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Dass es im der neuen Universitätsbibliothek zu wenige Arbeitsplätze gibt und häufig technische Probleme auftreten, ist schon vielfach festgestellt worden. Dass das Grimm-Zentrum jedoch noch viel grundlegendere Fehler aufweist, hat heute eine Protestaktion von Studierenden verschiedener Fachrichtungen gezeigt: Menschen mit Behinderungen werden in der neuen „Vorzeigebibliothek“ der HU diskriminiert und ausgegrenzt. Die UnAuf berichtet von einer Runde Fremdschämen mit dem Bibliotheksdirektor Milan Bulaty.
„Sie sind am falschen Aufzug,“ sagt eine Bibliotheksmitarbeiterin, „der Behindertenfahrstuhl ist da hinten.“ So schwierig hatten es sich die zwei Studentinnen nicht vorgestellt. Anna* und Tina* haben eigentlich keine Behinderung, wollen aber heute erleben, wie es ist, mit Behinderung zu studieren. Ihr erstes Urteil: Man hat schon Glück, überhaupt in die neue Bibliothek hinein zu kommen. Anna hat sich für heute in einen Rollstuhl gesetzt, Tina trägt eine Augenbinde und versetzt sich damit in die Rolle einer Blinden. Der Fahrstuhl ist bereits das zweite Hindernis, auf das die beiden stoßen. Die erste Barriere war die Eingangstür: Anna blieb mit dem Rollstuhl in der Drehtür stecken, Tina suchte etwas unbeholfen nach dem Türöffner. Nur mit Hilfe einer dritten Studentin gelangen die beiden ins Gebäude.
„Immerhin sind wir jetzt schon mal drin,“ seufzt Anna und sucht nach einem Hinweisschild zum „Behindertenfahrstuhl“: Im gesamten Grimm-Zentrum gibt es derzeit nur einen Aufzug, mit dem Menschen im Rollstuhl in die oberen Etagen fahren können. Anna und Tina sind irritiert: Am Aufzug steht nur „Feuerwehraufzug“, aber dieser muss es sein. Vor allen anderen Aufzügen sind schwere Feuerschutztüren, die man vom Rollstuhl aus nicht öffnen kann.
Eine Gruppe von Studierenden der Rehabilitationswissenschaften hat im Rahmen der Protestaktion „Freie Bildung für Alle heißt auch barrierefreie Bildung“ einen Arbeitsraum im zweiten Stock reserviert. Die Studierenden wollen dort mit Dr. Milan Bulaty sprechen, dem Direktor der Universitätsbibliothek. Etwa 30 Studierende sind zu der Protestaktion gekommen. Einige sitzen im Rollstuhl, einige tragen wie Tina Augenbinden, andere schauen nur zu. Sie alle sind sich einig: Das Grimm-Zentrum ist ein Schlag ins Gesicht für Menschen mit Behinderung.
Anna und Tina müssen jedoch erst mal in die zweite Etage gelangen, um mit Herrn Bulaty sprechen zu können. Inzwischen haben sie den Sonderaufzug gefunden und sind in die zweite Etage gefahren. Leider gibt es hier oben keine Türöffnertasten, mit denen man als Rollstuhlfahrerin aus dem Fahrstuhlvorraum wieder heraus kommen könnte. Anna flucht: „Das darf doch nicht wahr sein! Müssen wir jetzt hier warten, bis einer zufällig kommt?“ Dumme Sache: Ja, sie müssen. Glücklicherweise kommt auch schnell ein Student vorbei, der fragen will, wofür die Augenbindenaktion durchgeführt wird. Da er nicht im Rollstuhl sitzt, kann er auch die Tür einfach öffnen. „Ich finde Euren Protest super,“ erklärt er Anna und Tina. „Man muss schon mutig sein für so etwas.“
Im Gespräch mit Herrn Bulaty wird schnell klar: Man muss nicht nur mutig sein, sondern auch hartnäckig, wenn man die Verantwortlichen der Bibliothek auf Mängel hinweisen will. Die Studierenden sind inzwischen im zweiten Stock angekommen, einige Interessierte haben sich angeschlossen. Eine Studentin beginnt, die Mängel aufzuzählen: Es gibt kein Blindenleitsystem. Blinde Menschen sind daher auf eine Begleitperson angewiesen. Für RollstuhlfahrerInnen gibt es nur einen Seiteneingang. Die Schilder sind für sie zu hoch angebracht und die Türöffner zu weit entfernt von den Türen. Die Treppenstufen sind alle gleichfarbig. Das sei zwar hübsch, aber für sehbehinderte Menschen eine große Gefahr. Dunkle Stufenmarkierungen würden wenig kosten und den Betroffenen helfen, sich auf den Treppen zurecht zu finden. Für Sehbehinderte gibt es zudem nur ein einziges Bildlesegerät, das nur nach Anmeldung nutzbar ist.
Außerdem seien die MitarbeiterInnen der Bibliothek nicht auf den Umgang mit Menschen mit Behinderungen vorbereitet, sagt eine andere Studentin: „Ich habe die Frau am Tresen in Gebärdensprache gefragt, wo ich den Raum 2b finde. Sie hat mich natürlich nicht verstanden. Nicht mal die Zeichen für ‚Könnten Sie das bitte aufschreiben?’ hat sie gekannt.“ Auch die Schlüssel der Garderobenschränke seien diskriminierend: Die Zahlen sind nicht mit den Fingern ertastbar. Blinde Menschen können die Schränke daher nicht benutzten, sie können die Nummern ja nicht lesen.
Bulaty reagiert auf die vielen Vorwürfe mit Unverständnis: „Es gibt hier im Haus auch noch andere Bereiche, die Probleme aufweisen. Wir können nicht alles auf einmal nachbessern.“ Barrierefreiheit sei keine Nachbesserungsaufgabe, sondern eine Grundvoraussetzung, kontert Kristina Voigt, Studentin der Erziehungswissenschaften. Bulaty weiß keine Antwort. „Für Menschen im Rollstuhl gibt es hier im Haus nur vier Arbeitsplätze,“ erklärt Kristina, „das entspricht nicht einmal den gesetzlichen Richtlinien!“
Tatsächlich müsste laut Gesetz mindestens ein Prozent der 1.250 Arbeitsplätze barrierefrei sein, also 12,5 Arbeitsplätze. „Und die Arbeitsplätze, die angeblich barrierefrei sind, sind eine Zumutung.“ Kristina weiß wovon sie spricht, denn sie sitzt selbst im Rollstuhl. Bulaty glaubt ihr nicht: „Das kann nicht sein. Wenn das Haus den Richtlinien nicht genügen würde, wäre der Bau gar nicht umgesetzt worden.“ Kristina steht die Wut ins Gesicht geschrieben. Sie bleibt ruhig: „Dann schauen wir doch mal nach.“ Vor den zwei Arbeitskabinen mit Rollstuhlsymbol zeigt sie Herrn Bulaty die Fehler: „Ich könnte hier nicht mal meinen Laptop anschließen, weil ich an die Steckdose nicht ran komme. Hätte ich eine Assistenz dabei, wäre die Kabine schon zu voll, hier haben ja zwei Personen gar nicht genügend Platz.“ Auch rollstuhlgerechte Toiletten fehlen ausgerechnet auf der zweiten Etage, wo sich die „barrierefreien“ Räume befinden.
Bulaty weist darauf hin, dass die normalen Arbeitsplätze doch auch schon gut genug für RollstuhlfahrerInnen seien. Zum Beweis führt er die Gruppe in einen Arbeitsraum. Kristina fährt mit ihrem Rollstuhl an einen der Tische. Glücklicherweise steht dort kein Stuhl, denn sie könnte ihn alleine kaum weg stellen. „Schauen Sie,“ sagt Kristina, „ich könnte hier nicht arbeiten.“ Der Tisch ist zu niedrig für sie, sie muss sich weit vorbeugen. „Warum gibt es keine Tische, die mit entsprechender Technik ausgestattet sind?“
Bulaty zögert. Er wiederholt sich: „Ich sehe, dass es Probleme gibt. Aber es gibt hier auch unglaublich viele andere Sachen, die Mängel haben und die wir beheben müssen.“ Kristina schüttelt den Kopf. Der Bibliotheksdirektor hat nichts verstanden. Eine andere Studentin spricht es aus: „Herr Bulaty, ganz ehrlich. Die HU hat ein Institut für Rehabilitationswissenschaften und müsste sich über die Probleme von Menschen mit Behinderungen im Klaren sein. Im Jahr 2009 eröffnet eine Bibliothek, die absolut nicht barrierefrei ist. Das finde ich, ehrlich gesagt, einfach nur beschämend!“
Zwar hat es im März 2009 Beratungsgespärche von Seiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zum Thema „Barrierefreies Bauen“ an der HU gegeben. Viel scheinen die Zuständigen des Grimm-Zentrums davon jedoch nicht mitgenommen zu haben.
Als Fazit der Protestaktion versprechen die Studierenden, der Bibliothek ihre Änderungsvorschläge schriftlich zu geben. Andere Einigungen scheinen mit dem Direktor unmöglich.
Tina und Anna haben es gut: Sie können aus dem Rollstuhl aufstehen und die Augenbinde abnehmen. Für die Studierenden, die mit ihrer Behinderung leben müssen, steht dagegen noch ein harter Kampf bevor. Das Grimm-Zentrum ist noch weit davon entfernt, ganz schlichte Grundlagen der Barrierefreiheit und Gleichbehandlung umzusetzen.
*beide Namen von der Redaktion geändert
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