Transformationen des Geistes

Philosophische Psychologie 1500-1750.

(English Version)



1. Ziele
2. Gruppenprojekt zur Ideentheorie
3. Übersicht über die Einzelprojekte



Ziele

Die Philosophie der frühen Neuzeit ist geprägt durch den Aufschwung der Naturwissenschaften und die damit einhergehende sukzessive Loslösung von dem aristotelisch-scholastischen Denken, das die spätmittelalterliche Philosophie dominiert hat. Dieser Prozess kulminiert in dem Paradigmenwechsel, der sich in den Schriften Rene Descartes' vollzieht: Das mechanistische und dualistische cartesische Weltbild löst endgültig die neoaristotelischen Vorstellungen ab und bestimmt bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein die philosophische Diskussion.

Neuere Forschungen haben allerdings gezeigt, dass dieses Bild, wenn auch nicht falsch, so doch zu einfach ist: Weder wurde der Einfluss des aristotelisch-scholastischen Denkens durch den Cartesianismus einfach ad acta gelegt, noch war der Siegeszug des mechanistischen Weltbildes zu irgendeinem Zeitpunkt vollkommen.

Die Forschergruppe "Transformationen des Geistes", die Dominik Perler mit den Mitteln seines Leibniz-Preisgeldes gegründet hat, hat sich zum Ziel gesetzt, zentrale Themen dieser Zeit des Umbruchs und der Neukonsolidierung hinsichtlich ihrer historischen und systematischen Dimension und unter Berücksichtigung dieser Forschungsergebnisse aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt stehen dabei Themen aus der theoretischen Philosophie: neben der philosophischen Psychologie, an der sich der Wandel der Paradigmen besonders deutlich zeigt, werden auch die Ideentheorie und die Rolle der Teleologie behandelt; zeitlich reichen die diskutierten Autoren von Pietro Pomponazzi bis Immanuel Kant.

Ziel der Forschergruppe ist es, eine historisch angemessene Auseinandersetzung mit einem genuin systematischen Zugang zu verbinden und auf diese Weise die systematische Relevanz dieser Konzeptionen erkennbar zu machen.

Gruppenprojekt zur Ideentheorie

Im einzelnen sind neben einer Reihe von naturgemäß eher spezialisierten Einzelprojekten auch Projekte geplant, die größere Entwicklungen in den Blick nehmen sollen und zu denen alle Mitglieder der Forschergruppe beitragen sollen.

Ein erstes Gruppenprojekt widmet sich der Ideentheorie. Der Begriff der Idee ist ein Schlüsselbegriff der Philosophie der frühen Neuzeit. Von Descartes’ richtungsweisenden Arbeiten bis hin zu den Werken des 'common-sense'-Philosophen Thomas Reid im ausgehenden 18. Jahrhundert wird die Diskussion innerhalb der theoretischen Philosophie von der Auseinandersetzung mit der Ideentheorie dominiert. Die maßgeblichen Autoren dieser Zeit definieren ihren eigenen systematischen Ansatz fast immer über das Verhältnis zu dieser Theorie oder setzen sich zumindest intensiv mit ihr auseinander. Der Ideenbegriff ist der Leitbegriff der philosophischen Debatte dieser Zeit – eine Funktion, die er erst mit den Arbeiten Kants verliert.

Ideen werden dabei ursprünglich verstanden als diejenigen geistigen Zustände, die als elementare Repräsentationen allen anderen Funktionen unseres Geistes zu Grunde liegen. Ohne Ideen, so die Konzeption der klassischen cartesischen Ideentheorie, hätten wir keine Möglichkeit uns vermittels unseres Geistes auf etwas zu beziehen. Erst die repräsentationale Natur der Ideen macht dieser Auffassung nach die Intentionalität unserer geistigen Zustände verständlich: Weil Ideen etwas repräsentieren, können sie die Verbindung zwischen geistigen Zuständen und demjenigen herstellen, worauf sich diese Zustände beziehen.

Schon aus dieser kurzen Skizze der Grundidee ergeben sich eine ganze Reihe von Fragestellungen, die in der philosophischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts intensiv diskutiert wurden: Was genau sind Ideen? Worauf beziehen sich Ideen? Auf Grund welcher Eigenschaften können sie ihre repräsentationale Funktion ausüben? Welche Arten von Ideen gibt es? Wie ist das Verhältnis von einfachen zu komplexen Ideen zu denken, wie das Verhältnis von konkreten Ideen zu abstrakten? Wie verhalten sich Ideen zu anderen geistigen Zuständen wie Urteilen oder Begriffen?

Ziel dieses Projekts ist die Edition einer auf zwei Bände angelegten Textsammlung zur Ideentheorie, die als Grundlage für eine systematische Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen im historischen Kontext dienen kann. Anhand einer ausführlich kommentierten Auswahl zentraler ideentheoretischer Texte soll ein umfassender Überblick über die neuzeitliche Diskussion des Ideenbegriffs gegeben werden.

Dabei sollen nicht nur die prominentesten Vertreter und Kritiker der Ideentheorie von Descartes über John Locke bis hin zu David Hume zu Wort kommen, sondern auch Autoren, die im deutschen Sprachraum bislang wenig Beachtung finden, wie etwa Nicolas Malebranche, Antoine Arnauld, Pierre Gassendi, oder der bereits erwähnte Thomas Reid.

Übersicht über die Einzelprojekte

Neben diesem gemeinsamen Projekt, dem andere folgen sollen, verfolgen die Mitarbeiter der Forschergruppe auch noch jeweils eigene Projekte, die das übergreifende Thema der Forschergruppe - die Transformationen des Geistes – in vielfältiger Weise illustrieren.

Unmittelbar an dieses Leitthema knüpfen die Forschungsprojekte von Dominik Perler, Paolo Rubini und Maria Seidl an. In seinem Projekt „Transformationen der Gefühle“ untersucht Dominik Perler den Wandel des Emotionsbegriffs in Emotionstheorien in der frühen Neuzeit anhand ausgewählter Autoren von Suarez über Descartes bis zu Malebranche und Spinoza. Es soll gezeigt werden, dass und wie unterschiedliche metaphysische Konzeptionen des Geistes, eine unmittelbare Auswirkung auf ihre Erklärung der Emotionen hatten. Verdeutlicht werden soll dieser Einfluss unter anderem anhand der Frage nach der Möglichkeit der bewussten Beeinflussung und Steuerung von Gefühlen. Die Untersuchung wird die gegenwärtige analytische Diskussion über Emotionen einbeziehen und die Ergebnisse auf diese Weise auch systematisch fruchtbar machen. Paolo Rubini setzt sich mit einer Transformation des Geistes innerhalb der aristotelischen Tradition auseinander: nämlich mit dem radikalaristotelischen Theoretiker Pietro Pomponazzi und dessen konsequenter Durchführung eines hylemorphistischen Naturalismus in der philosophischen Psychologie. In seinem Projekt „Pietro Pomponazzis Erkenntnisauffassung“ untersucht er - unter Einbeziehung der nur handschriflich überlieferten Kommentare Pomponazzis zu Aristoteles' De Anima – unter anderem die Konsequenzen, die eine derartige Auffassung des Geistes für die Erkenntnistheorie hat. Mit einer ganz anderen Form einer Transformation des Geistes beschäftigt sich Maria Seidl in ihrem Projekt „Der Intellekt in Pierre Gassendis materialistischer Philosophie“. Gassendis atomistischer Materialismus scheint nur schlecht zu seiner Annahme eines immateriellen Geistes zu passen. Ob und wie diese Annahmen miteinander versöhnt werden können, soll in diesem Projekt im Rahmen einer detaillierten Untersuchung von Gassendis Konzeption des Geistes geklärt werden.

Wie bereits erwähnt ist der Begriff der Idee ein zentraler Begriff für das Verständnis der Transformation, die die Konzeption des Geistes durch den cartesischen Paradigmenwechsel erfahren hat. Mit der systematischen Funktion dieses Begriffs bei zwei herausragenden Autoren der frühen Neuzeit beschäftigt sich Christian Barth in seinem Projekt Leibniz’ strukturalistische Kognitionstheorie. Als Leitmotiv dient ihm dabei die These Robert Brandoms, dass die Ideentheorien Spinozas und Leibniz' letztlich als inferentialistische Theorien aufgefasst werden sollten. Die kritische Überprüfung dieser These soll gleichzeitig den Brückenschlag zur zeitgenössischen analytischen Diskussionen um den intentionalen Gehalt geistiger Zustände schaffen.

Zwei weitere Projekte – von Stephan Schmid und Johannes Haag – beschäftigen sich mit der Transformation der Rolle teleologischer Erklärungen in der frühen Neuzeit. Prima facie scheint klar, dass mit dem Siegeszug des Cartesianismus kein Platz mehr für teleologische Erklärungen in der Philosophie ist: Die mechanistische Naturerklärung der neuen Naturwissenschaften scheint diese überflüssig zu machen. Doch schnell wurde klar, dass man auf teleologische Erklärungen nicht ohne weiteres verzichten kann: Während das Verständnis physikalischer Vorgänge durch mechanistische Erklärungen entscheidend verbessert werden kann, können diese zum Verständnis des biologischen Lebensbegriffs nur wenig beitragen. Stephan Schmid untersucht in seinem Projekt über „Finalursachen in der frühen Neuzeit“, wie unterschiedliche Autoren der frühen Neuzeit der Herausforderung einer Einbeziehung teleologischer Erklärungen in ein mechanistisches Weltbild gerecht zu werden versuchten. Letztlich wird dabei die klassische aristotelische Naturteleologie durch eine Form der Handlungsteleologie ersetzt, da die Erklärung meist auf das zielgerichtete Handeln Gottes bei der Erschaffung und Erhaltung der Welt erhält. Wie und weshalb diese Form der Handlungsteleologie schließlich in der kritischen Philosophie Kants durch eine gewandelte Naturteleologie in der kantischen Philosophie transformiert wird, ist Gegenstand des Projekts von Johannes Haag über „Handlungsteleologie und Naturteleologie in der frühen Neuzeit“. Eine zentrale rolle wird dabei die Frage spielen, ob ein derartig gewandelter Teleologiebegriff auch heute noch von systematischem Interesse sein kann.