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Neue Blüten für Berlin Drucken E-Mail
Geschrieben von Sara Schurmann, Lisa Thormählen   
Samstag, 30. Mai 2009

Zwei Absolventen haben genug vom Euro: Mit einer neuen Währung wollen sie die Wirtschaft ankurbeln

Als es erfunden wurde, war es ein universales Tauschmittel, mit dem man nichts als bezahlen konnte: Geld. Erst später kam das Spekulieren hinzu. Auf einmal konnten Spekulanten aus ein bisschen Geld viel Geld machen. Das hat sich mit der weltweiten Wirtschaftskrise schlagartig geändert. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, dass Geld wieder seine ursprüngliche Funktion bekommt: Als Zahlungsmittel.

Um genau das zu erreichen, will der Verein »Regio Berlin« in Berlin und Brandenburg gleich eine neue Währung einführen - die Spreeblüten. Die potenziellen Unternehmer wünschen sich, dass spätestens in einem Jahr soll das neue Geld bei regionalen Unternehmen gegen Waren oder Dienstleistungen eingetauscht werden können. Die Spreeblüten sollen ein bisschen wie ein Gutscheinsystem funktionieren. Da die neue Währung nur in Berlin und Brandenburg gültig sein wird, werde so die regionale Wirtschaft gestärkt, hoffen die Initiatoren.

Doch die Gründer der Spreeblüten-Initiative haben noch höhere Ziele: »Den meisten Menschen erscheint das Währungssystem als gegeben. Sie unterwerfen sich dessen Regeln, ohne sie zu hinterfragen«, sagt Leopold Wonneberger, Sprecher von »Regio Berlin«. »Wir wollen eine Alternative ausprobieren.«

Er hat gemeinsam mit seinem Bruder Theophil und anderen Mitgliedern des Vereins  ein System entwickelt, nach dem der Handel mit den Spreeblüten künftig funktionieren soll. Ziel sei es, die Umlaufgeschwindigkeit des Zahlungsmittels zu erhöhen und so die Wirtschaft anzukurbeln.

In dem angedachten Währungssystem sind deshalb keine Zinsen vorgesehen. Damit die Währung funktioniert, dürfen die Menschen in Zukunft nicht sparen - so das Kalkül des Vereins. Um das System zu finanzieren, soll auf Sparguthaben und Scheine sogar eine so genannte Nutzungsgebühr erhoben werden.

Günther Rehme, Professor für Wirtschaftspolitik an der Humboldt-Universität (HU) beurteilt die Berliner Regionalgeldinitiative positiv. Dennoch räumt er ein, sähen viele Ökonomen Regionalwährungen kritisch. »Das mag auch berechtigt sein, aber viele Kritikpunkte können entkräftet werden, wenn man es in der Anfangszeit richtig macht«, sagt Rehme. Der Erfolg hänge vor allem von der Akzeptanz ab, besonders bei den regionalen Unternehmen.

Bis sich die Spreeblüten dem Praxistest aussetzen müssen, liegt jedoch noch viel Arbeit vor dem Verein. »Wir suchen noch Freiwillige, vor allem Juristen und IT-Leute, um das Onlinekontensystem zu perfektionieren«, sagt Leopold. »Vor allem müssen wir noch mehr Unternehmen werben.« Dabei könne ausgerechnet die Wirtschaftskrise behilflich sein, hofft er: »Die Menschen sind offener für Alternativen. Sie sehen, dass das alte System Lücken hat«, so der 31-jährige Volkswirt.

Die Spreeblüten sind nicht die einzige Regionalgeldinitiative in Deutschland. Bundesweit gibt es etwa 30 Regionalwährungen, mit unterschiedlichem Erfolg. In einer Großstadt hat sich das Prinzip des Regionalgelds jedoch noch nirgends durchgesetzt. »Ob das Experiment Komplementärwährung in einer Stadt wie Berlin funktionieren kann, wissen wir auch nicht so genau«, sagt Theophil.

Eigentlich sind lokale Währungen eher ein ländliches und kleinstädtisches Phänomen. Die bekannteste unter ihnen, der »Chiemgauer«, verzeichnete im Jahr 2008 immerhin einen Umsatz von rund vier Millionen Euro. Im Gegensatz zu Berlin herrschen am Chiemsee jedoch stärkere lokale Bindungen. Das Vertrauen der Menschen in die neue Währung ist leichter zu gewinnen. »Die größere Anonymität in Berlin stellt eine Herausforderung dar«, sagt Theophil, der in seiner Diplomarbeit gerade die Frage untersucht hat, wie Vertrauen in Geld entsteht.

Doch selbst wenn die Berliner in Zukunft ihre Spreeblüten unters Volk bringen, statt sie zu sparen - ein Problem kann die neue Zusatzwährung nicht lösen: Wer mit seinem Geld nicht bezahlen, sondern spekulieren will, kann dafür weiterhin nur den Euro nutzen.

Das sei auch dem Spreeblüten-Verein klar, so Leopold. »Die Spreeblüten sollen und können den Euro nicht komplett verdrängen - zumindest Steuern müssen in Euro gezahlt werden.«

Mehr Informationen unter: www.regio-berlin.de.

Sara Schurmann, Lisa Thormählen

Kommentare
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Georg Weisfeld  - Super Artikel!     |16.06.2009 17:06:14
Sehr interessanter Artikel!!!

Ich würde mir mehr Beiträge zum Thema Geld,
Geldordnung und Zinses-Zins-Problematik wünschen!
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