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From: Silvio Schwartz
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Subject: Scharfe Ösen, dicke Reader
Sent: 29.04.2008
»Aber es ist eine Uni-Exkursion!« – Mit dieser Erklärung hatte ich vor
meinem Abflug versucht, den Neid meiner Mitmenschen möglichst gering zu
halten, was aber nicht gelang. Immerhin sollte es nach Rom gehen, und
in Berlin hatten tiefhängende Regenwolken die Stimmung nach unten
gedrückt. Dagegen zeigte die »Ewige Stadt« schon beim Anflug ihre
Sonnenseite. Ein Früchte tragender Orangenbaum empfing uns an unserer
Unterkunft. Zu unserem Stockwerk ging es mit einem rustikalen Fahrstuhl
aus dem 19. Jahrhundert, und nach einigen Versuchen gelang es uns
sogar, nicht zwischen zwei Stockwerken stecken zu bleiben. In dem
Labyrinth aus Gängen und Räumen in der obersten Etage entdeckten wir
schließlich unser Zimmer. Ich suchte mir das Doppelstockbett aus, bei
dem die scharfkantigen Ösen in Richtung meines Gesichtes zeigten, die
für mehrere schmerzhafte Situationen beim Erwachen sorgen sollten.
Mit unseren Dozentinnen im Nacken blieb uns aber kaum Zeit, unseren
Ausflug mit einem Ferienlager zu verwechseln. Unser Durchschnitt an
Sehenswürdigkeiten pro Stunde blieb auf einem konstant hohen Niveau.
Beim Blick auf die Touristengruppen, die per Knopf im Ohr ständig ihren
Reiseleitern lauschten, war ich dann doch glücklich, einer
Seminargruppe anzugehören, die sich ein Semester lang auf diese Fahrt
vorbereitet und einen dicken Reader zusammengestellt hatte.
Am nächsten Tag stand eine Fahrradtour an. Das hieß für mich: Ich
konnte mit ein paar Freunden in aller Ruhe die Stadt erkunden, während
die Fahrradfahrer aus dem Seminar den römischen Verkehr provozierten.
Unsere Gruppe dagegen kam abends um 19 Uhr ohne Warteschlange in den
Petersdom – und wurde kurz darauf vom Sicherheitspersonal heraus
gebeten, denn auch hier gibt es Öffnungszeiten. Herausgeworfen aus dem
Machtzentrum der katholischen Kirche! Dafür hat sich die Exkursion doch
tatsächlich gelohnt.
Nach einer Woche fing ich mir dann eine starke Erkältung ein und blieb
mit Halsschmerzen und Fieber in der Herberge. Während die anderen eine
Schnitzeljagd durch Rom veranstalteten, verputzte ich das Frühstück,
das mir eine Freundin gemacht hatte. Ich konnte zwar kaum etwas
schmecken, aber das Frühstück schmeckte trotzdem viel italienischer als
das, was ich in den Touristenläden gegessen hatte. Am Nachmittag kam
das Zimmermädchen und war völlig erschüttert, einen Menschen in der
Herberge anzutreffen. Für mich gab es deshalb keine Bettwäsche, sondern
nur zwei neue Handtücher. Als meine Leute spät am Abend erschöpft von
ihren Strapazen erzählten, war mir klar: Morgen muss ich unbedingt
wieder mit in die Stadt!
Euer Silvio
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