Rationalität: Ausblendung individueller Emotionen. Kopfbetontheit (Einbeziehung
von Emotionen nur in kritischer Reflexion oder Ablehnung).
Wissenschaft: Gesellschaftlich akzeptiertes Aufwerfen von Fragen - alle Bereiche
des menschlichen Vorstellungsvermögens betreffend - unter gleichzeitiger Entwicklung und
Weiterentwicklung (Diskurs) von Beantwortungsmechanismen.
[UG]
Wissenschaft bezeichnet ein geordnetes, folgerichtig aufgebautes,
zusammenhängendes System von Erkenntnissen und deren Erzeugung. Universitäten gelten als
der Ort, an denen Wissenschaft betrieben und vermittelt wird. In Deutschland sind sie in
der Humboldtschen Bildungskonzeption zu begreifen, in der Forschung und Lehre in einem
ständigen und befruchtenden Austausch zu stehen haben.
Ein starker Akzent dieses Konzepts liegt deshalb auch auf Allgemeinbildung und
Grundlagenforschung; der Zweck der Universität habe nicht ein sofortiger, meßbarer
Nutzen zu sein - vielmehr sichere das universalistische (letztlich aufklärerische)
Prinzip dieser Einrichtungen eine langfristige Bestätigung ihres Sinns für die
Gesellschaft.
In der Tradition des deutschen Universitätsideals des 19. Jahrhunderts fühlten sich die deutschen Universitätslehrer in besonderem Maße als Nationalpädagogen, als Erzieher zum 'deutschen Wesen' und beanspruchten in dieser Rolle eine politisch-soziale Führungsrolle.1
Nachdem diese elitär-chauvinistische Selbstdefinition spätestens mit dem
Nationalsozialismus indiskutabel geworden ist, wird den Universitäten in der Tagespolitik
auch ihr universalistischer, aufklärerischer Ansatz zunehmend aberkannt.
Naturwissenschaftliche Forschung findet in den Großlabors der Konzerne statt,
geisteswissenschaftliche gefördert durch die Stiftungen derselben, Grundlagenforschung
hie und da - aber hier liegt Deutschland schon deutlich unter dem Weltniveau - in
universitären Vorzeigeinstituten. Deutschland als Wissenschaftsstandort wird heute meist
kritisch bis resigniert beurteilt (Politiker, Presse, involvierte Wissenschaftler), bald
beschwörend und zwangsoptimistisch (dieselben Personen vor Dritten und im Ausland). Das
nachdrückliche Anmahnen neuer Konzepte und tatsächlich dringlicher
Strukturveränderungen an den Universitäten wirkt jedoch unter dem jetzt herrschenden
Sparzwang nach meiner Meinung bloß lähmend und als zusätzlicher Druck und kann (mit dem
schon schneidenden Damoklesschwert als allgegenwärtiger Erinnerung) bei den Beteiligten
zu keinen soliden und kurz- wie langfristig wirkungsvollen Verbesserungen führen.
[CB]
Rationalität ist Input und Output der Wissenschaft. Durch den Rationalitätswandel im
Übergang von der Moderne zur Postmoderne führt dies für die Wissenschaft von der
Hinwendung zum Homogenen, Eindeutigen und Identitären (kurz: sicher Scheinenden) hin zum
Heterogenen, Mehrdeutigen und Differenten (kurz: Unsicheren). Wissenschaft arbeitet mit
dem Steuerungsmedium Wissen, das in der reflexiven Postmoderne nur eine Sinnstiftung
zweiten Grades bewirken kann. Nicht Sinnsubstanz, sondern Strukturen der Sinnproduktion
sind Gegenstand von Rationalität und Wissenschaft.
[NG]
Rationalisierung bedeutet nach der 'Subjekt-Objekt-Problematik' (des Marxismus
beispielsweise) das Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit mit dem Ziel der
Beherrschbarkeit der 'objektiven' Prozesse. Hier wird davon ausgegangen, daß das Objekt
unabhängig und außerhalb vom menschlichen Bewußtsein existiere und Gegenstand
menschlicher Erkenntnis und Praxis sei. Der Gradmesser für Wahrheit liege darin, daß das
Subjekt die objektive Realität adäquat widerspiegele, daß also die Erkenntnis mit dem
Objekt übereinstimme. Dagegen behauptet der Konstruktivismus, daß es zwar eine Realität
der Außenwelt geben könne, diese aber kognitiv unzugänglich sei. Das 'moderne' Wissen
sei der Wirklichkeit nicht näher gekommen und habe auch nicht die 'Wahrheit' über die
Wirklichkeit nähergebracht, sondern habe in erster Linie eine Veränderung menschlicher
Gesellschaften, individueller Denk- und Lebensweisen, Werteinstellungen usw. bewirkt. Beim
Konstruktivismus geht es letztlich nicht um die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit,
sondern um den Nutzen des Wissens im Erkenntnisprozeß als entscheidenden Faktor.
Nützlich ist solches Wissen, das in seiner Art nicht fremd ist, also an Bekanntes
anknüpft und nach dem Maßstab der Kriterien effektiv ist. Die Idee der Erkennbarkeit
einer absoluten Wirklichkeit verliert hier ihren Sinn, demnach muß sich Wissenschaft in
jedem Fall hinsichtlich ihres Nutzens für menschliches Leben ausweisen. In diesem Sinne
vertritt der Konstruktivismus ein pragmatisches Wissenschaftskonzept: Es dient der
Sicherung des Individuums, der Optimierung der Lebensbedingungen und der langfristigen
Sicherung des Überlebens der Art.
Wenn also Wahrheit und Wirklichkeit als letztverbindliche Berufungsinstanzen ausscheiden,
weil sie prinzipiell von keinem Menschen erkennbar oder besitzbar sind, müssen die
Menschen selbst Verantwortung für ihr Handeln, ihre Kognition übernehmen. Damit
verschieben sich die Bewertungsmaßstäbe auf das Ethische, wird die Erreichung beliebiger
Ziele als Selbstzweck nicht mehr legitimierbar. Die konstruktivistische Umorientierung
wissenschaftlicher Forschung vollzieht sich innerhalb der Kategorien von wahrem (bzw.
objektivem) auf brauchbares (bzw. für Menschen nützliches) Wissen, von Deskriptivität
auf Problemlösung, von Objektivität auf Intersubjektivität von Erfahrungen in
kognitiven Welten interagierender Partner.2
[HG]
Mit der 'Moderne' wird u.a. die Krise bezeichnet, in die der wissenschaftliche Logos
durch die Verarbeitung von Gottes Tod geraten ist. Ohne das Postulat einer Transzendenz
kann nicht angenommen werden, daß Zeichen außersprachliche Wirklichkeit repräsentieren,
und somit ist der klassische referentielle Diskurs theoretisch an seinem Ende angelangt:
Praktisch reagierte die Wissenschaft mit der Umstellung ihres Selbstverständnisses durch
die entschiedene Aufgabe der Wertfreiheit und dadurch mit der Verabschiedung der nicht
zuletzt durch Kant propagierten Trennung von Theorie und Praxis. 'Aufklärung' und
'Romantik' figurieren nun als Wertoptionen im Rahmen einer Art 'Rhetorisierung' (Rhetorik)
von Wissenschaft. Wo keine Wahrheit mehr durch Sprache im Sinne eines bloßen Mediums zu
finden und mit der Autorität der ihrer selbst gewissen Vernunft zu vertreten ist, ist die
Platonische Sprach- und Wahrheitsauffassung aus dem Feld geschlagen, und die innerhalb
dieses Kontextes verachtete Rhetorik bleibt allein zurück. Diese kann man nun einsetzen,
um eine Welt (der Wissenschaft) nach eigenen Vorstellungen entstehen zu lassen und sie den
Rezipienten glauben zu machen - diese sophistisch-suggestive Strategie, die der Rhetorik
ihren historisch schlechten Ruf eingebracht hat, wird vom harten Kern der
Dekonstruktivisten mit romantischer Wertoption angewandt (eine Verleumdung?) -, oder man
kann es wie ein Teil der Konstruktivisten halten: die Vereinbarkeit von aufklärerischen
Werten und aristotelischer Rhetorik betonen und in einem gemeinschaftlichen freien Diskurs
über das Mögliche Theorie und Methode ansiedeln.
[AB]
1
: Jansen, 219.