Teleologische Erklärungen sind bei vielen Theoretikern der frühen Neuzeit bekanntlich verpönt. Die Unterstellung von Zielen und Zwecken zur Erklärung natürlicher Phänomene erwies sich im Rahmen der mechanistischen Physik als überflüssig, da das Verhalten physikalischer Objekte allein aufgrund von (Wirk-) Ursachen erklärt und prognostiziert werden konnte und sie widersprach der wissenschaftstheoretischen Maxime experimenteller Überprüfbarkeit der nouvelle science, weil unterstellte Ziele oder Zwecke nicht jenseits von faktisch vollzogenen Veränderungen spezifizier- und überprüfbar sind. Auf diesem Hintergrund handelt es sich bei der Annahme teleologischer Zusammenhänge um unnötige Spekulation. Der Rekurs auf teleologische Elemente erschien im Rahmen einer neuen, nicht-aristotelischen Metaphysik der frühen Neuzeit geradezu als Paradefall scholastischer Sophisterei, von der man sich vehement abzuwenden versuchte.
Doch wenn teleologische Erklärungen im Bereich physikalischer Phänomene explanatorisch wertlos sind, heißt dies nicht, dass sie dies für alle Phänomene sind. So sind die Gegenstände der Biologie – vornehmlich Organismen und Organe – wesentlich funktional oder teleologisch charakterisiert, und Erklärungen von Handlungen über Ziele, Zwecke und Absichten haben ebenfalls nichts Anrüchiges an sich. Das war natürlich auch den Theoretikern der frühen Neuzeit bekannt, stellte sie aber vor ein systematisches Problem: Mit der Ablehnung der aristotelischen Metaphysik, die mit ihren Entelechien, Formen und Vermögen alle Entitäten anbot, die eine solide Verankerung teleologischer Erklärungen garantierte, entzogen sich Philosophen der frühen Neuzeit gleichsam die ontologische Grundlage, auf der teleologische Erklärungen haben formuliert werden können. Theoretiker der frühen Neuzeit waren deshalb entweder dazu gezwungen, teleologische Phänomene auf rein kausal-mechanistische Prozesse zu reduzieren, oder aber eine metaphysische Möglichkeit zu finden – z.B. Gott –, in deren Rahmen teleologische Erklärungen formuliert werden konnten.
Was Theoretiker der frühen Neuzeit dazu bewog trotz mechanistischer Metaphysik an teleologischen Erklärungen festzuhalten und in welcher Weise sie versucht haben, sich einen theoretischen Raum zu verschaffen, in dem diese Erklärungen Platz finden, will ich in meiner Dissertation genauer untersuchen. Anhand der Analyse relevanter Werke und Stellen von Aristoteles, Suárez, Descartes, Spinoza und Leibniz erhoffe ich mir auch eine systematische Einsicht in das Verhältnis von teleologischen Erklärungen und deren metaphysischen Voraussetzungen.