> In diesem Text wird nicht das stehen, was die Leserin und der Leser erwarten. Es wird nicht um ausgelassene Erasmus-Partys gehen, nicht um multikulturelle Kuschel-WGs. Und nicht um junge Menschen, die ins Ausland gehen, weil sich das gut im Lebenslauf macht. Dafür geht man nach New York, Tokyo oder Sidney. Oder wenigstens London. Wolf Zuber ging nach Managua, Hauptstadt von Nicaragua, Mittelamerika. Dritte Welt. Nicht für den Lebenslauf, sondern weil er »vollkommen am Ende« war, wie der heute 28-Jährige sagt.
Als Jugendlicher beginnt er, harte Drogen zu konsumieren, schafft den Hauptschulabschluss mit Ach und Krach, bekommt sein Leben in Frankfurt am Main nicht in den Griff. Einer Entziehungskur folgen Rückfälle, er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, lebt in betreuten Wohngemeinschaften und von Sozialhilfe. Doch er will etwas aus seinem Leben machen. Mit 23 holt er an der Abendschule die Mittlere Reife nach, fährt Taxi und überlegt, eine Ausbildung zum Heilerzieher zu machen. Dann verlässt ihn seine langjährige Freundin. »Da ist für mich alles zusammengebrochen, ich war völlig perspektivlos«, erinnert er sich, und dass er einfach nur noch aus Frankfurt weg wollte. Möglichst weit weg. Sein Vater hatte damals bereits einige Zeit in Nicaragua gelebt, weshalb Zuber auf die Idee kommt, sich dort nach Freiwilligenarbeit im sozialen Bereich umzuschauen. Er findet ein Projekt für behinderte Kinder in Estelí im Norden des Landes und sitzt einige Wochen später im Flieger.
Für den Joghurt geschämt
In Nicaragua lernt der 24-Jährige, der bereits einiges in seinem Leben durchgemacht hat, existentielle Probleme aus der Sicht des Betrachters kennen. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt, siebzig Prozent der Menschen leben von weniger als einem Dollar am Tag. Nach vier Monaten in Estelí geht Zuber in die Millionenstadt Managua, wo er bei einer Familie in einem Armenviertel nahe dem riesigen, chaotischen Markt »Roberto Huembes« lebt.
»Ich habe mich geschämt, mir einen Joghurt zu kaufen, den die sich nicht leisten konnten«, erzählt er. »Deshalb habe ich mit ihnen tagein, tagaus Reis mit Bohnen gegessen.«
Derweil weiß er selbst immer noch nicht so recht, was er hier eigentlich will. Die meiste Zeit verbringt er in diesen Vierteln, den »Barrios«, und fängt wieder an, regelmäßig zu boxen. Er lernt Spanisch auf der Straße, bei seinen Kumpels vom Training. Doch die extremen Lebensumstände der Menschen, mit denen er zu tun hat, machen es für ihn schwer, Freundschaften aufzubauen: »Leute in meinem Alter haben hier meist schon drei oder vier Kinder – und wissen oft nicht, wie sie die satt kriegen sollen.« In Nicaragua bekommt Zuber zum ersten Mal in seinem Leben Geld von seinem Vater. Mit den 300 Dollar im Monat kann er vernünftig leben, für seine Freunde aus dem Barrio ist er reich.
Nach einigen Monaten der Orientierung und Orientierungslosigkeit in Nicaragua geht Wolf Zuber zum zweiten Mal in seinem Leben zur Abendschule. Ein Jahr lang drückt er zusammen mit jungen Müttern täglich drei Stunden die Schulbank, um die »Bachillera«, das nicaraguanische Abitur zu machen. Am Anfang hat er große Probleme mitzukommen, doch er bleibt dabei. Schließlich hat er ein Ziel: Er möchte Psychologie studieren. Er packt es, und zwar ohne »zu schmieren«, wie er betont.
Aus den Slums an die Snob-Uni
Anfang 2004 beginnt er mit dem Studium an der »Universidad Centroamericana«, kurz UCA. Der Studienbeginn bedeutet für Zuber einen erneuten Wechsel der Lebenswelt. Denn die UCA ist eine Privatuni, in Managua gilt sie als die Uni der verhätschelten reichen Kinder, der Snobs. »Das war schon komisch«, erinnert er sich. »Ich hatte das Gefühl, dass ich durch meine Erfahrungen in den Barrios die wirklichen Verhältnisse im Land besser kenne als viele meiner Kommilitonen.« Auch wenn ihm der Kontakt mit den Studierenden in vielerlei Hinsicht leichter fällt als mit den einfachen Leuten, gehen sie ihm auch manchmal auf den Geist. »Das sind hier schon oft Klassenarschlöcher«, meint er.
Das Studium an der UCA kostet abhängig vom Fach zwischen 700 und 1.500 US-Dollar im Jahr, stattliche Summen für ein Land wie Nicaragua. Demgegenüber zahlen die Studierenden an der mit knapp 25.000 Studierenden größten staatlichen Uni, der »Universidad Nacional Autónoma de Nicaragua« (UNAN), nur geringe Verwaltungsgebühren. Doch um dort studieren zu können, muss man harte Aufnahmeprüfungen bestehen. Eine zweite Chance bietet das Stipendiensystem der UCA, das auch Kindern aus sozial schwachen Familien den Zugang zur privaten Alternative ermöglicht. Doch dafür muss auch deren Leistung stimmen. Jeder Kurs wird mit einer Prüfung abgeschlossen, bei Nichtbestehen darf nur ein Mal wiederholt werden. Diese bittere Erfahrung musste auch Zuber machen: »Ich hab’ am Anfang wegen der Probleme mit dem Spanischen einige verhauen.«
In vielerlei Hinsicht bietet die UCA eine Qualität, die an den unzähligen kleinen Bildungsanstalten für Erwachsene in Managua, die sich allesamt »Universidad« nennen, nicht zu finden ist. So können viele Professorinnen und Professoren mit Auslandserfahrung aufwarten. Auch das Fächerspektrum an den fünf Fakultäten Kommunikation, Wirtschaft, Recht, Geisteswissenschaften sowie Technologie und Umwelt ist im Vergleich zu den kleineren Unis groß. Allerdings bietet die geisteswissenschaftliche Fakultät nur Psychologie, Soziologie, Englisch, Religionswissenschaften und Entwicklungsarbeit an. Das war’s. Keine Geschichte, keine Philosophie, keine Literaturwissenschaft.
Lehrbücher aus Russland und Kuba
Beim Studieren wird Zuber immer wieder daran erinnert, dass er sich in einem Entwicklungsland befindet. »Unsere Psychologie-Bücher kommen aus Russland und Kuba«, gibt er ein Beispiel, das noch auf die Zeit der sandinistischen Regierung in den Achtzigern und deren Kontakte mit den sozialistischen Staaten verweist. Aber die Seminare sind mit maximal 30 Leuten überschaubar, viele Referate regen zur aktiven Mitarbeit an, und insgesamt profitieren alle von der überdurchschnittlichen, weil privaten, Schulausbildung der meisten Studierenden. »Fast alle können Englisch oder Französisch, viele haben sogar an einer internationalen Schule Abi gemacht«, erzählt Zuber.
Aber dennoch ist die UCA kein Ziel für ausländische Studierende. Die US-Amerikanerin Kathe Welles im Büro für Internationale Angelegenheiten schüttelt auf die Frage nach weiteren deutschen Studierenden bedauernd den Kopf: »Grundsätzlich gibt es jeweils nur eine Handvoll Ausländer an der UCA, und die sind meist für spezielle Recherchen etwa im Rahmen von Doktorarbeiten hier.« So lernt auch Zuber nur selten mal einen Ausländer oder eine Ausländerin an der Uni kennen, doch mittlerweile fühlt er sich in Managua ohnehin immer mehr zuhause. »Hier werden Grüße immer freundlich erwidert«, meint er. »Wenn du in Frankfurt einen Unbekannten grüßt, denkt der gleich, du bist irgendwie schräg.« Außerdem würden die Leute in Nicaragua nicht dauernd fragen, was man einmal werden wolle. Das kommt ihm entgegen, denn er selbst weiß auch noch nicht, was er nach dem Studium machen will. »Vielleicht irgendwas in Spanien«, überlegt er. Das würde sich dann sicher auch gut in seinem Lebenslauf machen.
Daniel Schalz <
Universidad Centroamericana Managua
Gegründet: 1960, erste Privatuniversität Mittelamerikas
Studierendenzahl: 5.500
Studiengebühren: 700-1500 US-Dollar pro Jahr
durchschnittliches Mensa-Essen: 60 Euro-Cent
weitere Informationen:
www.uca.edu.ni
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