Systematischer Vergleich

Aus SPP 1173

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Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter
Rückblickend nach vorn gewandt. Funktionen kultureller Rückbindung von Alfred dem Großen zu den Osmanen (9.–16. Jahrhundert)
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Die osmanische Hofgeschichtsschreibung im Dienste von Identitätskonstruktion und Herrschaftslegitimation
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Fazit

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ISBN 978-3-05-004973-1
Akademie Verlag


Nach der Darstellung der Einzelbeispiele geht es im vorliegenden Kapitel nun darum, diese systematisch miteinander zu vergleichen, um auf dieser Grundlage Aussagen zum Funktionieren und den Funktionen kultureller Rückbindung treffen zu können. Hierzu ist es notwendig, sich mit den verschiedenen ‚Objekten der Rückbindung', den dabei verwendeten ‚Methoden, Modi und Präsentationsformen', den damit verbundenen ‚Zielen und Absichten', schließlich deren ‚Ursachen' auseinanderzusetzen.

Inhaltsverzeichnis

Quellengrundlage und Interpretationsfreiräume

Zuvor ist jedoch Folgendes zu berücksichtigen: Jedes Fallbeispiel wurde auf der Basis unterschiedlicher Quellen rekonstruiert. Da die Quellengrundlage letztlich die jeweils vorhandenen Interpretationsfreiräume festlegt, erscheint es sinnvoll, sich zunächst vergleichend mit der Aussagekraft der Quellen zu beschäftigen: Den eindeutigsten Fall liefert dabei das Beispiel der Märtyrer von Córdoba. Hier haben wir es mit einem apologetischen Werk des Albarus zu tun, das unter anderem auf der Grundlage kanonischer christlicher Texte die Legitimität der Märtyrerbewegung beweisen will. Es handelt sich somit um einen argumentativen Text, der ein festgesetztes Ziel verfolgt und unter Zuhilfenahme einer durchdachten Beweisführung zu überzeugen sucht.

In anderen Fällen ist die Aussagekraft der Quellen in Bezug auf das Gesamtthema weniger eindeutig oder liegt zumindest auf einer anderen Ebene. Zum Beispiel können Fragen der Autorschaft die Interpretation erschweren, so etwa bei der Analyse der westgotischen Genealogie des Ibn al-Qūiyya: Diese ist in einen historiographischen Text eingebettet, der zwar Ibn al-Qūiyya zugeschrieben wird, bei dem es sich allerdings um eine korrumpierte und zudem noch vergleichsweise spät entstandene Zusammenfassung von Schülernotizen handelt. Ob diese den originalen Wortlaut und die Ziele und Absichten des Ibn al-Qūiyya getreu wiedergeben, kann zumindest in Frage gestellt werden. Die Funktion der Genealogie ist damit wesentlich schwerer zu bestimmen. Die Frage der Autorschaft stellt sich in anderer Form auch im Fallbeispiel des ungarischen Königs Matthias Corvinus: Hier ist zwischen der humanistischen Konstruktion einer funktionalen Genealogie für die Familie Corvinus und ihrem Gebrauch im (politischen) Alltag durch die Königsfamilie zu unterscheiden. Der offenkundige legitimatorische Nutzen der Abstammungsgeschichte scheint zunächst zu implizieren, dass der König selbst die Konstruktion dieser Abstammungsgeschichte erwünscht, geplant und in Auftrag gegeben hat. Der vollkommene Verzicht von König Matthias auf die Inanspruchnahme der ‚Corvinus-Legende' und des Kognomens ‚Corvinus' für seine eigene Person erlaubt es jedoch, in Frage zu stellen, ob der König selbst als Initiator und energischer Förderer dieser Rückbindung angesehen werden muss. Bei der Konzeption der Familiengenealogie scheint es sich vielmehr um die kreative Leistung einer am Königshof tätigen humanistischen Bildungselite gehandelt zu haben, deren Vertreter durch das Aufgreifen der Familiengeschichte in historiographischen und poetischen Werken ihre eigene Position am ungarischen Königshof absichern wollten. Die Benennung von Matthiasʼ unehelichem Sohn als ‚Corvinus' zeigt indes auch, dass der Königsfamilie das in diesem Kontext aufgekommene Kognomen zur Etablierung des Sohnes als Thronfolger dienlich erschien.

Selbst wenn die genutzte Hauptquelle eine eindeutige Aussage dazu trifft, wer als Initiator einer Rückbindung anzusehen ist, können sich allerdings weitere Interpretationsspielräume ergeben, sobald andere Quellen hinzugezogen werden, so etwa im Falle Alfreds des Großen: Die Übersetzungsbemühungen Alfreds des Großen lassen sich auf der Basis einer vom König selbst geschriebenen Einleitung, ferner mittels der biographischen Berichterstattung über den König, schließlich anhand der im Rahmen dieser Übersetzungsbemühungen ins Altenglische übertragenen Werke rekonstruieren. Da Alfred selbst erklärt, warum er als Übersetzer tätig geworden ist und Mitstreiter am Hof zu ähnlichen Leistungen animiert hat, ergibt sich zunächst ein vergleichsweise klares Bild der Hintergründe und Absichten, die diesen Fall der kulturellen Rückbindung bestimmen. Wenn man andere Quellen, vor allem die Biographie Assers, hinzuzieht, eröffnen sich weitere Interpretationsmöglichkeiten: Sowohl die zeitgenössischen erzählenden als auch die urkundlichen Quellen bieten zusätzliche Erklärungen an, die zumindest ansatzweise berücksichtigt werden müssen, weil sie eine differenziertere Sicht auf das konkrete Funktionieren dieses Falls der Rückbindung bereitstellen.

Schließlich ist auch zu berücksichtigen, dass die Art des Zugangs zum Thema die Erarbeitung unterschiedlicher Ergebnisse ermöglicht: Während die bisher genannten Quellen zur Rekonstruktion von Fällen kultureller Rückbindung auf mikrohistorischer Ebene dienten, bietet es sich wie im Fallbeispiel der osmanischen Ursprungs- und Herkunftserzählungen auch an, durch die Untersuchung einer Serie von Texten aus einem größeren Zeitraum das Phänomen der kulturellen Rückbindung aus einer weiteren Perspektive zu betrachten: Im Beispiel der Osmanen wurden Quellen beleuchtet, die im Verlauf des 15. Jahrhunderts entstanden und im weitesten Sinn der Hofgeschichtsschreibung zuzurechen sind. Die Autoren verarbeiteten in unterschiedlichem Maße und auf verschiedene Weise Elemente sowohl aus dem mündlich überlieferten kollektiven historischen Wissensbestand der turkophonen muslimischen Bevölkerung Anatoliens als auch solche aus schriftlichen Quellen. Im Ergebnis lagen damit mehrere Varianten osmanischer Herkunftserzählungen vor, in denen dieses Material unter anderem zum Zweck der Legitimierung osmanischer Herrschaft und in der Absicht, eine spezifische osmanische Identität zu stiften bzw. zu stärken, kontextualisiert wurde.

Aus dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass die Rekonstruktion von Akten der Rückbindung im Einzelfall vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt ist, die es bei der vergleichenden Analyse zu beachten gilt.

‚Objekte' der Rückbindung

Aus der Analyse der einzelnen Fallbeispiele geht hervor, dass Rückbindungen an sehr unterschiedliche ‚Objekte' erfolgen. Die jeweils untersuchten Texte beziehen sich dabei entweder auf historische Kontexte oder aber auf normative Vorbilder.

Rückbindungen an historische Kontexte können teilweise sehr konkret sein: In der Chronik des Ibn al-Qūiyya wird eine genealogische Verbindung zwischen diesem und dem Westgotenkönig Witiza hergestellt und somit ein konkreter Bezug zur Periode kurz vor der arabisch-islamischen Invasion der Iberischen Halbinsel geschaffen. Teilweise ist der jeweilige historische Kontext aber auch (halb-)fiktiver Natur: In der Chronik des Antonio Bonfini erfolgt eine Rückbindung sowohl an einen konkreten historischen als auch an einen halbfiktiven historischen Kontext. So wird etwa mit der Erinnerung an die Leistungen von Matthiasʼ Vater auf konkrete Ereignisse rekurriert. Ein halbfiktiver Kontext liegt dagegen vor, wenn die Ursprünge der Herrscherfamilie in die römische Antike verlegt werden oder die Abstammung vom römischen Kaiser Sigismund dementiert wird. In den osmanischen Quellen schlagen sich schließlich historische Kontinuitätsfiktionen nieder, die das Eigene auch über konkrete historische Bezüge mit einer mythischen Vorzeit verbinden. Insgesamt scheint es, als weise die Rückbindung an historische Kontexte einen eher ‚säkularen' Charakter auf, da religiöse Rückbezüge, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielen.

Dies kann sich ändern, sobald eine Rückbindung zu normativen Vorbildern hergestellt wird. Letztere werden hier verstanden als Autoritäten, das heißt als Handlungsvorbilder und/oder Vertreter bestimmter Normvorstellungen und Lehren, die in Form von Schrifttum und Tradition vermittelt werden. In einigen Fällen sind diese normativen Vorbilder religiös konnotiert: Albarus von Córdoba bezieht sich auf Paulus als Garant eines ‚authentischen' Christentums. Als eines der ersten Werke zur Übersetzung wählt Alfred der Große die ‚Regula pastoralis' Gregors des Großen, der stellvertretend für christliche Herrschaftskonzepte, Wertvorstellungen und Normen steht. Im osmanischen Fallbeispiel wiederum stützen sich die Vorzüglichkeitsbehauptungen nicht allein auf das Argument einer qua Herkunft zur Herrschaft berufenen Dynastie. Das Argumentationsgerüst wird – in unterschiedlicher Intensität – vielmehr auch durch Verweise auf besondere geistig-moralische Vorzüge des Herrscherhauses, eine ererbte Glaubensfestigkeit und die unbedingte Hingabe an das vermeintliche Gebot des Glaubenskampfs verstärkt.

Gleichwohl steht auch bei der Orientierung an Autoritäten der Faktor Religion nicht unbedingt im Vordergrund: Die Chronik des Ibn al-Qūiyya sichert zwar die Authentizität der westgotischen Genealogie mit dem Verweis auf arabisch-islamische Gelehrte ab, die man der religiösen Sphäre zuordnen könnte. In der Chronik treten sie allerdings nicht in ihrer Funktion als Religionsvertreter, sondern als Vermittler von Traditionswissen – in diesem Fall der westgotischen Genealogie – auf. Auch im Fallbeispiel des Matthias Corvinus scheint der religiöse Faktor nur auf den ersten Blick eine Rolle zu spielen: Als deutliches Handlungsvorbild für den König wird in der Chronik des Antonio Bonfini der Vater János Hunyadi präsentiert, dessen charakterliche Tugenden wie auch seine Lebensleistung, der engagierte Kampf gegen die Türken, mehrfach gepriesen werden. Auch der mit der Geschichte des Hauses Hunyadi verknüpften antiken Familie der Corvini weist Bonfini eine Vorbildfunktion zu: Hatten die Corvini Rom vor den Barbaren beschützt, so kommt im 15. Jahrhundert mit der Verteidigung Europas vor den Türken der Familie Hunyadi eine entsprechende Aufgabe zu. Im Mittelpunkt scheint dabei jedoch nicht der christliche Auftrag zur Wahrung des Glaubens vor einem als Bedrohung empfundenen Islam zu stehen, sondern vielmehr der Schutz der eigenen Lebenswelt vor barbarischen Feinden.

Sowohl in Bezug auf historische Kontexte und normative Vorbilder lässt sich feststellen, dass die jeweils gewählten Objekte der Rückbindung alle ein gewisses historisch und/oder religiös legitimiertes Prestige verkörpern, das damit als wichtigstes Merkmal dieser Objekte erkannt werden kann.

Methoden und Modi, Adressaten und Präsentationsformen

Entscheidend für die Interpretation von Akten der Rückbindung ist, auf welche Art und Weise sie erfolgen, an welches Publikum sie sich richten und welche ‚Öffentlichkeitswirksamkeit' sie letztlich erreichen.

Anhand der untersuchten Fallbeispiele lassen sich zwei Methoden der Rückbindung erkennen. Die erste lässt sich als ‚Übersetzung' im Sinne eines sprachlichen und/oder ideellen Transfers definieren.[259] Der Transfer erfolgt dabei aus der in Form eines Textes repräsentierten Vergangenheit in die Gegenwart: Albarus von Córdoba greift auf die Autorität des Paulus zurück, dessen Leitsätze auf die Gegenwart angewandt werden. Alfred der Große wiederum greift auf die elaborierte lateinisch-christliche Schriftkultur zurück, deren Übersetzung ins Altenglische die volkssprachliche Kultur auf ein neues Niveau hebt. Bei der zweiten Methode der Rückbindung handelt es sich um die Konstruktion einer Verbindung in eine konkrete historische Vergangenheit. Diese Verbindung kann die Form einer genealogischen Verbindungskette annehmen: Die Chronik des Ibn al-Qūiyya legt klar dar, in welchem Verwandtschaftsgrad dieser zu seiner Vorfahrin Sāra, einer Enkelin des Westgotenkönigs, steht. Solch eine genealogische Verbindungskette muss aber nicht unbedingt in menschliche Realitäten, sondern kann auch in die mythische Vergangenheit zurückführen: Das unter anderem auch durch Übersetzungen persischsprachiger Texte (wieder-)entdeckte Wissen über den mythischen Stammvater und Weltenherrscher Oġuz wird von den osmanischen Historiographen zur Überhöhung des osmanischen Herrscherhauses genutzt. Es wird eine Genealogie konstruiert, die schließlich in die Entwicklung eines lückenlos durchleuchteten elaborierten Stammbaums gipfelt, der die Dynastie zu Haupterben des Oġuz erklärt. Nach dieser Deutung beanspruchten die Osmanen mit der Alleinherrschaft nicht mehr und nicht weniger als das ihnen zustehende Erbe. Nicht immer scheint die Herstellung einer lückenlosen genealogischen Verbindung unbedingt notwendig: Zwar spielt das genealogische Prinzip auch im Falle des Matthias Corvinus, dessen Herkunft von der antikrömischen Familie Corvini abgeleitet wird, eine tragende Rolle. Anstelle einer lückenlosen Genealogie liefern die verantwortlichen Historiographen, allen voran Bonfini, aber nur genealogisch deutbare Ausschnitte, etymologische Anknüpfungen an bestimmte Orte oder auch legendäre Geschichten und Motive – wie den Kampf gegen die Barbarei –, die mit dem Kognomen ‚Corvinus' in Verbindung gebracht werden. Diese Form der Verbindung mit der römischen Vergangenheit, gleichsam eine ‚funktionale Genealogie', scheint zu genügen, um Alter und Würde des königlichen Familienhintergrundes glaubhaft zu vermitteln, die Herrschaft der Familie zu rechtfertigen und diese für die Zukunft mit der Bekämpfung der Barbaren zu beauftragen.

In einigen Fällen erfolgt die Rückbindung direkt: Im Falle der Anführung eines Pauluszitates durch Albarus von Córdoba oder der persönlichen Übersetzungsleistung Alfreds des Großen handelt es sich um einen direkten Zugriff auf die durch einen Text repräsentierte Vergangenheit. Häufig lassen sich allerdings auch Zwischeninstanzen erkennen, die dem Zugriff einen indirekten Charakter geben. Zwischeninstanzen tauchen zum einen auf, weil sie die Authentizität und Richtigkeit der vorgebrachten Information gewährleisten: Albarus von Córdoba bedient sich u. a. der Kirchenväter zur Unterstützung seiner Argumentation. Die Chronik des Ibn al-Qūiyya zitiert eine Überlieferungskette arabisch-islamischer Traditionsvermittler, deren Anführung garantieren soll, dass die Darstellung des ausgehenden Westgotenreiches korrekt ist. Die osmanischen Historiographen wiederum kommen der Notwendigkeit eines Autoritätsnachweises zumeist durch Verweise auf ältere schriftliche Quellen nach. Zwischeninstanzen können aber auch eine viel eigenständigere Rolle einnehmen, wenn sie allein dazu fähig sind, eine Rückbindung herzustellen: Nur die Gelehrten und Künstler, die mit königlicher Förderung am Hof des Matthias Corvinus in Buda wirkten, verfügten etwa als ‚Spezialisten' über das notwendige historiographische und ikonographische Wissen, um eine Abstammung des Königs zu entwerfen und auf mannigfache Weise zu präsentieren.[260]

Schließlich ist darauf aufmerksam zu machen, dass die jeweiligen Akte von Rückbindung unterschiedlich präsentiert werden und sich an gänzlich verschiedene Adressatenkreise richten. Gelegentlich sind die Adressaten klar definierbar: Albarus von Córdoba richtet sich mit seinem ‚Indiculus luminosus' mit einem Arsenal von Argumenten an die christliche Gemeinde von Córdoba, die er von der Legitimität der Märtyrerbewegung überzeugen will. Dabei wendet er sich wahrscheinlich sowohl an Gleichgesinnte als auch an diejenigen, die die Legitimität der Märtyrerbewegung in Frage gestellt haben. In anderen Fällen müssen die Adressaten aus den Präsentationsformen abgeleitet werden: Im Falle Alfreds des Großen zeigt die Herstellung von mit kostbaren Lesezeichen versehenen codices, dass der König die Bedeutung des Übersetzungswerks durch eine reichhaltige materielle Ausstattung betonte. Durch systematische Verteilung solcher codices an alle Bischöfe warb Alfred aber nicht nur bei den geistlichen Führungseliten des Reiches um Unterstützung seiner angestrebten Bildungsreform.[261] Die Wahl der Volkssprache unterstreicht, dass er den Rezipientenkreis nicht mehr auf den Klerus beschränkte, sondern auf die weltliche Aristokratie erweiterte. Denn die große Bedeutung des Vorlesens in der Rezeption erleichterte die Partizipation von nicht Lesekundigen. In begrenzterem Maße dienen sprachliche Kriterien und stilistische Eigenheiten auch hinsichtlich der vorgestellten osmanischen Werke der Ermittlung des Adressatenkreises. Angesichts der Vielzahl von analysierten Texten lässt sich ein für alle geltender Adressatenkreis nicht identifizieren. Amedī hatte in erster Linie die differenzierte Gesellschaft am Hof Emīr Sulaymāns vor Augen. Šükrullāh und Memed Paša, die zu verschiedenen Ebenen der administrativen Elite gehörten, schrieben wohl in erster Linie für ihre Standesgenossen. Dies lässt sich auch aus der Wahl der von ihnen verwendeten Sprachen – Persisch bzw. Arabisch – schließen. Doch auch die türkischsprachigen Quellen lassen sich nicht eindeutig einem gesellschaftlichen Segment zuordnen. Dennoch scheinen gerade sie einen hohen propagandistischen Wert gehabt zu haben, da sie auf Grund ihrer verhältnismäßig schlichten sprachlichen und stilistischen Ausgestaltung bestens dazu geeignet waren, auch breitere Schichten vor allem der städtischen turkophonen Bevölkerung zu erreichen.

Somit lässt sich eindeutig zeigen, dass Akte der Rückbindung unterschiedlich präsentiert werden und verschiedene Gruppen ansprechen. Dabei wird zum Beispiel auf mehrere Medien zurückgegriffen, so etwa im Falle des Matthias Corvinus: Die historiographischen oder lyrischen (häufig panegyrischen) Werke wurden am ungarischen Königshof geschaffen und im Kreis der dort anwesenden Gelehrten und Adeligen präsentiert. Es ist deshalb von einem elitären gebildeten Rezipientenkreis auszugehen. Stellvertretend für den gelehrten Rahmen der symbolischen Herrschaftsrepräsentation Matthias' Corvinus steht die Errichtung der für das Spätmittelalter exzeptionellen ‚Bibliotheca Corviniana', deren Umfang und Gehalt auch außerhalb Ungarns den Ruf des Königs als eines gebildeten und kunstinteressierten Herrschers verbreiteten. Weitere Kreise der Gesellschaft dürfte das Bildprogramm erreicht haben, das die Kernelemente der ‚Corvinus-Legende' – den Raben und den Ring im königlichen Wappen – aufgriff und in Buchkunst, Statuen und Architektur sichtbar machte. Überdies ist davon auszugehen, dass die erzählenden Mittel der Herrschaftsrepräsentation in Form von Anekdoten die Gelehrtenkreise des Hofes verließen und in die Gesellschaft diffundierten.[262]

Auch ein einziges Medium kann aber vielschichtig genug sein, um verschiedene Gruppen anzusprechen: Bei der ‚Geschichte der Eroberung von al-Andalus' handelt es sich um eine Schrift, die dem ‚akademischen Milieu' des Unterrichts in der Moschee zu entstammen scheint: In der dritten Person formuliert, ist das Geschichtswerk des Ibn al-Qūiyya als Manuskript in Form von Schülernotizen überliefert. Wie Zitate in anderen Werken deutlich machen, waren allerdings noch andere Versionen in Umlauf, die heute nicht mehr existieren. Als Adressatenkreis müssen damit zunächst gelehrte Kreise in Betracht gezogen werden. Die im Rahmen moralisierender Anekdoten vermittelten politikgeschichtlichen Inhalte der Chronik suggiereren allerdings, dass diese auch der Bildung politischer Eliten dienen sollte. Wie weit das Werk aber über die Schüler- und Gelehrtenwelt hinaus rezipiert worden ist, ist aufgrund mangelnder Quellen nicht nachzuweisen.

Ziele und Absichten von Rückbindungen

Kann ein bestimmter Adressatenkreis ermittelt werden, so ist davon auszugehen, dass die Urheber eines bestimmten Aktes der Rückbindung eine gewisse gesellschaftliche Wirksamkeit intendierten. Nicht deutlich ist allerdings, ob man in jedem Fall von einer gezielten Verbreitungsmethode sprechen kann: Im Falle von Albarus und Alfred lässt sich ein klares Programm erkennen, gesellschaftliche Verhältnisse im Interesse einer bestimmten Idee oder Überzeugung umzugestalten. Vergleichbares lässt sich auch für Ibn al-Qūiyya und Matthias Corvinus annehmen, aber kaum oder nur sehr viel schwieriger nachweisen. Bei Ibn al-Qūiyya lässt sich weder klar belegen, dass seiner Genealogie tatsächlich ein explizites gesellschaftspolitisches Programm zugrunde liegt, noch ob eine solches Programm tatsächlich über den Schüler- und Gelehrtenkreis in die weitere Öffentlichkeit wirken sollte. Auch für das Beispiel des Matthias Corvinus gilt, dass zwischen dem vermeintlichen Urheber, den Präsentationsformen und dem Adressatenkreis nicht immer ein eindeutiger Zusammenhang hergestellt werden kann. Zwar ist bekannt, dass der König Gelehrte an seinem Hof unterhielt und ihnen somit auch die Mittel zur Verfügung stellte, ihre Werke in seinem Sinne zu gestalten. Ein klarer Auftrag des Königs, seinen Herrschaftsanspruch durch die Entwicklung einer genealogischen Erzählung legitimatorisch zu untermauern, ist allerdings nicht belegt. Die osmanischen Quellen lassen zweierlei erkennen: Zum einen sind sie das Resultat eines sich stetig weiter entwickelnden historischen Bewusstseins einer sich als Osmanen definierenden Gruppe. Vor diesem Hintergrund erscheinen sie als Mittel der Selbstvergewisserung. Andererseits handelt es sich bei ihnen offensichtlich auch um Medien der Propaganda. Es wird in ihnen ein legitimistisches Konstrukt festgeschrieben, das sich in hohem Maße solcher Bezugsschemata bedient, die zum unbewusst und gemeinschaftlich geteilten Katalog an Wahrnehmungs- und Deutungsmustern eines großen Teils der muslimischen turkophonen Bevölkerung Anatoliens gehörten.

Erst auf der Grundlage einer Untersuchung der Ziele und Absichten von Akten der Rückbindung ist auch eine Analyse der Ursachen und damit der Funktion von Rückbindungen möglich. Ein wichtiges Ziel von Rückbindungen scheint die Definition oder Benennung von ‚Ursprüngen' unterschiedlicher Natur gewesen zu sein: Albarus von Córdoba weist mit seinem Pauluszitat auf ‚authentische' christliche Ursprünge zurück und setzt sich damit – überspitzt formuliert – von einem laut seiner Auffassung des biblischen Textes durch Kollaboration ‚pervertierten' Christentum ab, dem es entgegenzutreten gilt. Alfred der Große bezieht sich auf ein vergangenes ‚Goldenes Zeitalter' der Angelsachsen, das vom Dienst an Gott, mächtigen und weisen Königen und einem hohen Bildungsstand getragen worden sein soll. Die Aneignung eines patristischen ‚Klassikers' soll dabei helfen, die korrumpierte Gegenwart zu überwinden und diesen Idealzustand wiederherzustellen. Bei Ibn al-Qūiyya treten klare Bezüge zur westgotischen Vergangenheit hervor. Weniger relevant scheint dabei der ethnische oder religiöse Faktor zu sein als vielmehr die Tatsache, dass seine Familie einem Teil der westgotischen Elite zugehörte, die aufgrund ihrer Bereitschaft zur Kollaboration zum Gelingen der muslimischen Invasion der Iberischen Halbinsel und damit zur Entstehung eines islamischen Gemeinwesens beigetragen haben soll. In der Chronik von Antonio Bonfini geht es deutlich um die Konstruktion prestigereicher dynastischer Ursprünge, die der Rechtfertigung der Herrschaft der königlichen Familie Hunyadi und ihrer Sicherung für die Zukunft dienten. Die Vielzahl der historiographischen Ausarbeitungen des osmanischen Ursprungs wiederum kann als Hinweis auf die Bedeutung dieser rückblickenden Festschreibungen für die Absicherung des osmanischen Herrschaftsanspruchs gewertet werden. Dieses vermittelt allerdings auch einen Eindruck von den Legitimationsdefiziten und der Gegnerschaft, denen die Osmanen im türkisch-islamisch dominierten Anatolien begegneten.

Durch die Definition der Ursprünge wird in den behandelten Fällen gleichzeitig eine Zukunftsprojektion entworfen, die je nach Kontext sehr unterschiedlich ausfällt. Albarus von Córdoba will, unter anderem durch den Verweis auf die grundlegenden Texte des christlichen Glaubens, erreichen, dass sich die Christen Córdobas ihrer Ursprünge besinnen und damit die Legitimität der Märtyrerbewegung anerkennen. Was diese Anerkennung genau impliziert bzw. was sie in Albarusʼ Augen für Folgen zeigen soll, ist dabei nicht eindeutig zu ermitteln: Einerseits ging es ihm wohl darum, die Christen seines Umfeldes darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen die Freiheit zustehen sollte, den Islam zu kritisieren und in Frage zu stellen. Andererseits scheint er das Ziel verfolgt zu haben, weiterer Kollaboration, einer fortschreitenden Arabisierung christlicher Kultur auf der Iberischen Halbinsel sowie weiteren Bekehrungen zum Islam vorzubeugen. Für die Annahme, dass Albarus sich in letzter Konsequenz vorstellte, dass der von ihm geforderte Widerstand in einen Aufstand der Christen, deren Lösung von der islamischen Herrschaft sowie deren Herrschaft als dominante religiöse Gruppe münden sollte, liefern die Quellen keine eindeutigen Hinweise. Äußerst klar erscheinen die Ziele Alfreds des Großen, der explizit ein Programm zur Bildungs- und, damit zusammenhängend, zur Herrschaftsreform ausformuliert. Denn schließt man sich der Interpretation an, dass die gesamte geistliche und weltliche Aristokratie über die Lektüre Gregors des Großen auf christliche Grundregeln für ihre Lebens- und Amtsführung verpflichtet werden sollte, dann ist nicht mehr nur der Stand der Gelehrsamkeit in Wessex Thema. Vielmehr ist hier ein Anspruch formuliert, der auch andere Aktivitäten Alfreds auszeichnet: eine Ausrichtung (potentiell) aller Lebensbereiche auf eine vom königlichen Herrscher getragene christliche Mitte hin. So wird etwa den von Alfred erlassenen Gesetzen die Tendenz zugeschrieben, eine ganze Gesellschaft zur ‚Rechtschaffenheit' erziehen zu wollen.[263] Letztendlich darf man diese normativen Vorstellungen jedoch nicht, wie in der älteren Forschung häufig geschehen, mit der Rechtswirklichkeit verwechseln.[264]

Nicht immer lassen sich solche ‚Zukunftsprojektionen' jedoch so genau festmachen: Die genauen Ziele des Ibn al-Qūiyya zum Beispiel sind unklar: Die Chronik liefert keine konkreten Hinweise darauf, dass Ibn al-Qūiyya – wie etwa Alfred der Große – willentlich und mit bestimmten Hintergedanken in die westgotische Vergangenheit zurückgegriffen hat. Die von einigen Forschern angestellten Überlegungen, denen zufolge die Genealogie als explizite und aktive Parteinahme für die nicht-arabischen Muslime des umayyadischen Spanien (muwalladūn) sowie als Plädoyer für deren Anerkennung und soziale Gleichstellung gedeutet werden muss, überzeugen in dieser Schärfe nicht. Zwar scheint Ibn al-Qūiyya in seinen Beschreibungen von Rebellionsversuchen solcher Gruppen diesen gegenüber eine grundsätzlich verständnisvolle Haltung einzunehmen. Im Unterschied zum späteren Ibn García[265] formuliert er allerdings keine eindeutige Opposition zwischen Muslimen arabischen und nicht-arabischen Ursprungs und definiert sich auch nirgends explizit als muwallad. Seine westgotische Genealogie hat einen eher persönlichen Charakter: Ibn al-Qūiyya verweist auf den königlich-westgotischen Hintergrund seiner Familie, nicht aber einer gesamten gesellschaftlichen Gruppe von zum Islam konvertierten Christen. Damit kann die Genealogie aber trotzdem nicht automatisch als Rechtfertigung der eigenen familiären Besitzverhältnisse oder gar als Anspruch auf Herrschaft verstanden werden. Nicht geleugnet werden soll, dass der Hinweis auf eine Herkunft des Ibn al-Qūiyya von den Witizianern einer historischen und gesellschaftlichen Eigenpositionierung gleichkommt, die als familiärer Tatsachenbericht die Vergangenheit und gesellschaftliche Situation eines muwallad und der Gruppe von muwalladūn in eine historische Perspektive stellte und damit sowohl Ibn al-Qūiyya als auch den muwalladūn ein gewisses Prestige verlieh. Um ein politisches Manifest, ein Instrument der Politik, das einen klar definierten Gesellschaftszustand heraufbeschwören soll, handelt es sich bei der Genealogie allerdings nicht. Nur was das Gesamtwerk angeht, lässt sich feststellen, dass die Chronik des Ibn al-Qūiyya im Rahmen moralisierender Anekdoten bestimmte Vorstellungen von der guten und gerechten Leitung eines von den Umayyaden geführten islamischen Gemeinwesens formuliert.

In anderen Fällen ist der Urheber einer zunächst klar erscheinenden Zukunftsprojektion nicht so eindeutig zu ermitteln, wie es auf den ersten Blick aussieht: Das Beispiel der ‚antiken Abstammung' des Matthias Corvinus scheint zwar zunächst eindeutig im legitimatorischen Sinne interpretierbar, gestaltet sich jedoch umso differenzierter, desto tiefer man in die Vielfalt und Details der Quellen vordringt. Ein klares Interesse bzw. eine deutliche Absicht ist zunächst nur bei den Dichtern und Gelehrten anzunehmen, die in ihren Werken die Idee der antiken Wurzeln der Familie Hunyadi verarbeiteten, um eine Position am königlichen Hof in Buda zu erhalten oder zu sichern. Deutlich wird dies am Beispiel von Antonio Bonfini, der sich dem König bei seinem ersten Aufenthalt in Buda dezidiert mit einer kurzen Familiengeschichte zu empfehlen versuchte. Da sich König Matthias, obwohl er sich zeit seiner Herrschaft um deren Anerkennung innerhalb und außerhalb Ungarns bemühte, selbst wohl nie direkt mit der ihm dargebotenen Familiengeschichte in Verbindung brachte, erweist sich die Frage des ‚politischen Nutzens' der genealogischen Anbindung vor allem im Hinblick auf das Problem der Thronfolge als vielversprechend: Im Zuge der Bemühungen um die Etablierung und Stärkung seines unehelichen Sohnes Johannes durch Besitzschenkungen und Titelvergaben begann der König auch, diesen in öffentlichen Dokumenten mit dem Kognomen ‚Corvinus' zu titulieren, wohl um Johannesʼ historisch begründete Berechtigung auf die Herrschaft in Ungarn überzeugend vermitteln zu können. Zumindest einprägsam scheint die Benennung gewesen zu sein: Obwohl sich Johannes im Kampf um die Nachfolge seines Vaters nicht durchsetzen konnte, wurde der Name Corvinus zeit seines Lebens sowohl von ihm selbst als auch von seinen Zeitgenossen verwendet. Wirklich förderlich mag die Benennung Johannes' Corvinus vor allem bei den Verhandlungen um eine Heiratsverbindung mit dem Hause Sforza gewesen sein. Obgleich nicht zu belegen ist, dass Matthias eine Anbindung seiner Familie an die Antike in Auftrag gegeben hatte, förderte er humanistische Künstler und Gelehrte nachhaltig und band sie durch verschiedene Zuwendungen an seinen Hof. Die in diesem Kontext entstandenen vielfältigen Präsentationsformen der ‚Corvinus-Legende' in Text, Bild oder Architektur kündeten ebenso wie das den Zeitgenossen wohl bekannte Mäzenatentum von dem selbstbewussten Herrschaftsverständnis und Reichtum des Königs. Über eine rein legitimatorische Absicht des Königs hinaus ist im Wissen um die Zeugnisse seines Interesses an Geschichte, Kunst und Wissenschaft freilich auch das persönliche Vergnügen des Matthias an den Abstammungslegenden in Betracht zu ziehen, um die beschriebene Förderung und ihr Ausmaß zu erklären.

Trotz aller Einschränkungen wird in allen Fällen deutlich, dass Vergangenheitskonstruktion und mehr oder weniger explizite Zukunftsprojektion miteinander verschränkt sind. Ein weiter angelegter Zugang zu dem Phänomen der kulturellen Rückbindung, der mehrere Varianten miteinander vergleicht, lässt dies unter Umständen deutlicher erkennen, als die Untersuchung individueller Beispiele: Die vorgestellten osmanischen Ursprungserzählungen sind alle in einem Zeitraum entstanden, in dem sich die Osmanen mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sahen. Hierzu gehörten insbesondere die Gegnerschaft der ‚alteingesessenen' turkmenischen Fürstentümer Anatoliens und die gesellschaftliche Opposition gegen die zunehmende Zentralisierung vor allem der militärischen und administrativen Struktur. Diese Widerstände scheinen, neben dem Bedürfnis nach einer historischen Verankerung des Eigenen, die ‚Entdeckung' historischer Kontinuitäten und die Verbreitung dieses Wissens seitens der Osmanen mit bedingt zu haben. Die Unterschiede zwischen den Darstellungen und Deutungen der einzelnen hier vorgestellten Texte machen deutlich, dass die Osmanen nicht von vornherein über eine ausformulierte Strategie zur Bewältigung dieser Herausforderungen verfügten, zumal ihnen diese Strategie ja erst im Zuge der Ausweitung ihrer Herrschaft begegneten, sondern dass diese erst sukzessive entwickelt wurde. Zu bedenken ist, dass jeder einzelne Text für sich nicht mehr als ein Standbild bietet, von dem sich nur schwer auf eine langfristige und zukunftsorientierte Programmatik schließen lässt. Erst durch die Untersuchung des Gesamtphänomens der frühen osmanischen Ursprungs- und Geschichtsdefinition in seiner Langzeitentwicklung wird erkennbar, wie sehr die Geschichtsschreiber in ihren Entwürfen auf die jeweiligen politischen und sozialen Kontexte rekurrierten. Die zukunftsorientierte Legitimationspropaganda folgte also keinem starren Schema. Sie setzte sich vielmehr aus verschiedenen, flexibel miteinander kombinierbaren Komponenten zusammen, was wiederum die Möglichkeiten bot, die legitimationsrelevanten Kontinuitätsentwürfe durch die Integration neuer Argumente oder durch die Umdeutung bekannter Elemente entsprechend der jeweiligen Bedarfslage nachzujustieren. Dies verweist wiederum auf den Umstand, dass der Entwurf historischer Kontinuität(en) nicht nur eine große Rolle bei der Absicherung politischer Herrschaft spielt, sondern auch ein Mittel sein kann, die Möglichkeiten der Umsetzung gesellschaftlicher Planspiele auszuloten.

Ursachen von Akten der Rückbindung

Zur Beantwortung der Frage nach den Ursachen kultureller Rückbindung gilt es, die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Spannungssituationen und Strategien der Identifikation und Abgrenzung aufzuzeigen. Wie dabei zu zeigen ist, stehen Akte der Rückbindung letztendlich in einem ursächlichen Zusammenhang mit Prozessen der Integration und Desintegration.

Die Rückbindung an historische Kontexte und/oder normative Vorbilder impliziert eine kulturelle Zugehörigkeit, erlaubt ihre Analyse doch Einblicke in die Identifikations- und Abgrenzungsvorstellungen der beteiligten Akteure: Albarus von Córdoba positioniert sich in der lateinischen exegetischen Tradition, um die Rückbesinnung auf ein lateinisches Christentum einzufordern. Damit definiert er die Grenzen zwischen Christentum und Islam für die christliche Gemeinde von Córdoba. Er grenzt sich von den Glaubensgenossen ab, die sich mit dem Leben in einer islamisch dominierten Gesellschaft arrangiert haben und identifiziert sich mit einer ideellen Gemeinschaft ‚authentischer' Christen. Alfred der Große wiederum deklariert sich und sein Herrschaftsgebiet zum Erben lateinisch-christlicher Herrschaftstraditionen. Er bezieht sich explizit auf eine imaginierte zurückliegende Epoche der Gelehrsamkeit, deren Verfall er als Charakteristikum der eigenen Zeit hervorhebt. Diese identifikatorischen Vorgänge können gleichzeitig als stärkere Positionierung gegenüber dem Karolingerreich gewertet werden, übte dieses doch einen bedeutenden politisch-kulturellen Einfluss auf die angelsächsischen Königtümer aus. Zwar ist das Übersetzungswerk Alfreds nicht ohne das Vorbild der karolingischen Renaissance und die Mitwirkung von Gelehrten aus den karolingischen Reichen denkbar. Allerdings zeigen sowohl die Tatsache, dass Alfred auf (vergangene) einheimische Traditionen Bezug nimmt, vor allem aber seine Wahl des Englischen als Literatursprache, dass es sich um eine eigenständige Adaption dieses Vorbilds handelt. Deutliche Identifikationsvorstellungen lassen sich in den im Umfeld des Matthias Hunyadi produzierten Texten, vor allem aber in der Chronik von Antonio Bonfini ausmachen: Indem er auf die römischen Wurzeln der Familie Hunyadi und die im Kontext der Türkenabwehr erbrachten Leistungen von Matthiasʼ Vater verwies, vermittelte der Chronist den Anspruch des Königs auf einen gleichrangigen Platz im mitteleuropäischen ‚Mächtekonzert'. Diese Darstellung korrespondiert mit der Perspektive von König Matthias selbst, der in politischen Verhandlungen und Auseinandersetzungen mit auswärtigen Herrschern und Fürsten beständig an die Tradition des Stephansreichs und dessen eigenständige Position im christlichen Europa erinnerte. Auch bezüglich der osmanischen Herkunfts- und Geschichtskonstruktionen lässt sich ein eindeutig integratives Moment erkennen: Durch die Benennung historischer, aber auch mythischer Ursprünge wird das osmanische Gemeinwesen mitsamt seiner Führung nicht nur erhöht, sondern zunächst überhaupt einmal als historisch existente Größe definiert, dabei gleichzeitig kulturell und in Beziehung zu anderen Gemeinwesen und Gruppen verortet, wobei sich Letztere durch einen unterschiedlichen Grad an Zugehörigkeit auszeichnen.

Allerdings ist die hier besprochene kulturelle Zugehörigkeit nicht immer so eindeutig, zum Beispiel entlang bekannter ethnischer oder religiöser Grenzen, zu definieren: Die Genealogie des Ibn al-Qūiyya etwa ist nur bedingt als Ausdruck einer Identifikation mit einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe oder als Ausdruck eines Bemühens um Abgrenzung zu sehen. Ibn al-Qūiyyas Identifikation mit den zum Islam konvertierten Christen (muwalladūn) ist weniger politisch und religiös als historisch: Die Tatsache, dass er die Religion der Westgoten nicht explizit benennt, ebenso der generelle Charakter seines Werkes machen deutlich, dass Ibn al-Qūiyya sich in keiner Weise vom Islam oder den Muslimen abgrenzt. Die erwähnte umayyadentreue Tendenz der Chronik mit ihrem Bemühen, durch Anekdoten herrschaftsstabilisierendes und herrschaftsschwächendes Verhalten zu definieren, spricht – trotz eines gewissen Verständnisses für die Situation der muwallad-Rebellen – eher für als gegen eine grundsätzliche Bejahung des politischen Systems. Kulturelle Zugehörigkeit ist in diesem Falle also nicht nach klaren religiösen oder ethnischen Grenzlinien zu definieren. Vielmehr ist sie das Produkt eines Integrationsprozesses, dessen Nachhaltigkeit und Erfolg im Rahmen sorgfältiger und kluger politischer Maßnahmen gewahrt werden soll.

Dem integrativen Moment der Bemühungen um Rückbindung steht gleichzeitig ein desintegratives Moment gegenüber. Letzteres kann als Merkmal oder Folge einer gesellschaftlichen Spannungssituation definiert werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass deren Bestehen es überhaupt notwendig macht, bestimmte Zugehörigkeiten zu definieren, um sich damit gleichzeitig von dem abzugrenzen, was nicht als zugehörig betrachtet wird: Gesellschaftliche Spannungen zwischen Christen und Muslimen sowie die innerchristliche Diskussion über die Stellung der Christen zu einer vom Islam dominierten Gesellschaft veranlassen Albarus von Córdoba, nach einer Identitätsbildung zu streben, die auf einer islamfeindlichen Interpretation der Heiligen Schrift und der Kirchenväter gründet. Die Herrschaft Alfreds des Großen war von der Auseinandersetzung mit den Wikingern bestimmt. Auf ihre dauerhafte Besatzung des östlichen England reagierte Alfred mit der Gründung von befestigten Siedlungen und einer Umstrukturierung der Armee, mit Eingriffen in Landbesitz und Handel.[266] In diesen Kontext reformerischer Initiativen gehören auch die kulturellen Aktivitäten wie die Übersetzung und Verbreitung der ‚Regula pastoralis', die den Versuch darstellen, neue Herrschafts- und Bildungsgrundlagen zu legen. Während der rund dreißig Jahre der Herrschaft des Matthias Corvinus befand sich das Königreich Ungarn beinahe kontinuierlich in verschiedenen militärischen Konfrontationen, etwa mit türkischen Einheiten im Süden, böhmischen Soldaten im Norden oder kaiserlichen Truppen im Westen. Diese Spannungssituation nach außen hin wurde durch politische Machtkämpfe innerhalb des Adels, zwischen oppositionellen Magnatengruppen und Anhängern des Königs verschärft. König Matthias sah sich dabei vor die Herausforderung gestellt, seine Herrschaftsberechtigung und sein Königtum zu behaupten. Der wegen seiner Abstammung von den Zeitgenossen häufig politisch geschmähte homo novus verschaffte sich besonders durch die nachhaltige Förderung von Wissenschaft und Kunst ein eigenes Profil. Indem er auf die humanistische Konstruktion einer glorreichen Vergangenheit zurückgriff, vermochte er den Hunyadi eine würdige Familientradition zu verleihen und damit zugleich eine Grundlage für die Sicherung ihrer Herrschaft in der Zukunft, konkret der Nachfolge des Johannes Corvinus, zu bilden. Durch diese „Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ wurde der Versuch unternommen, der Herrschaft seiner Familie Kontinuität und Stabilität zu verleihen.[267]

Nicht immer müssen entsprechende Akte der Rückbindung als direkte Antwort auf gesellschaftliche Spannungen gesehen werden: Im Unterschied zu Albarus von Córdoba und Alfred dem Großen lebte und argumentierte Ibn al-Qūiyya nicht in einer akuten gesellschaftlichen Krisensituation, die von harten Diskussionen um das westgotische Erbe geprägt war. Vielmehr sind seine Person und Stellung als erfolgreiches ‚Resultat' des Zusammenwachsens von vorislamischen und islamischen Eliten auf der Iberischen Halbinsel zu sehen. Als erfolgreicher Gelehrter und Richter in Córdoba konnte sich Ibn al-Qūiyya – im Gegensatz zu den erwähnten muwallad-Rebellen – umayyadentreu geben. Die westgotische Genealogie ist damit weniger als politisches Argument im Rahmen eines noch aktiven gesellschaftlichen Disputes zu sehen. Vielmehr scheint sie Ausdruck eines Bemühens zu sein, das teilweise spannungsgeladene, teilweise aber auch konfliktfreie Zusammenwachsen vorislamischer autochthoner und eingewanderter islamischer Eliten aus der Perspektive eines Mannes historisch zu bewältigen, dessen Karriere und gesellschaftliche Position vom potentiellen Erfolg dieses Zusammenwachsens zeugte. Im Falle der osmanischen Herkunfts- und Geschichtsdarstellungen ist wieder einmal zu beachten, dass es sich im Rahmen dieser Interpretation nicht um eine Einzelanalyse unterschiedlicher Entwürfe handelt, sondern um eine sich über einen längeren Zeitraum vollziehende Geschichtskonstruktion. Ein solcher Entwurf muss nicht unbedingt mit Bezug auf eine akute, konkrete und damit zeitlich begrenzte gesellschaftliche Spannungssituation interpretiert werden, sondern kann – wie im Falle des Ibn al-Qūiyya – auch als Reaktion auf eine grundlegende gesellschaftliche Problemstellung gewertet werden, die es zu bewältigen gilt.

Im Fall Ibn al-Qūiyyas handelt es sich um ideelle Herausforderungen, die sich stellen, wenn eingewanderte Gruppen in eine neue Landschaft hineinwachsen, mit der schon vorhandenen Bevölkerung verschmelzen und damit Identifikationsgrundlagen hervorbringen müssen, die diesen Prozess sowohl während seines Verlaufs als auch im Rückblick erklären. Bei den Osmanen galt es nicht allein, den langfristig ausgerichteten Vorzüglichkeitsanspruch der Dynastie gegenüber anderen türkisch-islamischen Herrscherhäusern in Anatolien zu rechtfertigen, sondern auch ein politisches System zu legitimieren, das mit seinen zunehmenden Zentralisierungsbemühungen im militärischen und vor allem wirtschaftlichen Bereich auf den Widerstand breiter Bevölkerungsschichten stieß.

Diese Beobachtungen lassen annehmen, dass Akte der Rückbindung sowohl kurz- aber auch langfristige Folgeerscheinung gesellschaftlicher Spannungssituationen und damit tatsächlicher oder befürchteter Desintegrationsprozesse sein können. Die Gegenüberstellung der behandelten Einzelbeispiele lässt den Schluss zu, dass Akte der Rückbindung zum einen als Gegenstrategien gedeutet werden können, deren Ziel es ist, in einer konkreten gesellschaftlichen Spannungssituation Identifikationsgrundlagen neu zu schaffen oder zu bestätigen und auf publizistisch wirksame Weise an potentielle Träger einer solchen Identität zu vermitteln. Zum anderen können sie als Verarbeitung und damit als eher implizite und nachträgliche Antwort auf grundlegende gesamtgesellschaftliche Problemlagen begriffen werden, in denen die Identitätsdefinition sowohl der Eliten als auch des gesamten Gemeinwesens zur Diskussion stand.

Michael Brauer, Ulisse Cecini, Julia Dücker, Daniel König, Şevket Küçükhüseyin



  1. Siehe zum Thema ‚Übersetzung‘ die oben, Anm. 90f. genannte Literatur.
  2. Angelockt von der Prachtentfaltung und dem Reichtum des ungarischen Hofes konnten viele Künstler ihre Projekte mit der finanziellen Unterstützung durch König Matthias realisieren. Neben der Abfassung von historiographischen oder lyrischen Werken wurde die Vergangenheit des Königs auch in Skulpturen und zahlreichen Bildern thematisiert; dabei entsprach besonders die Vielfalt der Bildprogrammatik „der Vielgestaltigkeit herrscherlichen Vermögens in der repräsentativen Öffentlichkeit.“ Vgl. dazu Verspohl, Kleinform – Großform (2000), 164.
  3. Allerdings hat bereits Alfred mit einer weiteren Verbreitung durch Verleihen und Kopieren gerechnet. So ordnete er an, dass die Bischöfe ihr eigenes Exemplar immer in der Kirche aufbewahren sollten, es sei denn, sie wollten es bei sich haben, es sei ausgeliehen oder jemand kopiere es; vgl. King Alfredʼs West Saxon Version. Ed. Sweet, 9.
  4. Rund um Matthias Corvinus entstanden in den folgenden Jahrhunderten zahlreiche Märchen, folkoristische Geschichten und Sprichwörter, die sich in mehreren ostmitteleuropäischen Ländern verbreitet und dort mitunter bis heute erhalten haben. Vgl. dazu Szövérffy, History (1968).
  5. Vgl. Campbell, Placing King Alfred (2003), 11. Dieses christliche Ordnungsdenken erinnert an Karl den Großen, der als Vorbild für Alfred ins Spiel gebracht worden ist; vgl. Nelson, Alfred’s Carolingian Contemporaries (2003), 310, die an einen „imagined Charlemagne“ denkt.
  6. Die vertiefte Verchristlichung einer Gesellschaft ist im Mittelalter immer ein jahrhundertelanger, mit Ambivalenzen verbundener Prozess gewesen, weil zum einen die Mittel zur Durchsetzung von in Gesetzen formulierten Normvorstellungen fehlten, zum anderen sich die Vorstellungen darüber, was ‚christlich‘ sei, wiederholt änderten.
  7. Monroe, Shuʿûbiyya in al-Andalus (1970), 24; 27.
  8. Vgl. Pratt, Political Thought (2007), 93–111.
  9. Kellner, Zur Konstruktion (2004), 41.
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