„Wir kennen von jenen Tieren eben nur die Fährten und wer möchte daher wagen, zu ihnen ein ‚Phantasietier‘ zu konstruieren (…)“[1]
Wilhelm Pabst (1903)

Mit diesem Zitat werden die BesucherInnen, die die Ausstellung OROBATES. Nach 300 Millionen Jahren reanimiert im Medusensaal des Phyletischen Museums der Universität Jena betreten, empfangen. Es stammt von Wilhelm Pabst (1856-1908), einem Gothaer Lehrer und Naturforscher, der an den ersten Erkundungen der Fossilfundstelle „Bromacker“ im mittleren Thüringer Wald beteiligt war. Dort wurden 1898 auch die versteinerten Fußspuren einer vor 300 Millionen Jahren ausgestorbenen Urechse entdeckt, die nun in Form einer Fährtenplatte dem Zitat angegliedert ist.

Hundert Jahre später konnte bei erneuten Grabungen ein Skelettfossil der Saurier-Gattung freigelegt werden. Es handelt sich dabei um Orobates pabsti, ein vierfüßiges Landwirbeltier, benannt nach dem eingangs zitierten Wilhelm Pabst.

Fährtenplatte und Fossil gehören zu den bedeutendsten Funden der zurückliegenden Grabungen und bilden in ihrer Kombination ein seltenes Artefakt für die Erforschung der Fortbewegung des ausgestorbenen Ursauriers und seiner Rekonstruktion. So stellen beide Funde auch den Ausgangspunkt für ein mehrjähriges Forschungsprojekt eines interdisziplinären Teams dar.

Unter dem Titel OROBATES. Nach 300 Millionen Jahren reanimiert präsentiert die Sonderausstellung nicht nur die Ergebnisse dieser Forschung, sondern rückt vielmehr die Arbeitsprozesse und Methoden des Forschungsprozesses in den Fokus. Die Ausstellung wurde von Studierenden der Humboldt-Universität zu Berlin und der Bauhaus-Universität Weimar kuratiert und wird noch bis zum 21. August im Phyletischen Museum zu sehen sein, bevor OROBATES in das Tieranatomische Theater Berlin wandert.

In dem sogenannten Medusensaal der Ausstellung befinden sich insgesamt acht historische Vitrinen, die jeweils eine Größe von etwa zwei Metern in der Höhe, drei Metern Länge und einem Meter in der Tiefe besitzen. Durch ihre parallele Anordnung entsteht der Eindruck eines klar strukturierten Raums. Beim Betreten der Ausstellung fallen zudem die farbigen Deckengemälde von Medusendarstellungen auf, die sich jeweils über den Vitrinen befinden. Sie stehen im Gegensatz zur Gestaltung der acht Vitrinen, die vor allem durch ihre besondere Beleuchtung geprägt ist. Weiße Neonröhren sind in unterschiedlichen Positionen aufgehängt, sie scheinen frei zu schweben. Ihr weißes, helles Licht leuchtet die Vitrine komplett aus, ohne jedoch einzelne Exponate besonders hervorzuheben.

Die zentrale Fragestellung der Ausstellung lautet: Wie kann man die Bewegung eines Tieres erforschen, das vor 300 Millionen Jahren gelebt hat? OROBATES dokumentiert den Forschungsprozess, der zur Rekonstruktion des Orobates‘ und seiner Fortbewegung von Bedeutung ist. Es wurde gesammelt, freigelegt, kombiniert, skaliert, vermessen, digitalisiert, ausgewertet, gebaut und geprüft. So sind auch die einzelnen Themenbereiche der Vitrinen durch Überschriften betitelt, die die jeweiligen Forschungsschritte aufgreifen. Es lässt sich eine Chronologie und Ausstellungserzählung erkennen, die die BesucherInnen ähnlich eines Rundgangs durch den Raum leitet.

Die ersten zwei Vitrinen mit den Titeln Finden & Sammeln und Freilegen & Abbilden zeichnen beispielsweise die Fundgeschichte und „Objektbiografie“ des Fossils nach. Die Schwierigkeit, eine Zeitspanne von mehr als 300 Millionen Jahren in nur einer Vitrine darzustellen, wird zunächst durch einen einfach zu verstehenden Zeitstrahl und Informationstext gelöst. Die Gestaltung der Vitrinen zeichnet sich jedoch besonders durch seine Exponate aus, die wider Erwarten nicht nur aus typisch naturkundlichen Objekten – wie dem im Gestein eingeschlossenen Fossil, Grafiken und Diagrammen – besteht, sondern auch kuriose Objekte beinhaltet, wie einen großen Haufen originaler Bromacker-Erde, einen Transportkoffer des Fossils sowie einen Stapel Reisedokumente. Sie bilden ein klares Gegengewicht zu den gängigen Vermittlungsobjekten eines naturwissenschaftlichen Museums, werden aber aufgrund ihrer Anordnung, Beschriftung und der eingangs beschriebenen Belichtung in der Vitrine als gleichberechtigte Exponate wahrgenommen. Sie stehen somit stellvertretend für die Objekte der Informationsvermittlung und fungieren als Bedeutungsträger. Ein Prinzip, das auch in weiteren Modulen der Ausstellung umgesetzt wurde und die Entscheidung der KuratorInnen verdeutlicht, durch eine ungewöhnliche Konstellation von Objekten, Texten und Gestaltung, neue Perspektiven auf Wissenschaft zu eröffnen, die nicht nur Antworten präsentieren, sondern auch Fragen anregen.

Es lässt sich erkennen, dass OROBATES in seiner Ausstellungserzählung einen detaillierten und vielschichtigen Bogen spannt zwischen einem uralten Fossil und neuester Technik. Im Gegensatz zu den klassischen Bereichen eines naturkundlichen Forschungsmuseums Sammeln – Forschen – Ausstellen, dem sich auch das Phyletische Museum widmet, setzt die Ausstellung inmitten dieser Arbeitsprozesse zeitgenössischer Naturwissenschaft ein und macht sie für die BesucherInnen transparent.

Ein inszenierter „Arbeitsplatz“, der sich in der hinteren Mitte des Raums befindet, versammelt Objekte und Bilder, die der Zusammenarbeit von BiologInnen und IllustratorInnen zugrunde lagen und aus dieser entstanden sind. In seiner Gestaltung erinnert er an ein naturwissenschaftliches Diorama, das in diesem Fall als das „natürliche Arbeitsmilieu der ForscherInnen“ bezeichnet werden könnte. Das Objektensemble besteht unter anderem aus einem Taschentuch und einer Kekspackung, die wie die anderen Exponate mit einer kurzen Beschriftung versehen sind und trotz ihrer Trivialität als beglaubigende „Zeugen“ dieses Arbeitsprozesses inszeniert werden. Zudem werden originale Video- und Audiomitschnitte der Kooperation eingespielt, die die intensiven Aushandlungsprozesse, die den späteren Ergebnissen vorangegangen sind, dokumentieren. Den BesucherInnen werden auf diese Weise auch die Potentiale und Hürden der interdisziplinären Forschung ins Bewusstsein gerufen. Es wird auf die Schnittstelle zwischen Biologie und Illustration aufmerksam gemacht, in der verschiedenes Know-how aufeinandertrifft und durch die unterschiedlichen Perspektiven Wissen generiert.

Dies muss jedoch nicht immer durch Objekte passieren, sondern kann auch durch Texte funktionieren. So sind eine weitere gestalterische Besonderheit, die sich konsequent durch die Ausstellung zieht, Zitate, die in großer, weißer Schrift an die Vitrinenfenster geklebt sind. Sie stammen von den unterschiedlichen AkteurInnen, die an der Erforschung des „Ursauriers“ beteiligt waren. Interessanterweise kommen jedoch nicht nur ExpertInnen, wie GeologInnen oder EvolutionsbiologInnen zu Wort, sondern auch eine Tierpflegerin und eine Studentische Hilfskraft. Sie verweisen deutlich auf die Vielstimmigkeit dieser interdisziplinären Forschung und die verschiedenen Perspektiven, die in den Arbeitsprozess involviert sind, jedoch oft im Hintergrund bleiben.

Höhepunkt der Ausstellung ist eine interaktive, virtuelle Animation des Orobates pabsti, die die BesucherInnen selbst bedienen können. Über Regler können drei Parameter des Bewegungsablaufs beeinflusst werden und übertragen sich direkt auf das virtuelle Modell, während es sich in der Fährte fortbewegt. Auf den ersten Blick scheint dies die durch den Titel suggerierte Erwartung zu erfüllen, dass der „Ursaurier“ durch Menschenhand „reanimiert“, wieder zum Leben erweckt beziehungsweise zum Laufen gebracht wird. Vielmehr deutet die letzte Vitrine der Ausstellung jedoch auch auf die Grenzen der Forschung hin. Im spielerischen Austesten der BesucherInnen wird der hypothetische und subjektive Charakter der Rekonstruktion ins Bewusstsein gerückt.

Insgesamt zeichnet sich OROBATES. Nach 300 Millionen Jahren reanimiert besonders dadurch aus, dass auf eine reine Präsentation, die den Fokus auf die einmaligen Originale legt – in diesem Fall die zwei spektakulären Funde – oder auf eine elitäre Wissensvermittlung in Form der Forschungsergebnisse, verzichtet wird. Die Sonderausstellung verdeutlicht zudem die interdisziplinäre und subjektive Gestalt der Forschung, indem sie durch Texte und Objekte auf die unterschiedlichen AkteurInnen des Forschungsprojekts verweist. Auf diese Weise evoziert OROBATES einen dynamischen Prozess, der dazu anregt, das eigene Wissen zu hinterfragen, zu entdecken und weiterzudenken.

 

[1] Pabst, Wilhelm (1903): Die fossilen Tierfährten aus dem Rotliegenden Thüringens im Herzoglichen Museum zu Gotha. Ein Führer durch ihre Sammlung. Gotha: Perthes, S. 5 f.


 

OROBATES. Nach 300 Millionen Jahren reanimiert.
16. April 2016 – 21. August 2016

Phyletisches Museum
Vor dem Neutor 1
07743 Jena
www.phyletisches-museum.uni-jena.de