IV.5.5 Jan Hus disputiert und wird exekutiert
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Die Ereignisse des Sommers 1415 um die Hinrichtung von Jan Hus im Rahmen des Konstanzer Konzils sind allgemein bekannt, allerdings wird kaum wie hier nach dem Bericht des Zeitzeugen Petrus von Mladenowicz zitiert, der ausführlich auf die Debatten zwischen Konzilsteilnehmern und Hus eingeht. In der folgenden Darstellung der ersten Anhörung von Hus stoßen zwei Auffassungen der Konzilsarbeit aufeinander. Die Konzilsteilnehmer verstanden das Konzil als Ausübung normativer Gewalt insofern, als sie versuchten, den Disput mit Hus zu dogmatischen Formeln als Gerichtsprozess umzudeuten. Hus verstand dagegen das Verfahren als eine Disputation über Thesen, die einen theologischen Charakter und keine strafrechtlichen Folgen haben sollte. Dem aufmerksamen Leser sollte nicht entgehen, dass Petrus von Mladenowicz, ein Hus-Sympathisant, wohl nicht ohne Übertreibung und Häme, Hussens erste Anhörung als eine groteske Konzils-Parodie darstellt. So z. B. bei der Frage Peters von Ailly an Hus, ob dieser im Universalienstreit für den radikalen Realismus Partei nimmt. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass gerade ein großer Scholastiker wie Peter von Ailly seinen Angriff so dilettantisch inszenierte. Dieser habe die Anregung für eine uralte und ihm sehr wohl bekannte Frage am Vorabend erhalten. Er habe ferner seine kurze Frage nicht in freier Rede gestellt, sondern vom Blatt abgelesen. Im Anschluss an die der Transsubstantiationslehre entsprechenden Antwort durch Hus schlussfolgert ein Anglicus auf völlig übertriebene Weise dessen Häresie. Sein Versuch besteht darin zu zeigen, dass die ketzerische These über das Verbleiben des materiellen Brotes auf dem Altar eine indirekte Implikation des radikalen Realismus sei. Eine heutige Analogie wäre, jemanden zu fragen (mit dem Hinweis, die Frage nach einer Jahrhunderte alten Position am Vorabend erhalten zu haben), ob dieser glaube, dass die Gesellschaft manchmal eine Eigendynamik besitzt, die über die individuellen Zielsetzungen ihrer Mitglieder hinausgeht, um auf die bejahende Antwort hin zu schließen, der Befragte sei Mitglied der Kommunistischen Partei. Aus Sicht des Königs würde eine versöhnliche Lösung der Glaubensstreitigkeiten zwischen Rom und aufmüpfigen Böhmen – am leichtesten durch ein bedingungsloses Einlenken von Hus zu erreichen – die Lage in Böhmen erheblich entspannen. Der Hinweis auf das Königreich Böhmen in der kurzen Stellungnahme des Königs ist eine Andeutung, dass es hier nicht nur um theologische Spitzfindigkeiten geht. Bei den folgenden Passagen
Hussens erste Anhörung. Theologische Positionen und politische Umstände
- Item feria sexta die mensis Junii jam dicti VII una hora post ecclipsim solis fere totalem iterum adduxerunt M. Johannem ad audienciam ad dictum refectorium, quod multi armati de dicta civitate circa singulas audiencias cum gladiis balistis securibus circumstabant et interim Rex veniens induxit secum dominos Wenceslaum et Johannem et Petrum Baccalaureum. (…)
Tunc Cardinalis Cameracensis [Petrus de Alliaco] accepta quadam carta, quam pridie sero dixit ad suas manus devenisse, ipsam tenens in manu querebat ab ipso Mag. Johanne, si poneret universalia realia a parte rei. Et ipse respondet, quod sic cum et sanctus Anselmus et alii ponunt. Tunc ipse arguebat Cardinalis: sequitur, quod facta consecracione remaneat substantia panis materialis, et probabat sic, quia facta consecracione, cum panis mutatur et transsubstanciatur in corpus Christi ut jam dicitis vel ibi manet communissima substancia panis materialis vel non. Si sic, habetur propositum; si non, sequitur quod ad desicionem singularis desineret ipsius universale. Respondit, quod desinit esse in hoc singulari panis materialis cum ille tunc mutatur vel transit in corpus Christi vel transsubstanciabatur, sed nihilominus in aliis singularibus subjectatur. Tunc quidam Anglicus ex illa materia argumenti volebat expositorie probare quod ibi remaneret panis materialis. Et Magister dixit: hoc est puerile argumentum et pueri student in scolis et solvit sibi illud. (…) Iterum surgens Anglicus quidam, ut dicebatur M. Wilhelmus, dixit: „Expectatis, ipse loquitur cautulose sicut et Wicleff fecit. (…) Et ille: „Non cautulose sed Deo teste sincere et ex corde loquor.“ (Anglicus respondit) „Sed quero a vobis M.J., utrum totaliter et realiter et multiplicative sit ibi corpus Christi?“ Et M.J. respondit, quod vere et realiter idem corpus Christi et totaliter est in sacramento altaris, quod natum est ex Maria virgine passum mortuum resurrexit et quod sedet ad dexteram patris. (…)
Et antequam duceretur, dixit ei Cardinalis Cameracensis: „Mag. Johannes Hus! Tu dixisti nuper in turri, quod velles concilii judicio humiliter subjacere; ideo consulo tibi, ne te de istis involvas erroribus sed correccioni concilii et informacioni te subjicias et concilium aget tecum secundum misericordiam.“ Et Rex dixit: „Audias Johannes Hus! Dixerunt aliqui, quod primo post XV dies captivitatis tue tibi salvum conductum dedissem. Ego dico, quod non est verum. Quia ego volo probare cum principibus et aliis quam pluribus, quod ego dedi tibi salvum conductum eciam prius quam de Praga exivisti. Et eciam mandavi ibidem dominis Wenceslao et Johanni, ut te adducerent et assecurarent, ut libere te venientem ad Constanciam non apprimerent, sed ut tibi publicam darent audienciam, ut possis de fide tua respondere. Quod et fecerunt et hic tibi publicam audienciam et pacificam et honestam dederunt, et ego regracior ipsis, licet dicant alii, quod ego non possem dare salvam conductum heretico vel de heresi suspecto. Et ideo sicut hic dominus Cardinalis consulit tibi, ita et ego consulo tibi, quod tu nihil teneas pertinaciter, sed in istis, que hic sunt contra te probata et que confessus es, des te corporaliter ad graciam sacri Concilii et ipsi tibi propter nos et honorem nostrum et fratrem nostrum et regnum Boemie facient graciam aliqualem et penitenciam suscipias pro eisdem. Si vero vis pertinaciter illos tenere, ve tibi; ipsi bene sciunt, quod debent facere tecum.“
- Item feria sexta die mensis Junii jam dicti VII una hora post ecclipsim solis fere totalem iterum adduxerunt M. Johannem ad audienciam ad dictum refectorium, quod multi armati de dicta civitate circa singulas audiencias cum gladiis balistis securibus circumstabant et interim Rex veniens induxit secum dominos Wenceslaum et Johannem et Petrum Baccalaureum. (…)
- „Am Freitag, dem 7. Juni, eine Stunde nach der totalen Sonnenfinsternis, wurde der Magister Johannes [= Jan Hus] zur Anhörung im genannten Refektorium überführt. Dies war von vielen bewaffneten Männern der genannten Stadt [Konstanz] umringt, die jede einzelne Anhörung mit ihren Schwertern in Bereitschaftsstellung [sicherten]. Der König kam in ihre Mitte und brachte die Herren Wenceslaus und Johannes sowie den in den freien Künsten gelehrten Petrus [Mladenowicz] mit sich. (…)
Dann griff der Kardinal von Cambrai [Peter von Ailly] nach einem Papier, das er am Vorabend erhalten haben wollte. Er hielt es in seiner Hand und las die Frage an Magister Johannes ab, ob er behaupte, dass die Allgemeinbegriffe dinghaft seien, so wie es mit den Einzeldingen der Fall ist. Dieser antwortete, dass ja, so wie der hl. Anselm [von Canterbury] und andere annehmen. Dann argumentierte derselbe Kardinal, dass daraus folge, dass nach der Segnung die Substanz des materiellen Brotes verbleibt, und er bewies das, indem er sagte, dass nach der Segnung, während das Brot in Leib Christi verwandelt und transsubstanziiert wird, die gemeinsame Substanz des materiellen Brotes wie gesagt entweder verbleibt oder nicht. ‚Verbleibt sie, dann gilt das oben Erwähnte. Wenn nicht, dann folgt, dass der Allgemeinbegriff [Brot] aufgrund des Aufhörens des Einzeldings zu existieren aufhört.‘ Er [Hus] antwortet, dass in diesem Einzelding das materielle Brot zu existieren aufhört, wenn es in diesem Moment verwandelt oder übergeht oder transsubstanziiert wird in den Leib Christi, aber [dass Brot-Materie] trotzdem in anderen Einzeldingen unterliegt. Dann wollte ein Engländer aus den Annahmen eben dieses Arguments [d. h. der Antwort von Hus] hinlänglich beweisen, dass dort materielles Brot verbliebe. Und der Magister [Hus] sagte: ‚Das [Argument des Engländers] ist ein kindisches Argument und die Kinder lernen es in der Schule und er gibt ihm die Lösung.‘ (…) Daraufhin erhob sich ein Engländer, Magister Wilhelmus, wie man sagte, und sagte: ‚Wie erwartet spricht dieser vorsichtig, wie Wycliff es tat.‘ (…). Woraufhin dieser [d. h. Magister Johannes] [sagte]: ‚Ich spreche nicht vorsichtig, sondern ehrlich, so Gott mir Zeuge sei, und vom Herzen.‘ (Der Engländer antwortet): ‚Aber ich ersuche Euch, Magister Johannes, ob der Leib Christi vollständig und wirklich und vervielfacht da ist.‘ Und Magister Johannes antwortet, dass der Leib Christi, der wahrhaftig und wirklich und vollständig bei der Wandlung auf dem Altar liegt, derselbe ist, der, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten und auferstanden, zur Rechten des Vaters sitzt. (…)
Und bevor er [Hus] abgeführt wurde, sagte ihm der Kardinal von Cambrai: ‚Magister Johannes Hus! du sagtest vorher im Turm, dass du dich dem Urteil des Konzils demütig unterstellen willst. Dies rate ich dir auch, damit du dich in diese Irrtümer nicht verstrickst, sondern damit du dich der Berichtigung und Weisung des Konzils unterstellst. Dieses wird dann erbarmungsvoll mit dir verfahren.‘ Und der König sagte: ‚Hör zu Johannes Hus! Es gibt welche, die gesagt haben, dass ich dir freies Geleit erst nach den ersten 15 Tagen deiner Gefangenschaft gegeben hätte. Ich sage, dass dies nicht wahr ist. Denn ich will mit Fürsten beweisen und mit sehr vielen anderen noch, dass ich dir freies Geleit gewährte, noch bevor du Prag verließest. Dasselbe teilte ich außerdem den Herren Wenceslaus und Johannes ebendort mit, damit sie dich begleiten und schützen und dich nicht davon abhalten, frei nach Konstanz zu kommen, so dass du dich öffentlich anhören lässt und über deinen Glauben Rechenschaft ablegen kannst. Dies haben diese hier auch getan und dich hier zu einer öffentlichen und friedlichen und ehrlichen Anhörung empfangen, und ich bin ihnen wegen der Begründung dankbar – das ‚genehmigt‘ sollen andere sagen – warum ich einem Ketzer oder der Ketzerei Verdächtigen kein freies Geleit gewähren kann. Was dir der Herr Kardinal hier rät, dasselbe rate ich dir auch: Nicht auf die Sachen hartnäckig zu bestehen, die hier gegen dich bewiesen sind und die du auch eingestanden hast, sondern ergib dich körperlich der Gnade des heiligen Konzils und diese [Wenceslaus und Johannes? Gar die Konzilsteilnehmer?] werden dir neben uns und unserer Ehre und unserem Bruder und dem Königreich Böhmen auch sehr dankbar sein. Sei doch ihretwegen reuig. Wenn du aber diese [Positionen] weiterhin hartnäckig für wahr hältst, so wehe dir. Diese [Konzilsteilnehmer] wissen gut, was sie mit dir tun müssen.“[ 346]
- „Am Freitag, dem 7. Juni, eine Stunde nach der totalen Sonnenfinsternis, wurde der Magister Johannes [= Jan Hus] zur Anhörung im genannten Refektorium überführt. Dies war von vielen bewaffneten Männern der genannten Stadt [Konstanz] umringt, die jede einzelne Anhörung mit ihren Schwertern in Bereitschaftsstellung [sicherten]. Der König kam in ihre Mitte und brachte die Herren Wenceslaus und Johannes sowie den in den freien Künsten gelehrten Petrus [Mladenowicz] mit sich. (…)
Anders als häufig behauptet wird, fanden in den restlichen Sitzungen bis zur Exekution von Hus, ungefähr einen Monat später, durchaus sachliche Diskussionen über den Inhalt seiner Thesen statt. Allerdings handelte es sich dabei um keine ungezwungene Disputation, da diese nun im Rahmen eines Gerichtsprozesses stattfand. Die Hauptbedingung zur Einleitung eines juristischen Verfahrens (das heißt Vertreten von dogmatisch untragbaren Thesen) hielt jedoch Hus in Ermangelung von Gegenargumenten zu seinen Antworten auf die Vorwürfe für noch nicht erfüllt. Ausschnitte aus einem von Hus angefertigten Memorandum in der Form eines Stellenkommentars über die ihm am 8. Juni 1415 vorgeworfenen Thesen sind in der Folge
Theologische Argumentation unter Drohung
- Ego Johannes Hus, in spe sacerdos Jesu Christi licet indignus, magister in artibus et sacrae theologiae baccalaureus formatus universitatis studii Pragensis, fateor me scripsisse quendam libellum de ecclesia, cujus exemplar est mihi exhibitus coram notariis per dominos commissarios patriarcham Constantinopolitanum, episcopum Castelae et episcopum Libucensem, qui quidem commissarii ad reprehensionem praefati libelli obtulerunt mihi quosdam articulos, dicentes, quod de ipso libello sint extracti et in ipso libello inscripti, quorum primus in numero est iste:
1. „Ecclesia catholica sive universalis est omnium praedestinatorum dumtaxat.“ Respondeo, quod non illa, sed ista est mea propositio 1. cap. Tractatus. „Ecclesia sancta catholica i.e. universalis est omnium praedestinatorum universitas“; patet per beatum Augustinum super Johanne et 32. quaestio 4. cap. Recurrat. Item cap. 7. tractatus In principio.
2. „Nullus mortali crimine maculatus, scilicet quoad finalem perseverantiam est de ista ecclesia.“ Patet ista cap. primo prope finem, ubi dicitur secundum beatum Jeronymum: „Qui ergo peccator est aut aliqua fraude maculatus, de ecclesia Christi, videlicet praedestinatorum, nun potest appellari.“ De. pe. Distinctione, I. capitulo Ecclesiae.
3. „Sicut Christus non fuit vallatus temporalibus et apostoli ejus, ita nec vicarii et successores eorum debent temporalia possidere.“ Ista non est in libro, sed ista: „Et sicut oculi et facies carent in operationibus tegimine, ne velatum deturpent et praepararent ad ruinam, sic Christus et apostoli ex fervore caritatis et alienatione cupiditatis non erant temporalibus secularibus involuti, quales oculi debent esse eorum vicarii omnes clerici, videlicet inordinate et abusive temporalibus non utantur. Haec cap. 3 modicum ante medium. Patet ista sententia Luc. 13. ,Cavete ab omni avaritia’ et secundum apostolum: Nemo militans implicat se negotiis secularibus. Et per beatum Gregorium omil. XVII per totum.“
- Ego Johannes Hus, in spe sacerdos Jesu Christi licet indignus, magister in artibus et sacrae theologiae baccalaureus formatus universitatis studii Pragensis, fateor me scripsisse quendam libellum de ecclesia, cujus exemplar est mihi exhibitus coram notariis per dominos commissarios patriarcham Constantinopolitanum, episcopum Castelae et episcopum Libucensem, qui quidem commissarii ad reprehensionem praefati libelli obtulerunt mihi quosdam articulos, dicentes, quod de ipso libello sint extracti et in ipso libello inscripti, quorum primus in numero est iste:
- „Ich, Johannes Hus, der, obwohl unwürdiger, Priester Jesu Christi sein möchte, Magister der freien Künste und Baccalaureus formatus der Theologie an der Prager Universität gestehe, ein Büchlein [mit dem Titel:] ‚Über die Kirche‘ geschrieben zu haben. Ein Exemplar ist mir durch die Herren Kommissare, den Konstantinopler Patriarchen,
[ 348] den Bischof von Kastilien und den Bischof von Libuce, in Gegenwart der Schreiber gezeigt worden. Diese brachten mir, in ihrer Eigenschaft als Kommissare zum Tadel des genannten Büchleins, einige Anklagepunkte vor und sagten, diese seien diesem Büchlein entnommen und stünden in demselben. Der Anklagepunkt unter Nummer eins ist folgender:
1. ‚Die katholische oder allgemeine Kirche ist [Kirche] genaugenommen aller Vorbestimmten.‘ Ich antworte, dass nicht dieser, sondern folgender mein Satz im ersten Kapitel der Abhandlung ist: ‚Die heilige katholische, das heißt allgemeine Kirche ist die Gemeinschaft aller Vorbestimmten.‘ Es geht aus dem Johanneskommentar 32,4 des seligen Augustinus hervor. Dasselbe im siebten Kapitel der Abhandlung ‚In principio‘.
2. ‚Niemand, der mit einer Todsünde befleckt ist, das heißt hinsichtlich der Erwartung der Endzeit, ist Mitglied dieser Kirche.‘ Dies geht aus dem ersten Kapitel vom Ende hervor, wo gemäß dem seligen Hieronymus gesagt wird: ‚Wer also ein Sünder oder mit einem anderen Frevel befleckt ist, kann nicht der Kirche Christi, das heißt [der Kirche] der Vorbestimmten, zugeschrieben werden.‘ ‚De. pe. Distinctio‘, im ersten Kapitel der Abhandlung ‚Über die Kirche‘.
3. ‚So wie Christus und seine Apostel dem Vergänglichen nicht verfangen waren, dürfen seine Vertreter und ihre Nachfolger nichts Vergängliches besitzen.‘ Dieser Satz steht nicht im Buch, sondern dieser: ‚So wie Augen und Gesicht beim Sehen einer Hülle entbehren, damit sie das Verhüllte nicht entstellen und den Verlust vorbereiten, so waren Christus und die Apostel aufgrund des Liebeseifers und der Entfremdung von Begierde nicht in zeitliche und weltliche Dinge verstrickt. Solche Augen sollen alle ihre stellvertretenden Kleriker sein. Das heißt, diese dürfen sich keiner vergänglichen Dinge ohne Regelung und missbräuchlich bedienen.‘ Dieses steht im mittleren dritten Kapitel, gegen Mitte. Dieser Satz geht aus dem Lukasevangelium 13[ 349] hervor: ‚Hütet euch vor aller Habgier‘ sowie aus Paulus[ 350] : ‚Wer in den Krieg zieht, gibt sich nicht mit Erwerbsgeschäften ab.‘ Auch aus dem seligen Gregor, der ganzen Rede XVII.“
- „Ich, Johannes Hus, der, obwohl unwürdiger, Priester Jesu Christi sein möchte, Magister der freien Künste und Baccalaureus formatus der Theologie an der Prager Universität gestehe, ein Büchlein [mit dem Titel:] ‚Über die Kirche‘ geschrieben zu haben. Ein Exemplar ist mir durch die Herren Kommissare, den Konstantinopler Patriarchen,
Nach der Disputation des 7. Juni hoffte Hus bis kurz vor seiner Exekution auf eine zweite, außergerichtliche theologische Debatte, die schließlich nie stattfand, und arbeitete schon in seiner Zelle an einer Verteidigungsschrift seiner Thesen.
Lechzen nach dem Martyrium
- Die (…) septima (…) Julii alias Sabbato post Procopii in octava beatorum Petri et Pauli apostolorum dictus Magister Johannes Hus ductus est per Regensem episcopum ad ecclesiam majorem civitatis Constanciensis, ubi generalis sessio prelatorum presidente Romanorum et Hungarorum Rege sub diademate fuit celebrata. (…) Interim surgens Henricus de Piro, procurator concilii, propositionem fecit, ut ipsum concilium velit processum cause contra Magistrum Johannem Hus usque ad sentenciam definitivam continuare. (…) Cum ergo omnes articuli contra eum oblati jam finiti fuissent et lecti, quidam auditor calvus et antiquus et prelatus nacionis Italice deputatus legit sentenciam definitivam contra M. Johannem Hus et ipse Magister Johannes Hus ad certa puncta ejusdem sentencie contra eandem replicans, quamvis prohibebatur, respondebat. (…) Antequam vero succenderetur, venit ad eum Marescalcus Imperii Hoppe de Poppenheim et cum eo filius quondam Clem ut dicebatur ipsum adhortans, ut adhuc vitam conservet incolumem et ut predicata olim per se et dicta sua abjuret et revocet. Qui invicem respiciens alta voce respondit: „Deus mihi, inquit, testis est, quod ea que false mihi ascribunt per falsos testes mihi imposita nunquam docui nec predicavi, sed de principali intencione mee predicacionis et omnium aliorum meorum actuum vel scriptorum extitit, ut solum homines retrahere possem a peccatis. In ea vero evangelii veritate, quam scripsi docui et predicavi ex dictis et expositionibus sanctorum doctorum hodie letanter volo mori.“ Et hoc audito statim dictus Marescalcus una cum filio Clem manus concutientes abscesserunt, quem mox lictores succenderunt et Magister mox alta voce cantavit. Primo: Christe filii Dei vivi miserere nobis, 2: fili Dei vivi miserere mei, 3: qui natus es Maria virgine, et sic cum tertio cantare cepisset, mox ventus flammam sibi commovit in faciem et sic in se ipso orans labiis movens et capite exspiravit in domino, in tempore vero silencii moveri videbatur antequam exspiravit, ad tantum tempus quo cite dici possint duo vel maxime tria pater noster. Cum vero ligna dictorum fasciculorum et fumus exusta fuissent et adhuc gleba corporis staret in dicta catena pendens per collum, mox lictores dictam glebam una cum statua truserunt in terram et ignibus amplius et tercia biga de lignis auctis exurebant et circumeuntes fustibus ossa concutiebant, ut eo occius incinerarentur. Et invento capite illud fuste diviserunt in partes et iterum in ignem projecerunt. Invento vero corde ipsius inter intestina, illud fustem exacuentes ad instar veruti fini infixerunt et specialiter assantes et concinerantes contis percutiebant et finaliter totam massam illam incinerantes. Et tunicam ex mandato dictorum Clem et Marescalci lictores jecerunt una cum socularibus in ignem dicentes, ne forte Boemi id pro reliquiis habeant et nos dabimus tibi precium tuum pro illo quod et fecerunt.
- „Am (…) 7. des Monats Juli,
[ 353] dem Samstag nach dem Fest des hl. Prokop, acht Tage nach dem Fest der Apostel Peter und Paul, wurde der genannte Magister Johannes Hus zu einer größeren Kirche der Stadt Konstanz geführt, in der die Generalversammlung der Prälaten unter dem Vorsitz des Königs der Römer und Ungarns sowie unter dessen Krone zelebriert wurde. (…) In diesem Moment stand Heinrich von Piro, der Konzilsbevollmächtigte, auf und schlug vor, das Konzil möge im Gerichtsprozess gegen Magister Johannes Hus weiter bis zu einem endgültigen Urteil fortfahren. (…) Als also alle gegen ihn vorgebrachten Artikel vollständig bis zum Schluss gelesen waren, verlas ein kahlköpfiger und alter Auditor, abgesandter Prälat der italienischen Nation, das endgültige Urteil gegen den Magister Johannes Hus. Der Magister Johannes Hus antwortete, indem er gewisse Punkte seines Urteils kommentierte, obwohl er daran gehindert wurde. (…) Bevor man nun das Feuer entfachte, kam zu ihm der Reichsmarschall, Hoppe von Poppenheim, und mit ihm ein ehemaliger Sohn, Clem, der ihn, wie man sagte, mahnte, er möge jetzt noch sein Leben in Unversehrtheit retten sowie seine früheren Predigten und Lehren verurteilen und widerrufen. Zu diesem drehte sich [Hus] und erwiderte: ‚Gott ist mein Zeuge‘, sagte er, ‚dass alles, was sie mir fälschlich vorwerfen, mir durch falsche Zeugen unterstellt wird. Weder habe ich es je gelehrt noch gepredigt, sondern von der Hauptdisposition meiner Predigt und all meines anderen Handelns oder Schreibens ragt allein die Anstrengung hervor, die Menschen vom Sündigen fernhalten zu können. Für diese Wahrheit des Evangeliums also, die ich schrieb, lehrte und predigte von dem her, was die heiligen Gelehrten sagten und erläuterten, freue ich mich heute noch zu sterben.‘ Und sobald der genannte Marschall dies hörte, wandte er sich zusammen mit dem Sohn Clem in die Hände klatschend um und sie traten ab. Dann folgten bald die Scharfrichter und bald sang der Magister mit lauter Stimme. Zuerst das ‚Christus, Sohn des lebendigen Gottes erbarme dich unser‘. Zweitens das ‚Sohn des lebendigen Gottes erbarme dich meiner‘. Drittens das ‚Der geboren wurde von der Jungfrau Maria‘. Nicht lange nachdem er mit dem dritten Lied angefangen hatte, wehte der Wind so, dass die Flamme ihm ans Gesicht stieg und so ließ er seinen letzten Atemzug und verschied zum Herren, indem er innerlich betete mit Zuckungen der Lippen und des Kopfes. Und als ein Schweigen herrschte, waren seine Bewegungen noch zu sehen, bevor er verstarb, insgesamt für die Dauer, in der zwei, maximal drei Vaterunser schnell aufgesagt werden können. Als also das Holz im genannten Scheiterhaufen ausgebrannt sowie der Rauch weggeweht war und der Rumpf des Körpers in den genannten Ketten am Nacken schwebte, stürzten die Scharfrichter den genannten Rumpf schnell zu Boden als wäre er eine Statue und ließen ihn mit stärkerem Feuer und der dritten Holzladung verkohlen und zerkleinerten das Skelett allerseits mit Stöcken, damit nur die zerschlagene Asche zurückbleibt. Als sie den Kopf entdeckten, hauten sie ihn mit einem Stock in Teile und warfen diese dann erneut ins Feuer. Als sie in den Eingeweiden das Herz entdeckten, haben sie in es mit einem Stock eingestochen wie mit einem Spieß, und nachdem sie es aufgesäbelt und besonders traktiert und gebraten haben, zum Schluss am Spieß in dieser gesamten Masse verkohlen lassen. Und die Tunica rissen die Scharfrichter aus den Händen der genannten Clem und Marschall gleichwie die Sandalen, und warfen dies in das Feuer. Dabei sagten sie, sie wollen verhindern, dass die Böhmen es eventuell als Reliquie verehren. ‚Wir zahlen dir dein Geld dafür aus‘ [sagten sie] – was sie auch taten.“
- „Am (…) 7. des Monats Juli,
Mit Recht wird von Mediävisten häufig darauf hingewiesen, dass die Verbrennungsstrafe im Mittelalter nicht so oft verhängt wurde, wie dies in der Öffentlichkeit angenommen wird. Die bekanntesten Fälle von Ketzerverbrennungen (Jan Hus, Jeanne d’Arc, Hans Böhm, Jakob Hutter, Giordano Bruno) stammen aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Es wäre aber auch falsch anzunehmen, dass das Hochmittelalter diese Form der Durchführung der Todesstrafe nicht kannte. Man denke etwa an die von Anna Komnena überlieferte Verbrennung des Bogumilenhäuptlings Boris (im griechischen Original: Basilios) wegen Häresie 300 Jahre vor Hussens Hinrichtung.
- ↑ Peter von Mladenovic, Historia, 210–219.
- ↑ Soweit nicht anders angegeben, stammt die Übersetzung im gesamten Kapitel vom Verfasser.
- ↑ Peter von Mladenovic, Historia, 220f.
- ↑ Beim „Konstantinopler Patriarchen“ handelt es sich hier nicht um den (orthodoxen) Patriarchen, der tatsächlich in Konstantinopel residierte, sondern um einen lateinischen Titularbischof, der diesen Titel in der Tradition der Kirchenstrukturen im zwischen 1204 und 1261 von Kreuzfahrern besetzten Konstantinopel trug. 1415 war Nikolaus von Theben lateinischer ‚Konstantinopler Patriarch‘.
- ↑ Falsche Angabe: Tatsächlich steht die zitierte Stelle bei Lk 12,15.
- ↑ II Tim 2,4
- ↑ Johannes Hus, Sermo.
- ↑ Peter von Mladenovic, Historia, 282–289.
- ↑ Mladenowicz verschiebt das aus anderen Quellen bekannte Datum um einen Tag nach hinten.
- ↑ Annae Comnenae Alexias XV.9f.
- ↑ Vgl. die von Dennis sieben erwähnten Fälle (Dennis, Death [2001]) und ebenfalls die Verstümmelung von Maximus Confessor: In vitam, 103–106 (geschrieben wohl von Anastasios Apokrisiarios). Hier besteht ein – wenn auch indirekter – Zusammenhang zwischen Strafe und Disputation bzw. Argumentation: Maximus wurden die rechte Hand abgehakt und die Zunge ausgerissen, damit er seine ‚häretischen‘ Ansichten weder in Wort noch in Schrift verbreiten konnte.
- ↑ Annae Comnenae Alexias V.8f.; vgl. auch Clucas, Trial (1981).
