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Der designierte HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz stellte sich gestern seinen Kritikern während einer Podiumsdiskussion. In den letzten Wochen war eine Kontroverse um den 55-Jährigen ausgebrochen: Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hatte ihm vorgeworfen, seine Habilitation strotze nur so von ideologischen Positionen des DDR-Regimes.
Aufgeheizte und gereizte Stimmung beherrschte die Diskussion unter dem Titel „Von Zwängen und Spielräumen in der SED-Diktatur“ und dies wohl nicht nur aufgrund der schwülen Sommer-Temperaturen. Geladen hatte die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“, um die jüngst entfachte Diskussion um den zukünftigen HU-Präsidenten öffentlich zu debattieren. Der DDR-Historiker Kowalczuk hatte Olbertz vor drei Wochen in einem Vortrag scharf für seine wissenschaftlichen Arbeiten aus der Zeit vor 1989 kritisiert: Unbeeindruckt von den Entwicklungen der Friedlichen Revolution habe er eine „marxistisch-leninistische Propagandaschrift“ als Habilitation vorgelegt, die voll sei von Propaganda-Phrasen und Antiamerikanismus. Zugleich versuche Olbertz aber, ein Bild von sich als Gegner des DDR-Regimes zu zeichnen. Auf dem Podium saßen nun neben Olbertz und Kowalczuk der Journalist Jürgen Kaube, der HU-Konzilsvorsitzende Werner Röcke, sowie der Theologe und ehemalige Politiker Richard Schröder. Olbertz betonte gleich zu Beginn, wie sehr ihn die Debatte treffe: „sie stellt mich auf eine Ebene, mit denen, die mir selbst damals zu schaffen machten“ empörte er sich. Trotz starkem Drängen sei er nicht in die SED oder eine Betriebskampfgruppe eingetreten, er habe vielmehr stets versucht „Handlungsspielräume zu sichern“. Seine damaligen wissenschaftlichen Arbeiten seien ihm jedoch heute peinlich und fremd, gab er zu. Zugleich räumte er ein: „Andere waren mutiger als ich“. Der DDR-Fachmann Kowalczuk blieb hingegen bei seiner harten Kritik. Die Propaganda-Phrasen in Olbertz Dissertationen seien keinesfalls nur ein angehängtes Feigenblatt. „Die gesamte Arbeit ist von vorne bis hinten durchtränk von einer leninistischen Pseudomoral, auf der die gesamte Argumentation aufbaut. Und die liegt ganz auf der Hauptline der SED-Ideologie!“ Zudem habe es viele andere Wissenschaftler in der DDR gegeben, die ihre Arbeiten ohne den „ideologischen Kotau“ geschrieben hätten. Der Theologe Richard Schröder gab zu bedenken, die SED –Ideologie sei gerade auch durch jene stabilisiert worden, die sie reproduzierten, ohne an sie zu glauben. Schröder, der sich in den achtziger Jahren in der Bürgerrechtsbewegung der DDR engagierte, gehört zu den schärfsten Kritikern Olbertz. Olbertz versuchte immer wieder auf die engen Grenzen zu verweisen, die ihm damals gesteckt gewesen seien. Anders habe er als Pädagoge damals keine Wissenschaft machen können. Er sehe sich als Opfer einer Hetzjagd, Kowalczuk bezeichnete er mehrfach als „Eiferer“. Im Publikum, in dem auch viele namhafte DDR-Dissidenten saßen, zeigten sich heftige Reaktionen auf die unterschiedlichen Positionen. Der Ehrenvorsitzende des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ Hans-Eberhard Zahn forderte in der Publikumsdiskussion Olbertz gar öffentlich auf, von seiner Kandidatur zurück zu treten. „Welche Botschaft vertreten diese Schriften?“ richtete er sich direkt an den künftigen HU-Präsidenten. Aus dem Publikum war zudem wiederholt die Forderung zu hören, Olbertz alte Dissertationsschriften online verfügbar zu machen, um so eine breite öffentliche Diskussion zu ermöglichen. Der designierte HU-Präsident ging darauf jedoch gar nicht erst ein. Es ist Olbertz so kaum gelungen, die Vorwürfe gegen ihn zu entkräften. Vielmehr wurde erst jetzt die ganze Vielschichtigkeit und Problematik der Debatte offenbar: Darf ein Wissenschaftler in einem totalitären Regime gegen seine Überzeugungen schreiben, um überhaupt Wissenschaft treiben zu können? Und ist als Mitläufer einzustufen, wer dies getan hat? Die emotional aufgebrachte Stimmung hat so überdeutlich gezeigt , wie dringend nun auch endlich eine offene Debatte innerhalb der Humboldt-Universität über die „Causa Olbertz“ nötig ist.
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