ein synchrones
Versprechen abgelöst hat: man denke nur an den häufig ironisch eingesetzten Zitatismus
oder an die Betonung der Synchronizität in den linguistischen Ausführungen de Saussures,
der wohl als einer der Urväter postmoderner Überzeugungen gelten kann. Ein anderer der
Urväter, Nietzsche, warnte in Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben schon
1874 eindringlich vor der Lähmung durch historisches Wissen und plädierte für ein
unhistorisches, Kontinuitäten negierendes Sein - wobei er allerdings auch für dieses
Plädoyer auf die ungeliebte Geschichte zurückgreifen mußte.
§ 4: Zweifel sind allerdings angebracht, ob die postmodernen Züge in der Wissenschaft
tatsächlich Ausdruck von Reflexivität und nicht viel eher von Differenzierung und
Diversifizierung sind. Der Postmodernismus ist hier wahrscheinlich nur sekundär eine
Krise der Rationalität und primär eine krisenhafte Folge des rasanten personellen
Wachstums der Universitäten seit den sechziger Jahren mit entsprechendem Zwang zur
Differenzierung. Für postmoderne Befindlichkeiten dürfen auch die wissenssoziologischen
Folgen von Kopierapparaten und Computern nicht unterschätzt werden.
§ 5: Kritisch ist schließlich anzumerken, daß die Postmoderne ein vielleicht
übergroßes Zutrauen in die 'Selbstheilungskräfte' von antimetaphysisch definierter
Rationalität hat. Seit dem 18. Jh. wird immer wieder die fehlende Reflexivität der
Rationalität beklagt, die offensichtlich einen 'Drall' zum Zweckfunktionalen, zur
technologischen Instrumentalität hat (s. Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung,
1947). Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob die vermeintlichen Fehlentwicklungen der
Rationalität in der Moderne (z.B. ihre Präferenz für Abstraktionen statt für
Heterogenität; ihre zweckrationale Ausprägung) nicht vielleicht ihren 'eigentlichen'
Charakter enthüllen. Mit anderen Worten: Wie kommen Adorno/Horkheimer, Lyotard u.a. dazu,
den Bock zum Gärtner zu machen? Liegt der Grund evtl. in ihrem unreflektierten
Selbstverständnis als Wissenschaftler und gar nicht im 'Gegenstand'? Ist es nicht
vielleicht ehrlicher, wie Hans Jonas (Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik
für die technologische Zivilisation, 1984) den großen Schritt zu wagen und den
Metaphysik-Verzicht der Wissenschaften als Grund für die vermeintlichen Entartungen der
(Post-)Moderne zu tadeln?
[SMS]
Nach Lyotard ist die Moderne durch die Herrschaft von Meta-Erzählungen geprägt.8 Sie geben eine Leitidee vor, die das Wissen einer Zeit
bündelt und auf ein Ziel hin ausgerichtet ist, beispielsweise auf die Emanzipation der
Menschen in der Aufklärung, auf die Hermeneutik des Sinns im Historismus, auf die
Befreiung der Menschen von Ausbeutung im Marxismus usw. Jedoch sind die Erfahrungen der
Menschen andere, und die Meta-Erzählungen sind unglaubwürdig geworden. Die Sehnsucht
nach dem Ganzen und Einen haben die Menschen im 19. und 20. Jahrhundert teuer bezahlt. Der
Verlust der Illusion von den Ganzheiten nimmt die Postmoderne als Gewinn, denn der Preis
für diese Illusion sind Zwang und Terror. Insofern sieht die Postmoderne die Abkehr von
Meta-Erzählungen als einen Zugewinn an Autonomie und Freiheit, als die Emanzipation des
Vielen. Die neue Orientierung lautet: Pluralität. Erst wenn man sich in der positiven
Vision der Vielfalt bewegt, ist man postmodern. Die Postmoderne bezeichnet nach Lyotard
nicht eine Epoche, sondern eher einen Gemüts- bzw. Geisteszustand jenseits von
holistischen Obsessionen. Diese Geisteshaltung bekämpft, daß eine einzelne Konzeption
mit ihrer Partikularität die Position des Ganzen beansprucht ("Krieg dem Ganzen...
aktivieren wir die Widerstreite"). Die Postmoderne schätzt das Heterogene und
Differente und trägt der Vielfalt der Sprach-, Denk- und Lebensformen Rechnung. Das
heißt, sie sprengt die Schemata von Chronologie, Epochen, Fortschritt und Überwindung.
Durch diese Radikalisierung der im Fokus stehenden Pluralität unterscheidet sich die
Postmoderne grundlegend von der Moderne.
[HG]
Moderne: Mit Moderne lassen sich solche Sinnträger wie Aufklärung, Humanismus
und Emanzipation, aber auch Skepsis und Fragmentarisierung assoziieren.
Mit der Moderne geht stets, wie immer man sie auch datieren mag, eine Erschütterung des Glaubens und, gleichsam als Folge der Erfindung anderer Wirklichkeiten, die Entdeckung einher, wie wenig wirklich die Wirklichkeit ist.9
Als Schlüsselbegriff tauchte Moderne im vorigen Jahrhundert auf und fand seinen Weg
über Frankreich nach Deutschland. Das Neueste und auch Beste bezeichnend, ist Moderne ein
ahistorischer Begriff, der jedoch, angewandt auf eine Epoche nie gekannter Wandlungs- und
Entwicklungsgeschwindigkeiten, nichtsdestoweniger auf der Zeitleiste geortet werden kann.
Mit Lyotard ist 'moderne' Kunst jene, der es darum geht "zu zeigen, daß es ein
Nicht-Darstellbares gibt. Sichtbar zu machen, daß es etwas gibt, das man denken, nicht
aber sehen oder sichtbar machen kann". 10
Moderne bedeutet auch: Rationalisierung in allen kulturellen Bereichen,
Fortschrittsglauben, Skepsis gegenüber Geschichte, gar Traditionen, Ablehnung und
Unverständnis gegenüber Nostalgie. Letztere wird durch die Moderne konstruiert und
stellt keine bloße Parallelentwicklung, sondern eine grundsätzlich entgegengesetzt
wirkende Strömung dar, in der die verschiedensten Kräfte zusammenwirken, um den in der
Moderne erfahrenen Verlust (von Sicherheit, Einheit, Sinn) ungeschehen zu machen, die
Werte einer prämodernen Welt zu rekonstruieren. Daß dies mitnichten ein zweites Paradies
schaffen kann, ist spätestens Nietzsche bewußt geworden.
Unter dem Thema Moderne wird demnach ein existentieller Streit um Fortschritt und
gesellschaftliche Sinnträger und Werte geführt. Zentralbegriffe der Moderne sind
Individualisierung, Differenzierung und - im Sinne Derridas im eurozentrischen Denken
abgelehntes (weil, wie üblich, negativ gedachtes) Komplement - Entfremdung: Die Welt
verliert ihren Zauber. Moderne ist damit auch gekennzeichnet von einer andauernden
Sinnkrise, von einem wachsenden Bewußtsein für die eigenen, nicht auflösbaren
Widersprüche. Mit dem Verlust von Fortschrittsglauben (oder anders: mit einem Vertrauen
in einen Sinn der Geschichte) setzt ideologisch die Postmoderne ein, in der Denken zur
Kritik an der Ratio und Fortschritt immer als falsifizierbar gedacht werden.
Postmoderne: Wenn die Moderne das Allerneueste, von Eliten welcher Art auch immer
Hervorgebrachte bezeichnet, muß dieser Begriff historisch final verstanden werden. Doch
genau das dialektische Leugnen einer solchen Logik kennzeichnet das Denken und die
Produkte der Postmoderne. Gesellschaftlich wird die Postmoderne von einem Überdenken,
erneutem Abwägen der Voraussetzungen gekennzeichnet, die den aktuellen Ansprüchen der
Menschen gerecht werden, ohne die natürlichen Voraussetzungen für ihr Leben und das
aller anderen zu negieren. Postmoderne läßt sich im Sinne Lyotards betrachten als
"ein neuer Vorstoß in Richtung auf eine angemessenere Form, Gesellschaftlichkeit
unter Wahrung des Grundwertes der europäischen Zivilisation, der Freiheit des
Individuums, zu denken und zu gestalten".11 Ein
Umdenken der Energiekonzepte oder der Vorstellung von 'Arbeit' zählt hier ebenso dazu wie
die Erkenntnis, daß holistische Modelle von Welt zu viele Elemente nicht
berücksichtigen, als daß sie einen anderen Sinn entwickeln können, als eben diese
Elemente zu unterdrücken. Genau dieser Punkt ist auch der Hauptansatz- und Kritikpunkt
Lyotards, der an den erprobten neuzeitlichen Erkenntnismodellen deren notwendige
Komplexitätsreduktionen und Differenznegationen für nicht länger frucht- resp.
brauchbar hält. Keine 'große Erzählung' mehr; 'Sprachspiele', denen jeder Mensch von
Geburt an ausgesetzt sei, ließen die vorhandenen Individialitäten zu, die heute die
Grundlage für adäquatere Gesellschaftsmodelle bilden müßten. Postmoderne erscheint in
diesem Zusammenhang eher als Bezeichnung für singuläre Ereignisse, als Zäsur, als
Moment der Regellosigkeit, das vermittels eines künstlich erzeugten Abstandes zu dem, was
als gesichert gilt, die Muße (vielleicht auch die notwendige Leere) schaffen soll, in
denen sich diese neue Philosophie formen läßt, "die von der Anerkennung der
Individualität und Heterogenität auszugehen versucht und folglich Gesellschaftlichkeit
als etwas Herzustellendes und nicht als Realisierung eines abstrakten Modells
betrachtet".12
Was heute als postmodern etikettiert wird, läßt sich vielleicht als marktgerechte
Variation des oben vorgestellten Konzepts begreifen. Postmodernität in künstlerischen
Produkten artikuliert sich gelegentlich in historisierenden, 'unlogischen' oder
'verspielten' Momenten, was als angenommene Entfremdung deutbar ist, als Akzeptanz einer
teilweise extremen Individualisierung und Subjektivierung, die mit einer Ästhetisierung
auch profaner Gegenstände einhergeht, die teilweise ihren Gebrauchswert einbüßen
müssen, bevor ihnen ein neuer Sinn im Spannungsfeld von Kult und Kunst zugewiesen werden
kann. Das Mißachten von Konventionen und Genregrenzen hat die Postmoderne mit der Moderne
gemein; das - moderne - Leiden am Ordnungsverlust scheint einer irrationalen - als
'postmodern' interpretierbaren - Freude am Chaotischen, einer fröhlichen und bewußt
gewählten Sinnlosigkeit gewichen zu sein.
Postmoderne ist nun ebenfalls ein seit mehreren Jahrzehnten alterungsbeständiges
Schlagwort, das dann verwendet wird, wenn Texte über Gewohntes oder Bekanntes hinausgehen
und neue Maßstäbe setzen.
[CB]
Modernisierung, modern und Modernität sind Begriffe der Aufklärung, die vor allem
Veränderung implizieren. Modernisierung wurde in der Gesellschaftsdebatte des 19.
Jahrhunderts zu einem Schlüsselbegriff und evozierte Fortschritt und Rationalität. Durch
rationales Handeln sollte die Welt nicht nur beherrscht, sondern auch verbessert werden.
Die Welt ließ sich als funktionales Ganzes verstehen und erklären, zugänglich durch
mehr und tiefergehendes Wissen.
Modernisierung war frühzeitig aber auch gleichbedeutend mit Differenzierung und
Spezialisierung, verlorengegangener Ganzheit und fehlendem Überblick, mit daraus
resultierenden Erfahrungen von Alienation und gesellschaftlicher Atomisierung. Kurz gesagt
war Modernisierung gleichzeitig sowohl Fortschrittsglaube als auch verlorener
Fortschrittsglaube.
Die Modernisierung müßte vor diesem ambivalenten Hintergrund als eine Zusammenfassung
einer Vielzahl von Prozessen gesehen werden wie Industrialisierung, Bürokratisierung,
Professionalisierung, Demokratisierung, welche einander gegenseitig beeinflussen. Die
Veränderungen und die Art, wie sie erlebt wurden, verliefen in den verschiedenen
Teilprozessen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, was Spannungen verursachte, die
zeitweise ungewöhnlich stark waren und dann Krisen genannt wurden. Erfahren werden diese
als Sinnkrisen. Anerkannte Wahrheiten und Referenzrahmen vermögen nicht länger Handeln
zu erklären und Orientierung zu vermitteln. Spannungen und Krisen sind ein Normalzustand
in einem permanenten Problemlösungsprozeß. Im Ausdruck 'Krise' liegt der Glaube an eine
vollständige Verbesserung eines ungesunden Zustandes; Krise agiert als mobilisierender
Begriff, ist jedoch im Nachhinein gesehen ein Ausdruck dafür, wie die Gesellschaft sich
durch Kontroversen über die Definition und Lösung von Fragen von Problem zu Problem
'hangelt'.
Diese Sichtweise bedingt die These, daß ein Begriff wie Modernisierung und das, wofür er
steht, nie definiert werden kann. Deshalb war der Begriff immer umstritten und ist dies
auch weiterhin. Gerade dadurch und durch den Umstand, daß er sich auf verschiedene Weise
gebrauchen läßt, war er politisch attraktiv.
Besonders wichtig in diesem Prozeß der Veränderung, der unter der Bezeichnung
Modernisierung zusammengefaßt wird, sind die Interpretationsrahmen und die Utopien, an
denen sich das Handeln orientiert. Die Utopien sind dichotomisch organisiert: rückwärts
zum Archaischen und Traditionellen und vorwärts zum Unbekannten. Koselleck spricht von
dem immer engeren Bereich für Problemlösungen zwischen dem Raum der Erfahrungen und der
Horizontlinie der Zukunft13. Die Erfahrungen sind hierbei
keine Sinneseindrücke in verhaltenswissenschaftlichem Sinne, sondern die durch Sprache
vermittelten historischen Erfahrungen. Die Zukunftsutopien verliefen in einer
evolutionistischen Richtung, manchmal rein chiliastisch.
Die Utopien fungierten sowohl als bestärkende und bejahende Handlungsorientierung als
auch als negierende und vernichtende Kritik. Diese Kritik der zukunftsorientierten Utopien
ist in den letzten Jahrzehnten oft als 'postmodern' zusammengefaßt worden. Gegen die
Ambitionen, auf wissenschaftlichem Weg zu einem Gesamtverständnis der Gesellschaft zu
gelangen, diese in einer 'großen Erzählung' zu konzeptualisieren, stehen die postmoderne
Kritik und deren Betonung des Kontextuellen und Widersprüchlichen. Die Kritik hat sich
besonders dagegen gerichtet, die Rationalität in der Modernisierung als zweckrational zu
verstehen. Sogar die Zweckrationalität ist inzwischen aufgrund der Ungewißheit um ihr
Ziel und ihre Mittel problematisch. Kritisiert wurde beispielsweise die Suche nach
Ganzheit und Rationalität in der Form der 'wirklichen' Wirklichkeit, die eine Triebkraft
in den Gesellschaftswissenschaften war.
Diese Kritik ist jedoch keinesfalls so neu, wie die Bezeichnung 'postmodern' uns glauben
lassen will. Nietzsche behauptete, daß jede Wahrheit im Grunde Fiktion sei, die von einer
Werterhetorik ausgehe. Es gebe keine Wahrheit oder Wirklichkeit, die für uns jenseits
dessen zugänglich ist, was durch Sprache vermittelt werden kann. In diesem Zusammenhang
kann auch auf Kants Bestimmung des 'Dinges an sich' als etwas, das unseren Sinnen
unzugänglich sei, verwiesen werden. Die Erfahrungen der Atomisierung und Alienation, die
ebenfalls als eine Konsequenz dieser Überlegungen zu verstehen sind, wurden vor
einhundert Jahren unter dem Begriff Fin de siècle zusammengefaßt, in dem sich
Pessimismus ausdrückte.
Die Problematisierung der Möglichkeit, rational zu Einsichten über eine Wirklichkeit
hinter jener diskursiven, durch Sprache und Symbole vermittelten zu gelangen (die
Machtverhältnisse ausdrückt und zugleich ein Ausdruck von Machtverhältnissen ist),
liegt in der Verlängerung der aufklärerischen Utopie. Deren Idee, daß wir auf
kumulative Weise durch immer mehr Wissen eine immer wahrere Welt beschreiben und
erklären, eine immer 'wirklichere' Wirklichkeit, wich zunehmend der Einsicht, wie
widerspruchsvoll sowie situations- und zeitgebunden diese Wirklichkeit ist, wie
konstruiert, im Grunde wertbestimmt und nicht wertfrei. Das Paradox der Aufklärung kann
daher folgendermaßen ausgedrückt werden: Je mehr wir wissen (kumulativ verstanden),
desto weniger wissen wir (verstanden in bezug auf das Ganze der 'Wirklichkeit'), und das,
was wir wissen, ist werte- und normenabhängig.
Vor dem Hintergrund dieser Einsicht ist der Begriff 'postmodern' nichts anderes als ein
selbstreflektierender und -problematisierender Spiegel für das moderne Projekt, eine
rückwärtsgewandte Kritik, die Teil der Modernisierung wird und dieser Legitimität
verschafft, auf die gleiche Weise, wie Utopien, indem sie traditionelle Werte evozieren,
Veränderung in Form von Kritik inkorporieren und legitimieren. Weder Tradition (also die
Prämoderne) noch die Postmoderne stehen im Widerspruch zur Modernisierung, sondern sind
ein wesentlicher Teil von dieser, ein Korrektiv in Form von Kritik und Utopie.
Die rückwärts- und zukunftsorientierten Utopien, die die Aufgabe haben, das Handeln im
Modernisierungsprozeß auszurichten und zu legitimieren, orientieren sich in zwei
Richtungen: ausgerichtet auf das Holistische und auf das Individuum, wobei es immer eine
Spannung zwischen diesen beiden Richtungen gegeben hat. Oft hatten die
rückwärtsgewandten Utopien eine holistische Tendenz und die zukunftsgewandten eine
individualistische. Die individualistische Tendenz ist von holistischer Warte aus oft
kritisiert worden als atomisierend und gesellschaftliche Gemeinschaft zerstörend, wodurch
holistisch orientierte Forderungen und Utopien erzeugt worden sind. Die Metapher des
Marktes kann als ein Versuch aufgefaßt werden, die Spannung zwischen Holismus und
Individualismus zu überwinden und eine harmonisch funktionierende Ganzheit auf
individueller Basis zu schaffen. Die Romantik läßt sich in ihren politischen
Ausdrucksformen als eine Variante des holistischen Traumes in einer von Atomisierung
bedrohten Welt begreifen. So gesehen wird die Romantik Teil der Moderne und der
Aufklärung und nicht zu einer Alternative letzterer. Die Ausdrucksformen der Romantik in
den verschiedenen politischen Kulturen sind Ausdruck der Spannung zwischen Holismus und
Individualismus. Diese Spannung scheint in Skandinavien geringer als in Deutschland
gewesen zu sein.
Diese Prozesse wie Kritik, Krise und Neuorientierung sind oft widersprüchlich, was
Koselleck schon in seiner Doktorarbeit Kritik und Krise14
Mitte der fünfziger Jahre nachwies. Als typisches Beispiel führt Koselleck die liberale
aufklärerische Kritik gegen absolutistische Regimes an. Durch die Voraussetzungen, die im
Absolutismus für die Ausübung von Kritik galten, mußten sich die Kritiker in
Geheimgesellschaften vom Typ der Freimaurer zusammenschließen, die langfristig im
direkten Gegensatz zum Aufklärungsideal, das sie hervorgebracht hatte, standen. Ein
anderes Beispiel ist, wie Freiheit und Gleichheit, im Motto der französischen Revolution
noch eine Einheit, sich mit der Zeit in zwei politische Ideologien aufspalteten, den
Liberalismus und den Sozialismus, welche in ihrer praktischen Anwendung und äußersten
Konsequenz im Kalten Krieg einander frontal gegenüberstanden.
Ein Motor in der Kritik und Neuorientierung, der Dekonstruktion und Rekonstruktion
wertebestimmter Handlungsorientierung und -legitimation, ist die Suche nach neuen
Gemeinschaften. Die Vision der 'guten Gesellschaft' ('det goda samhället') nach dem
Zweiten Weltkrieg war als alternative Gemeinschaft zur holistischen konzipiert, die mit
verheerenden Folgen in den dreißiger Jahren kulminierte. Die Gründung der Europäischen
(Wirtschafts-)Gemeinschaft in den fünfziger Jahren war als alternative Gemeinschaft zu
den nationalen Projekten gedacht, die in die Katastrophe geführt hatten, aber auch als
Alternative zur osteuropäischen Ordnung, die sich als Gegenstück zur westeuropäischen
Gemeinschaft im Kalten Krieg andeutete.
Gemeinschaft ist nicht, wie Tönnies es 1887 in Gemeinschaft und Gesellschaft darlegte,
etwas, das im Gegensatz zur Gesellschaft steht, etwas Wahrhaftigeres und Natürlicheres
als die von der Modernisierung erzwungene artifizielle Gesellschaft, denn Gesellschaft ist
nur eine Sonderform von Gemeinschaft. Die gesellschaftliche Gemeinschaft variierte
historisch und besaß dabei eine utopische Ausrichtung, die zeitweise Proportionen eines
ideologisch übersteigerten romantischen Holismus annahm. Zeitweise ging sie jedoch auch
eine Symbiose ein mit einem Staat, der soziale Verantwortung bei der utopischen Schaffung
der 'guten Gesellschaft' von allgemeiner Wohlfahrt und Glück übernahm; oder sie befand
sich in einer anderen Symbiose mit der bürgerlich-zivilen Gesellschaft, die sich am
Individuum ausrichtet, in Unterscheidung zur erdrückenden Staatsmacht. Gemeinschaft ist
zentraler Bestandteil von Modernisierung. Gemeinschaft wird ständig utopisch zwischen
Dekonstruktion und Rekonstruktion transformiert. Ein großer Teil der Rekonstruktion
handelt von der Wiederherstellung von Gemeinschaft.
Eine wichtige Frage ist, ob Modernisierung (im Weberschen Sinne von 'entzaubernder'
Rationalisierung) letztlich die utopische Neuschöpfung unterdrückt. Es war ja das Ende
der Geschichte, das Weber in einer Zeit vor sich sah, als die Zukunft immer weniger
greifbar schien und die Gesellschaft langfristig immer weniger steuerbar, da sie als Folge
gesteigerten Steuerungsvermögens zu Tode gesteuert werden könnte.
Als Folge dieser Überlegungen habe ich Probleme mit den Begriffen 'System' und
'Struktur'. System ist allzu geschlossen und allzu funktional/teleologisch sowie zu sehr
verwoben in eine funktionalistische soziologische Theorie im Stil der fünfziger Jahre mit
Vorstellungen, wonach sich Gesellschaften mit einem Aufgebot von Techniken steuern
ließen, in denen beobachteten Abweichungen stets durch Verfeinerung der Techniken
abgeholfen werden könne. Der Begriff 'System' ist auch eng mit neoklassischen
Gesellschafts- und Wirtschaftstheorien verbunden. Ein System im neoklassischen Sinne sucht
und findet immer irgendwie sein Gleichgewicht, das als Normalzustand betrachtet wird.
'Struktur' ist - wie 'Formation' - als analytischer Begriff der Gesellschaftsanalyse allzu
statisch. Ich ziehe 'Transformation' vor, also Umwandlung, wo immer ein Teil des Alten
beibehalten wird und gleichzeitig immer etwas Neues hinzukommt. Parallel zur
Transformation würde ich den 'Prozeß' als analytischen Schlüsselbegriff favorisieren.
Mit diesem Schlußsatz wird nicht als zentrale Frage benannt, ob Kontinuität und
Diskontinuität eine bestimmte Entwicklung kennzeichnen, sondern es gilt festzustellen, in
welchen Mischformen von Kontinuität und Diskontinuität diese stattgefunden hat.
[BS, übersetzt von CB und SMS]
1
: Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Berlin: Akademie, 1995.