„Du hast den Streit doch angezettelt!“ – Solche Vorwürfe sind in zwischenmenschlichen Konfliktsituationen häufig zu hören. Sogar interkulturelle Querelen werden zum Teil tatsächlich über Zettel in Miniaturformat respektive Aufkleber und Briefmarken ausgetragen. Bis zum 31. Juli werden in der Sonderausstellung „Angezettelt“ im Deutschen Historischen Museum Berlin solche Klebezettel und Sticker mit rassistischen und vor allem antisemitischen Botschaften aus der Zeit von 1880 bis heute ausgestellt, kommentiert und interpretiert.

Dabei scheint sich die Ausstellung in ihrem medialen Konzept der Überwindung ausschließender gesellschaftlicher Prozesse verschrieben zu haben, wie schon in einem Video zur Beginn der Ausstellung, in der das architektonische Konzept erläutert wird, deutlich wird. In jedem der Themenräume ist eine sogenannte „Inklusive Kommunikationsstation“ installiert, auf der über der deutschen Version des Informationstexts zum jeweiligen Bereich der Ausstellung der Kommentar noch einmal in Brailleschrift eingearbeitet ist. Damit eröffnet sich sehbeeinträchtigen Personen überhaupt erst ein Zugang zu den Exponaten und vor allem die Möglichkeit, in irgendeiner Art und Weise am öffentlichen Protest durch Aufkleber mit politischen Statements teilzunehmen. Zudem sind in die Stellwände, die die Themenräume voneinander trennen, Monitore eingelassen, auf denen die Informationen noch einmal in Gebärdensprache dargeboten werden – auch diesen Service leistet nicht jedes Museum.

Inhaltlich setzt sich die Ausstellung mit Strategien der Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion auseinander. Einige dieser Rassismen sind dabei offensichtlich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert so gesellschaftsfähig geworden, dass sie sich in den Mikrokosmen des Alltags wiederfinden, wie die ausgestellten Briefmarken, Aufkleber und Sammelalben (für Kinder) zeigen.

Die Exponate sind in fünf Themenräumen nach bestimmten Schwerpunkten geordnet. Die zeitgenössische, überlebensgroße Schwarz-Weiß-Fotografie, die an der Hauptfront eines jeden Abschnitts prangt, lenkt optisch von den Aufklebern und den dazugehörigen Tafeln mit ergänzenden geschichtlichen Hintergrundinformationen ab, die vor diesem Hintergrund angebracht sind. Verbesserungspotenzial liegt außerdem in der inhaltlichen Struktur der Exponate, die relativ lose gehalten ist. Zu Beginn ist der Rezipient völlig auf sich allein gestellt in der Entscheidung, in welcher Reihenfolge er die einzelnen Ausstellungsbereiche besichtigen möchte. Beim Durchlaufen der Themenräume fällt auf, dass bestimmte Motive und Sprüche redundant sind, unabhängig davon, mit welchem Thema sich der Besucher beschäftigt. Es fällt teilweise schwer, thematische Zusammenhänge auszumachen. Die Warnung „Kauft nicht bei Juden“ beispielsweise ist im Laufe des Rundgangs immer wieder in leicht abgewandelten Ausführungen zu finden. Solche Wiederholungen sind zum Teil sicherlich der Tatsache geschuldet, dass sich an den ‚Argumenten’, derer sich Rassismus und Antisemitismus bedienen, offensichtlich nicht allzu viel geändert hat. Neben dieser Erkenntnis verdeutlichen die Sticker außerdem, wie sehr den Strukturen dieser Rassismen existenzielle Ängste in der Bevölkerung zugrunde liegen. In dem Teil der Ausstellung, der sich mit Kolonialgeschichte und den daraus entstanden Rassismen beschäftigt, ist immer wieder zu lesen, dass es die deutsche Frau und die „Reinheit der Rasse“ zu schützen gelte. Die Notwendigkeit, in einer großen Bandbreite an Kontexten auf diese Problematik hinzuweisen, um solche Denkstrukturen zu dekonstruieren, wird mehr aus deutlich.

Andererseits werden die Klebezettel durch den Prozess des Sammelns aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und die Kuratoren sind damit in der Pflicht, neue Zusammenhänge zwischen diesen Diskursbeiträgen herzustellen. Im Idealfall ist damit gewährleistet, dass die Sammlerstücke unabhängig von ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang mit anderen Stickern, die ja ebenfalls zur öffentlichen Debatte beitragen, in Dialog treten können. Teilweise funktioniert das auch, denn in „Angezettelt“ wird keineswegs lediglich rassistischen und anti-semitischen Parolen eine Bühne geboten. Auch die Strategien der Gegenwehr werden umfangreich thematisiert. Im ersten Themenraum beispielsweise, der sich ausschließlich mit antisemitischen Parolen auseinandersetzt, werden Sticker mit judenfeindlichen Aussagen einer kleinen Sammlung der Zettel gegenübergestellt, die auf Initiative des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gedruckt wurden.

Leider wird dieses Prinzip aber in den folgenden Räumen zunehmend vernachlässigt. Die Fülle an Aufklebern lässt die einzelnen Narrative unübersichtlich werden, und es gelingt nur teilweise, die mannigfaltigen Kontexte, in denen diese rassistischen und antisemitischen Aufkleber entstanden sind, miteinander in Beziehung zu setzen. Der ein oder andere Besucher verlässt die Ausstellung sicherlich mit dem Gefühl, von der Menge der Exponate erschlagen zu sein – wenngleich die grundlegende Botschaft gegen Rassismus und Antisemitismus zweifelsohne ankommt.

In Zusammenhang mit dem Selbstverständnis dieser Ausstellung als ein Medium, das über den rassistischen und antisemitischen Diskurs aufklären möchte, wird zudem in einer Randnotiz zu Beginn des Rundgangs die Frage aufgeworfen, inwiefern das Abreiben eines Klebezettels schon eine Methode der Zensur darstellt. Eine relativ subtile Antwort darauf gibt es mit dem Portrait Irmela Mensah-Schramms. Die Berlinerin hat sich seit 1981 der Beseitigung rassistischer Aufkleber verschrieben. Eines der Alben, in denen sie ihre Fundstücke fein säuberlich archiviert hat, kann in der Ausstellung durchgeblättert werden. In einem kurzen Video werden ihre Motivation und ihre Vorgehensweise geschildert. Dadurch erfährt das Entfernen von rassistischen Stickern aus dem öffentlichen Raum eine gewisse Legitimierung – zu Recht, immerhin werden hier verfassungswidrige Inhalte beseitigt.

Mensah-Schramms Engagement ist also offensichtlich auch im Jahr 2016 notwendig, denn noch immer werden öffentliche Plätze mit unscheinbaren Klebezetteln, auf denen rassistische Parolen prangen, übersät. Vor allem seit immer mehr Kriegsflüchtlinge den Weg nach Deutschland suchen, gewinnt das Thema kontinuierlich an Aktualität und Brisanz. Den Kuratoren gelingt es damit, die zeitliche Brücke zwischen 1880 und dem 21. Jahrhundert zu schlagen. Trotz der strukturellen Probleme, die die Ausstellung in ihrer konventionellen, schlichten Konzeption hat, wurde das Bewusstsein für diese Problematik bei den allermeisten Besuchern geschärft, das wird im letzten Themenraum deutlich. Die Museumsgänger sind hier eingeladen, selbst auf einfachen Post-Its ihre Gedanken niederzuschreiben. Fast jede dieser zum großen Teil sehr weltoffenen, toleranten Botschaften, die dabei entstanden sind, ist eine kleine Gegenwehr gegen Rassismus und Antisemitismus.

 

 

Angezettelt – Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute
20. April bis 31. Juli 2016

Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
www.dhm.de/