Der fett gedruckte Titel „Felsbilder…Kunst der Vorzeit“, der die Glaskästen am Eingang des Martin-Gropius-Baus ziert, lässt den Leser stutzen. Felsbilder? Wie soll das gehen, wenn die prähistorischen Felsbildmalereien von Menschen, die vor 80.000 Jahren gelebt haben, an Fels- und Höhlenwänden fern gelegener Wüsten und Savannen angefertigt wurden? Der Eingang zur Ausstellung gibt mit mehreren großen schwarz-weißen Fotos die Antwort. Hier sind Maler und Kopisten abgebildet, die unter den abenteuerlichsten Bedingungen, in Seilzügen in großer Höhe, auf wackligen Leitern in tiefen Höhlen und im Sand heißer Wüsten, Kopien von den rätselhaften Originalen an den Felswänden anfertigen. Sie alle gehören zum Team um den deutschen Ethnologen Leo Frobenius, der von 1912 – 1938 bei seinen Reisen circa 5.000 Felsbildkopien anfertigen lassen konnte, von denen in Berlin nun einige ausgestellt sind. Wer hier Zeichnungen mit dem mysteriösen Hauch prähistorischer Vergangenheit erwartet, wird beim Betreten des ersten Raumes enttäuscht. Sofort erkennt der Betrachter die vereinzelten Strichmännchen auf den zweidimensionalen Bildflächen als Tuschezeichnungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit dem Verlust des Plastischen ging den nüchternen Kopien auch ein Stück weit ihre auratische Kraft verloren.

Doch die Ausstellung weiß sich zu steigern, wenn man hinter die erste Wand mit Zeichnungen tritt. Hier erstreckt sich ein Gewirr von Männchen, Tieren, Jagdszenen und unerkennbaren anderen Figuren und Wesen in fünfzehn Schritt Länge und sechs Schritt Höhe über die Wand. Bei diesem Figurengewimmel vergisst der Betrachter schnell, dass es sich hier lediglich um eine Kopie handelt und kann sich, ohne einen interpretatorischen Text lesen zu müssen, ganz in den Geschichten und vermeintlichen Botschaften, welche die Zeichnung erzählt oder nicht erzählt, verlieren. Drücken die überdimensionierten Felsbilder das frühe menschliche Bedürfnis nach künstlerischem Schaffen aus? Oder wollten die Felsbildmaler eine Botschaft hinterlassen? Allein durch seine undurchsichtige Größe, Verworrenheit und den Kontrast von Unklarheit und Klarheit kann die Zeichnung das Mysterium seines Originals an den Betrachter herantragen und stellt gleichzeitig, indem es doch eine Kopie ist, die eine, bisher ungeklärte Frage nach dem Zweck des Originals. Diese Frage soll auch weiterhin ungeklärt bleiben.

Von den skizzenhaften Vorzeichnungen bis hin zur vollständigen Kopie der prähistorischen Motive kleiner Pferde, roter Bisons, riesiger Elefanten und wilder Jagden, wird in der Galerielandschaft der nächsten beiden Räume ein neuer Fokus, nämlich auf die entstehungstechnische Seite der Kopien gelegt. Der Geschichte der Kopien folgend transformiert sich die Ausstellung jetzt von der reinen Bildergalerie in eine Wissensausstellung der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Kopien. Ein unscheinbarer Glaskasten, gefüllt mit winzigen ausgeschnittenen Zeitungsartikeln im Zentrum des dritten Raumes offenbart: zu ihrem eigentlichen Entstehungszweck, der Forschung, wurden die Kopien nie verwendet. So ästhetisch die Kopien auch sind, welchen besonderen Zweck erfüllten bzw. erfüllen sie dann?

Das eigentliche Thema und zugleich Inspirationsquelle für die Ausstellung wird erst im letzten Raum enthüllt. Nach der Entstehung durch die Hand der Kopisten und der missglückten Erfüllung ihrer Entstehungszwecke geht es nun um die Wirkung der Kopien innerhalb ihrer Ausstellungsgeschichte selbst. An den Wänden befinden sich die igelartigen Zeichnungen von Menschen, die von den australischen Felsbildern kopiert wurden. In einer Nische zwischen zwei Wänden im Zentrum des Raumes stehen vier Fernseher. Mithilfe von Kopfhörern kann man nun Dokumentationen über die Rezeptionsgeschichte der Felsbilder zurückverfolgen und wird überrascht, wo diese Reise hinführt. Eine völlig neue Bedeutung fanden die Felsbildkopien 1937 in den Museen und Galerien New Yorks und anderer US-amerikanischer Städte, in denen Frobenius sie ausstellen ließ. Alfred Barr, Gründungsdirektor des Museum of Modern Art (MoMA), war sich schon 1937 sicher, dass die Kunst des 20. Jahrhunderts seinerzeit bereits unter dem Einfluss der großen Traditionen der prähistorischen Felsbilder stehe.[1] Ungewollt brachte Frobenius modernen Künstlern mit seinen Felsbildkopien eine neue Inspirationsquelle. Als einen von ihnen möchten die Dokumentationen, die auf den Fernsehern in der Nische laufen, den Künstler Jackson Pollock sehen, dessen große expressive Bilder der 1920er und 1930er Jahre – unter anderem auch im MoMA ausgestellt – weltbekannt sind. Doch leider bleibt der direkte Vergleich der Kunst Pollocks und Anderer mit der prähistorischen Felsbildkunst aus. Das überraschende Finale der Ausstellung bleibt fürs erste im Rahmen der Fernseher gefangen, während außen um die Nische des modernen Mediums herum die Frage nach dem Zweck der Felsbilder und ihrer hundert unentschlüsselten Nachrichten aus grauer Vorzeit im Raum schweben bleibt.

 

[1] Vgl. Werner, Jochen (2016): Kunst der Vorzeit – Kunst der Moderne? Ein Videogespräch mit Karl-Heinz Kohl. Online 01.06.2016. http://blog.berlinerfestspiele.de/kunst-der-vorzeit-kunst-der-moderne/

Felsbilder aus der Sammlung Frobenius. Kunst der Vorzeit.
21. Januar – 16. Mai 2016

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin