IV.4.3 Die Entstehung eines Heldennamens: Rolf Krake

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ISBN 978-3-05-004373-9
Akademie Verlag

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Um 1200 verfasste der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus seine ‚Gesta Danorum‘, ein Werk, das in 16 Büchern die Geschichte der Dänen von einer legendarischen Frühzeit bis ins späte 12. Jahrhundert behandelt. Die mythische Vorgeschichte baute Saxo in seinem Werk breit aus und versuchte, verschiedene nordische Überlieferungen historiografisch zu erfassen, um den dänischen Königen und ihrem Reich ein altes und würdiges Herkommen zu geben. In diesen Vorgeschichtsbüchern wird Gewalt zu einem grundlegenden Movens der Geschichte. So schlägt sich dieser Aspekt in dem Werk gerade auch in den Personennamen nieder. Belege über die Entstehung einzelner Personennamen oder auch Beinamen sind sehr selten, an einer Stelle berichtet Saxo aber über eine solche:

Adolescens quidam, Wiggo nomine, corpoream Roluonis magnitudinem attentiori contemplatione scrutatus ingentique eiusdem admiratione captus percunctari per ludibrium coepit, quisnam esset iste Krake, quem tanto staturę fastigio prodiga rerum natura ditasset, faceto cauillationis genere inusitatum proceritatis habitum prosecutus. Dicitur enim lingua Danica krake truncus, cuius semicęsis ramis fastigia conscenduntur, ita ut pes pręcisorum stipitum obsequio perinde ac scalę beneficio nixus sensimque ad superiora prouectus petitę celsitudinis compendium assequatur. Quem uocis iactum Roluo perinde ac inclitum sibi cognomen amplexus urbanitatem dicti ingentis armillę dono prosequitur.[284]
„Ein junger Mann namens Wiggo hatte die Körpergröße Rolwos einer gar eingehenden Musterung unterworfen und ward von gewaltiger Bewunderung über sie ergriffen. Dann begann er im Scherze zu fragen, wer denn dieser Krage sei, den die verschwenderische Natur mit einer so hohen Gestalt beschenkt hatte, – indem er so über Rolwos ungewöhnliche Gestalt einen geistreichen Witz machte. Auf Dänisch heißt nämlich ‚Krage‘ ein Baumstamm, dessen Spitze man mit Hilfe der halbabgeschnittenen Äste besteigen kann, derart, dass der Fuss auf die abgehauenen Stümpfe, wie auf eine Leiter gestützt, allmählich hinaufgelangt und das Ziel der erstrebten Höhe erlangt. Dies rasch hingeworfene Wort griff Rolwo als einen rühmlichen Beinamen für sich auf und belohnte den witzigen Ausspruch durch Beschenkung mit einer kostbaren Armspange.“[285]

Rolf Krake, dessen Sitz sich noch in Lejre – bei Roskilde auf Seeland – befand, gilt als einer der bekanntesten legendarischen Könige Dänemarks und ist eine der verbreitetsten Gestalten in der nordischen Literatur überhaupt. Neben Saxos Darstellung liegen über ihn besonders noch Berichte aus isländischen Sagas vor, sowohl die ‚Hrólfssaga kraka‘, die ‚Skjöldungasaga‘ und die ‚Ynglinga saga‘ als auch die ‚Snorra Edda‘ berichten über ihn.[286] Saxos ‚Gesta Danorum‘ aber sind die einzige dänische Quelle, und Saxo ist auch der Einzige, der in Latein ausführlich von Rolf Krake berichtet. So ist er auch der Einzige, der die Herkunft des Namens übersetzen und erklären muss.[287]

Aber auch in den ‚Gesta Danorum‘ selbst wird der Name Rolf Krake nach dieser Stelle nicht mehr reflektiert. Durch diese Übersetzung kann Saxo seinen heidnisch-dänischen Helden mit seinem gewaltstrotzenden Namen auch in der klassisch-lateinischen Welt rühmen und die gesamte dänische Geschichte in der Latinitas verorten.

Thomas Foerster



  1. Saxo Grammaticus, Gesta Danorum II.6.12, 168.
  2. Saxo Grammaticus, Die ersten neun Bücher II, 92.
  3. Vgl. Olrik, Kilderne (1894), 146–154; Saxo Grammaticus, Die ersten neun Bücher II, 85, Anm. 1. Auffällige Parallelen finden sich auch im ‚Beowulf‘.
  4. Zwar findet sich auch in der Lejrechronik eine kurze Episode zu diesem König, diese erklärt den Namen aber nicht (vgl. Chronicon Lethrense, 51f.). Siehe dazu auch unten 464f.
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