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Sind doch alles Spießer Drucken E-Mail
Geschrieben von Silvio Schwartz   
Mittwoch, 2. November 2005
Größenwahn, Schallisolierung und politische Veranstaltungen. Im Hausprojekt »K9« lebt man anders, aber auch dort wird man älter.

> Das ganze Gebäude soll gesprengt werden. Doch kurz vor der Zündung besetzen Punks und Studierende die leeren Wohnungen. Das Ende der DDR im Jahre ’90 ist der Anfang des alternativen Wohnprojekts in der Kinzigstraße Nr. 9.
Auch heute noch verbreitet die Straßenfassade einen eher schmutzigen Charme. Der Stuck um die Fenster bröckelt. Das Café »Liberación« und die Klingelschilder, auf denen keine Namen, sondern nur Etagen stehen, zeugen von den rebellischen Anfängen. Im Hinterhof dagegen erstrahlt das Gebäude in frischem Gelb mit Klinkerfassade, eine Küche ist mit glänzendem Holzparkett ausgelegt und bietet bequeme Sofas. Dort erzählt Ane Betten, die seit neun Jahren hier wohnt, von der Geschichte und vom Leben in der »K9«. ->
Im Oktober 1996 wird das Vorderhaus von der Polizei geräumt. Die Übrigen, die hier wohnen, hauptsächlich Studierende, entschließen sich, ihr Bleiben auf legalen Boden zu stellen. Schon 1992 hatten sie Mietverträge erhalten, nun wurde das Gebäude gekauft. Die Mietergenossenschaft »Selbstbau e.G.« erwarb es 1998 und verpachtete es ihrerseits für 30 Jahre an das Wohnprojekt. Für Pacht und Kredite zahlen alle Mitglieder monatlich 232 Euro. Von 1998 bis 2001 sanierten sie das denkmalgeschützte Haus. 6,2 Millionen DM hat die Instandsetzung gekostet, 40 Prozent davon trug der Senat.
Vor der Kulisse einer Santorini-Fototapete erläutert Ane die Hausgemeinschaft: Hier haben alle ein eigenes Zimmer, und jeweils fünf bis sieben Personen ordnen sich den Küchen zu. In einem Gemeinschaftsraum trifft man sich sonntags, um den aktuellen »Tatort« zu sehen. »Seitdem ich in der Kneipe arbeite, schaffe ich das leider nicht mehr«, sagt Ane etwas enttäuscht.
Das Leben in der »K9« ist auch ein Wohnen in Selbstverwaltung, und das muss organisiert werden. So treffen sich die 36 Bewohnerinnen und Bewohner einmal in der Woche zu einem Plenum. Im Konsensprinzip wird dabei so lange diskutiert, bis für alle akzeptable Entscheidungen stehen. In Arbeitsgruppen kümmern sie sich um Buchhaltung, Verwaltung und die Organisation der Veranstaltungsetagen und der Remise im Hof. Die Etage mit der Bezeichnung »Größenwahn« ist mit Tresen, Beamer, Musikanlage, DVD-Spieler und Leinwand für Workshops, Seminare und Diskussionen ausgestattet. »Leichtsinn« ist ein schwarz gestrichener Partykeller mit Schallisolierung. Die Nutzung der Räume ist vielfältig und reicht von politischen bis zu kulturellen Veranstaltungen.
Ein Hausprojekt mit politischem Anspruch – so verstehen sich die Leute von der »K9«. Jedoch gab es in letzter Zeit weniger eigene Veranstaltungen als früher, was an der stärkeren beruflichen Auslastung der Bewohner und Bewohnerinnen liegt: Der Großteil der Studierenden promoviert inzwischen, das Durchschnittsalter liegt ungefähr bei 33. Dazu kommen sechs Kinder, das älteste ist sechs Jahre alt. »Halbe Kinder« werden sie scherzhaft genannt, denn nur ein Elternteil wohnt in dem Hausprojekt. Auch Ane ist Mutter und studiert Gender Studies und Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität. Daran ist das Haus nicht unschuldig: Bei ihrer Vorstellung wurde sie mit der Frage »Wie wichtig ist dir Politik?« überrumpelt, durch das Zusammenleben in der »K9« entschied sie sich für Abi und Studium einerseits und für politische Arbeit andererseits. Das Leben hier hat nicht nur das Haus, sondern auch seine Menschen verändert. Ob sie sich vorstellen können, in diesem Haus alt zu werden? Da lächelt sie: »Darüber haben wir tatsächlich neulich im Plenum gesprochen.« Ein gemeinsames Projekt auf dem Land würde die ehemaligen Besetzer und Besetzerinnen ansprechen. Ob sie nun gehen oder bleiben, die Sprengung des Hauses ist wohl nicht mehr zu befürchten.
Silvio Schwartz <
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