Während der Strukturalismus dazu neigt, die Komplexität der - immer diskursiven -
Wirklichkeit auf binäre Oppositionen zu reduzieren, läßt sich diese Komplexität der
Wirklichkeit weit besser in Systemform beschreiben. Organisiert werden soziale Systeme
durch das Kriterium des Sinns. Diese Organisation ist jedoch keine statische; die Elemente
des einen Systems lassen sich ebenso mit anderen Elementen zu einem neuen oder auch
zeitgleichen System verknüpfen (ich kann sowohl Mitglied einer politischen Partei sein
als auch Mitglied in einem Kegelclub). Die Wahl des 'fokalen' Systems ist allein vom
Standpunkt des Betrachters/Untersuchenden abhängig; in diesem Sinne ist die Systemtheorie
also konstruktivistisch und postmodern. Allerdings gibt es im allgemeinen - und wieder nur
als heuristische Leitlinie - verschiedene Organisationsstadien, die Systeme durchlaufen:1
| Funktion | Problem | Konflikttyp |
|---|---|---|
| Grenzbildung | Umwelt | Differenz |
| Ressourcengewinnung | Knappheit | Disparität |
| Strukturbildung | Ordnung | Diskrepanz |
| Prozeßsteuerung | Zeit | Divergenz |
| Reflexion | Identität | Dissens |
| Genese | Evolution | Dependenz |
Geprägt ist die Moderne durch eine fortschreitende funktionale Differenzierung von
Teilsystemen innerhalb des Gesamtsystems Gesellschaft. Diese Anomieproblematik läßt sich
systemtheoretisch reformulieren als Ausbildung eigener Sinnbegriffe in verschiedenen
Teilsystemen, so daß z.B. seit dem 18. Jh. der philosophische und der religiöse
Sinnbegriff in Konkurrenz zueinander treten. Durch die Emergenz, die (Teil-)Systeme im
Laufe ihrer Evolution gewinnen, werden diese zunehmend selbständiger. Damit das
Gesamtsystem Gesellschaft seine (wenn auch begrenzte) Steuerungsfähigkeit behält, ist es
notwendig, daß die einzelnen Teilsysteme ihre Umweltbeziehungen zu anderen Teilsystemen
und zum Gesamtsystem reflektieren und so ihre Kontingenz beschränken. An die Seite der
wuchernden Autoreferentialität, die allein zu Anomie, atomisierender Ausdifferenzierung
etc. führen würde, treten also, da der Systemtheorie letzten Endes eine kybernetische
Vorstellung zugrunde liegt, gegenläufige Tendenzen wie Entdifferenzierung,
Generalisierung etc., ganz in Übereinstimmung mit Modernisierungstheorien wie der von van
der Loo und van Reijen2. Modernisierung (die übrigens in
Niklas Luhmanns Hauptwerk Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (1984)
nicht im Stichwortregister erscheint!) läßt sich so definieren als fortwährender
Konflikt zwischen systemischer Autoreferentialität einerseits und Heteroreferentialität
andererseits in funktional differenzierten Gesellschaften.
[SMS]
Struktur: In den geisteswissenschaftlichen Methoden bezeichnet die Struktur eine
Hypothese, die es ermöglicht, die verschiedenartigen Konkretisationen von Texten auf ein
vergleichbares Niveau zu bringen (zu reduzieren?). Als Operationsverfahren ist die Annahme
einer Struktur die Untersuchungsgrundlage für nicht-zeichenhafte Einheiten. Strukturen
sind modellhafte Annahmen, die als Koordinatensystem den Texten angelegt werden, um so
über eine Art Prothese Zugang zu Neuem, wenigstens Unbekanntem zu finden. Eine Struktur
vermag die amorphe Einheit des Untersuchungsobjekts zu ordnen, es als komplexes System
darzustellen, dessen Subsysteme einander ebenso affektieren, wie äußere Einflüsse den
Text als Ganzes zu ändern vermögen, wozu auch Beziehungen zwischen
Untersuchungsgegenstand und Umwelt zählen. Häufiger Einwand gegen die Strukturmodelle
ist der Vorwurf des Nominalismus der Methode, d.h. die Behauptung, sämtliche angewandten
Begriffe oder Klassen würden von außen an den Text herangetragen, verhielten sich
lediglich kompatibel zur Methode und zwängten sich dem Text auf. Dagegen steht die
Annahme des Realismus, daß aufgrund der Zeichenhaftigkeit der Kommunikation die Struktur
gleichsam aus der Natur des Textes erschlossen werden kann. Solange eine Objektivität der
Arbeitshypothese Struktur lediglich angenommen, aber eben nicht behauptet wird, wird es
auch möglich bleiben, die Ergebnisse als relative und noch zu verifizierende Erkenntnisse
einzuordnen.
System: Als System läßt sich eine Menge von Elementen verstehen, die jeweils
durch bestimmte und bestimmbare Relationen, wie z.B. funktionale, mit weiteren Elementen
des Systems in Beziehung stehen. Synchrone wie diachrone Systeme müssen aus mindestens
zwei Elementen/ Zeichen bestehen. Systeme reagieren (wie lebende Materie, die in ihren
Einheiten wie Pflanze oder Tier ja auch zu den Systemen zählt) auf Reize/Informationen -
sie lassen sich also grundsätzlich auf die eine oder andere Weise durch äußere
Einwirkungen beeinflussen. Ihre Reaktionen (Affekte) können ebenfalls als Informationen
beschrieben und daher mit semiotischen Modellen untersucht werden. Jede kulturell
identifizierbare Einheit läßt sich damit als Untersuchungsgegenstand denken und als
System betrachten. Systeme können sehr unterschiedliche Komplexitätsgrade aufweisen. Um
die Wirkungsmechanismen in den komplexeren (wie den genannten lebenden Organismen)
untersuchen zu können, bietet sich eine weitere Strukturierung in Teil- oder Subsysteme
an. Auf dieser Grundlage läßt sich dann auch der Binnenaustausch der Informationen
innerhalb eines Systems veranschaulichen und beschreiben.
Die Informationsarten bilden die Grundlage für die Unterscheidung zwischen statischen und
dynamischen Systemen. Ein Bild kann beispielsweise als statisches System begriffen werden,
weil die Relationen zwischen seinen einzelnen Elementen (Farben, Linien, Flächen) fest
und stabil sind, so daß es eines komplexeren, dynamischen Systems (eines Betrachters)
bedarf, damit die dem Bild eingeschriebene Information kommuniziert werden kann, also
einen Sinn erhält. Zum Vergleich: Ein Kater ist ein dynamisches System, weil sich die
Relationen, die zwischen seinen einzelnen Teilen (Zellen, Organellen, Organen usw.)
bestehen, in einem andauernden instabilen Austausch befinden, der ununterbrochen das
Gleichgewicht verschiebt und reetabliert. (Dies erklärt, weshalb der Kater bis zu einem
gewissen Grad in der Lage ist, ungeachtet äußerer Einflüsse immer wie ein Kater
auszusehen und sich auch so zu benehmen.) Die jeweils verschiedene Art, Systeme zu
beschreiben, bildet die Grundlage für 'Methoden' wie die Systemtheorie, den
Strukturalismus, den Konstruktivismus, die Semiotik und die Dekonstruktion.3
Ein nicht uninteressanter Aspekt ist der relativ junge synonyme Gebrauch von System für
(totalitäre oder als totalitär empfundene) Staatsformen. Als Interpretationsansatz
ließe sich das für die Dekonstruktion zentrale unterdrückte Element finden, das die
Strukturen aufzubrechen neigt (und radikale/terroristische Lösungsvarianten zur
'Abschaffung' des Systems nahezulegen scheint).
[CB]
Systeme haben eine Struktur. Systeme sind nach bestimmten pragmatischen und/oder
ideologischen Gesichtspunkten allmählich gewachsene oder bewußt geschaffene Einheiten
zur Ordnung menschlichen Zusammenlebens. Je nach Systemebene können sich Systeme aus
Subsystemen oder anderen konstituierenden Bausteinen zusammensetzen. Die so entstehende
Anordnung sowie der Wechsel zwischen Quantität und Qualitiät (im Sinne von Größe und
Inhalt) systemkonstituierender Teile bilden die Struktur.
[UG]
1
: Helmut Willke: Systemtheorie. Eine Einführung in die Grundprobleme. 2., erw. Aufl. Stuttgart, New York: Gustav Fischer, 1987 (= Universitäts-Taschenbücher; 1161), 91.