Einleitung
Aus SPP 1173
| Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter | |
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| Hybridisierung von Zeichen und Formen durch mediterrane Eliten | |
| Nächste Seite>>> Zur Hybridisierung mittelalterlicher Karten. Arabische, syrische und lateinische Illustrationen der sieben Klimazonen im Vergleich | |
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Sowohl in der jüngeren Forschung als auch im Rahmen der im Schwerpunktprogramm bearbeiteten Projekte wird dem Mittelmeerraum wieder eine verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. Dabei zeichnet sich die Tendenz ab, ihn weniger als europäische Peripherie, sondern als eine für die Geschichte, die Definition und das Verständnis Europas zentrale Geschichtsregion zu begreifen,
Im 12. bis 15. Jahrhundert war der Mittelmeerraum insbesondere durch politisch-religiöse Konfrontationen und gewaltsame Auseinandersetzungen geprägt: Kreuzzüge, ‚Reconquista' und muslimische (Rück-)Eroberungen, Expansion der Seestädte (Venedig, Pisa, Genua) und der Krone Aragón, lateinische Okkupation des Byzantinischen Reichs, innermuslimische Auseinandersetzungen etc. Die Rivalitäten brachten aber nicht nur neue Frontstellungen mit sich, sondern auch quantitative und qualitative Sprünge in der Verdichtung von transkulturellen Kontakten und Austauschprozessen. So wurde die Konfrontation griechisch-orthodoxer Untertanen und lateinischer Besatzer ergänzt und überbrückt durch deren Konvivenz in diversen Bereichen des Alltagslebens; die Bedeutung diplomatischer Verhandlungen und Gesandtschaften stieg enorm. Gerade merkantile Netzwerke erschlossen das gesamte Mittelmeer inklusive mamlūkischer Herrschaftsgebiete und der Sultanate Nordafrikas und wurden dauerhaft weder durch kriegerische Ereignisse noch durch päpstlich angedrohte Sanktionen eingeschränkt.
In diesem Zusammenhang können insbesondere die Seerepubliken als „maßgebliche Drahtzieher“ von Austauschprozessen bezeichnet werden.
Solchen Verbindungen geht auch der Byzantinist und Archäologe Robert Ousterhout nach, der auf der Basis architektonischer und heraldischer Befunde im östlichen Mittelmeerraum von einer gemeinsamen symbolischen Machtsprache innerhalb einer bestimmten Führungsschicht ausgeht; einer ‚lingua franca', die durch Angleichung und Umwertung von prestigeträchtigen Kunst- und Architekturformen entstand und die zunehmende Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Bildsprache in der komplexen und wechselhaften politischen Landschaft des östlichen Mittelmeerraumes vom 12. bis zum 15. Jahrhundert reflektiert.
Ausgehend von diesen Forschungsergebnissen ist die These von einer gemeinsamen Formen- und Bildsprache im Mediterraneum zu erweitern und zu überprüfen, indem wir nicht nur die visuelle Kultur, sondern auch die Wissenskultur und die symbolische Kommunikation im weiteren Sinne betrachten und zudem den Untersuchungsraum, der bisher hauptsächlich die Levante umfasste, auf die westlichen Gebiete des Mittelmeeres erweitern. Terminologisch ergeben sich dabei insofern Probleme, als dass der Begriff der ‚lingua franca' im weiteren Sinne die vorherrschende gemeinsame Sprache einer multilingualen Region bezeichnet, im engeren Sinne aber die mittelalterliche, im Ursprung westeuropäische Verkehrssprache im östlichen Mittelmeerraum während der fränkisch-lateinischen Okkupation. Auch die in den siebziger und achtziger Jahren in der Kunstgeschichte vorgeschlagene Anwendung des Terminus ‚lingua franca' auf eine von Lateinern und Griechen simultan ausgebildete, weder östliche noch westliche Kunst im östlichen Mittelmeerraum betonte die Reduktion auf den venezianischen Kontrollbereich des 13. Jahrhunderts.
Bei dem Terminus ‚Hybridisierung' handelt es sich um einen Leitbegriff der sogenannten Postcolonial Studies, in welchen der ursprünglich aus der Biologie des 19. Jahrhunderts stammende Terminus aufgewertet und positiv besetzt wurde. Seitdem bezeichnet Hybridität die Fruchtbarkeit kultureller Vermischungen im Gegensatz zur Statik monolithischer Kulturblöcke.
Während Bhabhas Forschungen zur Hybridität im Wesentlichen auf (post)koloniale Bewegungen beschränkt blieben, existieren in den Kulturwissenschaften inzwischen zusätzliche Modelle, um die Untersuchung von Hybridisierungsprozessen auch für weitere historische und räumliche Themenbereiche anwendbar zu machen. So kann Susan Stanford Friedman
Ein vor allem von Kulturanthropologen vertretener dritter Ansatz fasst Hybridisierung schließlich als die Vermischung von bereits immer schon Vermischtem ohne erkennbare Differenz auf. Beispielhaft können arabische und christliche Klimazonenkarten angeführt werden, die auf antiken räumlichen Ordnungsvorstellungen beruhen, die prinzipiell beiden Kulturen bekannt waren und im Zuge der Rezeption antiker Schriften immer wieder zu neuen Aneignungen führten. Dieses dritte Modell hat die radikalste Ansicht von Hybridität, indem es Vermischung als Voraussetzung ansieht und damit die Vorstellung von Differenz, auf der die beiden ersten Modelle basieren, in Frage stellt. So wäre im Sinne der Ethnologen Michael Taussig und Jan Nederveen Pieterse Hybridität ein alltäglicher Vorgang aller kultureller Formationen;
Des Weiteren wird Hybridisierung als ein Prozess in Raum und Zeit verortet. Man spricht von räumlichem Palimpsest und zeitlichem Palimpsest,
Grundsätzlich können Hybridisierungsprozesse sowohl intentional als auch nicht intentional ablaufen. Sie sind abhängig von den Machtrelationen der beteiligten Akteure, von ihrer ökonomischen Potenz, ihrem Anteil an politischen Handlungsspielräumen oder ihrem Zugang zu Wissen.
Sowohl die von Friedman aufgezeigten Modelle kultureller Vermischung als auch die verschiedenen politisierenden Interpretationen hybrider Prozesse schließen sich nicht gegenseitig aus.
Im Folgenden interessieren insbesondere jene Prozesse, in denen sich transkulturelle Gemeinsamkeiten durch Hybridisierung von Formen, Zeichen oder Praktiken herausbildeten. Betrachtet werden solche Prozesse unter der übergeordneten Fragestellung, ob diese Führungsschichten des Mittelmeerraums gemeinsame, aus den unterschiedlichen Kulturbereichen erwachsene Vorstellungen, Wissenscluster, Formensprachen und Moden entwickelt haben. Mit diesem akteurszentrierten Ansatz unter Berücksichtigung ökonomischer, kultureller und religiöser Interaktionen wird nach den Ausformungen von Hybridität, nach den Funktionen und dem Funktionswandel hybrider Objekte und den Legitimationsstrategien der handelnden Personen gefragt.
Im Zentrum des kartographischen Teilprojektes steht der Vergleich von Klimazonenkarten aus dem arabisch-islamischen, syrischen und lateinisch-christlichen Kulturraum. Am Beispiel der bereits in der Antike entwickelten Einteilung der nördlichen Hemisphäre in sieben Klimazonen wird dieser seit dem 12. Jahrhundert fassbare Kartentyp daraufhin untersucht, inwiefern die visuelle Ausgestaltung das Ergebnis von Hybridisierungsprozessen ist. Mittels der Analyse der Raumkonzepte und Text-Bild-Verhältnisse sollen zweitens Aussagen über einen verschiedene mediterranene Kontaktzonen einbeziehenden Wissensaustausch getroffen werden.
Das zweite historische Teilprojekt nimmt die Austauschprozesse in den Blick, die sich am Siegelbild ablesen lassen. Insbesondere im Bereich ‚junger' lateinischer Herrschaften – wie in den Gebieten der Kreuzfahrer – finden sich gute Möglichkeiten, Herrschaftsrepräsentation und symbolische Kommunikation unter dem Aspekt der Hybridisierung zu betrachten. Motive und ikonographische Elemente wurden anscheinend in einer Weise kombiniert, die eine ‚Lesbarkeit' der Siegel bei anderen lateinischen Herrschern und Beherrschten ermöglichte. Interessant werden diese Prozesse dann, wenn sie mit Strukturen und Entwicklungstendenzen der jeweiligen Herrschaft korrelieren. Lassen sich – so ist zu fragen – Hybridisierungsprozesse auch steuern oder werden sie durch bestimmte Bedingungen in unterschiedlichen Räumen auch unterschiedlich beeinflusst, ja geradezu präjudiziert? Welche Rolle kommt hierbei dem Faktor Religion zu?
In einer Studie, die nach der Hybridisierung von Architektur- und Dekorelementen durch mediterrane Eliten im 13. und 14. Jahrhundert fragt, sollen vier Beispiele herrschaftlicher Bautätigkeit im mamlūkischen Kairo untersucht werden: die Freitags-Moschee Sultan aẓ-Ẓāhir Baibars', der Mausoleumskomplex Sultan al-Manṣūr Qalāʾūns, die Madrasa Sultan an-Nāṣir Muḥammads und der Mausoleumskomplex Sultan Ḥasans. Diese urbanen Monumentalbauten weisen eine Vielzahl und zugleich eine große Bandbreite von Elementen aus unterschiedlichen kulturellen und zeitlichen Kontexten auf, die als Hybridisierung aufgefasst werden können. Motivationale und nicht-intentionale Hintergründe, aus denen diese hybriden Bauten hervorgingen, und die potentiellen Wirkungen ihrer Rezeption sollen hinsichtlich ihrer mediterranen Bezüge wie auch der komplexen transkulturellen Beziehungen innerhalb des Mamlūkenreichs untersucht werden.
Der kunsthistorische Projektteil untersucht schließlich am Beispiel zweier aufwendig gearbeiteter Metallbecken des 14. Jahrhunderts die Verbreitung mamlūkischer Werktechnik und Dekorationsweisen im Mittelmeerraum. Militärische Auseinandersetzungen und religiöse Gräben hinderten die zyprischen und sizilianischen Königshäuser nicht, gezielt mamlūkische Objekte zu erwerben oder in Auftrag zu geben und sie mit eigenen kulturellen Kennzeichen zu füllen. Dabei bediente man sich der fremden Kunstfertigkeit, der fremden Dekorationsmuster und Schriftzüge und ergänzte diese zugleich mit eigenen kulturellen Symbolen. Zu fragen ist, warum gerade diese Werktechnik und speziell diese Objekte das Interesse der Herrscher weckten, warum spezielle Formen und Inhalte übernommen wurden und nach welchen Aspekten die Metallbecken mit eigenen kulturellen Inhalten ergänzt wurden. Welche Gründe waren also ausschlaggebend für die Hybridisierung der Objekte? Und wie konnte es trotz teilweise langzeitiger Feindseligkeiten zu einer solchen Übernahme und in der Folgezeit zu auffälligen Nachahmungseffekten in breiteren Gesellschaftsschichten kommen?
Stefan Burkhardt, Margit Mersch, Ulrike Ritzerfeld, Stefan Schröder
- ↑ Das Mittelmeer als Raum soll für uns im Sinne des Geschichtsregionenkonzepts ein Analyserahmen sein, dessen Berechtigung während der Untersuchung mit komparatistischen Mitteln überprüft werden muss. Vgl. Troebst, Vom Spatial Turn (2007).
- ↑ Braudel, Méditerranée (1949).
- ↑ Strohmeyer, Historische Komparatistik (1999), 47.
- ↑ Vgl. Abulafia, Mediterranean (2003); Steindorff, Meere (2005); Saint-Guillain / Schmitt, Ägäis (2005).
- ↑ Giordano, Interdependente Vielfalt (2003), 118.
- ↑ Morrisey, Vorwort (2005), 9.
- ↑ Vgl. Ciggaar, Byzantine Spolia (2004).
- ↑ Ein abrahamischer Trialog, der natürlich die Beteiligung des Judentums voraussetzen würde, ist hiermit nicht gemeint; doch sei hier auf die die europäische Geschichte prägende Dynamik der monotheistischen Religionen mit ihren gemeinsamen Wurzeln und ihrem Potential an Differenz hingewiesen. Vgl. etwa Borgolte, Wie Europa (2005).
- ↑ Ousterhout, Ecumenical Character (2005); Ders., Symbole (2009). In ähnlicher Weise hat Scott Redford die Entwicklung einer Koinē in der Kunstsprache des östlichen Mittelmeerraumes betont, welche sowohl für die byzantinische und westeuropäische Elite, aber auch für die verschiedenen muslimischen Höfe leicht verständlich war. Vgl. Redford, Grammar (2005). Zur Bedeutung der mediterranen Herrscherhöfe als Kommunikationszentren vgl. auch die aktuellen Forschungsarbeiten des am Internationalen Forschungskolleg ‚Dynamics in the History of Religions‘ angesiedelten Bochumer Projektes ‚Herrscherhöfe des Mittelmeerraums als interreligiöse Begegnungsräume des Mittelalters‘ (Zugriff: 09.06.2010).
- ↑ Die von Belting, Zwischen Gotik und Byzanz (1978), bes. 274f., ausgelöste Debatte über den Begriff ‚lingua franca‘, war vor allem eine Auseinandersetzung zwischen Verteidigern einer Mittelmeerkunst sui generis und Forschern, die eine klare Trennung von ‚maniera greca‘ und ‚maniera latina‘ aufrecht erhalten wollten. Indem aber schon früh der Begriff ‚lingua franca‘ auf ein „venezianisches commonwealth nach 1204“ eingeengt und die Bezeichnung ‚crusader art‘ bzw. ‚Kreuzfahrerkunst‘ auf das 12. Jahrhundert begrenzt werden sollte (Ders., Introduction [1982], 1–3), war eine Kombination mit den levantinischen Schwerpunkten der internationalen ‚crusader art‘ Forschung – etwa Weiterentwicklungen in Richtung einer verstärkten Berücksichtigung lokaler hybrider Traditionen der Levante – ausgeschlossen. Für einen Überblick über die Debatte vgl. Folda, Crusader Art (2005), 516–518.
- ↑ Vgl. dazu Burke, Kultureller Austausch (2000), 14–24.
- ↑ Vgl. einführend Bachmann-Medick, Cultural Turns (2007), 197–203; Burke, Cultural Hybridity (2009); Goetsch, Funktionen (1997); Manzeschke, Einleitung (2005).
- ↑ Bhabha, Location of Culture (1994). Vgl. Goetsch, Funktionen (1997), 138–143; Nghi Ha, Kolonial-rassistisch (2004); Mill, Transdifferenz (2005), 435f.
- ↑ Bachmann-Medick, Cultural Turns (2007), 198f.
- ↑ Burke, Cultural Hybridity (2009), 13–33.
- ↑ Vgl. zum Folgenden Friedman, Mappings (1998), 85–87; Dies., Sprechen (2003), 38–40.
- ↑ Taussig, Mimesis (1997); Nederveen Pieterse, Hybridität (2005).
- ↑ Der geschichtswissenschaftlichen Bedeutung des Begriffs ‚Palimpsest‘, der das radierte und wiederbeschriebene Manuskript meint, unter dessen neuem Text Spuren des alten erhalten bleiben, ist im Rahmen der strukturalistischen Wissenschaftstheorie – zuerst von Gérard Gennette – eine neue Bedeutungsfacette hinzugefügt worden. Hinsichtlich literarischer Texte verwendet Gennette die Metapher des Überschreibens, um klar zu machen, dass ein (jeder) Text vorhandene Stoffe neu und umschreibt. Dadurch bleibt immer etwas vom älteren Text in jüngeren Texten vorhanden und scheint unter Umständen durch. Auf historische Aspekte übertragen bedeutet dies, dass nicht geschlossene historische Schichten aufeinanderfolgen und die jüngere die ältere verdeckt, sondern dass jüngere Schichten auch Teile von älteren Schichten in sich tragen/mittransportieren. Es entstehen so einerseits gesellschaftliche Situationen, die auf einer historischen, kulturellen Mischung basieren, andererseits Objekte in Kunst und Wissenschaft, in deren Überarbeitungen ältere Strukturen erkennbar bleiben. Vgl. Genette, Palimpsestes (1982); Weinrich, Schriften (2007). Zur Verwendung des Begriffs in der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung vgl. Assmann, Zur Metaphorik (1991).
- ↑ Friedman, Mappings (1998), 89f.; Dies., Sprechen (2003), 39f.
- ↑ Vgl. dazu Mersch / Ritzerfeld, Differenzwahrnehmung (2008).
- ↑ Zum Beispiel die Kirchenstiftungen mit Wappen und venezianischen Portalrahmungen der Kallergis, Skordilis und anderer Archontenfamilien von Valsamónero (Agios Fanourios), Kapetanianá (Panagia) oder Apáno Symi (Agios Georgios) vgl. Borboudakis, Thyrómata (2007), bes. 78–86; Detorakis, Geschichte von Kreta (1997), 174–187.
- ↑ Vgl. Ousterhout, Symbole (2009).
- ↑ Vgl. auch Friedman, Mappings (1998), 91.
- ↑ Eine Intensivierung der Forschungen über die Gründe für Auswahl und Adaption bestimmter Motive in einen Kulturbereich fordert z. B. Rührdanz, Rez. zu Bierman (2007), 121: „the crossing of boundaries by artifacts, decorative elements, or figural subjects from one cultural hemisphere into another, as well as the perception of the ‚inherited‘ monuments of other cultures, is a broad and still largely unexplored field. While studies following the wandering of motifs are quite numerous, the reasons for their selection and tacit integration into new contexts, along with their reshaping and revaluation, are not dealt with very often.“

