IV.9 Epilog

Aus SPP 1173

Wechseln zu: Navigation, Suche


Mittelalter im Labor
Arbeitsforum: C.
<<<Vorherige Seite
IV.8.5 Massaker in der Heiligen Stadt
Nächste Seite>>>
IV.10 Literaturnachweise C

Bitte zitieren Sie nach der Druckversion
ISBN 978-3-05-004373-9
Akademie Verlag

Bei Darstellungsproblemen und für die Teilnahme an der Diskussion beachten Sie bitte die Hinweise auf der Hilfe-Seite

„Wer hätte je von einem solchen Sprachgemisch in einer einzigen Armee gehört? Da waren Franken, Flamen, Friesen, Gallier, Lothringer, Alemannen, Bayern, Normannen, Engländer, Schotten, Aquitanier, Italiener, Daker, Apulier, Iberer, Bretonen, Griechen und Armenier. Wenn irgendein Bretone oder Teutone mich etwas gefragt hätte, so hätte ich weder verstanden noch zu antworten gewußt“[646], beschreibt der Chronist und Augenzeuge des ersten Kreuzzuges Fulcher von Chartres die hohen Hürden der Kommunikation zwischen Kreuzfahrern aus den verschiedensten Herkunftsgebieten.[647] Dieses Bild erinnert in mehrfacher Hinsicht an die vorliegende Untersuchung und die Umstände ihrer Entstehung. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen sich gemeinsam eines Forschungsgegenstandes annehmen, tauchen dabei naturgemäß mehr oder minder große Verständigungsprobleme auf. Wissenschaftliche Methoden, Sichtweisen und Begrifflichkeiten erwiesen sich in den angeregten Diskussionen der Mitglieder des Arbeitsforums anfangs bisweilen als so unterschiedlich, dass sie ähnlich der Schilderung Fulchers von Chartres in dem Befund gipfeln konnten: „Ich verstehe dich nicht.“

Kompromisse waren für alle Beteiligten nötig, um mit einem gemeinsamen Stil, der eben dieser Untersuchung zu Eigen ist, am Ende neues Terrain zu erschließen. In ungewöhnlicher geografisch und philologischer Vielfalt werden dem Benutzer der Studie anhand der ausführlich kommentierten, in größere Zusammenhänge eingeordneten Quellen, Zugänge zu den integrativen und desintegrativen Wirkweisen von Gewalt in mittelalterlichen Lebenswelten aufgezeigt. Die spezifische Zusammensetzung der Forschergruppe hat dazu beigetragen, dass hier wie in keinem anderen Werk unterschiedlichste Räume abgeschritten werden, Quellenbeispiele aus Skandinavien neben solchen aus Anatolien, von der Iberischen Halbinsel oder aus den Kreuzfahrerstaaten in den jeweiligen Originalsprachen stehen und zu einem weiterführenden Vergleich einladen. Das „Sprachgemisch“, das Fulcher als so hinderlich für die gegenseitige Verständigung empfand, unterstreicht in diesem Fall den besonderen Wert der vorliegenden Studie. Die Transkriptionen nebst Übersetzungen sorgen dafür, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen vergleichende Einblicke in Quellen nehmen können, die ihnen ansonsten aufgrund sprachlicher Hürden verwehrt bleiben.

Das eingangs angeführte Beispiel des Kreuzzugschronisten Fulcher von Chartres geleitet auch zum Gegenstand unserer Untersuchung. Bis heute stehen die Kreuzzüge exemplarisch für das Mittelalter als einer Zeit der Gewalt. Dies ist nicht der Ort für eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob jene Jahrhunderte, die gemeinhin das ‚europäische Mittelalter‘ ausmachen, gewalttätiger waren als andere. Immerhin ist Gewalt ein zentraler Bestandteil der Menschheitsgeschichte. In aller Regel zeitigt sie integrative oder desintegrative Wirkungen, in Einzelfällen auch beide zugleich.

Nicht umsonst zieht sich gerade dieser Aspekt wie ein roter Faden durch alle Kapitel der Studie. Deren Gliederung folgt methodischen, nicht thematischen oder chronologischen Gesichtspunkten. Dies ging angesichts des vorgegebenen Rahmens nicht ohne schmerzliche Kürzungen. Und so sind, den Maßgaben der Methode folgend, letztlich früh-, hoch- und spätmittelalterliche Quellen nicht im gleichen Proporz vertreten. Der zurückhaltende Einsatz von Gewalt, der dem Leser zu Beginn begegnet, steigert sich am Ende bis zum Exzess. Für diesen steht im letzten Kapitel mit besonderer Deutlichkeit das Blutbad bei der Einnahme Jerusalems durch die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099, das schon mittelalterliche Chronisten aus Orient wie Okzident im Rahmen des ersten Kreuzzuges als besonderen Gewaltakt wahrnahmen. Ihre Einschätzung zum Verhalten der Kreuzfahrer fasste unlängst Thomas Asbridge treffend zusammen: „In the long imagined moment of victory, with their pious ambition realised, they unleashed an unholy wave of brutality throughout the city, surpassing all that had gone before.“[648]

In exemplarischer Weise zeigt das erste Kapitel anhand des Schicksals der hl. Radegunde auf, wie deutlich die integrative und desintegrative Wirkung von Gewalt in den Quellen mitunter zutage tritt. Es steht aus diesem Grunde bewusst am Anfang. Das theoretische Grundgerüst zur weiteren Beschäftigung mit dem weiten Themenfeld bietet das folgende Kapitel, das vor dem Hintergrund mittelalterlicher Theorien und Normen eine entsprechende Bestimmung des Gewaltbegriffs vornimmt. Die kontinuierliche, alltägliche – heutigen Zeitgenossen zumeist unbewusste – Präsenz von Gewalt in Namen veranschaulichen die anschließenden Ausführungen. Durch die bewusste Namenswahl wurde in vergangenen Gesellschaften ein Wertesystem vermittelt, in dem Kampfkraft, Wehrhaftigkeit, Stärke und Mut eine besondere Rolle spielten und den Namensträger entsprechend kennzeichnen sollten. Spiegelt sich Gewaltbereitschaft als Grundtendenz in der Namensgebung wider, erscheint dies als ein integrativer Faktor in einer Kriegergesellschaft. Gleichzeitig findet damit eine Verpflichtung auf ein bestimmtes Wertesystem statt. Die Allgemeingültigkeit dieser Feststellung untermauert der Blick auf Gesellschaften außerhalb des untersuchten Raumes. So finden sich etwa im 7. und 8. Jahrhundert unter den mittelamerikanischen Maya-Herrschern der Dynastie von Copán Namen wie Rauch-Jaguar Imix-Ungeheuer oder im nördlichen Nachbargebiet von Quiriguá der König Stürmischer-Himmel.[649] Letzterer nahm in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts den Nachbarherrscher 18-Kaninchen gefangen, um diesen später rituell zu enthaupten. Entsprechend der intentionierten Botschaft konnten Namen selbstverständlich zum Zwecke der besseren Integration auch wechseln, wenn die Überlegenheit eines Gegners zur Unterwerfung eines Volkes unter dessen Herrschaft führte. Wie sehr Namenswechsel programmatisch wirken, demonstriert nicht zuletzt das Beispiel des Wynfreth-Bonifatius.

In einem regelgerechten Disput, so demonstriert das nächste Kapitel, gibt es keinen Platz für Gewalt. Die Anwendung von Gewalt während eines Disputs bedingt nicht nur ein automatisches Scheitern desselben, sondern wirkt vielmehr dem in der Grundtendenz integrationsfördernden Zweck des Zwiegesprächs entgegen. Sie zeigt die Grenzen der Integration auf und wirkt im Laufe eines Disputs desintegrativ. Die Fallbeispiele des folgenden Abschnitts verdeutlichen, wie die Zuweisung von bestimmten Geschlechterrollen sowie die Anwendung sexualisierter Gewalt bewusst Unterschiede zwischen Eigenem und Fremden markieren. Kohäsions- und Abgrenzungsprozesse werden dadurch nachhaltig beeinflusst. Das Männliche wird positiv bewertet und gilt als Leitbild der eigenen Wertewelt. Dieser steht das Weibliche konträr gegenüber, sodass der Andere durch die negativ gesteigerte Konnotation des ‚Weibischen‘ in der Fremdwahrnehmung und –darstellung eine Abwertung erfährt. Spielt hierfür die Gewalt bereits eine wichtige Rolle, so ist diese mit der Figur des Helden untrennbar verbunden. Helden wirken in allen Kulturen, dabei stets aber nur für die eigene Kultur, als Integrationsfiguren. Die Grundmuster gleichen sich. Der Mythos eines Rodrigo Díaz de Vivar, genannt El Cid, eines Şalāh ad-Dīn oder – um zur Vollständigkeit dreier Weltreligionen in die Antike zurückzugreifen – eines Jehuda Makkabi ist ohne Gewaltanwendung undenkbar. Am Ende der Betrachtung stehen konsequenterweise die Exzesse, die Eskalationen von Gewalt, die per se zunächst nur desintegrativ zu wirken vermögen (nein, sie können durchaus auch verbinden). Im Blutrausch ist jegliche Möglichkeit zum Dialog vertan. Erst nachdem der Höhepunkt der Gewalt überschritten ist, können integrative Prozesse wieder in Gang geraten. Pragmatismus gewinnt die Oberhand über die Verblendung. So sahen die Kreuzfahrer spätestens nach der Einnahme Sidons 1110 von Massakern an der Bevölkerung eroberter Städte ab, da die Einheimischen – ungeachtet ihrer Religion – aufgrund der stets geringen Zahl abendländischer Christen zur Aufrechterhaltung der Grundversorgung in den noch jungen Kreuzfahrerstaaten der Levante benötigt wurden.[650]

Die Grundmuster integrativer und desintegrativer Wirkungen von Gewalt finden sich indes nicht nur in dem großen Raum zwischen der Iberischen Halbinsel und Anatolien, dem südlichen Mittelmeer und Skandinavien, den der Rahmen dieser Untersuchung abdeckt. So bereiteten beispielsweise islamische Reiterkrieger der vom Hinduismus geprägten indischen Hofkultur am Beginn des 13. Jahrhunderts zunächst ein jähes Ende, bis die indischen Staaten sich ihrerseits militarisierten und Gegenwehr formierten.[651] Der Shogun Yoritomo bemühte sich nach seinem Sieg über die rivalisierenden Samurai-Familien in Japan im Jahre 1185 um Integration, indem er keine der überkommenen Verwaltungseinrichtungen zerstörte, sondern durch Strukturen eigener Prägung zu überlagern sucht.[652] Im China des 12. Jahrhunderts versuchte der vierte Jin-Kaiser die Verschmelzung der Chinesen und der siegreichen Jurchen auf seine Art voranzutreiben.[653] Er ließ die überlebenden Angehörigen der Liao- sowie der Song-Familien hinrichten und überführte die Ehefrauen und Konkubinen seiner besiegten Rivalen in seinen Harem.

Diese Beispiele zeigen, dass die vorliegende Untersuchung ein buntes Mosaik ist, der sich jedoch seinerseits in ein viel größeres Gesamtbild einfügen lässt. Die transdisziplinäre und transkulturelle Zusammenarbeit macht neugierig auf ein geografisches ‚Mehr‘. Auf eine Betrachtung, die sich schon aufgrund aktueller Entwicklungen nicht länger dem Korsett einer wie auch immer gearteten, wenngleich zeitlich wandelbaren Definition von ‚Europa‘ verpflichtet fühlen muss, sondern Geschichte in einer globalen Dimension zu begreifen versucht.

Kay Peter Jankrift



  1. Fulcher von Chartres, Historia Hierosolymitana, 336f.
  2. Menache, Communication (1996), 293–314.
  3. Asbridge, Crusade (2004), 316.
  4. Riese, Maya (2006), 83f.
  5. Prawer, Institutions (1980), 85.
  6. Rothermund, Geschichte (2006), 24.
  7. Pohl, Geschichte (2005), 30.
  8. Lovell, Mauer (2007), 146.
Persönliche Werkzeuge