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Das gesammelte Gedächtnis des Umbruchs Drucken E-Mail
Geschrieben von Ulrich Miksch   
Dienstag, 16. Februar 2010

"Zwischen Selbstbestimmung und Intervention" - Ulrich Miksch, ehemaliger UnAuf-Chefredakteur, über ein Buch, das alle HU-Studierenden gelesen haben sollten:

Sven Vollraths Dissertation zum Umbau der Humboldt-Universität zwischen 1989 und 1996 versucht zugleich eine Analyse der Transformation wie eine lebendige Chronologie einer bewegten Zeit in Berlin zu liefern.  

Was passiert, wenn ein 1988 an der Humboldt-Universität zu Berlin immatrikulierter Geschichtsstudent in den Strudel der politischen Aufbrüche 1989 gerät? Er engagiert sich im hier zu besprechenden Falle im „Neuen Forum“, für die neuen studentischen Vertretungen, sitzt als Studierendenvertreter und dann auch Akademischer Senator plötzlich in allen möglichen Gremien. Unter anderem in der Zentralen Personalstrukturkommission (PSK) , die über eine personelle Erneuerung der Universität zu befinden hat.

Und er sammelt. Presseartikel, Positionspapiere, Beschlüsse und Mitschriften von Sitzungen schier unzähliger Zahl. Als er die Universität verläßt und eine politische Karriere als Organisator im Hintergrund der Bundespolitik einschlägt, nimmt er wohl den Vorsatz mit, all das Abgelegte, in Papierform wie im Gedächtnis, bald einmal mit Abstand Revue passieren zu lassen und Schlüsse ziehen zu wollen. Dies hat Sven Vollrath mit seiner Dissertation „Zwischen Selbstbestimmung und Intervention“ nun offenkundig gemacht. Die von ihm gesammelten Materialien waren ihm dabei Helfer. Er hat sie gesichtet und selbst interpretiert. Und er übergibt all die Papiere nunmehr der Öffentlichkeit, denn seine etwa 60 Aktenordner wanderten bereits ins Universitätsarchiv der Humboldt-Universität und können dort eingesehen werden.

Der Titel seines Buches beschreibt bereits den Weg der Studie. Zwar wurde beginnend im Herbst 1989 ein Jahr lang ein ziemlich selbstbestimmter Umbauprozess an der Universität angegangen. Doch schon mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten geriet die Ost-Berliner Universität unter die institutionelle Fuchtel der West-Berliner Verwaltung. Dies hatte Folgewirkungen. Die Abwicklungsbeschlüsse einzelner Institute forderte die Universität heraus. Sie bildete eigene Personalstrukturkommissionen für alle Institute. Dazu gab es aber auch parallel von außen aufgebaute Struktur- und Berufungskommissionen, die neue Stellenpläne entwarfen und danach Stellen ausschrieben. Dieses Nebeneinander zwischen Selbstbestimmung und Intervention von außen analysiert Vollrath und kommt zu dem interessanten Schluss, dass beide nicht für sich allein agieren konnten, dass, zumindest an den Zahlen ablesbar, sogar eine Gleichwertigkeit der Arbeit konstatiert werden muss. Nur die Akzente waren verschieden. Hier die stärkere persönliche Beurteilung der Lehrenden, dort die fachliche Evaluationvon außen. Das Ergebnis bleibt ernüchternd, auch weil sich die finanziellen Rahmenbedingungen für alle Universitäten in Berlin im Laufe der 90er Jahre verschlechterten. In sieben Jahren verließen 80 Prozent des Personals die Universität. Die Strukturen hatten sich durch den Abbau vieler Mitarbeiterstellen im Mittelbau in Richtung Professoren-Universität verändert. Ob das immer zum Guten der Lehre gewesen ist, sei dahingestellt.

Die selbstbestimmte Erneuerung aber war wohl mehr als eine Reaktion. Sie thematisierte stärker die Verstrickungen einzelner ProfessorInnen und MitarbeiterInnen in ideologische Prozesse fern aller Wissenschaft und ließ daraus Empfehlungen auf Weiterbeschäftigung erwachsen. Der wichtigste Fall, der von keiner PSK aufgegriffen werden konnte und der sich erst seit wenigen Jahren nüchtern beurteilen lässt, ist die Person des ersten frei gewählten Rektors Heinrich Fink. Ihn erlebte Vollrath hautnah. Er schildert Finks Einsatz für die Prozesse in der Universität, aber er fügt dieser Darstellung auch das Gesicht der wieder zusammengeklebten Stasi-Akte an, die 2005 rekonstruiert wurde. Sie belegt zweifelsfrei, was Fink in jahrelangen Prozessen immer abgestritten hatte, dass er aktiver IM der Staatssicherheit gewesen ist.
Die Studierendenzeitung „UnAufgefordert“ kann aus diesem Buch herauslesen, dass sie Zeitgeschichte geschrieben hat, denn der Fußnotenverweise gibt es viele. Vor allem in der chronologischen Schilderung der Ereignisse, die man so schön gedrängt zusammengefasst wohl nirgends lesen kann.

Ulrich Miksch

Sven Vollrath: „Zwischen Selbstbestimmung und Intervention. Der Umbau der Humboldt-Universität 1989-1996.“  Christoph Links Verlag 2008. 39,90 €

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