Über das Launch-Event >>The Future of the Left<< und die Left Gallery des Künstlers Harm van den Dorpel

Die left gallery ist gelb und öffnete Ende 2015 ihre virtuellen Pforten. Die Galerie produziert und verkauft herunterladbare Objekte bzw. files. Derzeit stehen fünf digitale Arbeiten zum Download bereit, sie können wahlweise mit Kreditkarte, PayPal oder mit der Kryptowährung Bitcoin bezahlt werden. Der Kauf gewährleistet das Eigentum an einer autorisierten Kopie des erworbenen Objekts und ermöglicht ein fünffaches Herunterladen der Arbeit.

Anlässlich von neuen Ausstellungen in der left gallery werden gelegentlich  >>Launch Events<< in Berlin organisiert. Das erste Event dieser Art fand am Freitag, den 13. Mai 2016 in Kooperation des Berliner Ausstellungsraums Yvonne Lambert mit dem Magazin Spike Art Quarterly am Rosa-Luxemburg-Platz statt: >>The Future of the Left<<.
Der niederländische Künstler und Software-Entwickler Harm van den Dorpel, der die  left gallery gemeinsam mit Paloma Rodríguez Carrington entwickelt hat, stand in den Berliner Ausstellungsräumen und verteilte Gado-Gado mit marmorierten Eiern – eine indonesische Spezialität – an die Besucher.
Dieses im Zuge der Kolonialisierung Indonesiens durch die Niederlande nach Europa gebrachte Gericht solle auf die quasi-kolonialen Strukturen des Internets aufmerksam machen und die virtuelle left gallery vereine eine Kritik an diesen eurozentrischen, hegemonialen Strukturen mit einem konzeptionellen Gegenvorschlag. So könne es van den Dorpels Galerie gelingen, die Momente des Internets als jedermann zugänglichem und egalitären Raum hervorzuheben, heißt es sinngemäß auf der Homepage der veranstaltenden Galerie Yvonne Lambert.

Aber ist das überzeugend und gelingt es? Und bleibt es bei dieser Thematisierung?
Van den Dorpels Austellungsraum digitaler Objekte wird dem heterogenen Genre der Post-Internet Art zugeordnet, die von einem unmittelbaren Einfluss des Digitalen auf das künstlerische Selbstverständnis und die damit verbundenen Praktiken der Produktion, Partizipation, Rezeption und Distribution ausgeht. Post-Internet Art beschreibt nicht eine Zeit nach dem Internet, sondern geht von einem Bewusstsein für die Netzwerk-Struktur aus, innerhalb derer künstlerische Gegenstände im Zeitalter des Internets erst entstehen und existieren. Gemeinsamer Nenner der heterogenen Arbeiten, die sich mit der gesellschaftlichen Realität, Identität und Umwelt im Digitalen befassen, ist also die Reaktion auf die bestehende ,,Zentralität des Netzwerks“, die schlussendlich, so die Agenda, eine Redefinition des Kunstbegriffs notwendig macht.
Als Ziel der left gallery, die Arbeiten verschiedener Formate und Medien umfasst, kann man den Anspruch erklären, die einerseits egalitären Netzwerk-Strukturen des Internets für einen künstlerischen Ausstellungsraum fruchtbar zu machen, aber auch einen Kontrapunkt zu den dominierenden ökonomischen Praktiken mittelständischer Galerien zu konstituieren. Van den Dorpels Arbeit versteht sich selbst als Vorschlag für zukünftige und vermeintlich linke Politiken des Kuratierens und Ausstellens im Digitalen.  Und das Left im Titel der Abendveranstaltung, so eine erste mögliche Lesart, würde dann auf ein politisch links ausgerichtetes Arbeiten und Kuratieren hinweisen. Man lässt sich an einem Abend mit einem einmaligen Event und ausgestellten Teasern informieren über die Gegenwärtigkeit einer virtuellen zeitgenössischen Galerie, die mit der Verwendung der Kryptowährung Bitcoin nicht zuletzt die Ambiguitäten von Eigentum im Digitalen thematisiert. Der materielle Raum ist in dieser Interpretation ein Hinweis und ein referentieller Raum; ein Rest des Virtuellen.
Doch der Name des Launch-Events der Internet-Galerie lässt eine Erweiterung dieser Lesart zu. The Future of the Left definiert nicht nur Referenzpunkte zu der virtuellen left gallery, sondern mit dieser Bezeichnung wird gleichermaßen ein Raum der Abwesenheit benannt. Der Titel beschreibt dann die Zukunft einer Galerie, die im Virtuellen ihren Platz hat und einen materiellen Raum der abwesenden Objekte hinterlässt.
Es ist nun gerade dieser hinterlassene Raum, der in der Infrastruktur von van den Dorpels Arbeit interessant ist. Eine soziale Realität des Digitalen zeigt sich, die mit den singulären Launch-Events einen Raum der Öffnung produziert. Erst durch den Umzug der Kunst in den virtuellen Raum kann sich diese Öffnung vollziehen.
Und es werden mit dieser Bewegung neue Praktiken möglich; im Fall der Arbeit von van den Dorpel bedeutet das Essen und Sprechen. Die Choreographie aus simplen Tätigkeiten, die zugleich ein performatives und selbstironisches Moment für den Galerieraum parat hält, verringert die Hemmschwelle und erleichtert so den Zugang zu der Welt der Kunst. Es ließe sich also sagen, dass gerade durch die Abwesenheit der Objekte und durch die virtuelle Rahmung eine Übertragung der egalitären und unmittelbaren Momente des Internets in den physischen Raum stattfindet: Essen und Sprechen kann jeder.
Diese Abwesenheit der vollständigen und zum Verkauf stehenden Arbeiten schenkt uns hier mit der Marginalisierung der ökonomischen Komponente eine Freiheit, die sich in dem virtuellen Raum wiederfindet und das Potential für eine neue subjektive Rezeption parat hält.
Van den Dorpels Gegenvorschlag fordert, das egalitäre Moment des Digitalen in den physischen Raum zu holen. So produziert die Kombination aus left gallery und dem zugehörigen Launch-Event letztlich keinen Dualismus, sondern das Potential für Präsenzen des Sprechens und der Extraktion des Digitalen aus dem materiellen Ausstellungsraum unter ständigem Rückbezug auf das Wesen des (vermeintlich) jedermann zugänglichem und omnipräsenten virtuellen Raumes.

Das Event >>The Future of the Left<< fand am 13.Mai 2016 in der Galerie Yvonne Lambert in der Rosa-Luxemburg-Straße 45, 10178 Berlin, statt.
Die left gallery ist 24/7 geöffnet und unter https://left.gallery zugänglich.