Zwischen Faszination und Ekel hin- und hergerissen bewegen sich die BesucherInnen des Naturkundemuseums um einen gigantischen Glaskasten. Er befindet sich in einem von der allgemeinen Ausstellungsfläche separaten Raum. Kalt und düster ist es hier. Ein leicht süßlicher Geruch liegt in der Luft. Die Wände sind dunkel wie die Untiefen des Meeres. Nur einzelne Lichtquellen im Inneren des Glaskastens geben Orientierung und lassen die aufgestellten Objekte in kunstvollem Licht erscheinen.

„Iiiiihhh, was ist das denn?“ ertönt es aus der einen Ecke, „Wow, schau mal ein Hammerhai, wie cool!“ aus der anderen. Hier ist also die Nasssammlung des Museums, oder zumindest ein kleiner Teil davon. Denn wie die Wissbegierigen vor dem Durchschreiten der Glastür zum Ausstellungsbereich erfahren, werden Insekten, Spinnen, Würmer, Krebse, Schnecken und Echsen in insgesamt 233.000 gläsernen Behältern aufbewahrt. Den sogenannten „Archiven des Lebens“ stehen 12,6 km Regallänge in dem kompletten Seitenflügel des Museums bereit. Für die BesucherInnen zugänglich ist von der Nasssammlung also nur der untere Teil, der mit den Fischen, 133.490 Exemplare.

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In dem eingebauten gläsernen Kubus sind von der Decke bis zum Boden gut sortiert scheinbar unzählige große und kleine Gläser aufgestellt. Manchmal klebt auch ein vergilbtes Etikett darauf oder es schwimmt ein verblichenes Papier in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Wer sich schon mal mit der Ichthyologie (gr. Ichthyos = Fisch, logos = Kunde) beschäftigt hat, dem werden die Beschriftungen auch Auskunft über den Inhalt der Behältnisse geben können. „Chimaera monstrosa“, „Lepidosiren paradoxa“, „Ammodytidae“. Dem Laien hingegen sagen die lateinischen Bezeichnungen wahrscheinlich sehr wenig.

Es wird deutlich, dass dieser Ausstellungsbereich mit den unförmigen bleichen Wesen in den gläsernen Zylindern einen besonderen Raum markiert, der sich vom Rest der Ausstellung abhebt. Dieses nach modernsten Konservierungsmethoden errichtete Glashaus soll die BesucherInnen zu allererst zum Staunen bringen und dann zum Nachdenken. Durch diese Präsentationsform wird eine bestimmte Geste des Zeigens deutlich, die den Raum und die darin aufbewahrte Ichthyologie-Sammlung erst auf den zweiten Blick zum Ort der Erkenntnis werden lässt. „[A]uch Bilder und Objektarrangements haben das Potenzial, Geschichten zu erzählen“.[1] So werden den BesucherInnen weder detaillierte Informationen über die ausgestellten Fischarten vermittelt, noch soll ihnen die Artenvielfalt in globalen Gewässern verdeutlicht werden. An dieser Stelle und in dieser Form dient die Sammlung der Darbietung eines wissenschaftshistorischen Interesses, als Ansammlung von Epistemologica, die heute für die Erforschung der Biodiversität wieder enorm bedeutungsvoll werden. Erst durch die Umordnung der Objekte werden Aspekte zum Vorschein gebracht, die sonst im Hintergrund und vielleicht unbeachtet geblieben wären. „Es wird auf diese Weise Sinn in sie investiert, sie werden durch Umstellung zu epistemischen Objekten, zu Erkenntnisdingen“.[2] Zugleich wird aber den neugierigen BetrachterInnen ein Bild präsentiert, welches über diese rein wissenschaftliche Ebene hinausgeht. Die sinnliche Erfahrung und eigene Fantasie sorgt dafür, dass die Objekte der Betrachtung, die bereits ihren natürlichen Zusammenhängen entzogen wurden, ein weiteres Mal einen Bedeutungswandel erfahren.

Dieser Neukontextualisierung des eigenen Wissens begegnen die BesucherInnen immer wieder. Bereits zu Beginn des Museumsrundgangs werden einzelne Nasspräparate in Zusammenhang mit der Unterwasserwelt präsentiert. Im Raum „System Erde“ fallen sofort die drei hohen Glaszylinder mit den Lungenfischen ins Auge. Da schwimmen sie in ihrer Alkohollösung, diese unscheinbar wirkenden Fische. Weil es diese recht merkwürdig anmutenden Tiere bereits seit ca. 400 Millionen Jahren gibt, werden sie auch als „lebende Fossilien“ bezeichnet. Das Besondere und absolut Faszinierende an den „Fleischflossern“ ist die Fähigkeit zur Lungenatmung. Wenn beispielsweise zur Trockenzeit das Wasser knapp wird, können manche Arten überleben, indem sie sich im Schlamm einbuddeln – eine Besonderheit, die es ihnen ermöglicht, bei extremen Umweltveränderungen ihr Überleben zu sichern. Den Lungenfischen wird außerdem ein besonderer Status zugewiesen, weil ihr innerer Aufbau dem von landlebenden Wirbeltieren extrem ähnlich ist. Sie scheinen stumme Zeugen einer Wandlung zu sein. Eine Wandlung, die den Übergang von wasser- zu landlebenden Wirbeltieren markiert. Doch hier im Museum liegen sie leblos in ihren kunstvoll beleuchteten Behältern; wie die toten Zeichen einer ungekannten Vorzeit.

Aller Erwartung zum Trotz machen die BetrachterInnen im Verlauf der Ausstellung Bekanntschaft mit einem nicht unbedingt lebendigen, aber zumindest lebenden „Lebenden Fossil“. Der Lungenfisch liegt steif in seinem Aquarium auf dem kieseligen Boden. Aus der Nähe betrachtet, geht eine Millionen Jahre alte Ruhe und Gelassenheit von ihm aus, unbekümmert von dem, was um ihn herum passiert. Tagein tagaus, Tausende von Besuchern, die an seine Behausung klopfen. Und plötzlich bewegt er sich, schlängelt sich elegant von der einen Seite zur anderen, um nach kürzester Zeit wieder in eine reglose Starre zu verfallen. Auf erschreckende und makabre Weise erinnert der Lungenfisch an die zuvor betrachteten Nasspräparate. Wie ein Stein liegt er da in seinem bernsteinfarbenen Wasser.

Weitzel_3_lungenfisch-973x688Der Drang wird geweckt, noch einmal die Ichthyologie-Sammlung mit ihrer szenischen und bewusst ästhetisch aufgeladenen Darbietung aufzusuchen. Der Ort des Zeigens, der Erfahrung und der Erkenntnis. Fasziniert und neugierig bewegen sich die BesucherInnen an der Glasscheibe entlang und betrachten die in Alkohol und Wasser eingelegten Tiere. „Was ist das wohl für ein Fisch?“, „War das überhaupt mal ein Fisch?“. Eine Flosse, ein Auge, das Maul. Doch im nächsten Moment wird aus dem Wassertier ein Fabelwesen mit spitzen Zähnen und riesigen Glubschaugen. Die Fantasie wird angeregt und ein leichter Schauer fährt in die Glieder. Schnell weiter. Der Blick wandert von den toten vernebelten Fischaugen in die neugierigen und zugleich erschrockenen Gesichter der BesucherInnen. Zwischen Faszination und Ekel, zwischen Ahnungslosigkeit und Erkenntnis bewegen sie sich um den gläsernen Kubus.

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[1] Muttenthaler, Roswitha; Wonisch, Regina (2006): Gesten des Zeigens. Zur Repräsentation von Gender und Race in Ausstellungen, Bielefeld, S. 35.

[2] Rheinberger, Hans-Jörg: Epistemologica: Präparate, in: te Heesen, Anke; Lutz, Petra (Hg.): Dingwelten. Das Museum als Erkenntnisort, S. 65.

 

 

 

Dauerausstellung Ichthyologie-Sammlung

Museum für Naturkunde
Invalidenstr. 43
10115 Berlin
www.naturkundemuseum.berlin