Konstruktion und Diskussion zentraler Arbeitsbegriffe: Rekonstruktion/Dekonstruktion

Im Prinzip befindet sich die Wissenschaft durch die Repräsentationskrise überhaupt im Zustand der Dekonstruktion. Die 'eigentlichen' Dekonstruktivisten nehmen dieses Zustand aber besonders tragisch, was nicht ganz ohne (falsches) Pathos möglich zu sein scheint. Die grundlegende Annahme besteht darin, daß Bedeutung in Sprache nicht zu finden ist: Indem der Ansatz, Sprache könne ohne Annahme von Transzendenz nichts repräsentieren, ausgebaut und variiert wird, kommt es zu verschiedenen Postulaten über die Gehaltlosigkeit von Sprache an Sinn und Wahrheit. Diese Behauptung aber läßt sich mit soviel Radikalität nur vertreten, wenn ein zentraler Aspekt der Rhetorik negligiert wird: die Pragmatik. Abstrahiert man von ihr und betrachtet die Sprache als System, wird man nicht umhin können, die dekonstruktive Grundannahme zu teilen, daß Sprache immer tropisch ist und man unter diesem Aspekt den Sinn eines Textes folglich vergeblich sucht. Die daraus zu deduzierende Undechiffrierbarkeit von Texten wird man jedoch nur dann emphatisch vertreten wollen, wenn man der Sprache eine Autonomie einräumt, die sie als ein von Menschen gemachtes, endlich-unzulängliches Kommunikationsmittel nicht hat, und ihre Leistungsfähigkeit nach einem Maßstab mißt, der nach der Aufgabe von metaphysisch-idealistischen Postulaten hinfällig ist. Absoluter Sinn und Wahrheit sind in und durch Sprache selbstverständlich nicht zu finden - durch Konventionen, Kodes und Kontexte macht das Senden und Empfangen von Botschaften aber doch relativ 'viel Sinn', und Dank gebührt den Dekonstrukteuren, die einem in Erinnerung rufen wollen, daß sprachliche Verständigung dabei immer über Persuasion und nicht über autoritative Eindeutigkeiten erzeugt wird. Doch steht man in der Schuld von längst nicht allen Dekonstrukteuren - eine große Anzahl bereitet sich das eher private Vergnügen, im Rahmen ihrer Analysen so zu verfahren, als seien die metaphysisch-idealistischen Postulate nicht längst in Frage gestellt, um sich so die Gelegenheit zu verschaffen, einmal mehr zu inszenieren, wie sich diese mit der und durch die Sprache selbst destruieren. Dies führt unweigerlich dazu, daß diese Art der dekonstruktiven Praxis mindestens so abhängig von metaphysischen Annahmen ist wie die wegen derselben Verfehlung übel gescholtene Hermeneutik. Verabsolutierten Dekonstrukteure z.B. nicht zuerst die Position einer vergangenen Poetik zum Gesetz, daß eine Metapher Identität und damit metaphysische Präsenz impliziert, läge in der innerhalb der Rhetorik festgeschriebenen Funktion der Metonymie als eine der Metapher 'entgegenarbeitende' Figur der Kontiguität keine so dekonstruktive Bewegung.
Nicht frivole Berechnung jedoch, sondern tiefere Sehnsüchte sind es, die die Dekonstruktivisten dazu verleiten, die Trennung von Sprache und Transzendenz im Widerspruch zu ihrem Anspruch nicht zu radikalisieren, sondern immer wieder zu beschwören. Das wird daran deutlich, daß im Kontext von Dekonstruktion die Antipathie gegenüber einem (post-)aufklärerischen Sprachverständnis, bei dem Vernunft Wahrheit zwar nicht mehr repräsentativ zugänglich ist, Vernünftiges aber als Konsens durch gemeinschaftlichen Diskurs zu erreichen ist, einhergeht mit der Auferstehung einer Art theologischem Diskurs, der sich als Apotheose des Romantischen geriert, was durchaus der Übernahme eines bestimmten romantischen Selbstverständnisses entspricht. Dies wird besonders deutlich am Fall von de Man. Indem es ihm zunächst gelingt, die an Goethes Symbolbegriff orientierten Romantiker sich durch die Unterstellung eines Hölderlinschen Sprachverständnis scheinbar selbst ad absurdum führen zu lassen,1 verkündet er in einem nächsten Schritt auf eine selbst für einen damals noch in den Anfängen begriffenen Dekonstruktivisten eigentlich ganz unhaltbar definitive Weise, was wahre(!) Romantik ist:

Those who glorify the beauty of the soul are called 'romantics', and 'traditional sanctity' surely indicates the wisdom of the esoteric tradition to which Yeats claims allegiance. The 'romantics' are those initiated in that tradition or spontaneously attracted to it, not the 'natural' romantics like Wordsworth or Keats. The true 'romantics' know "Whatever's written in what poets name/ The book of the people..." and from Yeat's essays on folklore we know that what he and other 'poets' find there is precisely the esoteric tradition in a particularly otherwordly form - so otherwordly, in fact, that it rejects much of Plato himself as too earthbound.2

Das lange Zitat scheint mir insofern gerechtfertigt, als es zeigt, welche (enttäuschten) Sehnsüchte de Mans Dekonstruktion nährt: die nach einer transzendenten Erfahrung ohne irdisches Äquivalent und nach einer antinaturalistischen Imagination, die nicht versucht, irdisch Geschautes nachzubilden. Es ist schon eine etwas befremdende Inkongruenz der Dekonstruktion, im Namen der Logik strenge Prämissen aufzustellen, die darauf abzielen, sie auszuschalten, um unter anfänglicher Einhaltung scheinbar konsequentester Deduktion sich dann das Tor zum Irrationalen öffnen zu lassen.
Diese Glorifizierung des Romantischen als transzendente Erfahrung verstärkt sich eher noch bei de Mans Nachfolgern, wie an Horace Engdahl deutlich wird, wenn er hymnisch den romantischen Text im gleichnamigen Buch besingt, dessen grenzüberschreitende Energie sich durch die Sprengung logischer und rhetorischer Ordnungen freisetze und der den Weg bahne für Erfahrungen, die logisch dechiffrierbare Ausdruckskunst nicht vermitteln könne - er den romantischen Text sogar als Muttersprache der Seele feiert und sich von ihm quasireligiöse Erlebnisse verspricht.3 In Verlängerung welcher idealistischen Tradition diese Apotheose des Romantischen geschieht, wird im Abschnitt Aufklärung/ Romantik zu zeigen versucht. Obwohl es den dekonstruktivistischen Positionen eigentlich zuwiderlaufen müßte (oder wird die Unhaltbarkeit des Metaphysischen nur deswegen so betont, um zu einem reineren mystischen Erleben zu gelangen?), trägt diese Spielart der Dekonstruktion stark zur Sakralisierung von literarischen Texten bei.

[AB]


Dekonstruktion: Als zweiter und zutreffenderer Name für das geprägt, was als Poststrukturalismus zuerst mit dem Namen Derrida, aber auch mit Foucault und de Man assoziiert wurde und wird, ist Dekonstruktion die Bezeichnung für eine philologisch-philosophische Richtung, deren Erfahrungen sich zwischen den singulären Texten je anders übertragen und anwenden lassen, ohne daß sie in ihrer Gesamtheit als Methode greifbar werden. Dekonstruiert werden kann nur, was vorher (an diskursiver Bedeutung) konstruiert wurde. Dinge der objektiven Realität, die unabhängig vom Menschen entstanden und existieren, dürften deshalb im logischen/theoretischen Sinne nicht dekonstruibel sein.
Bei Derrida haben nun die Strukturen die permanente Tendenz, aus sich heraus zusammenzubrechen. Dies aufgrund der Tatsache, daß jede angenommene Textstruktur gewisse, sich nicht einfügende Elemente ihres Systems unterdrücken muß. Dekonstruktion als 'Methode' verstehe ich wörtlich als kritisches Zerlegen (nicht zuletzt, um die 'unpassenden' Elemente aufzuspüren) einer Argumentation, eines Kunstwerks, eines Paradigmas etc. in seine Elemente und Elementgruppen unter Beachtung der Affektionen untereinander sowie der jeweiligen Wirkung des jeweiligen komplexen Systems auf seine Umwelt - um so möglichst den "totalisierenden Reduktionismus, der im Begriff der Methode steckt, zu vermeiden"4. Das traditionelle westliche logozentrische Denken funktioniert laut Derrida nur durch radikales Ausgrenzen der diesem System widersprechenden (zahllosen) Elemente. Die Dekonstruktion ist in diesem Sinne ein Post-Strukturalismus, weil sie die Strukturanalyse, die Auffassung von den bedeutungsvollen Strukturen und die Stellung des Subjekts im System der Beziehungen infragestellt und damit die grundlegenden Ansätze des Strukturalismus kritisiert. Die verhältnismäßig starre Struktur arbeitet gezwungenermaßen mit binären Systemen wie Natur-Kultur, Theorie-Praxis, Subjekt-Objekt; die Dekonstruktion (mit Derrida) kritisiert diese Gegensätze als alogisch und durch westliche Werte konstruiert: Die 'positive' Seite dominiere die jeweils andere, die hiermit letztlich marginalisiert, wenn nicht undenkbar werde.
Rekonstruktion: Wiederherstellung (des ursprünglichen Zustandes), Nachbildung, das Ergebnis von beidem, Bericht eines Vorgangs nach der Erinnerung. Der ursprüngliche Zustand ist allerdings nie völlig wiederherstellbar - das Original und sein Rekonstrukt (die zeitlich zudem noch durch den Akt der Dekonstruktion verbunden sind) ähneln sich bestenfalls wie das Original und sein Duplikat - rekonstruiert wird demnach stets das gleiche und nicht das selbe. Die Rekonstruktion bezeichnet einen Prozeß, der idealiter nicht nur objektiv die Konstruktion nachvollzieht, sondern hierbei mit der ursprünglichen Intention vorgeht. Dieser Akt des Wiedererzeugens, Nachempfindens, Wiederholens erlaubt Schlüsse auf denn Sinn/die Struktur des Originals. Daß bei der Rekonstruktion praktisch nur eine weitgehende, vielleicht größtmögliche Annäherung an die Konstruktion des Originals erfolgen kann, versteht sich von selbst. Die Rekonstruktion korrespondiert insofern mit der Hermeneutik, als daß beide, gebraucht als Methode, Texte zu deuten, nur die Texte selbst für diese Deutung nutzen. Rekonstruktion wie Hermeneutik suchen nach der Intention der Person, welche den Text erzeugt hat und legen diesen, den textinternen Vorgaben zu folgen suchend, aus. Hierzu wäre jedoch nicht nur die exakte Abfolge der ursprünglichen Konstruktion notwendig, sondern auch eine Parallelität der Erfahrungen von Konstruent und Rekonstruent sowie die Identität von Raum und Zeit. Dies ist selbstverständlich nur für das eine Original möglich - das durch Näherung angestrebte Ideal erweist sich als Paradox (was die methodische Eignung jedoch keinesfalls in Frage stellt).
Die Dekonstruktion hingegen ermöglicht durch Offenlegung der Strukturen und Binnensysteme einen Interpretationszugang zum Text als Ergebnis eines Konstruktionsprozesses, d.h. zu dem zu dekonstruierenden Original. Die gedachte Umkehr der Abfolge und der Konstruktionsstadien versucht, aufgrund vorgefundener Teile das Ganze zu interpretieren.

[CB]


Rekonstruktion wie Dekonstruktion gemeinsam ist der Bezug auf die Konstruktion, also die notwendigerweise ein Ich umschließende Errichtung von etwas, das außerhalb dieses Ichs liegt (ein geschichtlicher 'Sachverhalt', eine 'Textbedeutung' o.ä.). Angesprochen ist also bei der Rekonstruktion wie bei der Dekonstruktion eine Subjekt-Objekt-Problematik, und auch die Lösungsvorschläge sind überraschenderweise ähnlich: Sie laufen nämlich beide auf eine Vorherrschaft des Objektes hinaus.
Bei der Rekonstruktion wird postuliert, daß ein Objekt ohne Einbringung subjektiver Züge wiederhergestellt werden kann - was in kulturellen Bereichen bezweifelt werden muß, weil wissenschaftlich relevante Objekte immer notwendig Objekte eines Diskurses sind, also kommunizierte Objekte, die sich nicht aus ihrer Kommunikationssituation herauslösen lassen. Sicherlich ließ sich die Hieroglyphenschrift dechiffrieren, doch damit wurde sie keineswegs rekonstruiert: Wo sind ihre Schreiber, ihre Glaubensvorstellungen, gar ihre intendierten Leser? Rekonstruktion kann also in geschichtlichen Zusammenhängen nur heißen: Aktualisierung unter den Bedingungen unserer eigenen Kommunikationssituation.
Bei der Dekonstruktion wird ähnlich versucht, das Objekt möglichst wenig durch das Subjekt zu kontaminieren, aber noch radikaler: es auch nicht einer Zielvorgabe des Subjektes zu unterwerfen, wie es die Rekonstruktion ist. Der Text in seiner Polyvalenz soll hier möglichst erhalten bleiben; die De-Konstruktion bezieht sich also nicht auf das Objekt, sondern auf das Wollen des Subjekts, das eben vergeblich den Text auf seine eigenen Vorstellungen und Ziele hin ausrichten will. Derrida betont, wie sich das Objekt immer wieder dem Subjekt und seinen Zielen zu entziehen sucht; seine Theorie ist daher durchaus auch als Entfremdungstheorie zu lesen, wobei - ähnlich wie bei Marx - das utopische Zentrum (zumindest auf einer Metaebene) in den Objekten liegt.

[SMS]


1: Paul de Man: "Intentional Structure of the Romantic Image". In: Ders.: The Rhetoric of Romanticism. New York: Columbia University Press, 1984, 1-17. Erstmals gedruckt in frz. Version: "Structure intentionnelle de l'image romantique". In: Revue internationale de philosophie 51 (1960), 68-84, dann in Übersetzung durch den Autor in: Harold Bloom u.a. (Hg.): Romanticism and Consciousness. New York: Norton, 1970, 65-77.
2: Paul de Man: "Symbolic Landscape in Wordsworth and Yeats". In: Ders: The Rhetoric of Romanticism, 125-143, zitiert 141f, Reprint aus: A. Brower u. Richard Poirier (Hg.): In Defense of Reading. New York: Dutton, 1962, 22-37.
3: Horace Engdahl: Den romantiska texten. En essä i nio avsnitt. Stockholm: Bonniers, 1986. Ich paraphrasiere hier das Schlußkapitel "Vad är en romantisk text?", 264-274.
4: Peter Engelmann: "Einführung". In: Ders. (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart: Reclam, 1990 (= Reclams Universal-Bibliothek; 6886), 23.


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