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Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter
Hybridisierung von Zeichen und Formen durch mediterrane Eliten
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Mamlūkische Metallkunst für mediterrane Eliten – Grenzüberschreitungen in Luxus und Machtrhetorik
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Literaturnachweise

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ISBN 978-3-05-004973-1
Akademie Verlag

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Aus unseren Teilstudien zum Thema der Hybridisierung von Zeichen und Formen durch mediterrane Eliten ergeben sich drei thematische Schwerpunkte, die abschließend diskutiert werden sollen: Zu fragen ist erstens nach den Akteuren der Hybridisierungsprozesse und einer möglichen gemeinsamen mediterranen Elitenkultur, zweitens nach der Motivation und damit eng verbunden nach der Intentionalität oder Nicht-Intentionalität von Hybridisierungsprozessen sowie drittens nach den Funktionsweisen bzw. Mechanismen der Hybridisierung.

Bestätigt wurde in unseren Untersuchungen die Ansicht, dass es sich beim Mittelmeerraum um ein hochkomplexes Beziehungsgeflecht interdependenter Regionen handelt, die durch eine enge Konvivenz in diversen gesellschaftlichen Bereichen geprägt waren. Innerhalb der mediterranen Herrschafts-, Handels- und Wissenseliten ist eine Verdichtung von Verbindungen festzustellen, die in der Kombination von Elementen unterschiedlicher geographischer Herkunft und kultureller Traditionen ablesbar ist. Bei den für den kulturellen Austausch besonders wichtigen Akteuren zeigt sich eine Präferenz für bestimmte Materialien, Formen und Motive, die über geographische, politische und religiöse Grenzen hinweg bestand und selbst auf entfernte Gebiete außerhalb des Mittelmeerraumes ausstrahlte. Dabei kam neben den persönlichen Kontakten durch familiäre und diplomatische Beziehungen gerade Handelsströmen sowohl in personeller Hinsicht als auch durch das Zirkulieren bestimmter Objekte wie etwa Handschriften und Metallarbeiten eine kaum zu überschätzende Bedeutung für Hybridisierungsprozesse zu. Folgerichtig ließen unsere Untersuchungen insbesondere die Bedeutung der Seestädte als ‚hotspots' der Hybridisierung erkennen.

Gleichwohl ist angesichts der vielfältigen Kontaktsituationen und der unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Kommunikationsnetze nicht von einer Elitenkultur auszugehen. Entsprechend bestand auch nicht ein gemeinsamer Fundus an Ausdrucksmitteln, womit sich auch dessen Bezeichnung als ‚lingua franca' erübrigt. Vielmehr ergaben sich häufig einmalige und in ihrer Kombination höchst verschiedenartige personelle, kulturelle und künstlerische Konstellationen, existierten nebeneinander verschiedene Schnittmengen aus dem Bereich mediterraner Möglichkeiten.

Vielfach ließen sich in unseren Untersuchungen intentional initiierte Hybridisierungen einschließlich der dahinter stehenden Motivlagen ermitteln. Besonders deutlich manifestierte sich die zur Aufnahme von Elementen aus anderen Kulturkontexten führende Absicht einer Herrschaftslegitimierung in den untersuchten Bereichen Architektur, Metallhandwerk und Sphragistik. Die Spannbreite an Möglichkeiten reichte von schlichter Mimikry über die friedliche Untermauerung eigener Ansprüche bis hin zu triumphalen Konnotationen, wobei in den hybriden Elementen eine große Variationsbreite der Ausdrucksmittel festgestellt werden konnte. Zu beobachten war zugleich in allen Teilstudien, dass die Intentionen und Motive der jeweiligen Entscheidungsträger aus den Eliten weniger oder oft nur vermittelt auf die Herrschaftsunterworfenen ausgerichtet waren. Vielmehr handelte es sich zu einem guten Teil um eliten-interne Sachverhalte, die sich um Prestige, Statussymbole oder Selbstdarstellung gruppierten.[309] Hybridisierung war zumeist ein Mittel in Rangauseinandersetzungen, welche im Mediterraneum oftmals transkulturelle Bezüge aufwiesen, indem sie auswärtige und sogar verfeindete Eliten in ihre visuellen, symbolischen oder wissenschaftlichen Strategien der Selbstdarstellung miteinbezogen. In Zusammenhang mit diesem innerelitären Fokus auf Rangdemonstrationen steht auch unsere Beobachtung, dass Hybridisierung nicht zwingend mit Verständnis oder gar Anerkennung der anderen Kultur(en) einherging.

Abgesehen von solchen Fällen mit mehr oder weniger konkreten Zielsetzungen scheint bei der Aufnahme von Elementen aus anderen Kulturkontexten grundsätzlich eine Multifokalität oder Multidirektionalität der Motive bzw. Intentionen gegeben zu sein. So ist Ambivalenz als ein zentraler Aspekt in Hybridisierungsprozessen wie auch in deren Wahrnehmung und Interpretation zu nennen. Diese Ambivalenz zeigt sich zum Beispiel darin, dass integrative und subordinative Intentionen bzw. Bewunderung und Polemik zusammengehen konnten. Im Rezeptionsvorgang dürfte die Hybridität von Objekten wiederum zunächst zu ungewohnten Wahrnehmungsmustern geführt haben, die im weiteren Verlauf in ein neues und integratives (Form-)Verständnis münden konnten.

Zu betonen ist, dass transkulturelle Austauschprozesse nicht nur in direkten, intentional gestalteten Kontakten, sondern auch in unterschwelligen, manchmal zufälligen Abläufen erfolgten. Insbesondere dort, wo entweder ein zielgerichteter Wissens- oder Kulturaustausch kaum feststellbar ist (wie im Fall der Karten) oder wo die Menge und Diversität der kulturellen Bezüge eine Eingrenzung der dahinterstehenden Motivation von Auftraggebern und Produzenten erschwert (wie bei der Mamlūkenarchitektur Kairos), wurde die Stärke des gewählten Ansatzes und des Begriffswerkzeuges der Hybridisierung sichtbar, richten doch Hybridisierungstheorien gerade den Fokus auf die Nicht-Intentionalität von Prozessen und die Multidirektionalität der kulturellen, personalen und historisch-chronologischen Bezüge.[310] Diese zwei Faktoren waren in unseren Studien von besonderer Bedeutung. Dabei soll nicht der Anschein erweckt werden, dass solche Vorgänge stets konfliktfrei ablaufen. Hybridisierungsprozesse können Widerstand und gegenläufige Tendenzen erzeugen, die Folgen eines solchen nicht-intentionalen Vorgangs auch erst zeitlich versetzt auftreten.[311]

Alle in der Einleitung umrissenen Arten der Hybridisierung – von einer Kombination weiterhin getrennter Einheiten bis zur Vermischung von immer schon Vermischtem – konnten in unseren Untersuchungen nachgewiesen werden. Oft ließen sich in unseren Fallstudien die Techniken der Collage und des Samplings feststellen – sei es in der kompilierenden Arbeit der Gelehrten, in Entwurf und Produktion hochwertiger Objekte, bei der Zusammenstellung von Formelementen durch Siegelschneider oder der Auswahl von architektonischen Dekorelementen durch Architekt und Stifter. Dabei handelt es sich bei den hier analysierten hybriden Objekten meist um mehr als eine schlichte Stil- und Genremischung. Vielmehr stellen sie im Ergebnis etwas Neues und Eigenständiges dar.

Semantische Verschiebungen oder Umwertungen sind, obwohl sie vorkommen, kein notwendiger Bestandteil von Hybridisierungsprozessen. Vielmehr scheint die weiterhin erkennbare ‚Fremdheit' mitunter ein wichtiger Grund für die Aufnahme von Elementen anderer Kulturkontexte gewesen zu sein. Deren ursprüngliche Bedeutung musste nicht, konnte aber zumindest partiell verstanden werden, wie es sich im Bereich mobiler Objekte der Repräsentation, hier den mamlūkischen Metallbecken, nachvollziehen lässt. Das hierbei festzumachende Streben nach Demonstration von Macht und Anspruch konnte anregend auf kulturellen Austausch wirken.

Im Hintergrund hybridisierender Prozesse standen aber oft auch ästhetische Wertungen, die zum Teil unbewusst vollzogen wurden. Eine ästhetische Anziehungskraft entfaltete sich nicht selten aufgrund gemeinsamer Vorprägungen und Assoziationen, das heißt geteilter oder sich kreuzender Traditionslinien (Mode, Habitus),[312] durch eine Anziehungskraft infolge der Fremdartigkeit der Formen, ohne dabei gewohnte ikonographische Assoziationen aufgeben zu müssen (Exotismus). So wurde etwa ein gotisches Portal von einem mamlūkischen Akteur als ästhetisch ansprechendes Objekt empfunden und bewusst ausgewählt. Dass die ästhetische Empfindung auf Formassoziationen zurückgehen mochte, die in historischen Überschneidungen islamischer und christlicher Traditionslinien wurzelten, war den Zeitgenossen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht immer bewusst. Konkret zu belegen ist die Wertschätzung von kostbaren Materialien, von Qualität und Wissen, die zur Entstehung hybrider Objekte beitrug und transkulturelle Verbindungen beförderte. Diese verbreitete Wertschätzung des Außergewöhnlichen stellt offensichtlich ein ‚weiches' Kriterium dar, das nicht an spezifische tradierte und semantisch aufgeladene Formen gebunden war und sich deshalb als kulturelle wie religiöse Grenzen überschreitende gemeinsame Urteilsgrundlage mediterraner Eliten eignete.

Es gab offensichtlich aber auch trennende Faktoren, unter denen der Religion eine große, wenngleich nicht absolute Bedeutung zukam. Gewisse Beobachtungen sprechen dafür, dass speziell dem Faktor der Schriftzeichen eine den direkten Austausch begrenzende und umwertende Hybridisierungen fördernde Funktion zukam: Arabische Schriftzeichen wurden in Bildkunst, Handwerk und Architektur des Westens in der Regel weniger in ihrer sprachlichen als vielmehr in ihrer ornamentalen Dimension, eventuell noch mit ihrer sakralen und machtpolitischen Konnotation erfasst. Der Faktor der Tradition konnte entweder als trennende oder als verbindende Determinante eine Rolle spielen. In unseren Beispielen wird durch Gruppen wie den Mamlūken oder den Normannen Süditaliens, die sich aufgrund eigener Traditionslosigkeit als ausgesprochen offen für Hybridisierungsprozesse erweisen, eine Facette dieses Aspekts abgebildet.

Generell ist festzustellen, dass ein kulturell gemischtes Umfeld Hybridisierungsprozesse fördern musste. So zeigte sich in unseren Untersuchungen mehrfach, dass sogenannte ‚fremde' Elemente, die aus anderen kulturellen Kontexten aufgenommen wurden und hybridisierend wirkten, selbst bereits Teil einer gemischten (oder hybriden) Kultur vor Ort waren. In besonders hohem Maß trifft dies für die Levante, für die Iberische Halbinsel und für Sizilien zu. Wie aber etwa das Beispiel des Kartenwissens zeigt, manifestierte sich die Vermischung von immer schon Vermischtem im gesamten Mediterraneum. Dieser Aspekt steht in Verbindung mit der Metapher des Palimpsests: Die prägende, niemals das Vorangegangene oder Benachbarte in Gänze verdrängende Überlagerung von Erfahrungen, Wertungen und Praktiken sorgt in solchen Kontakträumen unterschiedlicher Kulturen – ob synchron oder diachron – für Hybridisierungsprozesse, in denen die einzelnen Akteure entscheidende, wenn auch nicht notwendigerweise immer ihnen bewusste Rollen spielten. Es scheint demnach sinnvoll, räumliche und zeitliche Palimpseste als Analysekategorien einzuführen, welche die schichtweise Überlagerung diachroner und raumübergreifender Umwertungsprozesse veranschaulichen. Beide Metaphern könnten auch helfen, unklare und diffuse Verlaufsformen des Kulturkontakts ohne klar zuzuordnende Akteure zu integrieren.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die von uns betrachteten Eliten sich als besonders wirkungsvolle (bewusste wie unbewusste) Auslöser von Hybridisierungsprozessen erwiesen. Die Beispiele aus der Kartographie, dem Siegelwesen, der urbanen Monumentalarchitektur Kairos und den höfischen Luxus- bzw. Zeremonialgütern haben gezeigt, dass die Prozesse zunächst eliten-interne Bedeutung hatten, im weiteren Wirkungsspektrum aber auch auf diverse Aspekte des gesellschaftlichen Alltags ausstrahlen konnten. Bezüge und Impulse überschritten zusammen mit den hybriden Objekten kulturelle Grenzen, politisch-militärische und trotz größerer Resistenz sogar religiöse Gräben, auch wenn sie nicht automatisch zu einer verstärkten Akzeptanz kultureller Diversität führten. Auf diese Weise konnten hybride Objekte die Umwelt, Wahrnehmung, Erfahrungen und Ausdrucksformen der Mitglieder der Eliten und weiterer sozialer Gruppen der mehr oder weniger multi-, inter- oder transkulturellen Gesellschaften[313] des hoch- und spätmittelalterlichen Mittelmeerraums langfristig prägen.

Stefan Burkhardt, Margit Mersch, Ulrike Ritzerfeld, Stefan Schröder



  1. Natürlich bezieht Prestige- und Rangdemonstration in seiner Funktion der Abrenzung nach unten auch Gesellschaftsgruppen außerhalb der Elite ein. Auch soll hier die Mehrdimensionalität der Motivlagen im Rahmen von Hybridisierungen nicht unterschlagen werden. Unter den multiplen intentionalen Ausrichtungen fiel aber diese als wiederholte Parallele in unseren Fallstudien auf.
  2. Vgl. etwa Goetsch, Funktionen (1997), 136.
  3. Vgl. auch Burke, Cultural Hybridity (2009), 7.
  4. Zum Begriff des Habitus, insbesondere im Hinblick auf seine Bedeutung für (kunst-)historische Fragen, vgl. Bourdieu, Habitus (1974); siehe auch Anm. 222.
  5. Vgl. die Begriffsdefinitionen bei Welsch, Transkulturalität (1998).
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