Zur Einführung
Aus SPP 1173
| Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter | |
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| „Und warum glaubst du dann nicht?“ Zur ambivalenten Funktion der Vernunft in Religionsdialogen des 12. Jahrhunderts | |
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Wann immer ein Konflikt friedlich beigelegt werden soll, ist rasch vom Dialog die Rede, der hierzu das probate Mittel sei. Durch die Kommunikation ihrer unterschiedlichen Standpunkte würden, so die Erwartung, die Parteien zu gegenseitigem Verständnis kommen, das die Beendigung des Konfliktes in der Duldung einer weiterhin bestehenden Differenz oder in der Einigung alternativlos mache. Der Begriff ‚Dialog‘ beschreibt in seiner heutigen Verwendung somit nicht nur das bloße Faktum der Kommunikation zwischen einer Anzahl von Interlokutoren, sondern führt einen evaluativen Anteil mit sich, der ihn als eine Form der Toleranz und damit als ethisch geboten ausweist.
Leicht wird diese Perspektive auf mittelalterliche Religionsdialoge übertragen und so eine moderne Wertschätzung in die Vergangenheit projiziert. Dies verleitet zu einer ‚harmonisierenden‘ Lesart der historischen Texte, die zu dem vielfach ganz und gar nicht harmonischen Verhältnis zwischen Juden und Christen im Mittelalter in nicht unerhebliche Spannung tritt. Eindrucksvoll dokumentiert diese harmonisierende Auffassung die Einleitung zur deutschen Übersetzung der ‚Disputatio iudei et christiani‘ des Gilbert Crispin, der Inszenierung einer jüdisch-christlichen Glaubenskontroverse im England des späten 11. Jahrhunderts.
Die positive Bewertung des Gesprächsbegriffs, die diese Interpretation trägt, wird nicht hinreichend kritisch reflektiert. Eine solche Selbstaufklärung über die Verzerrung des Blicks durch die eigene Lesebrille ist aber geboten, will man die Wertungen aufspüren, die der Autor der ‚Disputatio‘ und die Figuren des Textes evozieren. Die Einleitung zur Übersetzung führt weiter aus, der Jude richte sich bei der Bibelauslegung „in der Regel nach dem Literalsinn“, „wie er auf den ersten Blick zu verstehen“ sei, während „der Christ den Text figurativ“ betrachte, „d. h. als Aufforderung, etwas mit dem Text nur Angezeigtes und über ihn Hinausreichendes zu suchen“. Diese Unvereinbarkeit der Interpretationsweisen führe die Interlokutoren dazu, sich von der Schrift zu trennen und sich der „philosophische[n] Gottesrede“ zuzuwenden, die „für beide Seiten sozusagen neutrales Gebiet ist.“ „Ohne Textbezug“, heißt es weiter, „geht es auf dieser Diskussionsebene um den (trinitarischen) Gottesbegriff, seine Implikate, die Vernünftigkeit seiner Konsequenzen etc.“
Gegen diese Diktion, die die Geschichte der auf Pluralität abzielenden interreligiösen Verständigungsbemühungen unserer Tage bis ins Mittelalter verlängert, ist bereits verschiedentlich eingewandt worden, dass Glaubensdisputationen in einem emphatischen Sinne, also im Sinne eines offenen Gesprächs auf Augenhöhe, im Mittelalter nicht stattgefunden hätten oder doch in den überlieferten Dialogschriften nicht inszeniert worden seien.
In eine komplexere Gesamtentwicklung ordnet Jeremy Cohen den literarischen Blick mittelalterlicher Christen auf die Juden ein, indem er die bleibende Ambivalenz dieses Verhältnisses betont.
So richtig die Feststellung dieser tief im christlich-jüdischen Verhältnis liegenden Ambivalenz auch ist, so neigt die ‚konfrontative‘ Perspektive doch auf der einen Seite dazu, die Religionsdialoge in eine lineare Entwicklung des Antijudaismus oder der ‚persecuting society‘ einzuordnen, während andererseits die ‚harmonisierende‘ Perspektive dazu neigt, diese Texte in die Geschichte interreligiöser Toleranz einzureihen. Beide Sichtweisen aber verkennen oder gehen doch stillschweigend hinweg über eine Ambivalenz, die den Religionsdialogen selbst innewohnt und die es hier herauszuarbeiten gilt. Es handelt sich dabei nicht um eine Ambivalenz des ‚hermeneutischen‘ oder ‚gespenstischen‘ Juden, also des christlichen Judenbildes, sondern es handelt sich um ein Phänomen, das wir – in Ermanglung eines adäquateren Begriffs – als ‚Ambivalenz der Vernunft‘ bezeichnen wollen: Dies soll den Umstand beschreiben, dass die Ratio, wenn man sich ihrer bedient, um eine partikulare, einseitige Position zu vertreten, über diesen partikularen Zweck hinaustreibt – und so das Partikulare gerade in seiner Partikularität sichtbar wird.
Für den Kontakt zwischen den Religionen ist diese ‚Ambivalenz der Vernunft‘ besonders virulent. Denn eine Frage drängt umso mehr auf eine Lösung, je grundlegender sie die Lebenswelt ordnet, mit Sinn ausstattet und formt. In der Religion wird man wohl ein kulturelles System sehen dürfen, welches das Leben der mittelalterlichen Menschen in besonders intensiver und umfassender Weise geprägt hat.
An den lateinischen Religionsdialogen des späten 11. und frühen 12. Jahrhunderts bricht die ‚Ambivalenz der Vernunft‘ deutlich auf, wie wir im Folgenden exemplarisch an einigen Dialogen zeigen wollen, die im Umfeld Anselms von Canterbury entstanden sind. Gilbert Crispin, Abt von Westminster und Verfasser einer ‚Disputatio Iudei et Christiani‘ (1092/1093) und einer ‚Disputatio cum gentili‘, war direkter Schüler Anselms im nordfranzösischen Kloster Bec und folgte seinem Meister nach England.
Mit der Auswahl dieser jüdisch-christlichen Religionsdialoge ist selbstverständlich keine Vollständigkeit erreicht.
Marcel Müllerburg, Britta Müller-Schauenburg, Henrik Wels
- ↑ Es handelt sich mithin um das, was in der Philosophie als ‚thick concept‘, als ‚dichter Begriff‘, beschrieben wird, um einen Terminus also, in dem deskriptive und evaluative Anteile unauflöslich miteinander verwoben sind. Vgl. dazu Millgram, Inhaltsreiche ethische Begriffe (1995); Dancy, In Defense (1995); Williams, Ethics (1985), 140.
- ↑ Vgl. etwa Schrey, Dialogisches Denken (1970), IX.
- ↑ Wilhelm, Einleitung (2005).
- ↑ Wilhelm, Einleitung (2005), 10.
- ↑ Vgl. Berndt, Beziehungen (1993), 545. Und dies nicht allein, weil das gesprochene Wort nicht verbatim dokumentiert wird. Vielmehr lassen Dialoge auch deswegen nur begrenzt Rückschlüsse auf reale Gesprächssituationen zu, weil in ihnen alles Parasprachliche und alle Spontaneität der Kommunikation systematisch außen vor gelassen wird. Vgl. zum Verhältnis von Dialog und Mündlichkeit allgemein Moos, Gespräch (1997), 239f.; Ders., Zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit (1991).
- ↑ Vgl. Wilhelm, Einleitung (2005), 15.
- ↑ Wilhelm, Einleitung (2005), 19.
- ↑ Im Vorwort zu ihrem Sammelband ‚Religionsgespräche im Mittelalter‘, der die Beiträge eines Symposiums gleichen Titels vereint, stellen die Herausgeber fest, sie hätten eine Tagung zu etwas geplant, was es „eigentlich – wie wir später feststellen mußten – nie gegeben hat: Religionsgespräche im Mittelalter.“ Lewis / Niewöhner, Vorwort (1992), 7. Vgl. auch Hildebrandt, Mittelalterliche Religionsdialoge (2008).
- ↑ Moore, Formation (1994). Vgl. dazu kritisch Nirenberg, Communities (1998), 3–7.
- ↑ Vgl. insb. Abulafia, Christians and Jews (1995); Dies., Twelfth Century Humanism (1996). – Anders als Abulafia sieht Heinz Schreckenberg die herausgearbeitete Gleichsetzung der Juden mit Tieren nicht als Folge, sondern als Bedingung ihrer literarischen ‚Ent-Rationalisierung‘: Schreckenberg, Vernunftlose Wesen (1988). Das Motiv der Tierartigkeit sei, bezogen auf bestimmte symbolische Tierarten (besonders Hund, Schlange und Schwein), so alt wie die christliche antijüdische Polemik. Im 12. Jahrhundert jedoch wandle sich der Tiervergleich dahingehend, dass nun nicht mehr einzelne Tierarten die stereotypen Eigenschaften der Juden allegorisch bebildern, sondern dass das Tier-Sein als solches in der Polemik bemüht wird. Dieser Wandel habe seine Ursache in der „stolze[n] Freude christlicher Theologen über die eindrucksvolle Architektur des mit Ratio und Scriptura errichteten Glaubensgebäudes“. Ebd., 55. Zur Tradition, das Tier ex negativo als nicht vernunftbegabt zu bestimmen vgl. Eckart / Lühe, Art. Tier (1998), 1205f.
- ↑ Petrus Venerabilis, Adversus Iudeorum, lib. 3. Ed. Friedmann, 57f., Z. 562–568: Nescio plane utrum Iudeus homo sit, qui nec rationi humanae caedit, nec auctoritatibus diuinis et propriis adquiescit. Nescio, inquam, utrum homo sit, de cuius carne nondum cor lapidum ablatum est, cui nondum datum est cor carneum (…).
- ↑ Petrus Venerabilis, Adversus Iudeorum, lib. 5. Ed. Friedmann, 125, Z. 6–8: Hominem enim te profiteri ne forte mentiar, non audeo, quia in te extinctam, immo sepultam quae hominem a ceteris animalibus uel bestiis separat eisque praefert rationem agnosco. – Vgl. zu Petrus’ Auffassung vom christlich-muslimischen Dialog Tischler, Manners (im Druck).
- ↑ Cohen, Living Letters (1999); Ders., Muslim Connection (1996); Ders., Scholarship (1986); Ders., Friars (1983).
- ↑ Cohen, Living Letters (1999), 5; passim.
- ↑ Die These ist in ihren Grundzügen bereits formuliert worden in Funkenstein, Basic Types (1971).
- ↑ Derrida, Marx’ Gespenster (2003).
- ↑ Kruger, Spectral Jew (2005). Vgl. etwa ebd., 11: „[T]he attempt to conjure Jews away also serves to conjure them up, into a certain presence“.
- ↑ Vgl. Borgolte / Schiel, Mediävistik (2008), 17f.; Geertz, Dichte Beschreibung (2007), 44–95.
- ↑ Vgl. Waardenburg / Limor / Dingel, Art. Religionsgespräche (1997), 631: „Religionen sind weder zu dem Zweck gestiftet worden, miteinander ins Gespräch zu treten, noch haben sie diese Fähigkeit kultiviert.“ Man müsse „viel eher von einem Wettkampf als von einem Gespräch zwischen den Religionen sprechen.“ – Veyne, Als unsere Welt (2008), 176, Hervorh. v. uns: „Ihrem Wesen nach glaubt allerdings jede Religion letztlich nur an sich selbst, bleibt gegen alle anderen Religionen indifferent (selbst wenn sie von ‚Dialog‘ spricht) und lässt sich kaum durch deren Verschiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit verunsichern.“ Vgl. auch zum Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen Assmann, Mosaische Unterscheidung (2003). Dazu Borgolte, Wie Europa (2005); Ders., Christen, Juden, Muselmanen (2006). Zu jüdisch-christlichen Religionsgesprächen im Besonderen Ders., Christen und Juden (2008), 359f.
- ↑ Der Einfluss der Crispin’schen ‚Disputatio‘ reicht über Alanus ab Insulis am Ende des 12. Jahrhunderts bis zu Hinweisen auf eine Verwendung der ‚Disputatio‘ in Jakob ben Reubens anti-christlicher Polemik ‚Milḥamot HaShem‘ von 1170. Vgl. Berger, Gilbert Crispin (1974); Abulafia, Ars disputandi (1998), VI.140. Siehe zu Gilbert Crispin bes. hier.
- ↑ Siehe zu Pseudo-Wilhelm hier.
- ↑ Siehe zu Odo hier.
- ↑ Vgl. Resnick, Introduction (2006), 17f.; Cohen, Living Letters (1999), 207; Tolan, Petrus Alfonsi (1993), 9–11; 34f. Siehe zu Petrus Alfonsi hier.
- ↑ Vgl. zum Überblick Schreckenberg, Christliche Adversus-Judaeos-Texte: 11.–13. Jh. (1997). Vgl. weiterhin Ders., Christliche Adversus-Judaeos-Texte: 1.–11. Jh. (1999); Ders., Christliche Adversus-Judaeos-Texte: 13.–20. Jh. (1994); Perger, Vorläufiges Repertorium (1999); Religionsgespräche. Ed. Bunte. Vgl. weiterhin die jüngeren Arbeiten zur christlich-jüdischen Polemik: Ben-Sasson, Art. Disputations and Polemics (2007); Novikoff, Dialogue (2007); Roth, Art. Disputations (2003); Friedlein, Dialog (2004), bes. 2–27; Cardelle de Hartmann, Lateinische Dialoge (2007), bes. 107–121; Dies., Diálogo literario (2001); Niesner, Wer mit juden (2005).
- ↑ Unter dem Begriff des ‚performativen Widerspruchs‘ wollen wir nicht einen logischen Widerspruch verstanden wissen. Anders als Klaus Hempfer diesen Begriff benutzt (vgl. Hempfer, Lektüren [2002], 21), soll damit auch nicht die Tatsache formuliert werden, dass der Dialog, anders als andere literarische Formen, in der Lage ist, Widersprüche zwischen den Positionen seiner Figuren zuzulassen, ohne dass damit der Inhalt des Dialogtextes selbst als widersprüchlich gelten muss. Der ‚performative Widerspruch‘ zielt in unserem Verständnis auf die Spannung zwischen den durch die Textentwicklung evozierten Erwartungen des Lesers und deren Enttäuschung.

