Die Ausstellung am Haus der Kulturen der Welt trägt den Titel „Nervöse Systeme“ – „Nervous Systems“ zu Englisch. Eine interessante Doppeldeutigkeit, die das zentrale Nervensystem mit einem nur allzu bekannten Gefühl in Verbindung bringt. Nervosität. Dieses unruhige Flattern im Bauch. Heiße Wellen lässt es im Innern pulsieren, keine Chance auf die erlösende Stille, keine Möglichkeit zur Versenkung in die eigene Innerlichkeit. Die Nervosität treibt an die Oberfläche. Sie lässt keine Tiefe zu, keine konzentrierte Arbeit, sondern fesselt, wen sie erfasst, in einen Zustand der Unentscheidbarkeit. Ein Zustand, der trennt von dem, was bekannt war und stattdessen die geläufigen Codes der Entscheidungsfindung zum Oszillieren und unentschlossenen Hin- und Herpendeln bringt.

Die rechteckige Ausstellungshalle ist in regelmäßigen Abständen von deckenhohen Stangen durchstoßen. Sie bilden ein Netzwerk, wobei jede Stange Informationen darstellt, zwischen denen sich in zickzack-artiger Weise die Laufwege der Besucher verwirren. Zur einen Seite hin nimmt das Licht zunehmend ab, sodass die Wand der kurzen Seite sich in düsterem Zwielicht befindet. Umgeben vom Dickicht der Technologie, von ihren, den unvollkommenen Bewegungen unserer Körper fremd anmutenden, rigiden Strukturen beginnen die Grenzen zwischen sich selbst erhaltendem Leben und der Technologie in diesem dunklen Bereich der Ausstellung zunehmend zu verschwimmen. Aus dem Ursprung höchster Unbestimmtheit, höchster Verwirrung beginnt die Bewegung durch den Ausstellungsraum als ein Zittern, eine der Nervosität entspringende Erkundung der fremden Strukturen. Es folgen einige Impulse und Überlegungen, die diese Reise anregen konnte.

Das technische System ist heute zur „black box“ geworden. Input und Output sind meist bewusst, denn Technik wird im Hinblick auf ihre Nützlichkeit wahrgenommen, im Hinblick auf ihren Output und den notwendigen Input, den sie dafür fordert. Was dazwischen geschieht, prozessiert im Dunkeln, versteckt sich vor dem Zugriff ihrer Nutzer, indem es andere Sprachen spricht. Dies stimmt unruhig. „GPS-Standort-Zugriff erforderlich“, „Zugriff auf Kontaktdaten erlauben?“, „Darf Facebook auf ihre Bilder zugreifen?“ – die Interfaces, die vermitteln wollen, scheinen über die Unwissenheit ihrer Nutzer mit solchen nüchternen Abfragen zu spötteln. Wird die Abfrage verweigert, ist die Anwendung unbrauchbar. Bleibt oft nichts anderes übrig, als aus dieser Situation der Unwissenheit ein kollektives Misstrauen gegenüber jeglicher undurchschaubarer Technik zu entwickeln?

Historisch betrachtet ist diese Entwicklung nicht wirklich neu. Seitdem es mittels der Dynamik nach Newton und dem damit verbundenem Erfolg von Physik und klassischer Mechanik der Wissenschaft vergönnt ist, der irdischen Natur ihre Gesetzmäßigkeiten zu entziehen, steigt die Komplexität der gebauten Maschinen. Ihr Inneres – der souveräne Mechanismus – wird versteckt und der Betrachter ist begeistert und zugleich beunruhigt von den gleichmäßig in Gang gesetzten Prozessen. In der Staatsform des Absolutismus spiegeln sich diese neuen Fähigkeiten der Mechanik: Ein Herrscher versteckt seine souveräne Macht hinter aller Art Prunk und Dekor, während der brutale Mechanismus hinter den Kulissen kalkuliert und abwägt, wie die Massen am besten zu lenken seien. Es ist genau diese Invisibilität, die dem System seine besondere Macht verleiht und den Beherrschten jegliche Chance verweigert, in den Mechanismus Einsicht zu gewinnen. Stupor – das Staunen der Dummen – ist die Reaktion der Massen auf diese Entwicklung und fesselt sie in ignoranter Paralyse.

Neue Entwicklungen steigern diese Unsichtbarkeit. Die große Halle der Ausstellung übersetzt gewissermaßen das Internet in eine begehbare Erfahrung, nimmt dem User die Maus aus der Hand und lässt ihn stattdessen mit den Füßen klicken. Anstrengend ist das nicht, denn die Tabs liegen dicht nebeneinander, die Hyperlinks funktionieren alle und die Flash-Plugins spielen flüssiges HD auf großen Monitoren. Von Stange zu Stange geht der Weg durch die Information. Hier ein historischer Abriss über die technische Aufzeichnung und Analyse menschlicher Bewegung, dort ein Video, das die New Yorker Straßenfluchten mit Impressionen aus dem Serverraum parallelisiert – das technische System hat erstaunlich viele Möglichkeiten herausgebildet, sich an andere Systeme anzuschmiegen. Auf einem schwarzen Glastisch wird die Geschichte lernender Algorithmen und deren Signifikanz in der Finanzwelt vorgestellt. Algorithmen werden komplexer und beginnen, das Meer der Daten auf eine Weise zu durchkämmen, das ihnen mit der Zeit zunehmend genauere Prognosen erlaubt. Das allopoietische System lernt und erinnert und wird damit zunehmend zu einem vollwertigen Interaktionspartner, dessen Sprache dem Menschen sehr fremd ist.

Funktionale Differenzierung, die Herausbildung verschiedener Subsysteme, die die Situation unüberschaubar gestaltet und beschleunigt, macht heute vielen Menschen Angst. Was aber ist zu tun? Evolution bremsen? Entschleunigen wo es nur geht? Der Nervosität nachgeben und einfach aussteigen, den Stecker ziehen? Einer alten Gesellschaftsform in Nostalgie nachhängen, die „so schön einfach“ war? Niklas Luhmann, einer der größten Theoretiker von Systemen, wagte einen Gegenvorschlag:

Die Antwort kann nur in dieser Gesellschaft selbst gefunden werden, zum Beispiel in ihrer Fähigkeit, Tempo auszuhalten, für Ausfälle Ersatz zu finden, Reserven für Unvorhergesehenes zu kapitalisieren und vor allem: mit diesen Erfordernissen sozialisierend zu wirken und die Bewußtseinssysteme der Menschen mit diesen Gegebenheiten vertraut zu machen. Denn es ist nur allzu verständlich, wenn Menschen, die in langer Kultur anderes gewohnt waren, unter solchen Bedingungen nervös werden.
(Niklas Luhmann, Gesellschaft der Gesellschaft)

Wer nur staunend zusieht, schöpft seine Unbesorgtheit aus Ignoranz. Dolmetscher werden also benötigt, um mit der „black box“ der Technologie umgehen zu können und gleichzeitig einen zufriedenstellenden Grad an Selbstbestimmtheit zu schaffen. Eine „white box“ muss her, die eine Ebene der Transparenz installiert und eine gewisse Sicherheit verschaffen kann im Hinblick auf die Möglichkeiten der Interaktion mit dem technischen System. Der sogenannte „Whiteroom“ am anderen Ende des rechteckigen Ausstellungsraumess scheint diese Transparenz in Szene zu setzen. Blendend weißes Licht erzählt von wohlwollenden Techniken der Überwachung, von Software, die auf verschiedene Weise das Leben erleichtert. Ausgelassene Entwickler parodieren die Start-up Branche und Ai Weiweis Plüschpanda, gestopft mit geschredderten Geheimakten, hat es sich auf seinem Platz bequem gemacht. Hinter einem weißen Tresen, einer Art Bar, an der Tablets und Laptops verschiedene Informationen graphisch ansprechend vermitteln, stehen Personen in Weiß. Die Schergen dieser unbeschwerten Frontseite der Technik. Eine Frau erklärt, wie ein parasitäres Gerät, das vor einen Router geschaltet wird, es ermöglicht, die Schlagzeilen bekannter Nachrichtenseiten zu manipulieren. Interessant! Ein Blick nach rechts offenbart den düsteren Ausstellungsraum mit seiner rigiden Stangenstrukturen, seinen dreieckigen Knotenpunkten. Ganz hinten, das dunkle Ende. Von hier aus können seine Konturen schon nicht mehr klar ausgemacht werden. Das ist gut so. Der „Whiteroom“ funktioniert.

Plötzlich Rauschen. Lärm durchbricht die Versenkung in der inszenierten Transparenz, gerade als es dort gemütlich wurde. Durch die Eingangstüren strömen in kurzer Zeit an die hundert Leute in die Halle. Sie bilden Grüppchen, spalten sich ab, bevölkern zeitweise die ein oder andere Stange, stoßen sich, prallen voneinander ab, verbreiten ein Gewirr von Stimmen, verteilen sich ziellos und ohne System aus. Es scheint, als ob eine neue Logik den Raum strukturiert und die Statik aufweicht. Bei diesem Anblick macht sich eine leise Genugtuung breit.

Nervöse Systeme
11. März bis 09. Mai 2016

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
www.hkw.de