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Glosse: Gästebücher Drucken E-Mail
Geschrieben von Silvio Schwartz   
Freitag, 5. Mai 2006
> »Die Welt zu Gast bei Freunden« – keine platte Marketingphrase, Deutschland meint es ernst. Wer sieht sich bei Freunden nicht gern in den Bücherregalen um? Für die übergroße Wohnzimmer-Atmosphäre ist in Berlin kein Ort prädestinierter als der Bebelplatz, schließlich steht dort bereits die »Kommode« – der Spitzname der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität. Im passenden Maßstab steht dort seit Ende April ein Bücherstapel. Insgesamt 17 meterdicke Wälzer: Oben ein Grass, unten ein dickes Goethe-Werk, dazwischen die Klassiker der letzten 500 Jahre. Die Info-Tafel neben dem Stapel erklärt: Die Skulptur »Der moderne Buchdruck« bildet eine Wegmarke des »Walk of Ideas«, als Bestandteil der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen«. Eine klare Ansage an alle Zweifelnden, ob Deutsche oder Gäste: Wenn wir hier in Deutschland etwas haben, sind es Ideen. Konsequent und durchdacht.
Dass die ständige Ideensuche der Deutschen auch anstrengend sein kann, wird den Reisenden auf dem Walk erst 1.000 Meter weiter westwärts klar: Vor dem Reichstag steht eine überdimensionale Kopfschmerztablette – auchso eine deutsche Erfindung. Wir Studierenden hingegen müssen für die gleiche Erkenntnis nur die Linden überqueren. Besonders Übelmeinende behaupten gar, die Skulptur in Sichtweite verspotte die tagtäglichen Sorgen an der Universität. Stichwort Büchermangel und Bibliotheksfrust. Dabei sollten wir uns über das Fingerspitzengefühl der Verantwortlichen freuen. Dankbar sein, dass sie uns nicht Herzkatheter und Dialysegerät, ebenfalls made in Germany, vor die Alma Mater geknallt haben.
Die Bücher sind als Ansporn gedacht. Und motiviert es nicht, zu beobachten, wie sich unsere Gäste an der meterhohen Geistesgröße erfreuen? »Wer ist denn der Seghers?«, fragt etwa eine ältere Dame ihre Begleiterin, die Bücherrücken begutachtend. Als Antwort gibt es ein Schulterzucken. Gut, darüber muss man hinwegsehen. Das Wichtige ist, dass die Ideen jetzt ein Zuhause haben. Die schwirren sonst nur herum und sind nicht greifbar. Sicher hätte man die Einfälle und die Kreativität auch in einer Universität vermuten können. Aber jetzt weiß man immerhin Bescheid: Sie sind auf der anderen Straßenseite. Die Ideen der Deutschen stammen von Gutenberg, Goethe und den Grimms. Sie sind grau, stapelbar und vor allem alt. Die Welt kann kommen.
Silvio Schwartz <
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