Sauber und sicher für’n Appel und’n Ei -
Wie externe Beschäftigte an der Humboldt-Universität schuften.
Man hört sie kaum und sieht sie nur selten. Fast rund um die Uhr wieseln die Frauen und Männer in der grünen Arbeitskleidung über die Gänge im Hauptgebäude der Humboldt-Universität (HU). Sie putzen die Toiletten, saugen Büros und wischen Flure. Hinter einer unscheinbaren Tür im Erdgeschoss des Hauptgebäudes liegt ihre Zentrale: das Materiallager, ein kellerartiger Raum mit unverputzten Wänden, in dem sich Putzmittel und Wischmopps stapeln. Die Gebäudereiniger sind die unsichtbaren Helferlein der Universität, die Heinzelmännchen. Allein: Sie sind schlecht bezahlte Heinzelmännchen. Ihr Lohn liegt knapp über dem, was ein Hartz-IV-Empfänger monatlich bekommt.
Eigentlich darf er über seine Lohnsituation mit der Presse nicht sprechen, so steht es in seinem Arbeitsvertrag. Deshalb möchte der Mann in der grünen Latzhose und dem weißen Sweatshirt seinen Namen nicht nennen. Trotzdem redet er – als einziger seiner Kollegen: »Was wir verdienen, kann man doch überall nachlesen.«
Seit Anfang des Jahres bekommt er 8,40 Euro brutto pro Stunde. Dafür ackert er sieben Stunden, fünf Tage die Woche im Schichtbetrieb. Am Ende des Monats kommt er auf etwas mehr als 950 Euro. Würde er 50 Euro weniger verdienen, so sagt er, dann stände ihm ein Zuschuss vom Amt zu. Sein Beruf ist ein Knochenjob: Das viele Bücken gehe in Rücken und Knie, das Wischen in die Handgelenke. Auch ständen er und seine Kollegen oft unter großem Zeitdruck, berichtet er. Mindestens 20 Räume müsste jeder pro Schicht reinigen, oft auch viele mehr. »Eigentlich bräuchten wir mehr Zeit«, sagt er. »Wir machen aber trotzdem alles ordentlich sauber«, unterbricht ihn ein Kollege. Trotz alledem fühle er sich von seinem Arbeitgeber gut behandelt: »Da läuft alles nach Tarif.«
Dem Papier nach Tariflohn
Sein Arbeitgeber – das ist nicht die HU, sondern die Gebäudereinigungsfirma Kleine. Die HU hat die Firma engagiert, damit deren Mitarbeiter die Putzarbeiten im HU-Hauptgebäude erledigen. Auch für andere Dienstleistungen hat die Uni Verträge mit externen Firmen abgeschlossen: Für den Wachschutz, den Winterdienst und die Gartenpflege sind ebenfalls externe Firmen zuständig. Für die Reinigung der vielen verschiedenen Unigebäude beschäftigt die Technische Abteilung der HU gar ein Dutzend unterschiedliche Firmen.
»Alle externen Beschäftigten der HU werden der Papierlage nach nach Tarif bezahlt«, sagt Frank Eveslage, Vizepräsident für Haushalt, Personal und Technik. Bei der Vergabe von Aufträgen ist die HU an das Vergabegesetz des Landes Berlin gebunden. Dem Gesetz zufolge ist die HU verpflichtet, nur Verträge mit Firmen zu schließen, die ihren Beschäftigten Tariflöhne zahlen. »Hundertprozentig überwachen, ob am Ende tatsächlich der Tariflohn auf dem Konto der Beschäftigten landet, können wir nicht«, sagt Erik Thielecke, Referatsleiter für Objektmanagement von der Technischen Abteilung der HU. Entsprechende Kontrollen des Zolls seien in der Vergangenheit aber immer ergebnislos gewesen.
Darüber hinaus versucht die HU schwarze Schafe schon von vornherein auszuschließen: »Firmen, die keinen Tariflohn zahlen, fliegen aus dem Vergabeverfahren«, sagt Vizepräsident Eveslage. Generell sei nicht nur der Preis, sondern auch die Qualität der angebotenen Leistung – und somit indirekt der Lohn der Beschäftigten – ein Kriterium bei der Auftragsvergabe, so Erik Thielecke.
Genau wie der Gebäudereiniger zeigt sich Clemens Petruschke, Betriebsrat der Firma Securitas, die für den Wachschutz an der HU zuständig ist, mit der Arbeitssituation an der Uni relativ zufrieden: »Im Vergleich zu anderen Orten, an denen wir tätig sind, wie etwa der U-Bahn, sind die Arbeitsbedingungen an der HU relativ angenehm.« Insgesamt arbeiten 60 Wachleute in der Uni und im Naturkundemuseum. In Zwölfstunden-Schichten sitzen sie beispielsweise im Pförtnerzimmer, geben Schlüssel heraus und überwachen auf Monitoren die Gebäude – für den erst Ende letzten Jahres ausgehandelten Tariflohn von 6,25 Euro pro Stunde. Nachts machen sie Rundgänge über den Campus. Ein Arbeitspensum zwischen 40 und 60 Stunden pro -Woche sei -üblich, so Petruschke.
Obwohl es in ihren Verträgen anders als bei den Gebäude-reinigern keine Schweigeklausel gibt, wie der Betriebsrat sagt, möchte von den Wachleuten selbst niemand mit der UnAufgefordert sprechen. »Von uns will sich niemand aus dem Fenster lehnen«, sagt einer nur vielsagend. Die Angst der Wachleute, dass der Kunde sich beschwert, wenn sie ihre Geschichte in den Medien ausbreiten, sei zu groß, vermutet Petruschke. Vielleicht ist es aber auch Scham, die sie schweigen lässt. Für ein Viertel von ihnen, schätzt Petruschke, reicht der durchschnittliche Nettolohn von 1.000 Euro nicht zum Leben aus. Sie müssten ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken.
Dass die Wachleute in näherer Zukunft deutlich mehr im Portemonnaie haben, ist unwahrscheinlich – zu angespannt ist die Lage in der Branche: Die Konkurrenz um Aufträge sei groß, sagt Andreas Sander vom Verdi-Landesverband Berlin-Brandenburg. »Wenn Securitas von heute auf morgen acht Euro Stundenlohn zahlen würde, dann wäre das Unternehmen in einem Jahr pleite.«
Kritik an HU-Politik
Auch die HU sieht wenig Spielraum für eine bessere Bezahlung der externen Beschäftigten: Wenn die Personalkosten stiegen, müsste an anderer Stelle gespart werden, sagt Referatsleiter Thielecke. »Ein höherer Lohn ist zwar ehrenwert, aber wer soll den bezahlen, wenn der Landeszuschuss nicht steigt?« Trotzdem sieht Verdi-Mann Sander die Verantwortung auch bei den Berliner Hochschulen: »Ich halte es für ein Unding, dass sich die Unis in das Lohndumping einreihen.«
Gerrit Aust vom ReferentInnenrat (RefRat) kritisiert das Vorgehen der HU, Tätigkeiten an externe Firmen zu vergeben, ganz grundsätzlich: »Wir finden es unglücklich und dumm, dass bestimmte Dienstleistungen outgesourct werden.« Früher hätten diese Aufgaben Angestellte der Uni erledigt. Den Tariflohn in den betroffenen Branchen hält er für »lächerlich«. In der Sitz-ung des Akademischen Senats im Dezember letzten Jahres hat er in diesem Zusammenhang einen Antrag gestellt: Die HU solle die Namen aller von ihr beschäftigten externen Firmen sowie die von ihnen gezahlten Löhne offen legen. Der Antrag wurde jedoch verworfen, weil das Thema nicht in die Beschlusskompetenz des Akademischen Senats falle, so die Begründung. Aust hat dafür kein Verständnis: »Der Akademische Senat ist das höchste Gremium der HU. Er sollte sich darüber informieren.«
Auch ohne Zutun der HU könnte sich die Situation zumindest einiger externer Beschäftigter ab dem kommenden Sommer verbessern. Dann wird voraussichtlich das neue Vergabegesetz des Landes Berlin in Kraft treten. Öffentliche Aufträge darf das Land Berlin – also auch die HU – dann nur noch an Firmen vergeben, die garantieren, ihren Mitarbeitern mindestens 7,50 Euro pro Stunde zu zahlen.
»Ein Mindestlohn wäre ein Fortschritt, den ich begrüßen würde«, sagt Vizepräsident Eveslage. Warum zahlt die HU nicht schon jetzt allen externen Beschäftigten 7,50 Euro Stundenlohn? »Die Frage stellt sich für uns nicht. Wir müssen uns an die aktuell gültigen Gesetze halten«, so Eveslage. Zusätzlich aufstocken könne die HU die Löhne der Beschäftigten nicht, da die Bezahlung Sache der Firmen sei.
Für die HU würde das neue Vergabegesetz in näherer Zukunft ohnehin nicht viel verändern, denn der Mindestlohn gilt nur für Verträge, die nach Inkrafttreten des Gesetzes abgeschlossen werden. Die größten Verträge mit externen Firmen laufen noch mehrere Jahre.
Der Gebäudereiniger in der grünen Arbeitshose und dem weißen Sweatshirt hat seine ganz eigene Meinung zu einem Mindestlohn: Er würde auch für sechs Euro die Stunde arbeiten, sagt er. »Hauptsache ich kann am Ende sagen, ich liege dem Staat nicht auf der Tasche.«
Ann-Kathrin Nezik
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