Gemeinsames Forschen setzt einen gemeinsamen Diskurs voraus. Dies ist sicherlich eine
Binsenweisheit, aber das Problem wird dadurch nicht trivial, zumal nicht in einem
Forschungsprojekt, das sich als transdisziplinär und transnational versteht. Wo gemeinsam
geforscht werden soll, müssen zunächst die Verständnisschwierigkeiten reduziert werden,
die unterschiedlichen Nationalitäten, unterschiedlichen Wissenschaftskulturen und der
Herkunft aus unterschiedlichen Disziplinen geschuldet sind. Wenn z.B. Tartuer Semiotik und
'urdeutsche' Systemtheorie aufeinanderprallen, hilft es wenig, vermeintlich die gleiche
(National-)Sprache zu benutzen - die Verständigung ist problematisch.
Der Satz gilt aber auch in seiner Umkehrung: Ein gemeinsamer Diskurs setzt gemeinsames
Forschen voraus. Als Ausweg aus dem Dilemma wurden alle Forschenden des Projekts gebeten,
sich auf jeweils zwei bis drei Seiten zu Schlüsselbegriffen bzw. -begriffspaaren zu
verhalten, die sich bereits in den ersten Diskussionen als zentral, aber problematisch
herausgestellt hatten. Gefragt war primär nach einer durchaus persönlich gefärbten
Stellungnahme, nicht unbedingt nach einem 'neutralen' Forschungsresümee oder besonders
originellen neuen Überlegungen (natürlich wurden solche aber auch nicht
zurückgewiesen), denn der Sinn der hier dokumentierten Diskussion sollte ja sein, den
anderen im Projekt Einblick in das eigene, vielleicht sogar persönlich spezifische
Verständnis von zentralen Begriffen zu ermöglichen. Erlaubt war, was diesem Zweck
diente: Kommentare ernsthafter, aber auch ironischer oder spielerischer Natur,
Zitatcollagen aus Lesefrüchten, sogar polemische oder provokative Stellungnahmen.
Wie problematisch das Unterfangen dennoch ist, war allen klar. Begriffe wie 'Postmoderne'
auch nur zu beschreiben, geschweige denn zu definieren, ist natürlich eine Begrenzung
ihres Potentials im Diskurs. Nicht zuletzt die zahlreichen Anführungsstriche in den
Einzelbeiträgen legen von diesem Unbehagen der Beiträger Zeugnis ab. Einige versuchten
das Problem dadurch zu bewältigen, daß sie einen zusammenhängenden Essay vorlegten -
eine Präsentationsform, die im World Wide Web dank Hypertextverbindungen noch weitgehend
beibehalten werden konnte, aber jetzt für die Druckfassung aufgebrochen werden mußte
(die einzige Ausnahme ist die 'Zwischenrede', die sich aber über weite Strecken mit
präliminären Überlegungen zur Arbeit mit Begriffen beschäftigt). Da alle Begriffe, mit
denen wir uns auseinandergesetzt haben, ohnehin miteinander verknüpft sind, vertrauen wir
auf die Dialogizität der Texte und die 'Hypertextverbindungen' im Kopf des Lesers.
Die einzelnen Beiträge sind nur mit Namenskürzeln versehen, was
indizieren soll, daß der Text zwar von jemandem persönlich geschrieben worden ist, daß
er aber gleichzeitig auch das Produkt von Lektüre und von Diskussionen im Projekt ist.
| Berlin, im Februar 1997 | Stephan Michael Schröder |