Wohnen in der Strahlenkälte beschäftigt sich mit der Darstellung des Unsichtbaren. Die Galerie Delmes & Zander präsentiert das autonome und umfangreiche Werk des verstorbenen Horst Ademeit (1937-2010) in einer Fotoausstellung mit rund 500 Polaroids aus dem mehrere tausend Bilder umfassenden Archiv des Künstlers. Die Ausstellung ist vom 29. April bis zum 23. Juli 2016 für das Publikum offen.

Horst Ademeit hat in über 20 Jahren ein sehr komplexes fotografisches Werk geschaffen. Vor allem widmete sich der Künstler der Dokumentation der von ihm so genannten „Kaltstrahlen“ – unsichtbaren Kräfte, von denen er annahm, dass sie sein Leben und sein Umfeld beeinflussten und schwer beschädigten. Sein Werk ist ein chronologisches Tagesbuch aus Observations- und Tagesbildern und handschriftlich ergänzten Kommentaren, Notizen und Beobachtungen.

Es gehörte zum integralen Teil seiner Realität, dass er von unsichtbaren Strahlen (elektromagnetischen, Röntgen- , Kältestrahlen, etc.) beeinflusst wurde. Laut Ademeit lässt sich eine solche Einstrahlung durch Merkwürdigkeiten in äußeren Rahmen (z.B. Verschimmeln des Essens, Hautausschlägen) ergreifen.

Bei der Visualisierung der mysteriösen Kräfte spielt die Sehnsucht nach greifbaren Zeugnissen physischen Daseins eine entscheidende Rolle. Die unsichtbaren Einflüsse wurden abgemessen und abgeformt. Ademeit hat angefangen diesen mit fotografischen Mitteln entgegenzutreten und seine eigene Wirklichkeit diesen Numinosen entgegenzusetzen, um die Strahlen zu dokumentieren.

Die Wände der zwei kleinen Räume sind mit Polaroids tapeziert, auf den Tischen mitten der Zimmer befinden sich die Tagebücher mit minutiösen Beschreibungen des Tagesgeschehens. Die kleine und unklare Handschrift des Künstlers kann man kaum lesen, die Schilder daneben bieten keine Erklärung an, sie datieren einfach die Fotos und Schriften. Die Fotosammlung an sich erzählt keine bündige Geschichte, nur Ademeits bizarre Obsession ins Spiel kommt, ergibt sich ein Zusammenhang.

Ademeit versuchte seine Realität mit Fotos zu protokollieren. Über 15 Jahre hinweg wurde täglich ein Foto gemacht, auf dem er Ausschnitte aus den aktuellen Zeitungen, Messgeräte, Lebensmittel und Briefe arrangiert hat. Zusätzlich zu jedem Bild wurde noch ein Text eingesetzt. Auf dem weißen Bildrand des Polaroids oder separaten Textblättern ergänzte der Künstler in Mikroschrift Nachrichten, Meldungen, Messergebnisse und persönliche Beobachtungen. So wird in jedem einzelnen Tagesbild ein ganz dichtes Universum geschaffen: Ademeit hält jeden Zustand visuell fest, und verknüpft eine subjektive Einschätzung der sichtbaren Szenerie mit Beschreibung von Gerüchen und Geräuschen mit den Ereignissen aus dem Weltgeschehen, welche er in den Zeitungen fand oder dem Radio entnahm.

Dazu kommen noch so genannte Observationsbilder, welche die Belastung durch die Strahlen in seinem direkten privaten Umfeld dokumentieren. Vom eigenen Körper über die Wohnräume, den Garten und den Keller bis zu Baustellen, verlassenen Fahrrädern, Sperrmüll, bestimmten Autos, die sehr lang auf dem gleichen Parkplatz standen, versuchte Ademeit jede Auffälligkeit fotografisch festzuhalten. Zu jedem Foto fügte er wieder seine Kommentare hinzu. Durch diese textliche Ergänzung sichert sich jedes Foto eine zeitliche Dimension. Die Ausstellungsbesucher machen sich im Endeffekt mit Hilfe eines Polaroidfotos mit einer ganzen Geschichte vertraut, die über Wochen hinweg akribisch vermerkt wurde und durch die Notizen eine quasi filmische Qualität bekommt.

Ademeits komplexes wissenschaftliches Referenzsystem besteht auch aus aufgezeichneten Fakten und Daten. Um die Wirkungskraft der Kältestrahlen präzise berechnen zu können, bringt der Künstler ein Arsenal an Messegeräte wie Thermometer, Geigerzähler, Kompasse, Luxmeter und Feuchtigkeitsmessgeräte ins Spiel. Temperaturschwankung war für ihn ganz wichtig –  alles, was auf Kälte und Wärme reagiert, wurde vermessen. Das Verhalten von Haustieren, Fruchtfliegen und Schildkröten wurde protokolliert und aufgezeichnet. Dokumentiert wurde beispielsweise, ob die Schildkröten das neue Heim im Garten für sich annehmen können oder ob die Spinnen durch den Wechsel von einer Zimmerecke in die andere eine auffällige Aktivität aufweisen. In Ademeits Welt gibt es nichts Triviales.

Die Bestandsaufnahme intendiert keineswegs, die Existenz von Kältestrahlen zu beweisen; für Ademeit steht diese Präsenz nicht in Frage. Die Notwendigkeit solcher Lebensdokumentierung erfordert zwangsläufig Routine, die seinen gesamten Tagesablauf bestimmte.

Interessanteweise wurde das Ausstellungsmaterial ursprünglich weder als ein künstlerisches Projekt konzipiert noch für ein Publikum gedacht. Kompiliert seit über 20 Jahren wurden die Bilder und Notizen ausschließlich für private Zwecke genommen.

Wohnen in der Strahlenkälte überrumpelt mit ihren zahlreichen Gegenstücken. Die Fotos manifestieren ein komplexes Archiv alltäglicher Informationen. Innerhalb dieses durchdachten Systems drückt jedes Stück Ademeits Streben aus, seinen Platz und seine Zeit gründlich zu untersuchen und zu dechiffrieren. Sie erzählen eine persönliche Geschichte der Suche nach Ordnung in einer chaotischen Welt. Durch die Seine Versammlung ausgesuchter Fragmente in Fotografie, Texten und Vermessungen bündelt nicht nur das Unsichtbare, sondern formt Elemente einer Kommunikation mit Räumen und Zeiten.

Wohnen in der Strahlenkälte
29. April bis 23. Juli 2016

Delmes & Zander
Rosa-Luxemburg Str. 37
10119 Berlin
www.delmes-zander.de