Rhetorik ist - mit Eco - "eine Technik vernünftigen menschlichen Redens,
das vom Zweifel kontrolliert wird und allen historischen, psychologischen und biologischen
Bedingtheiten jeder menschlichen Handlung unterworfen ist"1.
Rhetorik bezeichnet ebenfalls die Wissenschaft von der Kunst des argumentativen
Überzeugens. Ihre Methoden sind seit der Antike bekannt (damals bezeichnete Rhetorik
Ansprachen vor Gericht, politische Ansprachen und Laudatiae) und vielfältig ausgebaut
worden. Nach einer weiteren Blüte in Renaissance und Humanismus kritisierte der Skeptiker
Kant die Rhetorik als "die Kunst, sich der Schwäche der Menschen zu seiner Absicht
zu bedienen"2. Dies klärt auch den heutigen
umgangssprachlichen Gebrauch des Begriffs im Sinne von Floskelhaftigkeit und
mißbräuchlich eingesetzter Überredungskunst. Das persuasive Moment der Sprache nimmt in
der Rhetorik eine Zentralstellung ein. Die Rhetorik weist Parallelen zur Poetik, aber auch
zur Topik und zur Dialektik auf. Gerade die enge Verbindung zur Poetik, besonders in der
Stilistik (wichtigstes Unterscheidungsmerkmal: die Intention), begründet ihre
Literarisierung - in diesem Falle bildet die Rhetorik das Gegenstück zur Grammatik. Als
wissenschaftliche 'Nachfolgerin' der Rhetorik läßt sich die bei weitem weniger
formalisierte Stilistik betrachten.3
Literaturwissenschaftlich bezeichnet Diskurs die konkrete Ausformung eines Textes
(wozu eben Medium, Aussage und Bestandteile desselben nicht ausreichen). Man unterscheidet
zwischen Genotext-Diskurs (den Regeln, die die Genres - wie die epischen, lyrischen oder
dramatischen - konstituieren) und dem Phänotext-Diskurs (den Regeln, die die konkrete
Erscheinungsform der Bestandteile - Sätze - des Textes bestimmen). Neben dem lyrischen
und dem dramatischen existiert auch der epische Diskurs, zu dem auch der historische
gehört, der in sich literarische (epische, aperspektivische) Elemente mit pragmatischen
vereint.
In der Wissenschaftssprache steht Diskurs für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung
zu einem bestimmten Thema oder Themenkomplex, die sich über einen längeren Zeitraum
erstrecken kann. Diese Art von Diskurs bietet ein weiträumiges Feld für
(semi-/pseudo-)wissenschaftliche Verständigungen zu mehr oder weniger kontroversen
Begriffen oder Komplexen. Vieles, was heute Diskurs genannt wird (meist von den daran
Beteiligten), verdient diesen Namen eigentlich nicht; häufig wird mit dieser Bezeichnung
nur eine polemische und an keinem Konsens, geschweige denn tatsächlichem Wissens'zuwachs'
interessierte Auseinandersetzung aufgewertet, in der sich die Teilnehmenden zu profilieren
suchen, wobei sie hitzig über etwas streiten, zu dem sie keine Meinung haben und das sie
oft herzlich wenig interessiert.
[CB]
Diskurs: die Art und Weise der Behandlung einer Problematik. Das sich
Aufeinanderbeziehen. Die Einarbeitung, Beachtung, Weiterentwicklung unterschiedlicher
Argumentationsstränge bezüglich eines gemeinsamen Themenkomplexes.
Zur Beurteilung bzw. Eingrenzung beispielsweise eines möglicherweise vorhandenen
musikwissenschaftlichen Diskurses im 19. Jahrhunderts ist die Beachtung folgender Faktoren
relevant:
Diskurse zeichnen sich durch übereinstimmende oder ähnliche Bezugspunkte sowie durch
das oft erst nachträgliche Postulat ihrer Existenz aus. Insofern ist der Terminus Diskurs
auch ein wissenschaftliches Hilfsmittel bei dem Versuch, (wissenschaftliche) Vorläufer in
der Retrospektive zu erfassen.
[UG]
Wissenschaft sei auch nur eine Art der Rhetorik, so Foucault und andere, sie
wolle nur überreden, überzeugen - betrügen (wenn es sein muß), denn der
wissenschaftliche Diskurs sei mit Macht durchsetzt, habe keine eigene Rationalität und
könne daher auch keinen Suprematieanspruch auf Wahrheit mehr erheben. Wie verträgt sich
dies mit der terminologischen Blüte der Rhetorik in den Sozial- und
Geschichtswissenschaften?
Wahrscheinlich ist diese dem 'linguistic turn' zuzuschreiben, wobei ich mich des Gefühles
nicht erwehren kann, daß es sich hierbei häufig um ein Mißverständnis handelt. Denn
die klassische Rhetorik (Quintilian bis Fontanier) betonte, daß es in der Sprache nur
eine einzige Norm gebe und daß Sprache nur eine transitive Rolle spiele, da sie nur der
Darstellung und der Kommunikation diene. Gerade von einem solchen funktionalen, wenn nicht
gar funktionalistischen Sprachverständnis hatte man sich aber ja durch den 'linguistic
turn' abgewandt, der eher der romantischen Reaktion auf die Rhetorik verpflichtet ist,
also betont, daß Sprache eben nicht normiert, transitiv, funktional, utilitär sei,
sondern intransitiv und vor allem produktiv, ja daß sie selbst erst Bedeutung schafft.
Also doch ein Eingeständnis der Richtigkeit der Foucaultschen Kritik? Vielleicht eher ein
sehnsüchtiger Rekurs auf die zwei Formen der Rhetorik bei Platon, der in seinem Gorgias-Dialog4 zwischen einer sophistischen Rhetorik, die nur überreden
will, und einer 'wahren' Rhetorik unterscheidet, deren Ziel es ist, Einsichten zu
vermitteln.
Die Beliebtheit des Begriffes Diskurs hingegen gründet sich vor allem auf den
'linguistic turn', also die Abkehr von essentialistischen, teleologischen Bestimmungen und
die Hinwendung zu sprachlich-konstruktivistischen. Mit Hilfe der Diskurstheorie läßt
sich das Problem der Differenz von Text und Kontext zwar nicht lösen, aber doch so
interpretieren, daß Texte keineswegs autonomen Status haben, sondern vielmehr
Diskursfragmente eines (auch durch diesen Text geschaffenen bzw. modifizierten!) Diskurses
sind bzw. als Kreuzungspunkt zahlreicher Diskurse gelesen werden können. Dem gerade in
der Literaturwissenschaft traditionellen Bezug aufs abgerundete, autonome Einzelne wird
also - tendenziell (wenn vielleicht auch erst konsequent im 'New Historicism' in dessen
Reaktion auf den 'New Criticism') - ein Bezug aufs Ganze gegenübergestellt (dies wohl ein
Erbteil des Strukturalismus), wobei die Diskursivität und die Interdiskursivität des
Textes nicht voneinander geschieden werden können.
Die Autonomie und zielgerichtete Handlungsfähigkeit des Subjektes wird so in Frage
gestellt: "Für die Geschichte der Diskurse und die Geschichte selbst gilt, was für
die Gegenwart der Diskurse und die Gegenwart gilt: Alle haben daran mitgestrickt, und
keiner wollte das, was passierte, was dabei herauskam."5
Kritiker haben dies als anti-aufklärerisch mißverstanden und in diesem Zusammenhang auch
auf die diskurstheoretische Pluralität der Deutungen von Texten verwiesen, die aber ihren
Ausgangspunkt in der sehr aufklärerischen Überzeugung hat, daß textuelle und andere
Ordnungen als Ergebnis, nicht als Ausgangspunkt verstanden werden sollten. Dann ist die
Diskurstheorie tatsächlich zu bewerten als "neue[n] Dimension der 'Entzauberung',
die den logosmythischen 'Verzauberungen' des Moderne-Projekts nicht mehr folgen
will".6
Sieht man von der mittlerweile schon alltagssprachlichen Verwendung ab, so lassen sich
zwei grundsätzliche Diskurskonzeptionen unterscheiden: Foucault bezieht Diskurse auf
Macht, Habermas (und nachfolgend Link u.a.) auf Vernunft. Während Habermas so gezwungen
ist, mit Oppression und Exklusion zu arbeiten, da er der Vernunft antinomisch die
Unvernunft gegenüberstellen muß, muß Foucault nicht auf solche Strategien
zurückgreifen, da es des antinomischen Begriffs der Ohnmacht in seiner Konzeption von
Diskurs nicht bedarf. Beide Diskurskonzeptionen beziehen sich jedoch explizit auf die
bürgerliche Gesellschaft und deren Selbstverständnis: Habermas ironischerweise
affirmativ, wenn er einen machtfreien Raum präsupponiert, Foucault, indem er eben dies
vehement bestreitet.
[SMS]
1
: Umberto Eco: Einführung in die Semiotik [La struttura Assente; 1968]. Übers. v. Jürgen Trabant. 7. Aufl. München: Fink, 1991 [ursprünglich 1972] (= Universitäts-Taschenbücher; 105), 180.