Forschungsgegenstand des Projekts sind die Theorien der Repräsentation und des Bewusstseins von René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz. Nach einer populären Auffassung gestaltet sich das Verhältnis zwischen Descartes’ und Leibniz’ Theorien des Geistes wie folgt: Für Descartes ist Bewusstsein und nicht Repräsentation oder Intentionalität Merkmal des Geistigen. Es gehört daher zur Natur mentaler Akte, dem Subjekt bewusst zu sein, nicht aber, einen repräsentationalen oder intentionalen Inhalt aufzuweisen. Allerdings liefert Descartes überhaupt keine oder zumindest keine zufriedenstellende Analyse dessen, was es heißt, dass ein mentaler Akt dem Subjekt bewusst ist. Für Leibniz ist, nach der populären Auffassung, Repräsentation dagegen Kennzeichen des Geistigen. Leibniz kann daher zwischen bewussten und unbewussten mentalen Akten unterscheiden. In seiner Erklärung dieser Unterscheidung greift Leibniz auf den Begriff der Apperzeption zurück, der sich auf Gedanken höherer Ordnung bezieht. Mentale Akte sind dadurch bewusst, dass sie von dem Subjekt apperzipiert werden. Leibniz führt entsprechend Bewusstsein auf Metarepräsentation zurück. In der Arbeit wird dafür argumentiert, dass diese Beschreibung des Verhältnisses zwischen Descartes‘ und Leibniz‘ theoretischen Ansätzen in mehreren Hinsichten fehlgeht.
Das Projekt gliedert sich in drei Teile:
(a) Descartes‘ Thesen im Hinblick auf Repräsentation und Bewusstsein werden im ersten Teil systematisch rekonstruiert. Insbesondere wird die Aufgabe darin bestehen, das Verhältnis beider Begriffe zueinander bei Descartes zu bestimmen. Es wird dafür argumentiert, dass Repräsentation und nicht Bewusstsein das Merkmal des Geistigen bei Descartes ist. Kernbegriff der cartesischen Theorie des Geistes ist der Begriff der Repräsentation und nicht der des Bewusstseins. Um Descartes’ Begriff der Repräsentation zu rekonstruieren, wird sein Begriff der objektiven Realität einer genauen Analyse unterzogen. Zudem werden in der Forschungsliteratur sehr unterschiedliche, einander ausschließende Ansichten darüber vertreten, was Descartes unter Bewusstsein versteht. Einige Autoren meinen gar, dass sich in Descartes‘ Texten überhaupt keine kohärente Auffassung von Bewusstsein finden lässt. Dagegen wird die These vertreten, dass Descartes‘ Bewusstseinsbegriff eine heterogene Tiefenstruktur aufweist und dass sich im Lichte dieser Annahme Descartes eine kohärente Bewusstseinskonzeption zuschreiben lässt.
(b) Im zweiten Teil werden Leibniz‘ Überlegungen zu Repräsentation und Bewusstsein untersucht. Robert Brandom hat die Ansicht vertreten, mit Leibniz (und Spinoza) beginne die Traditionslinie inferentialistischer Theorien repräsentationaler Inhalte (Tales of the Mighty Dead, Cambridge/Mass.: Harvard University Press, 2002). Dagegen soll jedoch gezeigt werden, dass Repräsentation für Leibniz in einer strukturerhaltenden Beziehung zwischen einer repräsentierenden und einer repräsentierten Entität besteht. Nach dieser Auffassung erklärt Leibniz repräsentationale Inhalte, indem er auf den Begriff der Struktur zurückgreift. Im Hinblick auf Leibniz‘ Bewusstseinstheorie wird in der Forschungsliteratur mehrheitlich die Ansicht vertreten, dass Leibniz Bewusstsein mit Reflektion und Apperzeption gleichsetzt oder Bewusstsein für Leibniz zumindest wesentlich an Reflektion und Apperzeption geknüpft ist. Dagegen wird jedoch gezeigt, dass der Apperzeptionsbegriff von Leibniz weiter gefasst wird als die Begriffe der Reflektion und des Bewusstseins. Anders als in der Forschung zumeist angenommen wird, sind Apperzeptionen keineswegs immer Akte der Reflektion, die andere Perzeptionen zum Gegenstand haben.
c) Im dritten Teil werden die Erklärungsansätze von Descartes und Leibniz miteinander in Beziehung gesetzt. Im Gegensatz zu der vorherrschenden Meinung wird die Ansicht vertreten, dass sich Descartes und Leibniz ähnlicher sind als gemeinhin behauptet wird. Beide sehen in der Repräsentation das Wesen des Geistigen. Zudem ist auch der Repräsentationsbegriff bei beiden Autoren ähnlich, auch wenn die bei Descartes nur angedeutete Theorie der Strukturerhaltung bei Leibniz klarer entwickelt ist. Allerdings gibt es auch Unterschiede zwischen beiden Autoren. Ein wichtiger Unterschied betrifft die Frage, ob alle geistigen Akte bewusst sind. Während Descartes diese Frage bejaht, ist Leibniz gegenteiliger Ansicht. Anders als Leibniz gemeinhin verstanden wird, unterscheidet er aber nicht einfach zwischen mentalen Akten, die bewusst sind, und solchen, die es nicht sind. Vielmehr differenziert er zuerst zwischen mentalen Akten, die keine Apperzeptionen sind, und solchen, die dies sind. Nur eine Teilklasse der letzteren bezeichnet Leibniz als solche, von denen das Subjekt conscientia / conscience hat. Der Grund hierfür liegt darin, dass Leibniz unter conscientia / conscience Selbstbewusstsein und nicht Wachbewusstsein versteht. Dies wird von vielen Autoren in der Forschung zu Leibniz übersehen
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