Typisierte Plattenbauten und Landschaftsschutzgebiete. In Marzahn kommt zusammen, was unvereinbar scheint.
> Robert könnte stundenlang von Marzahn erzählen. Von den vielen Parks, falschen Vorurteilen und Nachbarschaftsnähe, der Musikszene, dem Charme von Plattenbauten und alten Kinos. Doch bisher konnte er noch kaum jemanden von dem Bezirk überzeugen. Marzahn ist und bleibt in vielen Köpfen der Randbezirk weit jenseits des S-Bahnringes, mit trostlosen grauen Wohnblöcken voller Hartz-IV-Empfänger und Nazis. Studierende? Fehlanzeige. Ein schlechtes Image haben so einige Bezirke in Berlin, doch Marzahn übertrifft sich mit jedem Vorurteil selbst.
Robert verdreht die Augen. »Es macht mich krank, dass immer nur die schlechten Klischees über Marzahn zu hören sind. Dabei ist der Bezirk ganz anders als viele denken!« Robert ist Ur-Marzahner. In Marzahn geboren und aufgewachsen. Nach dem Abi ist er wie viele andere in die Innenstadt gezogen, in eine kleine Einzimmerwohnung im Friedrichshain. Drei Jahre später zog es ihn jedoch zurück nach Marzahn, um dort mit einem Freund eine WG zu gründen.
Sie teilen sich eine Wohnung in einem sanierten Plattenbau, vom Typ WBS 70 mit sechs Etagen. »Ich bin hauptsächlich aus finanziellen Gründen hierher zurück gezogen«, gibt Robert zu. »350 Euro für drei Zimmer mit großem Balkon sind einfach unschlagbar günstig.« Doch es sei auch die Umgebung gewesen, die ihn zurück gelockt habe. Natürlich ist Marzahn nicht so angesagt wie Mitte, »aber hier fühle ich mich wohl und wohne ganz bestimmt billiger und schöner als in meiner dunklen Friedrichshainer Hinterhofwohnung.«
Vor allem die Vorstellung, in Marzahn lebten die Leute zusammengepfercht auf engstem Raum, sei ein Irrtum, sagt Robert bestimmt. »Man hat hier viel mehr Platz als irgendwo in Prenzlauer Berg.« Entgegen aller innerstädtischen Vorstellungen ist Marzahn nämlich vor allem eines: grün. Mit seinen 15 Prozent Grün- und Freiflächen steht der Bezirk Marzahn-Hellersdorf an dritter Stelle in Berlin. Mitten durch den Bezirk zieht sich wie ein grünes Band das Wuhletal — ein idyllisches Landschaftsschutzgebiet, benannt nach einem kleinen Nebenfluss der Spree.
Gefährdete Tier- und Pflanzenarten kann man hier ebenso entdecken wie Hügel, die es vor 20 Jahren noch nicht gab. Aus Bauschutt entstanden die Ahrensfelder Berge, von denen man einen weiten Blick auf die Umgebung hat: Auf Marzahn und Berlin in die eine Richtung und auf das Brandenburger Land in die andere Richtung. »Bei einem sonntäglichen Spaziergang wird man schon gelegentlich mit einem charmanten Berliner ›Tach‹ begrüßt«, schwärmt Robert. Wenn Schnee liegt, lohnt sich der Aufstieg auf den 112 Meter hohen Hügel schon allein wegen der breiten Rodelbahn. Ganz in der Nähe befindet sich auch der »Wuhletalwächter«: Ein knapp 18 Meter hoher Kletterturm der nicht nur im Sommer Kletterer, auch aus der Innenstadt, anlockt. »Der Turm ist in der Klettergemeinde sehr beliebt, freier Eintritt, draußen im Grünen und nicht so voll wie die Hallen«, erklärt Robert, der selbst leidenschaftlich gern klettert. Zusammengesetzt wurde der Turm aus Betonplatten alter Balkonbrüstungen, bevor er verputzt und mit Griffen versehen wurde. Recycling à la Marzahn.
»Natur ohne Spritzen«
Auch Anna ist großer Marzahn-Fan. Wie Robert kennt sie den Bezirk von kleinauf, hat hier gelebt und die Schule besucht. Danach begann sie, Politikwissenschaft an der Freien Universität zu studieren und zog nach Friedrichshain, wo sie auch immer noch wohnt. Marzahn besucht sie trotzdem regelmäßig. »Die Feinstaubbelastung ist deutlich geringer als in Mitte oder Friedrichshain«, sagt sie und atmet zum Beweis tief ein. Ihr Tipp ist der Erholungspark Marzahn, der mit den »Gärten der Welt« bekannt geworden ist. In enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Ländern sind thematische Anlagen und sogar ein Gewächshaus entstanden. Für den Chinesischen Garten wurden etwa Steine und Gebäudeteile aus China angeliefert und von chinesischen Fachkräften aufgebaut. Neben den asiatischen Gärten gibt es seit diesem Jahr einen Irrgarten und ein Labyrinth, die nach englischen Vorbildern errichtet worden sind. »Eine Kreuzberger Freundin hat sich für den nächsten Sommer vorgenommen, den Erholungspark mit ihrem Kleinkind zu besuchen, um ›Natur ohne Spritzen‹ zu erleben.«
Doch nicht nur die Natur verzaubert, auch wegen der Marzahner Kultur kehrt Anna immer wieder in »ihren« Bezirk zurück. Oft geht sie in die linken Jugendclubs. »Die sind aber häufig dem Sparwahn des Senats zum Opfer gefallen«, beklagt Anna. So wurde der »Renner« geschlossen, aber in der »Klinke« kann man sie durchaus antreffen, zusammen mit ihrem Freund Bruno, den sie schon seit der Schule kennt. »Wenn hier Bands spielen, die wir schon in unserer Jugend gehört haben, dann trifft man halb Marzahn auf den Konzerten. Auch wenn die meisten der Leute inzwischen in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain wohnen«, stellt er fest. Auf der Bühne stehen dann etwa Bands mit deutlich gelichtetem und ergrautem Haar, die dann »FDGB O(b)stbeat« oder »Kolporteure« heißen und (selbst-)ironisch Rockmusik alter Schule spielen. Es kann aber auch eine Schulband auftreten, die rockig-trotzige Musik macht und damit das Musikverständnis der Zuhörenden auf eine harte Probe stellt.
Konzerte gibt es auch im Freizeitforum Marzahn, außerdem hat es auch eine Schwimmhalle, Bowlingbahnen, Sportkurse, Lesungen und die Stadtteilbibliothek im Angebot. Dort hat Anna mehrfach Bücher gefunden, die es an der Uni-Bibliothek nicht gibt oder die dort ausgeliehen waren: »Ich habe mindestens zwei Hausaufgaben damit gerettet.«
Mit dem »Sojus« hat zwar das günstigste Kino geschlossen, aber der Doppelbezirk hat mit »Kino Kiste« noch ein kinematisches Kleinod zu bieten. Seit Jahren wird dort jeden Samstag »Blutige Erdbeeren«, ein Streifen über die Studentenrevolte 1968, gezeigt. Auch andere Kultfilme finden hier ihre Nische und für einen im Bezirk spielenden Film wie »Du bist nicht allein« gibt es wahrscheinlich kaum ein passenderes Ambiente. Daneben stehen auch Konzerte und Partys auf dem Programm.
Reichhaltiger Rundblick
Was ist nun Marzahn? Hochhäuser, Kleingartenkolonien, Einfamilienhäuser, Dörfer, Parks und Hügel bilden teilweise eine eigenwillige Mischung. »Das ist total spannend! Wenn ich Stadtplanung studiert hätte, würde ich nur noch durch Marzahn laufen und Straßenkarten erstellen«, findet Anna. Bruno ergänzt, dass man sich selbst einen guten Überblick verschaffen könne und verweist auf die Hochhäuser am S-Bahnhof Springpfuhl. Dort kann man vom Treppenhaus direkt auf einen Balkon gehen und einen Blick auf den jungen alten Bezirk werfen. Denn trotz seines Images als DDR-Retortenstadt, die in den 70er und 80er Jahren aus dem Boden gestampft wurde, hat die größte Siedlung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR auch einen alten Stadtkern. Relativ unscheinbar steht der inmitten der Hochhaussiedlung noch in seiner ursprünglichen Struktur. Die bis zu 250 Jahre alten Gebäude wurden in den 80er-Jahren rekonstruiert und stehen unter Denkmalschutz. In der alten Dorfschule befindet sich das Heimatmuseum, das auf die 700-jährige Geschichte des Dorfes zurückschaut. Aushängeschild und Wahrzeichen des alten wie neuen Marzahns ist die Bockwindmühle, weithin sichtbar auf der Kreuzung Landsberger Allee und Allee der Kosmonauten. Sie ist eine Rekonstruktion der Mühle von 1815 und hat einen richtigen Müller, der richtiges Mehl mahlt. Wer will, kann hier sogar heiraten.
Vom Alexanderplatz braucht man nach Marzahn und Hellersdorf allen Unkenrufen zum Trotz nur 20 Minuten. Anna hat inzwischen einige Kommilitonen überzeugen können, im Frühjahr mit ihr Marzahn zu besuchen: »Es wollen relativ viele eine geführte Radtour durch Marzahn machen.« Und Robert? Er gibt nicht auf, den Leuten das schlechte Marzahn-Bild auszureden. Irgendwie hat er Recht. Schließlich hat auch die Platte aus DDR-Zeiten ihren Reiz und historischen Wert. Nicht nur die Schinkelbauten Unter den Linden.
Antje Binder, Silvio Schwartz <
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