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Nahaufnahme (4): Roland Hetzer hat das Deutsche Herzzentrum Berlin aufgebaut und ist seitdem dessen ärztlicher Direktor.
Das ausführliche Interview.
UnAuf: Warum haben Sie sich entschieden Herzchirurg zu werden?
Prof. Hetzer: Schon als Student wollte ich Chirurg werden. Während der Semesterferien hatte ich in einer chirurgisch-urologischen Klinik gearbeitet, die dringend Assistenzärzte suchte. Dort habe ich gutes Geld verdient. Damit konnte ich das Studium finanzieren und mir sogar ein Auto leisten, was gar nicht selbstverständlich war.
Die Chirurgie hat mir immer große Freude gemacht. Dann habe ich eine Reise durch Deutschland gemacht und mir zehn Universitätskliniken angeschaut. Dass ich einer der wenigen war, die das amerikanische Examen ECFMG gleich nach dem Studium gemacht hatten, hat wohl die Chefs der Kliniken so beeindruckt, dass mich alle haben wollten. Ich bin dann an die neue medizinische Hochschule nach Hannover gegangen, auch weil ich die Leute dort vom Studium her kannte. Dort bin zwangsläufig in die Herz-Thorax-Gefäßchirurgie gerutscht, denn als junger Mann von Mitte zwanzig ist man leicht begeisterungsfähig für derartig neue Entwicklungen. Dann bin ich ein paar Jahre nach Amerika gegangen, dort schon gezielt in die Herzchirurgie. Unter anderem war ich in Stanford, wo sich das einzige Zentrum befand, in dem schon in den siebziger Jahren regelmäßig Transplantationen durchgeführt wurden.
Dann hatte ich das Glück, dass ich dieses Zentrum hier aufbauen durfte. Das war ein großes Wagnis. Nur ein junger Mensch - ich war damals etwas über vierzig Jahre alt - kann so etwas bedenkenlos tun.
UnAuf: Und sich auch auf diese politische Insel begeben?
Prof. Hetzer: Vieles war vollkommen unklar. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeile im Tagesspiegel: "Gigantische Fehlplanung". Die verantwortlichen Politiker hatten Bauchschmerzen. Ulf Fink, der Gesundheitssenator in der Landesregierung Weizsäcker, hatte Angst, dass es schief geht. Es hat sich aber gut angelassen. Uns wurde auch grenzenloses Vertrauen entgegengebracht.
UnAuf: Sie sind seit der Gründung des Herzzentrums 1986 dessen ärztlicher Direktor und haben eine herausragende medizinische Einrichtung aufgebaut. Worin liegt die Besonderheit des Zentrums?
Prof. Hetzer: Das Herzzentrum ist primär eine klinische Einrichtung. Das Ziel war von Anfang an eine verhältnismäßig große Kapazität für alle Arten von Herzerkrankungen einzurichten und auch alle Behandlungsmethoden abzudecken. Das ist, glaube ich, erreicht worden. Es ist nicht nur so, dass wir eine große Zahl von Patienten behandeln, sondern, und das war mir ein besonderes Anliegen und Gegenstand eines gewissen Stolzes, dass wir bei den speziellen Kapiteln, die sich in der Herzchirurgie entwickelt haben, verhältnismäßig große Zahlen anzubieten haben. Das ist sehr hoch gegriffen, aber Realität: Es gibt keine Klinik, die diese Felder in einem Umfang abdeckt wie wir.
Dazu gehören die angeborenen Herzfehler, insbesondere bei Säuglingen, Neugeborenen und Frühgeborenen. Wir behandeln im Jahr etwa 500-600 angeborene Herzfehler operativ.
Das zweite sind die Transplantationen. Mittlerweile haben wir mit insgesamt über 1600 durchgeführten Herztransplantationen das größte Kontingent in Deutschland und eines der größten auf der Welt. Dazu kommt, dass wir die meisten Herztranplantationen bei Kindern durchgeführt haben und ein regelmäßiges Lungentransplantationsprogramm haben, welches dazu gehört, da die Techniken, die dafür verwendet werden, denen der Herzchirurgie nahe sind.
Darüber hinaus führen wir alle Eingriffe an der Hauptschlagader durch: Vom Herzen bis in den Bauchbeckenraum, also auch die ganz großen Operationen bei Aneurysmen (krankhafte Erweiterung eines Blutgefäßes, Anm. d. Red.), und das auch mit einer großen Zahl: Wir operieren im Jahr etwa 500 Aorten.
In der letzten Zeit haben wir uns dem Hybridkonzept gewidmet. Dabei handelt es sich um ein ganz neues Konzept, von dem ich glaube, dass es in Zukunft erhebliche Anteile der Herzchirurgie und Kardiologie übernehmen wird. Nämlich, dass man in einem speziellen Operationssaal am Patienten gleichzeitig Katheter- und Operationseingriffe durchführen kann. Das führt dazu, dass man sehr große Eingriffe, die auch für alte Patienten sehr risikoreich wären, sehr viel eleganter und risikoärmer durchführen kann.
UnAuf: Am DHZB arbeitet ein internationales Ärzteteam. In wie fern profitiert das Haus davon?
Prof. Hetzer: Wir haben von Anfang an einen großen Anteil von ausländischen Ärzten gehabt. Das ist zunächst aus der Not entstanden, denn ich hatte die Aufgabe ein Herzzentrum aus dem Boden zu stampfen ohne entsprechend Leute zu haben. Ich hatte zwar ein paar junge Mitstreiter, die mir aus Hannover gefolgt sind, aber das war nur ein geringer Anteil. Es hat sich dann zwangsläufig so ergeben, dass es viele Ausländer waren, weil insbesondere in der Chirurgie die Beherrschung der deutschen Sprache nicht die erste Priorität ist, sondern die chirurgische Expertise. Es kann selbstverständlich jemand ein guter Operateur sein, der nicht fehlerfrei Paper oder Arztbriefe schreibt. So hat es sich dann ergeben, dass das DHZB in seinen Schwerpunkten durch Säulen von Ausländern getragen wurde. Beispielsweise habe ich drei offizielle Vertreter, der erste ist Chinese, der zweite Georgier und der dritte Kroate.
UnAuf: Wie sehen heute die internationalen Beziehungen aus?
Prof. Hetzer: Gerade hinsichtlich der Weiterbildung von Chirurgen, Intensivmedizinern und Kardiologen sind sie sehr intensiv. Ebenso haben wir viele Patienten aus dem Ausland. Durch die aktuelle Rezession aber etwas weniger.
UnAuf: Vom internationalen Blick zurück auf die Stadt geschaut: Bietet Berlin Vorteile bezüglich der Kooperation mit universitärer Forschung?
Prof. Hetzer: Gar keine Frage, das liegt schon im Geiste der Stadt begründet. Es gibt keine so weltoffene Stadt in Deutschland wie Berlin. Ich weiß wovon ich rede, da ich früher auch in anderen Städten war. Berlin ist perfekt geeignet, eine extrem tolerante, offene Stadt, jeder wird sofort aufgenommen.
Nach der politischen Wende, als es darum ging, sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte aus dem Bereich der ehemaligen DDR zu integrieren, haben wir eine vorbildliche Zusammensetzung geschaffen. Von den ungefähr 60% Deutschen waren die Hälfte aus dem Osten.
UnAuf: Woher kommen die Patienten?
Prof. Hetzer: Das DHZB ist in der politischen Insel Westberlin gegründet worden. Zwar konnten zu dieser Zeit keine Patienten aus dem Ostteil der Stadt zu uns kommen. Trotzdem hat man ehrgeizigerweise für eine Kapazität von 2500 offenen Herzoperationen geplant. Wobei nach den damaligen Rechnungen für ganz Westberlin nur 1000 notwendig gewesen wären. Es war schon ein Wagnis. Damals war aber auch die Wartezeit für konventionelle Herzoperationen, also Koronar- und Klappen-Operationen so lang, dass wir in den ersten Jahren hauptsächlich unsere Tätigkeit auf Patienten aus anderen Bundesländern konzentriert haben. Erst nach der Wende, als dann der Zustrom von Patienten aus der ehemaligen DDR möglich wurde, hat das Haus seine wirkliche Bedeutung erlangt.
UnAuf: Wäre die Entwicklung ohne den Mauerfall anders verlaufen?
Prof. Hetzer: Dann hätte man sich ein bisschen mehr anstrengen müssen! So führte es dazu, dass wir wieder Wartezeiten von bis zu einem Jahr hatten. Worauf die Regierungen von Berlin und Brandenburg verlangt haben, dass wir unsere Kapazität erweitern sollen. Und Anfang der neunziger Jahre haben wir sie durch vielfältige Maßnahmen auf 3000 gesteigert. Bei dieser Zahl sind wir heute noch.
UnAuf: Sie haben die Kunstherzen schon angesprochen. Sind künstliche Herzen oder die Unterstützungssysteme heutzutage schon eine echte Alternative zu einer Transplantation?
Prof. Hetzer: So gut sind sie natürlich nicht, das muss man fairerweise sagen. Der am längsten herztransplantierte Patient lebt jetzt 24 Jahre, nach Transplantation von mir in Hannover. Wir haben eine ganze Reihe von Patienten, die mit einem Herztransplantat länger als 20 Jahre leben und wir gehen davon aus, dass die mittlere Überlebenszeit nach einer Transplantation bei elf Jahren liegt. Das wird durch die künstlichen Pumpen derzeit noch nicht erreicht. Heute sind wir froh, wenn ein Patient fünf bis sechs Jahre mit einem künstlichen System leben kann. Entsprechend werden sie auch vergeben.
Unser primärer Anwendungsbereich sind dabei Patienten, die für eine Operation nicht in Frage kommen. Aber das ist einer Änderung unterworfen: Gerade in Deutschland ist die Situation in Bezug auf Spenderorgane so miserabel, dass auch jüngere Patienten die Wartezeit kaum überleben würden. Auch auf höchste Dringlichkeit angemeldete Patienten warten und warten und enden schließlich mit einer künstlichen Herzpumpe, weil sie sonst sterben würden. Wir sind froh, dass wir sie stabilisieren können, obwohl die Patienten von sich aus ein Transplantat bevorzugen würden.
UnAuf: Im Bewusstsein der Öffentlichkeit haben dennoch die verhältnismäßig seltenen Transplantationen einen höheren Stellenwert.
Prof. Hetzer: Die Transplantation hat natürlich für die Öffentlichkeit einen enormen spektakulären Wert, der mit der Besonderheit des Herzens in allen Kulturen zusammenhängt. Wer so etwas Grausiges macht, wie einem Menschen das Herz herausnehmen und ihm dafür das Herz eines Toten implantiert, bewegt die Gemüter sehr. Vollkommen richtig ist, dass die Anzahl der Transplantationen mittlerweile so gering ist, dass ich sie als kasuistische Therapie bezeichne. Dass heißt, sie kann nur im Einzelfall helfen. Dennoch ist sie eine tolle Sache und war historisch ein enormer Wegbereiter für die moderne Medizin allgemein, weil durch sie viele Dinge in Bewegung geraten sind. Da sind die ethischen Fragen zu nennen: Die Akzeptanz, dass man ein schlagendes Herz einem Hirntoten entnimmt, war ein Meilenstein der Medizinentwicklung
Tatsache ist, dass die Transplantation nur wenigen Patienten zu Gute kommt. Eine Versorgung der an Herzversagen sterbenden Bevölkerung ist nicht zu erreichen. Pro Jahr sterben mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland an akutem oder chronischem Herzversagen. Die meisten sind alte Menschen, aber es betrifft auch viele in einem so genannten ‚produktiven Alter', einige zehntausend sind darunter. Denen kann man nicht helfen. Es sei denn, man würde die Programme mit künstlichen Pumpen intensivieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass in fünf Jahren kleine, leicht zu implantierende und zuverlässige künstliche Herzpumpen so implantiert werden wie heute Schrittmacher.
UnAuf: Es gibt noch andere Ansätze. Welche Hoffnungen verbinden sich mit der Stammzelltherapie?
Prof. Hetzer: Ich befasse mich sehr damit, wir haben klinische Serien laufen, bei denen wir Stammzellen direkt oder über Katheter ins Herz einbringen. Schon seit längerem haben wir ein Projekt laufen, in dem es um die Besiedlung von Herklappenmatrizen mit Patienten-eigenen Zellen geht. Die regenerative Medizin in Bezug auf Organregeneration ist etwas Faszinierendes, aber was ich bisher an klinischen Ergebnissen gesehen habe, ist eher dürftig. Die Hoffnung ist hier viel größer als die tatsächlich erzielbaren Resultate.
UnAuf: Tragen solche Hoffnungen nicht dazu bei, dass die Bevölkerung an diese Anwendungsgebiete glaubt und deswegen die Bereitschaft zur Organspende weiter sinkt?
Prof. Hetzer: Sicherlich glaubt man, dass wir bald Herzen züchten können. Es gab stets eindruckvolle Methoden, durch die man glaubte, Transplantationen überflüssig zu machen. Oft hat man etwas völlig Ungeeignetes als Ersatz für die Herztransplantation propagiert.
UnAuf: Auch bei der Ausbildung waren sie Vorreiter. Sie haben die Akademie für Kardiotechnik (AfK) gegründet; inwiefern wird ihr Konzept inzwischen kopiert?
Prof. Hetzer: Als wir hier angefangen haben, gab es in Deutschland keine Ausbildung zum Kardiotechniker. Es war ein Anlernberuf und das ist er teilweise heute noch. Für den sehr verantwortungsvollen Bereich der Zusammensetzung und Steuerung der Herz-Lungen-Maschine während Herzoperationen hat man sich zwar immer um eine Ausbildung bemüht, dies ist stets an der zu kleinen Berufsgruppe gescheitert. Unser Zentrum musste wegen seiner Größe eine ganze Reihe Kardiotechniker anstellen, nicht drei sondern zwanzig. Woher nehmen? Damals habe ich angeregt eine solche Ausbildung zu starten, wie es sie in Amerika schon länger gab. Mit der AfK haben wir dies umgesetzt und die nötigen staatlichen Anerkennungen bekommen. Über diese Akademie ist der Beruf des Kardiotechnikers erstmals überhaupt in einem deutschen Gesetzblatt erschienen, nämlich dem Berliner Gesetzblatt. Ich habe, wenn sie so wollen, einen Beruf erfunden. Das hat sich als ein großes Erfolgsmodell herausgestellt. Heute sind mehr als die Hälfte aller Kardiotechniker in Deutschland Absolventen unserer Akademie. Das haben andere probiert nachzumachen, aber es ist nie richtig gelungen.
UnAuf: Recht zügig wurde auch ein neuer Bachelor-Studiengang aufgelegt.
Prof. Hetzer: Seit dem Frühjahr haben wir an der Akademie einen dreijährigen Bachelorstudiengang etabliert. Der Trend geht dahin, dass Kardiotechnik ein Fachhochschulstudium werden wird. Um dem Rechnung zu tragen, haben wir dies mit der Steinbeis-Hochschule umgesetzt. Es gibt also die zweijährige Ausbildung zum Kardiotechniker, ähnlich eingruppiert wie medizinisch-technische-Assistenten, und seit Neuestem den dreijährigen Bachelorstudiengang, der die Zukunft sein wird in der Medizin.
Das ist auch ein Modell für viele andere Teilbereiche der Medizin, in denen man annimmt, dass dort ärztliche Aufgaben abgeben werden. Diese Diskussion ist noch nicht ausgestanden, die Ärztekammern haben sich bemerkenswert ruhig verhalten. Es gibt inzwischen den Studiengang Physician's Assistant, der in Amerika uralt ist, aber in Deutschland an die heilige Kuh rührt, dass nur ein approbierter Arzt Hand an den Patienten legen darf. Das wird sich ändern. Es gibt Pläne, das Gleiche für die Intensivmedizin zu machen, wo es sicher sinnvoll ist. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele routinemäßig ärztliche Aufgaben, die heute auf den Stationen oder in der Intensivmedizin verrichtet werden, in Zukunft von solchen Leuten übernommen werden.
In Anbetracht dessen, dass nur wenige junge Menschen Medizin studieren wollen, bzw. in den Kliniken die Knochenarbeit leisten wollen, finde ich das adäquat.
UnAuf: Ein aktueller Streitpunkt zwischen DHZB und Charité ist der so genannte ‚Unterricht am Krankenbett'. Worauf bezieht er sich und welche Entwicklungen gibt es?
Prof. Hetzer: Wir haben einen Kooperationsvertrag mit der Universität, zunächst mit der Freien Universität, dann mit der Humboldt-Universität und schließlich mit der Charité. Ich habe damals gesagt, ein so großes Haus wie das DHZB muss die akademische Anbindung haben. Es wäre absurd, wenn wir hier die tollen Sachen machen und das nicht mit in die Forschung und Lehre der Universität einbringen würden. Daraufhin ist der Kooperationsvertrag geschlossen worden. Er beinhaltete, dass die Chefs der Abteilungen des Herzzentrums Stiftungsprofessoren der Universität wurden. Ich bin primär ein C4 Professor des Landes Berlin, habe aber meine Aufgaben in der Krankenversorgung am Herzzentrum.
In diesem Frühjahr hat uns die Charité überraschend die Lehre am Krankenbett weggenommen, obwohl wir immer sehr gut von den Studenten bewertet wurden. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Studenten hier Fälle sehen können, die sie sonst nicht sehen würden. Aber die Charité hat ein Problem: Es gibt ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts von Berlin und Brandenburg, das besagt, dass die Anzahl der Studienplätze sich auch nach der Anzahl der Betten der akademischen Lehrkrankenhäuser richten solle. Und davon hat die Charité eine ganze Menge. Wir sind eines dieser Häuser, obwohl wir eine selbständige Einrichtung sind und zwar eine sich selbst tragende und verwaltende Stiftung. Die Betten sind eigentlich keine Betten der Charité. Jedoch wegen der Finanznot und aus der Angst, dass Studenten Studienplätze einklagen könnten, wenn sie auf die Betten hinweisen, an denen Unterricht am Krankenbett gemacht wird, hat man die Lehre am Krankenbett des DHZB beendet.
UnAuf: Gibt es einen Lösungsvorschlag?
Prof. Hetzer: Ja. Der Vorgang fällt in die Zeit der alten Charitéleitung, Herr Professor Einhäupl (seit September 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité Berlin, Anm. d. Red.) steht der Sache ganz anders gegenüber. Ich gehe davon aus, dass wir das in Zukunft wieder machen. Allzumal wir es sogar umsonst gemacht haben. Es war wegen des stetig steigenden Umfangs ein Verlustgeschäft, weil wir unsere Ärzte dafür eingesetzt haben, ohne dafür eine Kompensation zu bekommen. Ich bin ganz optimistisch, dass wir das wieder hinbekommen.
UnAuf: Sie sind vielfach geehrt. Verwunderlich ist allerdings der Ehrenpreis des Deutschen Druiden Ordens. Wie kam es zu dieser Auszeichnung?
Prof. Hetzer: Ich kann ihnen sagen, dass ich von der Existenz des Ordens vorher gar nichts wusste. Es ist eine überraschend große Gruppe, die hauptsächlich im Niederrheingebiet beheimatet ist. Sie haben mir eines Tages geschrieben, dass sie mich als Preisträger für den Druidenorden des Jahres 1996 ausgewählt haben. Im Jahr davor hatten sie Professor Pichlmayer aus Hannover geehrt, den Vater der Lebertransplantation in Deutschland. Dadurch sind sie wohl auf mich gekommen.
Ich habe den Preis zusammen mit dem Historiker Michael Wolffsohn bekommen. Wir bekamen den Druidenorden im Estrelhotel, dazu ein Preisgeld von 10000 DM. Meine Frau war mit dabei und so bin ich mit ihr gleich Essen gegangen.
UnAuf: Wenn wir uns in zehn Jahren wieder hier treffen würden, wo glauben Sie steht das DHZB dann, welches Ziel würden Sie gern erreicht sehen?
Prof. Hetzer: Ich bezweifle, dass ich in zehn Jahren noch in dieser Position hier sein werde. Was meinen Sie, wie viele Leute in Deutschland darauf warten, dass ich in den Ruhestand gehe?
Als junger Student habe ich den ehrgeizigen Spruch formuliert, dass es eine Klinik geben soll, von der man sagt, dass, wenn nirgendwo mehr etwas zu machen ist, dort der Patient immer noch hingeschickt werden kann. Das habe ich erreicht. Ich würde mir wünschen, dass es so bleibt. Aber wie sich die Zeitläufe in den nächsten Jahren verhalten werden, kann ich nicht absehen. Viel hängt natürlich auch vom Umfeld ab, wie sich die Charité entwickelt, die Berliner Medizin insgesamt.
Ich bin ganz optimistisch, gerade weil wir zeigen konnten, dass die Rechtsform der Stiftung, so wie wir es betreiben, eine ideale ist. Das bedeutet, dass man das Haus wie ein privatrechtliches Unternehmen handhaben kann. Es gibt einen Vorstand, dem die Chefärzte angehören und dessen Vorsitzender ich bin. Dieser Vorstand entscheidet im Grunde alles. Mit Ausnahme von großen Dingen, die der Stiftungsrat entscheidet, wie die jüngste OP-Renovierung für 10 Millionen Euro. Alles andere machen wir selbst, auf dem kurzen Weg und nach Bedarf.
Viele Leute haben es nicht für möglich gehalten, uns ist es aber gelungen dieses Modell ohne Defizite zu betreiben. Eine staatliche Klinik kann davon nur träumen. Wir haben keine langen administrativen Wege wie staatliche und universitäre Kliniken. Gegenüber den privat finanzierten Kliniken haben wir den Vorteil, dass bei uns niemand da ist, der die Hand aufhält und seine Investitionsmittel zurück haben möchte. Denken sie an die Kliniken der Rhön-Klinikum AG oder Sana, dabei handelt es sich um profitorientierte Unternehmen. Das bleibt nicht spurlos in Bezug auf die Medizin, die betrieben wird. Wenn wir Überschüsse erwirtschaften, fließen sie ins Herzzentrum zurück. Daraus finanzieren wir wissenschaftliche Projekte oder mehr Personal. Das empfinde ich als sehr angenehm und glaube, dass es ein hervorragendes Modell für die universitäre Medizin wäre. Ich habe es mehrfach betont: Das Stiftungsmodell ist das Modell der Zukunft, non-profit aber privatrechtlich organisiert.
Aber der entscheidende Punkt ist, dass ein solches Modell die wirklich verantwortlichen Leute im Hause stärker an sich bindet, mehr in die Pflicht nimmt. Das Herzzentrum hat ungeheuer vom enormen Einsatz meiner Chefärzte und mir profitiert. Wenn ich morgens um halb sieben auf der Matte stehe, und die Dinge mache, funktioniert es. Es ist einfach eine andere Motivation.
UnAuf: Zum Abschluss noch eine Klischeefrage: Wie konzentrieren Sie sich bei Operationen? Wird tatsächlich Musik gehört?
Prof. Hetzer: Das habe ich früher gemacht. Ich stamme aus einer Zeit, als diese Musik im OP eingeführt wurde. Meine Mitarbeiter können sich natürlich anhören, was sie wollen. Manche machen es so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Ich muss gestehen, dass ich es mit zunehmendem Alter als lästig empfunden habe. Ich liebe einen ruhigen Operationssaal.
UnAuf: Wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Die Fragen stellten Maren Bradtmöller und Christoph Feest.
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