Fazit

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Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter
Im Spannungsfeld der Religionen. Textuelle Konstruktionen des ‚Anderen‘ in Europa seit dem Frühmittelalter
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Literaturnachweise

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ISBN 978-3-05-004973-1
Akademie Verlag

Der methodische Leitbegriff der Konstruktion erweist sich als sehr wohl tauglich, um aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven und an sehr verschiedenen Texten des Mittelalters die Konfrontation zwischen den Religionen und die je eigene Reaktion, sei sie auf Integration oder Segregation gerichtet, zu analysieren: Für die Konstruktion einer auch im Alltag präsenten Christenheit spielen die Personennamen, die im Spätmittelalter und in der Neuzeit so deutlich mit der religiösen Sphäre verbunden sind, in der Spätantike und im Frühmittelalter zunächst keine prominente Rolle. Abzulesen ist dies an der augenscheinlich problemlosen Integration heidnischer Elemente in den christlichen Namenschatz. In den von Klerikern verfassten Texten, in denen Namendeutungen vorkommen, deuten die seltenen Aussagen zu den theophoren heidnischen Namenelementen auf eine Missionspraxis, die als ‚Akkomodation durch Umwidmung‘ beschrieben werden kann. Die Untersuchung von Namen in literarischen Texten – hier des vielfältigen Nameninventars im ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach, einem mittelhochdeutschen Paradetext, zum spannungsreichen Verhältnis zwischen Christen und Heiden – belegt deren relevanten Anteil an der Konstruktion religiöser und politisch-sozialer Fremdwahrnehmungen sowie deren Wandlungen unter neuen Erfahrungsperspektiven. Die Konstruktion des Judenbildes der mittelalterlichen deutschsprachigen Dramen erweist sich als Aktualisierung alter Vorurteile und Ängste. Der tägliche Umgang mit jüdischen Zeitgenossen und die Furcht vor einer zunehmenden Verwischung der Grenzen zu dieser den christlichen Zeitgenossen unverständlich erscheinenden Religionsgemeinschaft erfordern eine Selbstvergewisserung und beständige Stärkung der Unterschiede, eine Desintegration dieser Gruppe aus der eigenen christlichen Gemeinschaft, die durch die Figuren der Juden im Geistlichen Spiel immer wieder propagiert wird. Petrus Venerabilis’ Projekt der Darstellung (und Widerlegung) des Islam zeigt sich als ein nach wie vor in polemischen Traditionen stehendes, gleichwohl massiv um Information bemühtes Unternehmen; das Bewusstsein, dass der Islam eine eigenständige, neue Religion bildet, ist allerdings nach wie vor nicht vorhanden, vielmehr wird auf das verfügbare Repertoire der Häresiologie zurückgegriffen. Die Konstruktion der Religion des Islam ist primär missionarisch legitimiert und bleibt bei aller Bemühung doch auf die Deutung innerhalb bekannter Muster beschränkt, auch wenn deren Unzulänglichkeit erkannt wird. Die Analyse von Ibn azms ‚Kitāb al-fal‘, eines zentralen Werks der islamischen Religionspolemik, verdeutlicht, dass die Konstruktion fremder Religionen durch muslimische Autoren erfolgte, um aktuelle politische Situationen zu bewerten. Durch die Konstruktion der fremden Religion machte man sich den Kern der eigenen Kultur bewusst, um sich von anderen Kulturen zu segregieren. Dadurch wird aber auch offensichtlich, dass es zumindest im Andalus des elften Jahrhunderts zu einer intensiven Vermischung christlicher, jüdischer und muslimischer Kultur gekommen ist.

Christa Jochum-Godglück, Verena Linseis, Daniel Potthast, Christian Saßenscheidt, Andreas Schorr


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