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Studieren im... Gefängnis Drucken E-Mail
Geschrieben von Konstantin Sacher   
Samstag, 6. Februar 2010

Basti Radtke verlässt sein "zu Hause" nur selten. Er sitzt im Gefängnis.  Trotzdem kann er  studieren  -  an der Fern-Universität Hamburg.  UnAuf-Redakteur Konstantin Sacher besuchte ihn im Knast.
Die hundert Jahre alten Backsteingebäude sind mit Schnee bepudert. Die Schornsteine qualmen und in der Mitte ragt ein Kirchturm in den kalten, verhangenen Himmel. Die Justizvollzugsanstalt Tegel wirkt an diesem Winternachmittag fast wie eine altehrwürdige Universität - wären da nicht die mit Stacheldraht bedeckten Mauern, die das ganze Areal umgeben. Doch studiert wird im größten Männerknast Deutschlands trotzdem.
Basti Radtke, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, steht jeden Morgen um sechs Uhr auf. Es bleibt ihm allerdings auch nichts anderes übrig, denn um halb sieben werden die Zellen automatisch geöffnet. Das macht so viel Lärm, dass er sowieso aufwachen würde. Außerdem muss er frühstücken und sich fertigmachen. Um sieben Uhr ist Arbeitsbeginn – alle Häftlinge sind verpflichtet zu arbeiten. Basti allerdings genießt einen Sonderstatus. Während die anderen Insassen in die Schreinerei, zum Buchbinder oder in die Schule gehen, widmet er sich seinem Studium.
Basti ist einer von elf Inhaftierten der JVA-Tegel, die während ihrer Haftzeit an der FernUniversität in Hagen studieren. Das Studium wird durch die Schule des Gefängnisses betreut und kann statt der üblichen Arbeit wahrgenommen werden. Voraussetzung ist lediglich das Abitur. Aber nur, wenn die »Behandlung«, wie es im Fachjargon heißt, Aussicht auf Erfolg hat, wird das Studium auch finanziell gefördert. »Denn letzten Endes zahlt das ja der Steuerzahler«, sagt Jörg Bors. Er ist Leiter der JVA-Schule und auch für die -Be-treuung der studierenden Häftlinge zuständig. Genau wie die arbeitenden Gefangenen bekommt Basti Geld für sein Studium – zur Zeit sind es 300 Euro monatlich. Schulleiter Bors sitzt in einem der Unterrichtsräume der Schule. Die Stühle, Tische und die grüne Tafel an der Stirnseite erinnern an einen ganz gewöhnlichen Klassenraum. Dass er zu einer Gefängnisschule gehört, wird allerdings spätestens dann klar, wenn der Blick durch die vergitterten Fenster nach draußen geht. Die Fernstudierenden könnten einen eigens für das Studium eingerichteten Raum in der Schule der JVA nutzen, sagt Bors. Seit Kurzem gibt es dort eine getunnelte Internetverbindung zum Zentralserver der FernUniversität in Hagen. Darüber können die Studierenden auf Lerninhalte zugreifen, Arbeiten hochladen und mit den Dozenten kommunizieren, aber davon abgesehen keine anderen Internetseiten aufrufen.
Basti studiert Wirtschaftsinformatik. Auch wenn er in einem halben Jahr wieder frei sein wird, möchte er weiter an der Fernuni studieren: »Die Betreuung ist wirklich super und es gibt nicht so viele Studierende, wie an den Präsenzuniversitäten.«
Aber vielleicht ist es auch die Erinnerung an die Vergangenheit, die ihn davor zurückschrecken lässt, sich wieder an einer normalen Hochschule einzuschreiben. Vor viereinhalb Jahren hatte Basti an der Humboldt-Universität Informatik studiert und dann »Scheiße gebaut«, wie er sagt. Was genau er getan hat, möchte er nicht sagen. Immerhin hat er  fünf Jahre dafür bekommen. Das ist nicht wenig, vor allem, wenn man gerade 20 Jahre alt ist. »Am Anfang denkst du: Jetzt bin ich lebendig begraben«, sagt Basti. Als er erzählt, was er sich von seiner Mutter alles anhören musste, sind auf einmal Gefühle in seinem sonst so sachlichen Gesicht erkennbar.
Viereinhalb Jahre Gefängnis gehen nicht spurlos an einem vorüber. »Es ist nicht einfach, im Gefängnis Freunde zu finden«, erzählt er. Man müsse immer auf der Hut sein, dass man nicht in die eventuell kriminellen Aktivitäten der vermeintlichen Freunde hineingezogen werde. »Sehr viele Inhaftierte konsumieren oder schmuggeln Drogen.« Aber nur wer eine gute Führung vorweisen kann, bekommt solche Privilegien, wie sie die Gefangenen in Bastis Station haben.
Fast nebenbei erzählt Basti, dass er Freigänger ist. Das bedeutet, dass er die Anstalt zu bestimmten Zeiten verlassen darf. An den Wochenenden darf Basti schon komplett draußen bleiben – von Samstagmorgen bis Sonntagabend. Er übernachtet dann bei seiner Familie. An drei Tagen in der Woche ist es ihm erlaubt, die Haftanstalt von 15 bis 22.30 Uhr zu Studienzwecken zu verlassen. Er geht dann entweder ins Grimm-Zentrum oder in die TU-Bibliothek und lernt. Aber absolute Pünktlichkeit ist ein Muss. »Als sich mal jemand vor die Bahn geworfen hat, bin ich schon in Panik geraten«, sagt er.
Die meisten Studierenden in der JVA Tegel studieren Jura. Basti meint, sie wollten sich so Wissen aneignen, das ihnen bei ihren eigenen Verfahren weiterhelfen könnte. Ein Gefangener studiert Psychologie. »Das ist ein Betrüger, der für seine Profession lernen will«, sagt Schulleiter Jörg Bors. Seine »Behandlung« wird allerdings auch nicht gefördert.
Obwohl alle elf Studierenden den Studienraum mit der getunnelten Internetverbindung nutzen dürfen, ist Basti oft alleine hier. Die anderen lernen meist auf ihren Zellen oder gar nicht. »Wir haben ein bis zwei Abschlüsse im Jahr«, sagt Bors. Manche Studierende sähe man nur ein oder zwei Semester, dann seien sie wieder weg, berichtet Basti. »Die denken sich: mal schnell die Kohle abgreifen.« Gemütlicher als in einer Schreinerei ist der Studienraum allemal.
Basti rechnet damit, neun Semester für seinen Bachelor of Science zu benötigen. »Hier drin hat man andere Probleme als das Studium«, sagt er. Die Ablenkung sei im Gefängnis natürlich geringer als in der Welt draußen. Während der Arbeitszeit, wenn er im Studienraum sitzt, könne er ganz gut lernen, danach werde es schwieriger. Kurz nach 15 Uhr ist erst einmal Freistunde, in der die Gefangenen auf den Hof ihrer Station gehen dürfen. »Das ist das einzige Mal frische Luft am Tag«, sagt Basti. Besonders am Nachmittag ist es auf Bastis Station oft ziemlich laut, sodass ihm das Lernen schwer fällt.
Aber nicht nur die Lautstärke der Mitgefangenen lenkt Basti von seinem Studium ab. Viele Dinge, die für einen Menschen in Freiheit völlig banal sind, bereiten im Gefängnis sehr viel Arbeit. »Alles muss bürokratisch beantragt werden«, zum Beispiel die Fernleihe von Büchern oder  zusätzliches Essen. Einmal in der Woche bekommen die Häftlinge einen Bestellschein,  auf dem sie ihre Bestellungen eintragen.
Auch gibt es öfter mal Zoff mit anderen Gefangenen. In Tegel sitzen Männer, die ganz unterschiedliche Verbrechen begangen haben – Diebe und Räuber genauso wie Mörder und Vergewaltiger. Bei einer so heterogenen Gruppe kommt es schon öfter zu Reiberein.
Was sagen eigentlich Bastis Mitgefangenen dazu, dass er studiert? »Der Neidfaktor ist schon da«, sagt Basti. Aber das müsse man einfach ignorieren. Nach dem Gespräch geht Basti aus dem Studienraum ins Erdgeschoss der Schule. Auf dem Gang begegnet er zwei Mitgefangenen. »Oh, der Herr Studienrat!«, ruft ihm einer entgegen. Basti würdigt ihn keines Blickes.

Konstantin Sacher
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