Zusammenfassung
Aus SPP 1173
| Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter | |
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| Soziale Konstruktion von Identität. Prozesse christlicher Selbstvergewisserung im Kontakt mit anderen Religionen | |
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Vorliegende Studien konzentrierten sich in Fragestellung und Quellenauswahl überwiegend auf distinktive Formen christlicher Identitätsbildung im Kontakt mit anderen Glaubensvorstellungen. Die in den Ergebnissen der Studien feststellbaren Gemeinsamkeiten erstaunen, richtete sich der Blick doch teils auf christlich, teils auf muslimisch dominierte Gesellschaften und damit auf völlig unterschiedliche historische Kontexte. Die Gegenüberstellung geschah zudem im Bewusstsein, dass religiös geprägte Identitäten nicht als unveränderliche Ganzheiten betrachtet werden können, sondern in ihrer Prozessualität untersucht werden müssen. Zumindest teilweise sind die parallelen Verläufe von Identitätsbildung sicherlich daraus zu erklären, dass der Schwerpunkt der Untersuchung auf Städten als Verdichtungsräumen des religiösen Kontaktes lag. Dies wurde im Falle der Juden innerhalb des Reiches bereits durch die Tatsache vorgegeben, dass sich auch während des Spätmittelalters jüdisches Leben beinahe ausschließlich auf die urbanen Zentren konzentrierte. Für die Christen aus dem Andalus bedingte nicht zuletzt die Überlieferungslage die Konzentration auf die Cordobeser Gemeinde. Die vergleichende Perspektive der Teilstudien machte erneut deutlich, dass in den Cordobeser Quellen lediglich Identitätsbildungsprozesse aus städtisch verdichteten Strukturen greifbar sind, die nicht auf die gesamte Christenheit im muslimischen Herrschaftsbereich der Iberischen Halbinsel verallgemeinert werden können. Auch wenn unter den hier untersuchten Quellen zu den koptischen Christen herausragende Werke aus städtischen Kontexten stammten, so verdeutlichen sie – ebenso wie Teile der iberischen hagiographischen Quellen – gerade auch die Bedeutung von monastischen, teils außerhalb von Städten gelegenen Gemeinschaften für die Bildung christlicher Identität im Kontakt mit dem Islam.
Auch wenn sich die Identitätsbildungsprozesse in ihrem distinktiven Charakter glichen, so machte im asynchronen Vergleich vor allem die Frage nach Bedingungen und Formen der Wahrnehmung des anderen Glaubens die unterschiedlichen Modi der Abgrenzung deutlich. Als Gemeinsamkeit kann jedoch festgehalten werden, dass die Wahrnehmung des Anderen sich stets auf die Christenheit und das Christentum bezogen. Diese durch den asynchronen Vergleich geschärfte Erkenntnis ist auch für die Beurteilung der Öffentlichkeitsdiskurse von Bedeutung, wie sie insbesondere in den Untersuchungen zu den hagiographischen Quellen der Iberischen Halbinsel aber auch mit Bezug zu den Juden im spätmittelalterlichen Reich sowie in den Städten Ober und Mittelitaliens herausgearbeitet werden konnten. Hierbei spielte das – nicht zuletzt durch Angehörige der sogenannten Bettelorden getragene – Medium der Predigt eine maßgebliche Rolle, über das antijüdische Inhalte unter Bezug auf die sich intensivierende Wucherdiskussion der Zeit gerade im städtischen Kontext besonders öffentlichkeitswirksam verbreitet werden konnten. Auch wenn im Kontext der Juden Mission und Zwangsbekehrung thematisiert werden, so richten sich alle Maßnahmen in erster Linie auf ihr Wirken in der christlichen Gemeinschaft. In diesem Sinne ist auch der bei Eulogius greifbare Öffentlichkeitsdiskurs zu interpretieren: Selbst wenn die Gespräche der Märtyrer mit den muslimischen Richtern teils als missionsähnliche Situationen wiedergegeben werden,
Wie in der Studie zu den iberischen hagiographischen Quellen aber auch in der Untersuchung zu den koptischen Christen aufgezeigt, bildete die Wahrnehmung der eigenen historischen Situation den zentralen Ausgangspunkt für die Wahrnehmung anderer Glaubensvorstellungen. Insbesondere in der Studie zu den Juden des spätmittelalterlichen Reiches aber auch in Teilen der untersuchten Quellen zur Iberischen Halbinsel wurde dabei deutlich, dass die andere Religion gar nicht ausdrücklich thematisiert werden musste. Vielmehr ergab sich durch die Ausrichtung auf christliche Vorstellungen ein breites Feld von Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die ‚Reformatio Sigismundi' etwa verbindet Reformdiskurs und Wucherkritik, bezieht sich aber allein auf christliche Sündhaftigkeit. Die Darstellung des anderen Glaubens in den untersuchten hagiographischen Quellen der Iberischen Halbinsel konnte völlig von topischen Vorstellungen vom Kampf der Heiligen gegen das Böse überlagert werden. In den theologischen Ausführungen Samsons spielen theologische Einflüsse des Islam auf seinen Gegner Hostegesis keine ausdrückliche Rolle. Der vergleichende Arbeitsprozess machte dabei deutlich, dass es sich bei den unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht allein um ein Kennzeichen asynchroner Fälle handelt, sondern dass auch in vergleichbaren historischen Kontexten unterschiedliche Wahrnehmungsformen – teils nebeneinander – bestehen konnten. Die Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Prozesshaftigkeit von christlicher Identitätsbildung wurde so deutlich.
Die untersuchten Identitätsbildungsprozesse hatten innerhalb christlicher Gemeinschaften ohne Zweifel eine unifizierende Wirkung. Kulturelle und religiöse Veränderungen, die sich aus dem Kontakt von Christen mit der jeweils anderen Religion ergaben, mussten dem unifizierenden Charakter von Identitätsbildung nicht widersprechen. Im Werk des Eulogius wurden das Handeln muslimischer Apostaten oder die frühere Nähe von Christen zur arabisch-muslimischen Kultur in Hinblick auf ihr späteres Martyrium durchaus als kohärent interpretiert. Die Vita des Johannes von Gorze will uns glauben machen, dass kulturelle Veränderungen unter den andalusischen Christen im Kontakt mit dem Islam teils sogar als Rückgriff auf frühere christliche Traditionen verstanden wurden. Am Beispiel der Kopten zeigte sich die unifizierende Wirkung von Identitätsbildung auch am Kontakt zwischen christlichen Konfessionen. Eine bedeutende Rolle zur Identitätsbildung scheint auch Institutionen zugekommen zu sein: Im Falle Córdobas, aber auch bei den koptischen Christen, waren Klöster Kristallisationskerne von Gruppenidentitäten. Im nordiberischen Raum waren es vorwiegend Klöster, die die untersuchten hagiographischen Texte tradierten, aber teils auch in neu verfassten Texten veränderten. Identitätsbildung und Institutionalisierungsprozesse dürfen dabei jedoch nicht gleichgesetzt werden: Die von Eulogius geschilderte Cordobeser Situation etwa zeichnete sich dadurch aus, dass sich Identitäten über Institutionen hinweg bildeten und im Umfeld der Märtyrerbewegung die Grenzen zwischen Mönchtum, Klerus und Laien zunehmend verschwammen.
Der Blick der Studien richtete sich in jeweils unterschiedlicher Gewichtung jedoch nicht allein auf den Prozess der Identitätsbildung, sondern fragte im Sinne der breiten Definition von Geertz auch nach Symbolen, die Bestandteil kollektiver christlicher Identitäten im Kontakt mit anderen Religionen werden konnten. Dass im Kontext der untersuchten hagiographischen Quellen den Körpern der Märtyrer als Symbolen zentrale Bedeutung zukam, verwundert nicht. Auffällig sind in diesem Kontext die Bemühungen, die andere Religion entsprechend negativ in der Person Muḥammads oder der Richter, vor die die Märtyrer traten, zu personifizieren. Die Schönheit der Märtyrer wurde der Hässlichkeit ihrer Glaubensgegner gegenübergestellt, ihre Enthaltsamkeit der vermeintlichen muslimischen Sinnenfreude. Die Untersuchung zu den koptischen Christen und insbesondere die Studie zu den Juden im spätmittelalterlichen Reich machten freilich deutlich, dass die Projektion von Abgrenzung auf Körper und Personen auch eine pragmatische Dimension hatte. Im Falle der Kopten schufen durch die muslimischen Herrscher verordnete Änderungen in der Kleidung Differenz, im Falle der Juden im spätmittelalterlichen Reich hingegen gingen die Bestrebungen zur Abgrenzung durch Kennzeichnung von der christlichen Obrigkeit in Form der Räte aus. Auch die Schilderungen des Eulogius mögen aus entsprechenden konkreten, hier allerdings weniger stark von den Herrschern ausgehenden Bemühungen um die sichtbare Abgrenzung von Christen und Muslimen entstanden sein. Gerade die untersuchten hagiographischen Quellen machen ebenso wie das im Cordobeser Kontext entstandene Werk ‚De habitu clericorum' über den pragmatischen Kontext hinaus auch die ekklesiologische und heilsgeschichtliche Dimension von Körpern und Kennzeichen als Symbolen deutlich.
Deutlich wurde ferner, dass Zeitbezügen in Identitätsbildungsprozessen auf unterschiedlichste Weise Bedeutung zukam. Dabei zeigte sich zweifelsohne, dass die Konstruktion von Identität immer auch ein Akt der Aneignung von Vergangenheit war.
Die Studie zu den Juden im spätmittelalterlichen Reich machte bewusst, wie sehr konkrete Gegenwartsbezüge zur Identitätsbildung dienen konnten. Hierbei wurde das Zusammenspiel zahlreicher Krisenfaktoren wirksam, das in seiner Schwere manchem Zeitgenossen – wie etwa dem Autor der ‚Reformatio Sigismundi' – als untrügliches Zeichen für das Heraufziehen des Jüngsten Gerichts erschien. Eine solch nachhaltige Krise konnte auch für die Wahrnehmung der Juden und die Kontakte mit ihnen nicht ohne Folgen bleiben, wie die massive Verdichtung ausgrenzender Beschlüsse und Regelungen sowohl durch die Amtskirche als auch durch Herrscher, Fürsten und städtische Führungsgremien zu jener Zeit dokumentiert. Ausführliche Bezüge zur eigenen Gegenwart lassen sich insbesondere auch im Werk des Eulogius erkennen. Wenn auch nicht so umfassend wie im Werk des Albarus, lässt sich hier ebenfalls greifen, dass die Gegenwart aus einem apokalyptischen Zeitverständnis heraus geschildert wurde. Vor allem verdeutlichten die Bezüge aber auch den normativen Anspruch seines Werkes, das zur Besserung christlichen Lebens unter muslimischer Herrschaft führen sollte. Diese Zielrichtung macht freilich erneut deutlich, dass auch in ein und derselben historischen Situation vielfältige, teils sogar widersprüchliche Gegenwartsdeutungen existieren konnten. Auch hieraus erklärt sich die Veränderbarkeit christlicher Identität in synchroner wie diachroner Perspektive.
Die Problematik der vergleichenden Methode liegt ohne Zweifel darin, dass ein Vergleich der Abstraktion von historischen Kontexten
| Wenn es trotz der Heterogenität der Teilstudien zu übereinstimmenden Ergebnissen kam, so rührt dies sicherlich aus der gemeinsamen Fragestellung nach Formen und Symbolen von Identitätsbildung aber auch aus den Fall und Quellenbeispielen, deren gemeinsamer Schwerpunkt ohne Zweifel auf distinktiven Formen der Identitätsbildung liegt. Damit unterliegen auch unsere Arbeitsergebnisse einem wesentlichen Problem des Identitätsparadigmas, das – wie Wagner aufzeigt – kulturelle Differenz zwischen Phänomenen meist a priori postuliert, obwohl ihre Feststellung ja eigentlich erst das Ergebnis der Untersuchungen sein kann. |
Christian Jörg, Kenneth Scott Parker, Nina Pleuger, Christofer Zwanzig
- ↑ Dazu ausführlich Cutler, Ninth-Century Spanish Martyrs (1965).
- ↑ Vgl. Henriet, Sainteté (2002).
- ↑ Vgl. allgemein Assmann, Kulturelles Gedächtnis (2005), 148f.
- ↑ Vgl. Peters, Integration (2008).
- ↑ Zu vergleichbaren, vornehmlich auf den Klerus bezogenen Interpretationen: Leovigildus, Liber de habitu clericorum. Ed. Gil Fernández.
- ↑ Vgl. zu diesem Gedanken allgemein Wagner, Fest-Stellungen (1998), 68–72.
- ↑ Albarus, Incidulus, cap. 35. Ed. Gil Fernández, 314f.
- ↑ Vgl. Siegrist, Perspektiven (2004), 312.
- ↑ Vgl. Kocka, Comparison (2003), 41.
- ↑ Vgl. Geary, Vergleichende Geschichte (2001), 32.
- ↑ Zu den verschiedenen Vergleichsstrategien vgl. Schriewer, Problemdimensionen (2004), 30f.
- ↑ Schriewer, Problemdimensionen (2004), 20f.
- ↑ Vgl. Wagner, Fest-Stellungen (1998), 56.
- ↑ Vgl. zu diesem Nutzen der Komparatistik Kocka, Comparison (2003), 40.
- ↑ Albarus etwa stellt das offene Glaubensbekenntnis der Märtyrer in die Tradition der apostolischen Predigt gegen Häresien aber auch gegen das Judentum; vgl. Albarus, Indiculus, cap. 3. Ed. Gil Fernández, 274, Z 1–3. Zu weiteren antijüdisch ausgerichteten Quellen aus dem Andalus vgl. beispielsweise Millet Gérard, Chrétiens mozarabes (1984), 35–38.

