Fazit
Aus SPP 1173
| Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter | |
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| Rückblickend nach vorn gewandt. Funktionen kultureller Rückbindung von Alfred dem Großen zu den Osmanen (9.–16. Jahrhundert) | |
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Mit den im Rahmen dieses Artikels thematisierten Beispielen liegen zeitlich und regional verschiedene Fälle kultureller Rückbindung vor. ‚Kulturelle Rückbindung‘ – dieser Begriff suggeriert, dass Menschen und soziale Gruppen unter bestimmten Bedingungen symbolische Anbindungsprozesse durchlaufen. Festgestellt wurde, dass es sich hierbei im wahrsten Sinne des Wortes um Rück-Bindung handelt, das heißt um einen Rekurs auf Vergangenheit, um An-Bindung an etwas vermeintlich Eigenes, das in einer zeitlich zurückliegenden Periode erkannt wird. Dabei kann diese Vergangenheit historisch oder normativ verstanden werden.
In allen Beispielen lassen sich bestimmte Bedarfssituationen erkennen, die als Krise oder – wertneutral ausgedrückt – als Herausforderung gedeutet werden können: dies insoweit, als in den diskutierten Fällen Reaktionen auf Brüche im jeweiligen Erfahrungs-, Wertungs- und/oder Deutungshorizont der betreffenden Gruppen erkennbar sind. Als ein zentrales Anliegen von Rückbindung scheint denn hier auch oft der Versuch vorzuliegen, genau diese Lücken zu schließen. Damit sind Prozesse kultureller Rückbindung gleichzeitig auch Prozesse der Ausformulierung und Bestätigung von Identität.
Geschichte als Bestandteil des kollektiven Wissens wendet den Blick der ‚Wissenden‘ jedoch nur scheinbar in die Vergangenheit. Deutlich wird vielmehr ein impliziter, gelegentlich auch expliziter gesellschaftlicher Gestaltungsanspruch, der sich an die Gegenwart und in die Zukunft richtet. Mit dem Verweis auf eine angebliche, ideale oder als faktisch wahr dargestellte historische Situation wird ein Gesellschaftsentwurf ausformuliert, dessen Realisierung man als gegeben oder wünschenswert betrachtet.
Bewegt man sich aber im Bereich des Kollektiven, dann tut man dies auch im Bereich des Kommunikativen: So liegt in allen Fällen a) eine Information vor, die b) auch mitgeteilt wird; doch ob und wenn ja, von wem, in welchem Grad und mit welcher Wirkung diese c) auch als Mitteilung verstanden wird, ist auf der Grundlage der Quellen nicht immer nachvollziehbar. Übrig bleibt ein unzureichender Bestand an Evidenzen, der es nur bedingt erlaubt, die Wirkung dieser Information auf mögliche Rezipienten einschätzen zu können.
Hinzu kommt ein weiterer Umstand, der oft nicht angesprochen wird, nämlich zum einen die Verbreitung des jeweiligen Wissens, zum anderen auch die Frage nach den eigentlichen Trägern und Propagandisten einer (bzw. der hier vorgestellten konkreten) Vorstellung(en). Es besteht die Gefahr, dass man sich der Vorstellungswelt elitärer Gruppen unterwirft, die nicht nur politische Gestaltungsabsichten hegten, sondern auch die Mittel zur Verfügung hatten, diese Absichten zu artikulieren, zu verbreiten und vielleicht sogar erfolgreich umzusetzen. Allerdings spiegeln die vorgestellten Beispiele keinesfalls nur Diskurse wider, die in begrenzten gesellschaftlichen Gruppen oder Schichten stattfanden. Sie illustrieren vielmehr, was Menschen bewegte und was in bestimmten Konstellationen denkbar und somit auch sagbar war. Eine Erkenntnis hieraus ist die folgende Feststellung: Es sind nicht einfach beliebige Bilder und Vorstellungen, die man benutzen kann, derer man sich ‚erinnern‘ kann, die es wert sind (re-)konstruiert zu werden. Wenn man sicher sein will, dass sie auch von einem wie auch immer gearteten Adressatenkreis rezipiert werden (können), müssen sie auch Teil von dessen Vorstellungswelt sein bzw. dürfen deren Rahmen nicht sprengen.
Auch die Frage nach den möglichen Nutzanwendungen drängt sich auf. Antworten hierauf können sich allerdings erst durch die soziale und kulturelle Verortung von Autor und Text ergeben. Wer war gegenüber wem in der Lage was zu sagen, zu vermitteln, zu fordern bzw. zu suggerieren? In den vorgestellten Beispielen wird deutlich, wann und warum sich das Bedürfnis nach kultureller Rückbindung ergab und wie entsprechende Kräfte dieses Bedürfnis zu befriedigen versuchten. Zugleich ist erkennbar, auf welches (vermeintliche) Wissen die Akteure zurückgriffen. Doch auch in diesem Zusammenhang gilt es zu betonen, dass sich nicht immer genau bestimmen lässt, wer alles an diesem Wissen teilhatte.
Rückbindungsprozesse sind also Inhalt und Ergebnis gesellschaftlicher Kommunikation im Rahmen oder als Folge gesellschaftlicher Spannungssituationen. Anders ausgedrückt sind sie damit Bestandteil von Integrationsprozessen, die vermeintlichen oder tatsächlichen Desintegrationsprozessen entgegenwirken, teilweise bewusst entgegenwirken sollen. Nicht auszuschließen ist dabei, dass Akte der Rückbindung wiederum zu Auslösern weiterer Desintegrationsprozesse werden. Wie der systematische Vergleich der Einzelbeispiele verdeutlicht hat, folgen Akte kultureller Rückbindung keinem einheitlichen Schema; vielmehr bestimmen der jeweilige historische und gesellschaftliche Kontext die Entstehung, Form und Zielrichtung der Rückbindung. Aufgrund der zeitlichen und regionalen Verschiedenheit der ausgewählten Fallbeispiele konnte mit Hilfe einer differenzierten Vergleichsskala der Variantenreichtum kultureller Rückbindung abgebildet werden. Die vergleichende Gegenüberstellung verschiedener Objekte, Methoden und Modi, Adressatenkreise und Präsentationsformen sowie Ziele und Absichten erlaubte dabei einen Einblick in die Vielfalt der solchen Akten der Rückbindung zugrunde liegenden Muster.
Michael Brauer, Ulisse Cecini, Julia Dücker, Daniel König, Şevket Küçükhüseyin

