Paolo Rubini

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Dissertationsprojekt:
Pietro Pomponazzis Erkenntnisauffassung.


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Pietro Pomponazzis Erkenntnisauffassung

Naturalisierung des menschlichen Geistes im Spätaristotelismus

Der Radikalaristoteliker Pietro Pomponazzi (1462-1525) entwirft in seiner Schrift De immortalitate animae (1516) eine konsequent hylemorphistische Auslegung der aristotelischen Seelentheorie, woraus eine umfassende naturalisierte Auffassung des menschlichen Geistes resultiert, der zufolge die rationale Seele des Menschen sich nur graduell von den körpergebundenen vegetativen und sensitiven Funktionen unterscheidet. Eine solche Naturalisierung der aristotelischen Anthropologie, die keine wesentliche Differenzierung des Menschen gegenüber der Tierwelt mehr zuläßt, hat relevante Implikationen auch im Bereich der Erkenntnistheorie; denn sie schließt eine Kritik und Revision der Modelle ein, mit denen die scholastische Tradition Entstehung und Intentionalität der Erkenntnisgehalte erklärt hatte. Diese Änderungen lassen sich vollständiger ermitteln, wenn man nebst De immortalitate und Pomponazzis weiteren gedruckten Werken auch die Vorlesungen (Kommentare) über Aristoteles’ De anima mitberücksichtigt, die unser Autor als Professor der Naturphilosophie in Padua und Bologna hielt und die in Form handschriftlicher reportationes teilweise erhalten sind.

Das Forschungsprojekt ist somit bestrebt, vornehmlich anhand der späteren De anima Vorlesungen (1514-1515 und 1519-1520), die partiell auch ediert werden sollen, Pomponazzis Erkenntnisauffassung systematisch zu rekonstruieren und zu diskutieren. Dabei gilt es, insbesondere vier Themenbereiche in Betracht zu ziehen:

Zunächst soll Pomponazzis nominalistischer Ansatz sowie dessen Abstandnahme vom aristotelischen Essentialismus untersucht werden. Der Autor scheint nämlich die Erkennbarkeit von Wesensformen prinzipiell in Frage zu stellen und die kognitive Leistung des menschlichen Intellekts vielmehr im Sinne einer generalisierenden Begriffsbildung zu deuten.

Zweitens soll Pomponazzis Wahrnehmungstheorie erforscht werden, und zwar im Hinblick auf die Leitfrage, inwiefern sein Verzicht auf eine essentialistische Epistemologie auch mit einer Infragestellung des aristotelischen Postulats zusammenhängt, dem zufolge die Wahrnehmung prinzipiell zuverlässig ist. Lassen sich demnach phänomenalistische Züge an Pomponazzis Wahrnehmungslehre feststellen?

Drittens ist genauer zu untersuchen, wie Pomponazzi die Rolle des Intellekts auffaßt. Wie ist die von ihm beteuerte Vorstellungsgebundenheit der intellektiven Erkenntnis zu verstehen? Welche Funktion schreibt er der species intelligibilis zu? Wie interpretiert er die Unterscheidung zwischen potentiellem und tätigem Intellekt? Die Klärung dieser Fragen dürfte den repräsentationalistischen Charakter von Pomponazzis Intellekttheorie hervortreten lassen.

Schließlich gilt es, die kognitive Funktion der Vorstellungskraft (phantasia) zu ermitteln. Dieser scheint Pomponazzi eine bedeutsamere Leistung beizumessen als im scholastischen Aristotelismus: Bei der Herstellung der Vorstellungsbilder (phantasmata) werden nämlich diejenigen Eigenschaften ausgewählt und zusammengesetzt, mittels deren Gegenstände überhaupt repräsentiert und wiedererkannt werden können.

Die systematische Auseinandersetzung mit diesen Themenbereichen und der entsprechenden Textgrundlage soll durch eine begleitende Diskussion der Quellen ergänzt werden, insbesondere derjenigen, die Pomponazzi selbst kritisch rezipiert hat (spätantike Kommenta-toren, Averroes und die späteren Averroisten, Thomas von Aquin, Duns Scotus).