Auf der Schwelle zur musealen Epistemologie

Anna Polze

Selten ist eine Kirche so voll. Fast bis unter die Decke des Kirchenschiffs der ehemaligen Elias-Gemeinde in Berlin Prenzlauer-Berg erstrecken sich die verschiedenen Stationen des MachMit!-Museums. Am auffälligsten prägt ein riesiges begehbares Kletterregal den Raum. Es ist über eine steile Treppe im ehemaligen Altarbereich zu erreichen und teilt ihn in zwei Etagen. Die untere Etage ist ebenso ausgefüllt von bunten Installationen und Stationen, die sich unüberschaubar aneinander gruppieren.

Die Ausstellung Geboren und Willkommen richtet sich an Kinder. Sie lässt interaktiv erleben, wie an unterschiedlichen Orten auf der Welt die Geburt eines Kindes zelebriert und mit welchen Ritualen es in der Gemeinschaft willkommen geheißen wird. Diese Geburtsrituale und Praktiken stellen sich in den größeren Zusammenhang des Wachstums und der Zeit des Vorbereitens und Wartens. Die besondere Leistung von Geboren und Willkommen liegt vor allem darin, dass Form und Inhalt dieser Ausstellung in den meisten Installationen spielerisch miteinander kombiniert werden. Der Vorgang der Geburt und des Ankommens auf der Welt wird über viele kleine Schwellen und Raumübergänge nicht nur vermittelt, sondern auch als solcher in der Ausstellung erforscht. Zeitlichkeit und Räumlichkeit des Geboren-Werdens prozessieren sich in den vielen unterschiedlichen begeh- oder benutzbaren Installationen und Szenen der Ausstellung. Durch den geschickten Umgang mit architektonischen Medien ist in dieser Kinderausstellung ein breites Erleben und Erfahren angelegt, das im Vergleich mit herkömmlichen Wissensausstellungen hervorsticht. Anhand von Geboren und Willkommen lassen sich daher auch Thesen zur Epistemologie des Museums entfalten, die sich an Karen van den Bergs Bezeichnung des Museums als Kontigenzarena anschließen.

Eine der zentralen Installationen ist eine mit Polstern und seidigen Stoffen ausgekleidete runde Kuppelhöhle. Diese begehbare Gebärmutter haben Kunststudent*innen für die Ausstellung entworfen. Innen ist es dunkel und behaglich, ihre Öffnung wird von einem roten Vorhang geschlossen. Verlässt man die Höhle durch diesen Ausgang, gelangt man in den weiteren Raum. Es eröffnet sich das gesamte Spektrum der verschiedenen Stationen. Doch die Gebärmutter ist nicht der Eingang in die Ausstellung, sondern ein eigener Ort inmitten der anderen. Sie kann sowohl von außen, als auch von innen angeschaut werden. Wie auch für die anderen Installationen gilt hier, dass es den Besucher*innen selbst überlassen wird, wie tief sie sich dem Thema nähern, ob sie es eher informativ oder sensitiv begreifen möchten. Ob sie sich der Ausstellung über Bilder, Filme und Texte nähern, oder im Erkunden von Gängen, Vorhängen, Höhlen und Nischen. Das Raumkonzept gibt keine Reihenfolge vor, in der die Stationen erlaufen werden sollen. So gibt es bereits unterschiedliche Möglichkeiten, die Ausstellung zu betreten. Einen möglichen Eingang bietet ein enger Gang, in dem ein dunkles Pochen wie ein Herzschlag zu hören ist. Diese beiden Stationen – Gang und Gebärmutter – lassen Rückschlüsse auf biologische Prozesse im Zusammenhang der Geburt und Schwangerschaft zu und interpretieren diese in begehbarer Raumform. Wo sich das Geboren-Sein mit dem Geborgen-Sein verbindet, eröffnen sich andere, eher assoziative Räume. Neben einem kleinen Lagerfeuer wird beschrieben, dass die Aboriginies ihre Kinder in Rauch baden, um böse Geister zu vertreiben und um mit den Kräutern des Rauchbads Krankheiten vorzubeugen. Zu dieser Badeinstallation gehört auch eine Badewanne, die mit Linsen gefüllt ist. Jede*r Besucher*in ist eingeladen, sich in die Badewanne zu legen und in den Linsen zu baden. Der Informationsgehalt wandert in dieser Station von einer intellektuellen auf eine sensitive Ebene, denn das Baden in Linsen ist in keiner Kultur Bestandteil eines Geburtsrituals. Anstatt über kulturgeschichtliche Zeremonien zu informieren, wird hier das Gefühl des Badens selbst erzeugt und erfahrbar gemacht. Im Zusammenhang mit den anderen Informationen der Ausstellung eröffnet sich spielerisch ein assoziatives Feld. Auf ähnliche Weise funktioniert auch ein mit bunten Aufklebern beklebter Kühlschrank: Woran merkst du, dass du zu Hause bist? Öffnet man diesen Kühlschrank, ist er nicht mit Lebensmitteln, sondern mit Plüschtieren gefüllt: Zu Hause ist da, wo ich ungefragt an den Kühlschrank gehen kann. Wie die unterschiedlichen Ausstellungsstationen erkennen lassen, vollzieht sich dieses Hin- und Herwandern der verschiedenen informativen Ebenen dank der Vielzahl architektonischer Medien und ihren Möglichkeiten, zur Interaktion und individuellen Aneignung anzuregen. Dabei gilt es als zentrale Leistung dieser Medien, Raum in Operationen zu verwandeln, so die Analyse Wolfgang Schäffners.[1] Durch die als grundsätzlich hervorgehobenen Systeme des Öffnens und Schließens, der Schwellen und Übergänge – wie sie Fenster und Türen ermöglichen -, lassen sich Informationen und Energien bündeln und streuen. Es entstehen Prozesse des Austauschs und der Übertragung. Für Schäffner sind diese Mechanismen nicht allein die Folge des architektonischen Entwurfs, vielmehr lassen sie in ihrem Zusammenspiel ein Gebäude erst als Einheit wahrnehmen und sind somit konstitutiv für jedes Raumkonzept. Gebäude sind daher nicht per se bestehende Entitäten, sondern eigentlich Prozesse, die sich räumlich und zeitlich entfalten.[2] Von hier ist der Weg zur Ausstellung nicht weit. Inhalte und Thesen der Ausstellung sind keine äußerliche Einheit, sondern eine innere Pluralität von verschiedenen Zeigeprozessen, die sich operativ entfalten. Ihr Modus ist immer ein möglicher, aber kein notwendiger. So wie für Schäffner die Kombination aus architektonischen Elementen spezifische Räume bildet, so bildet sich die Ausstellung Geboren und Willkommen im Zusammenspiel der verschiedenen installativen und informativen Elemente und ihrer Angebote, geöffnet und genutzt zu werden. Ob und auf welcher Ebene sie sich eröffnen, hängt von der Auswahl der Besucher*innen ab. Es wird nicht ein auf irgendeine Weise erforschter und aufbereiteter Gegenstand präsentiert, sondern ein lebendiger, energetischer Prozess raumzeitlich nachvollzogen. Geboren und Willkommen erlaubt persönliche Erlebnisse und Aneignungen des dargebotenen Inhalts, dank der Vielzahl der architektonischen Medien und Gesten des Zeigens. Damit entwirft die Ausstellung eine jener Kontingenzarenen, die sich Karen van den Berg in Anbetracht ihrer historischen Überlegungen zu musealen Zeigegesten wünscht.[3] Statt einen einzigen spezifischen Weltbezug zu kultivieren, sollen dort in der Erkundung und Anregung durch die Ausstellung mögliche Welten produziert werden. Dann funktioniert Geboren und Willkommen auch als Paradigma des Ausstellens selbst.

[1] Vgl. Wolfgang Schäffner, „Elemente architektonischer Medien“, in: Lorenz Engell und Bernhard Siegert (Hg.), Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Schwerpunkt Kulturtechnik, 1/2010, S. 137-149.

[2] Ebd., S. 144: „Es ist also nicht ein Gebäude, in das diese Elemente eingefügt werden, sondern es sind diese Elemente, die das Gebäude als solches aus einer Vielzahl von Operationseinheiten bilden.“

[3] Vgl. Karen van den Berg, „Zeigen, Forschen, Kuratieren. Überlegungen zur Epistemologie des Museums“, in: diess. und Hans-Ulrich Gumbrecht (Hg.), Politik des Zeigens, München: Fink 2010, S. 143-168, S. 167.

geboren & willkommen
MACHmit! Museum für Kinder
Senefelderstraße 5
10437 Berlin