Kulturtransferforschung

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Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter
Kulturtransfer vergleichend betrachtet
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Transfer, Austausch und Kontakt

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ISBN 978-3-05-004973-1
Akademie Verlag

Einen Pfad in diese Richtung weisen seit langem Untersuchungen der historischen Anthropologie (‚nouvelle histoire') und der neuen Kulturgeschichte gleichermaßen.[26] Wenn sich der vergleichenden Geschichtswissenschaft die kulturelle Dimension sozialer Prozesse dennoch nicht ganz erschlossen hatte, so mag das auch daran gelegen haben, dass sie sich mehr sozialwissenschaftlich als historisch zu legitimieren suchte. Ihr Interesse an kulturellen Bezügen stellte eher ein Nebenprodukt dar und blieb weitgehend tatsächlich auf den Komplex des sozialen Handelns fokussiert, das „symbolisch und semantisch vermittelt ist – durch Symbole, Sprache, Begriffe und Diskurse“.[27] Der Vergleich historischer und kultureller Kontexte wurde so über lange Zeit lediglich als ein notwendiges Korrelativ für den Vergleich sozialer Konstellationen aufgefasst und nicht als Forschungszugang sui generis.

Inzwischen sind diese Standpunkte durch die „Analyse semantischer und semiotischer Strukturen und Prozesse und die akteurszentrierte Analyse von Mentalitäten, Erfahrungen, Optionen, Wahrnehmungen, Deutungen und Entscheidungen“[28] erheblich relativiert worden. Beigetragen haben dazu nicht nur die Literatur-, Zeichen- und Bildwissenschaften oder – wie bereits erwähnt – Arbeiten der historischen Anthropologie und der neuen Kulturgeschichte, sondern auch eine Fülle von sozialanthropologischen Studien, die sich mit Akkulturationsprozessen, und den Vorgängen zu Tradition und Wandel befassen,[29] sowie von Beiträgen jener historischen Fachrichtungen, die sich mit der Einfluss-, Beziehungs- und Ideengeschichte und der Rezeptionsforschung beschäftigen. Für die historische Komparatistik bieten sich mit der Akkulturations- und der Kulturtransferforschung demnach zwei miteinander verbundene Bereiche an, in denen kulturelle Kontexte sozialer Relevanz und weit in die Vormoderne zurückreichende Phänomene im kontrollierten Vergleich untersucht werden können, weil ihre Analysen prozessorientiert und keine Zustandsbetrachtungen sind.

Dazu bedarf es allerdings des erweiterten Verständnisses einer Kulturtransferforschung, die das Ausgangsschema des literaturwissenschaftlich inspirierten, auf gelehrte Wissensinhalte konzentrierten Konzeptes des ‚transfert culturel' hinter sich lässt und es für Vergleichsanordnungen ausbaut. Als eine vergleichende Methode der Literaturwissenschaft und Philologien (Romanistik, Germanistik, Anglistik) hat das Konzept des Kulturtransfers zwar seit den 80er Jahren auf verschiedenen Wegen schon Eingang in die Geschichtswissenschaft gefunden, doch bleiben viele Transferforscher dem deutsch-französischen Kulturtransfer vor allem des 18. und 19. Jahrhunderts verhaftet, der, wenn er auch den Vergleich nicht meidet, diesen jedoch auf Adaptionsprozesse in beiden Kulturnationen beschränkt.[30] Eine der Komparatistik zugedachte Kulturtransferforschung kann sich indes weder mit textuellen Kulturniederschlägen in der Zielkultur noch mit der „Demaskierung des ‚Fremden im Eigenen'“[31] begnügen, wie hierzu kritisch schon angemerkt wurde. Damit nicht nur Momentaufnahmen entstehen, wird man sowohl den Prozesscharakter als auch die logische Anordnung des Kulturtransfers stärker hervorheben wollen und das Strukturelle zu bestimmen suchen.

Allgemein gesprochen untersucht die Kulturtransferforschung „den raum- und gesellschaftsübergreifenden Austausch und die wechselseitige Durchdringung von Kulturen“[32] in zwei Untersuchungsschritten. Dabei sollte der prozessorientierten Analyse über das Entnehmen, Übertragen und Einweben fremder Kulturelemente in die aufnehmende Kultur idealiter eine Wirkungsanalyse folgen, der es um die Bestimmung der qualitativen Neuerung, um die Folgen und Dynamiken des Kulturimports geht.[33] Kulturbegegnung wird hierbei als Innovationsquelle behandelt; ob sich ihr darüber hinaus eine „potentielle ‚Triebkraft der Geschichte'“ (Friedrich H. Tenbruck)[34] wird zuschreiben lassen, wie manche glauben möchten, steht auf einem anderen Blatt.

Kulturtransferforschung dient mithin der Erkenntnis, auf welche Weise und mit welchen Konsequenzen kultureller Transfer Gesellschaften verändert. Sie umfasst im Idealfalle verschiedene, ineinander übergreifende Aspekte. Von zentraler Bedeutung ist der Rezeptionsprozess, der die Rekonstruktion von Auswahl, Umformung und Anverwandlung des importierten Kulturgutes beinhaltet, das die aufnehmende Gemeinschaft mit der eigenen Kultur in einer Weise zusammenfügt, dass insgesamt etwas Neues entsteht. Gemeint ist damit nicht allein der Fluss von Ideen, also das, was als Gegenstand der Einfluss- und Ideengeschichte gilt, oder eine durch vielfältige Medien vermittelte Wissenskultur, sondern – und für das Mittelalter von besonderer Relevanz – auch der Transfer materieller Kulturgüter und sozialer sowie politischer Institutionen.

Dem ist gleichbedeutend eine Wirkungsgeschichte an die Seite zu stellen, die nach den Gründen und den Folgen der Übertragung fragt, sodass allgemeine Aussagen über Kulturtransfer im Rahmen einer übergeordneten Systematik möglich werden. Als ein weiterer Aspekt ist schließlich die Untersuchung von Trägergruppen und Transfersystemen einzubeziehen, die sich mit der Funktion und Wirkungsweise unterschiedlicher Typen von Transfermedien bzw. -institutionen befasst. Erst die Synopsis aller Teilschritte (Rezeptionsverlauf, Transferkausalität, Vermittlungstypen) garantiert einen soliden Beitrag zur historisch vergleichenden Kulturgeschichte. Die Analyse bloß eines Aspektes bleibt dagegen nur bedingt erklärungsmächtig. Beispielsweise besagt eine Liste potentieller Kulturvermittler, wie eine jüngst erschienene Prosopographie skandinavischer Reisender in Europa zwischen 1000 und 1250 verdeutlicht, die sich allein mit dem norwegischen Erzbischof Eysteinn von Niðaróss als Träger des Kulturtransfers näher beschäftigt, noch nichts über tatsächlich verlaufene Transfergeschehen oder mögliche Auswirkungen aus, sondern stellt lediglich eine Grundlage für den Nachweis von Realbegegnungen dar.[35]

Die Darstellung eines Transferprozesses geht – wie bereits Johannes Paulmann[36] hervorhob – grundsätzlich vergleichend vor, da die Eigenschaften und Funktionen des transferierten Kulturgutes sowohl in der Sender- wie in der Empfängerkultur zu untersuchen sind. Doch lassen sich nicht nur die erkannten bzw. zugeschriebenen Bedeutungen eines Kulturgutes an seinem Ursprungs- wie an seinem Bestimmungsort auf Umdeutung und Funktionswandel hin vergleichen, sondern die Fragen nach der Motivation, den Folgen, dem Nutzen und den Vermittlungsformen von Kulturtransfer bilden selber eine potentielle Vergleichsmenge, aus der sich Typologien gewinnen und Rückschlüsse über Strukturen in der Entwicklung verschiedener Gesellschaften ziehen lassen. Eine solche Forschung, die man mit Theda Skocpol und Margaret Somers „comparative history as the contrast of contexts“[37] nennen möchte, analysiert Prozesse, deren Schlussfolgerungen ebenfalls Gegenstand makrokausaler Vergleichsuntersuchung und historischer Generalisierung werden. Sie ist daher durchaus eine prozess- und vergleichsorientierte Untersuchungskategorie und grenzt sich keineswegs von der strukturorientierten, vergleichenden Sozialgeschichte ab, wie manche meinen, sondern kombiniert beide Orientierungen – die Prozess- sowie die Strukturgeschichte – aufs Beste.

Stamatios Gerogiorgakis, Roland Scheel, Dittmar Schorkowitz



  1. Bloch, Société feodale (1939–1940); Ders., Für eine vergleichende Geschichtsbetrachtung (1994), 121–167; Le Goff, Pour un autre Moyen Âge (1977); Ders., Intellectuels (1957); Nora, Lieux de mémoire (1984–1992); Burke, History (1993); Ders., Kultureller Austausch (2000), 9–40; Ginzburg, Käse (1979).
  2. Siegrist, Perspektiven (2003), 310.
  3. Siegrist, Perspektiven (2003), 313. Vgl. Espagne, Kulturtransfer (2000), 61.
  4. Bitterli, Wilde (1976); Eggan, Social Anthropology (1954), 747f.; Schorkowitz, Staat und Nationalitäten (2001), 17–32; Ders., Osteuropäische Geschichte (2005), 252–255.
  5. Ausgehend von Espagne / Werner, Deutsch-Französischer Kulturtransfer (1985), 502–510 sowie Espagne, Transferts culturels (1999). Vgl. auch Werner, Maßstab (1995), 20–33; Crépon, Traduction (2004), 71–82; Vogel, Lernen vom Feind (2007), 95–113.
  6. Eisenberg, Kulturtransfer (2003), 405.
  7. Eisenberg, Kulturtransfer (2003), 399.
  8. Eine solche Analyse liefert etwa Schlie, Welcher Christus (2007), 322, am Beispiel des ikonographischen Typs des Schmerzensmannes, der aus dem Transfer des Basileus tes doxes („Herr der Herrlichkeit“), mithin einer byzantinischen Ikone, in den lateinischen Westen entstand. Ihr Resümee lautet: „Der Schmerzensmann und seine Rezeption machen deutlich, dass der Transfer von Bildformularen in den Importgesellschaften eine komplexe Dynamik kultureller Prozesse auslösen kann. In diesen Transfers sind die Bilder sowohl Träger und Beschleuniger als auch Ergebnisse der kulturellen Konstruktionen und Operationen. Die Herkunftsmerkmale des Transferierten, die Spuren der Prozessualität des Transfers und das Faktum der Grenzüberschreitung lösen sich in dem Vorgang der Adaption nicht auf, sondern sind der transferierten Kultureinheit inhärent und bieten sich ihrer Struktur nach für Grenzüberschreitungen neuer Art an.“ (Ebd., 322.)
  9. Eisenberg, Kulturtransfer (2003), 400. Vgl. Tenbruck, Was war der Kulturvergleich (1992), 23: „So ist die Kulturbegegnung das wahre Feld und die große Triebkraft aller Geschichte.“
  10. Vgl. die Biogramme der Reisenden bei Waßenhoven, Skandinavier (2006), 149–358 bzw. die Fallstudie zu Eysteinn (Øystein) ebd., 105–139.
  11. Paulmann, Internationaler Vergleich (1998), 681.
  12. Skocpol / Somers, Uses (1980), 178; mit Bezug auf John Stuart Mills ‚Method of Agreement‘ bzw. ‚Method of Difference‘ vgl. ebd., 181–183. Vgl. auch Geary, Vergleichende Geschichte (2001), 33.
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