Resümee
Aus SPP 1173
| Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter | |
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| Kulturtransfer vergleichend betrachtet | |
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Die vorgestellten Beispiele veranschaulichen jedes auf seine Weise den Transfer von Gütern unterschiedlicher Kulturbereiche über die Grenzen mittelalterlicher Kulturräume hinweg. Dabei hat die vergleichende Betrachtung von Merkmalen des Kulturtransfers für jeden einzelnen der drei behandelten Referenzräume bereits Aussagen zu Verlaufsrichtungen, Asymmetrien und anliegenden Wertigkeiten erbracht, woraus sich bestimmte Typologien ableiten lassen. Diese aus einer Binnenperspektive erzielten Vergleichsaspekte und Feststellungen lassen sich nunmehr in einer abschließenden Betrachtung über Raum, Kultur und Kulturtransfer zusammenfassen. Dadurch treten jene Vorgänge stärker hervor, die zu einer Verdichtung der Kulturräume im europäischen Mittelalter geführt haben.
Dieser Vergleich operiert aus einer Außenperspektive mit den festgestellten Kulturentlehnungen der Referenzräume als Variablen, wobei die Konstanten im Prozess der frühen Staatsbildung und der Verräumlichung Europas, also in den klassischen Geschichtskräften aufscheinen. Das wiederum führt uns zur Formulierung von drei Thesen.
Erstens ist Kulturtransfer mit großer Wahrscheinlichkeit wesentlich dadurch bestimmt, was man die Anerkennung eines relativen Vorteils durch die Aneignung von Kulturgütern nennen könnte. Diese Aneignung bezieht sich nicht auf beliebige, sondern auf bestimmte Elemente einzelner Kulturbereiche. Nicht alle soziale Gruppen der Empfängerkultur partizipieren an der Nutznießung bzw. nicht in gleichen Maßen – eine Feststellung, die übrigens auch bezüglich der Ausgangskultur gilt. Daher wirkt sich Kulturimport sozial unterschiedlich aus. Einer transkulturellen Angleichung der unmittelbar am Transfer beteiligten Schichten und Nutznießer steht deren Entfremdung zu nutzungsfernen Gruppen der eigenen Gesellschaft und des eigenen Kulturareals gegenüber. Kulturtransfer birgt also per se sowohl integrative als auch desintegrative Entwicklungsmomente. Er dient zwar überwiegend dem Ausbau von Herrschaftsstrukturen, doch eben auch zur Aufrechterhaltung bzw. Schaffung sozialer Identitäten.
Zweitens gehört neben der Vorteilswahrnehmung die Identitätsbildung zu den bestimmenden Merkmalen von Kulturtransfer. Wo Kultur als ein gegebenes Modell von Herrschaft und Gesellschaft auftritt, bedeutet selbstbestimmte Zuordnung zu einem Typ die Exklusion von anderen. Ist also die Entscheidung zur Übernahme eines besonderen Kulturgutes zwecks Aneignung eines relativen Vorteils beim Ringen konkurrierender Herrschaften um die Macht gefallen und stehen objektiv gleichwertige oder nahezu gleichwertige Angebote zur Auswahl, dann wird die Zugehörigkeit des Transferguts zu einem bestimmten Kulturareal signifikant. Die Wahl zwischen alternativen Modellen unterschiedlicher Kulturareale wird dabei angeleitet und begleitet durch Überlegungen zur Herstellung kultureller Kongruenz respektive Differenz, die der Identitätszuschreibung der eigenen Entität dienen und so bei der Formierung sozialer Großgruppen mitwirken.
Drittens impliziert die Feststellung von Kulturgefällen (Asymmetrien) und von Präferenzen beim Kulturtransfer das Vorhandensein von Zentren und abhängigen Peripherien (Dependenz). Dabei handelt es sich um ein dynamisches Bezugssystem, das ständigem Wandel unterworfen ist. Denn wie sehr Kulturtransfer auch in der Form variiert, so bleibt er doch zweckorientiert und zielbestimmt. Sein Erscheinen ist dadurch räumlich wie zeitlich begrenzt. Zudem zielen der Transfer von Kulturgütern und deren innovative Transformationsleistung langfristig auf eine Angleichung relativ rückständiger Regionen gegenüber dem Zentrum ab, das seinen Vorsprung mit der Zeit einbüßt und das Instrumentarium seiner Herrschaft pari passu weitervermittelt.
Durch diesen Ausgleich qua Kulturtransfer ergaben sich für Europa an verschiedenen Orten neue Zentren der Entwicklung und Innovation, die epochenübergreifend ein transnationales Geflecht aus Institutionen und Infrastrukturen ausbildeten. Anders ausgedrückt, entspricht Integration einem Prozess auf etwas hin, Desintegration einem Prozess von etwas weg, wobei im europäischen Maßstab beide Richtungsverläufe gleichzeitig und nicht konsekutiv vorkommen. Als weiterer Vektor der Integration hat mithin auch – so paradox es klingt – das vielfältige Bemühen kulturtragender Einheiten um Abgrenzung zu gelten, die sich nämlich durch Mechanismen der sozialen Gruppenbildung einstellt, welche ähnlich, begrenzt und allgemein gültig sind.
Stamatios Gerogiorgakis, Roland Scheel, Dittmar Schorkowitz

